Alma Mater mutterseelenallein

von Tobias Jakober
Schlagwörter: Lesezeit: 3 min
Ist es noch mehr als ein nobler Gedanke, die Universität sei die Mutter ihrer Studierenden, wo wir es doch sind, die sie so stiefmütterlich behandeln? 

Was schert einen eigentlich die eigene Universität? Für wen ist sie noch mehr als nur ein Aufdruck auf dem Rucksack, ein Logo auf dem Sweatshirt, ein Name auf dem Ausweis? Ein bloßer Name, den wir zudem noch zu kryptischen Kürzeln verkrüppeln. Was verbindet uns mit einer LFU, einer UIBK? So austauschbar wie ihre Namen sind – ebenso ist es die Universität selbst. Wir besuchen diese Institution doch nur zu einem Zweck: ihr mit dem Zeugnis in der Hand endlich den Rücken zukehren zu können. Welchen Namen sie nun hat, ist uns doch egal, solange auf unserem so hart verdienten Stück Papier am Ende das Richtige drauf steht. Dafür sind die Universitäten doch schließlich da, oder? Um uns Studierenden eine Ausbildung zu bieten. Wenn sie unsere alma mater, unsere nährende Mutter ist, dann ist es folglich unsere Aufgabe, sie auszusaugen, so gut es geht.

Aber wofür eigentlich? Wenn diese Zeugnisse nicht unsere Passierscheine ins Elysium sind, was dann? Vielleicht die VIP-Eintrittskarten in den Arbeitsmarkt? Sie verschaffen uns die Jobs, die wir brauchen für den Weg nach oben, lassen uns höher steigen bis uns entweder die Luft zu dünn wird oder wir uns den Kopf an der gläsernen Decke stoßen. 

Auswechselbar ist jedoch nicht nur die Universität, wir Studierende selbst sind es. Den Bachelor machen wir in der einen Stadt, den Master in der anderen, dazwischen noch ein Auslandssemester oder zwei. Sei unabhängig, sagen sie, geh deinen eigenen Weg – allein. Verstand man im ursprünglichen Wortsinn unter universitas noch eine Gemeinschaft von Lehrenden und Studierenden, so ist es heute vor allem das uni das zählt, einer allein.
Im Kampf der Interessen gilt Jeder gegen Jeden, an Gemeinschaft ist nicht zu denken.

Wer hat sie nicht schon oft gehört – die Kritik an der Bologna-Reform. Mit diesem Prozess hätten neoliberale Prinzipien die hehren Universitäten korrumpiert. Die Hochschulen sollen sich um Drittmittel streiten, das erforschen, was gerade im Trend liegt und nützlich ist. Die Verschulung und Verkürzung der Studiengänge führen dazu, dass halbgare Akademiker möglichst schnell auf den Arbeitsmarkt gespuckt werden, damit sie dort auch endlich ihren Beitrag leisten. Wir werden nicht müde, uns zu beschweren, wie sehr uns diese Ökonomisierung belastet. Wir würden uns ja so gerne statt um unsere Ausbildung auch um unsere Bildung kümmern – das System ließe uns aber nicht. 

Aber wie könnte diese neoliberale Atmosphäre uns selbst unberührt lassen, wo wir doch von klein auf bereits ihren Dunstschleier einatmen? Größtmöglicher Output mit dem geringsten Input – das ist keineswegs bloß eine betriebswirtschaftliche Maxime. Keinem anderen Prinzip folgen wir, wenn es um unser Studium geht, das ist schließlich der rationalste Weg.

Alles was wir tun, verfolgt seinen Zweck. Eine Vorlesung besucht man (oder auch nicht) bloß für die Prüfung am Ende, bei seinen Kollegen meldet man sich nur, um sie nach Mitschriften zu fragen, die curricula vitae sind nichts mehr weiter als die ausgefeilten Portfolios unseres Ich-Marketings. Wird der Mensch aber zum homo oeconomicus degradiert, bleibt von ihm nicht mehr als ein trister homunculus, eine menschliche Marionette, deren Strippen von unsichtbaren Händen gezogen werden. 

Paradox, wir glauben uns im Verfolgen unserer eigenen Interessen so frei wie noch nie und beugen uns doch gefügig nur dem nächsten Joch.

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