Ratatouille, nicht die vegetarische Gaumenfreude, sondern das rattige Liebeskind von Disney und Pixar, das eher den kulturkulinarischen Hunger stillt, findet in Form einer außerordentlichen Gemeinschaft seine Rückkehr ins Rampenlicht. Wobei das Rampenlicht in Wahrheit eher dem Lampenlicht im eigenen, seit Wochen abgedunkelten Zimmer gleicht. Und bevor jetzt irgendwer seine Computertasten oder den Handybildschirm wundschlägt, um sich (teilweise zurecht) über die Gen-Z Plattform TikTok zu beschweren: Das Gegenargument lautet Langeweile. Nämlich ist TikTok, neben den unzähligen Tanz- und „Schau doch mal wie schön ich bin“-Videos auch ein willkommener Quarantäne-Zeitvertreib beziehungsweise eine großartige Art, seine Multitasking Fähigkeiten (Professoren und Eltern bitte wegschauen ) während den unendlichen Online-Vorlesungen zu perfektionieren. Die „For You“-Page-Funktion der App erlaubt Nutzern, die eigene individuelle Nische zu finden und sich für Stunden um Stunden darin zu verlieren. Sei es Comedy, Politik, Trends, Fandoms oder eben Musicals – es ist alles dabei (also egal welchen schrägen Fetisch du hast – solang es nicht schlimm genug für PornHub ist, findet es auch auf TikTok ein gemütliches Plätzchen). Dass gerade der 2007 veröffentlichte Disney-Pixar Film Ratatouille das auserkorene Werk einer musikalischen Wiederbelebung ist, mag für den ein oder anderen nach wie vor ein Rätsel sein, allerdings kann sich das Endprodukt eindeutig sehen lassen – und zwar im Internet. Zwar wurde das Streaming-Musical im Zuge einer Spendenaktion des The Actors Funds für eine Spende von fünf Dollar aufwärts nur zwischen dem ersten und vierten Januar angeboten (und das bei einem momentanen Gewinn von 1,9 Millionen Dollar, wohlgemerkt), allerdings waren die flinken Finger von fleißigen Musical Mäuschen flott genug, um das Streaming Spektakel auch auf Plattformen wie YouTube zur öffentlichen Verfügung bereitzustellen.

©Ratatouille: The TikTok Musical
Rattenscharf
„Rémy Ratatouille, die Ratte meiner Träume“ – Nein, ich habe weder einen alliterativen Anfall, noch hab ich mich wie Vanessa Bloome, die Protagonisten des Bee Movies, in ein eher unbeliebtes Tierwesen verliebt. Dies sind nämlich die Worte, mit dem das Ratatouille Musical in die Welt gerufen (beziehungsweise von den tiefsten Ecken des Internets heraufbeschworen) wurde. Angefangen hat das Ganze als Meme, das dann – ganz im Stil von 2020 – zu etwas Größerem ausgeartet ist. Wie groß das ganze Projekt schlussendlich werden würde, hätten sich die zumeist jungen kreativen Köpfe dahinter wohl auch nicht erträumen können. Das Projekt stand schon im August vergangenen Jahres in den Startlöchern eines besonders schmackhaften Schweizerkäses. Die 26-jährige New Yorkerin Emily Jacobsen verfasste an einem eindeutig erinnerungswürdigen Augusttag eine Liebesballade für Rémy die Ratte. Mithilfe der kollaborativen Möglichkeiten der Kreativplattform TikTok begann mit diesem – man mag fast sagen historischen – Beitrag ein außergewöhnliches DIY-Projekt. Das Ratatouille-Musical, liebevoll auch Ratatousical genannt, welches Weltstars wie Adam Lambert (Queen + Adam Lambert), Andrew Barth Feldman (Dear Evan Hansen) und Tituss Burgess (Unbreakable Kimmy Schmidt) an Land zog. Mithilfe von unzähligen Ideen für Songs, Choreografien und Set Designs wurde schon im Oktober der offizielle Account @RatatouilleTheTikTokMusical ins Leben gerufen. Mit der Produktionsfirma Seaview wurde das TikTok-Phänomen dann im Dezember (virtuelle) Realität.

©Ratatouille: The TikTok Musical
Bon Appetit – Das Mausical ist angerichtet
Gestaltet wurde das rattenscharfe Musical durch Videoaufnahmen von tanzenden, schwer atmenden und mit Ratten- und Kochkostümen (die mal mehr und mal weniger improvisiert wirken) Musicaldarstellern, die im Zoom-Style zusammengeflickt wurden. Was als Internet Insiderwitz begonnen hat, wurde rasant zum einem Box-Office Hit, das allerdings einen eher ranzigen Nachgeschmack trägt und von Musicalveteranen wie der New York Times mit Worten wie „genau die richtige Menge an Käse“ in den Biomüll geworfen wurde. Dafür sind aber sowohl Fans als auch Meme-Liebhaber aus dem Häuschen – auf TikTok wird das Musical nämlich gelobt, bis die Gaudi (oder besser gesagt der Gouda) in den Himmel stinkt. Ratatouille sagt’s wiedermal am besten: „Nicht jeder kann ein großartiger Künstler werden, aber ein großartiger Künstler kann von überall herkommen“.

©Ratatouille: The TikTok Musical
Aus die Maus!
Was als Meme begann, wurde dank dutzender gelangweilter Theaterfanatikern mit coronabedingtem Hausarrest, einer Zusammenarbeit, die jeden Mittelschullehrer stolz machen würde, und einem Häufchen Internetmagie zu einem „cheesy“ und dennoch zum Anbeißen bekömmlichen Internetphänomen. Teil seines Charmes sind nicht nur ein paar Hits mit Ohrwurmpotential, sondern auch die umgesetzte Geschichte eines unerwarteten Underdogs (nein, an dieser Stelle bitte keine Ratten-Puns) – ein Haufen wild zusammengewürfelter Theaterfans, die in ihrer Langweile mal schnell ein Musical auf die Beine gestellt haben, das sogar das Herz des Filmgiganten Disneys zum schmelzen brachte, wie der Emmentaler im Fondue. Beschrieben wird das Spektakel von der Regisseurin Lucy Moss selbst als „ein Zoom Meeting, das rund zwanzig Red Bulls intus hat und dann auf dem Bildschirm explodiert ist.“ Und auch wenn Rémy die Ratte vielleicht nicht an Andrew Loyd Webbers Cats herankommt, so können sich wenigstens die letzten Worte dieses alles andere als kater-strophalen Musicals bewahrheiten: „Ich segne dich, mein Ratatouille. Möge die Welt sich immer an deinen Namen erinnern.“