„Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschalten war.“ Mit diesen Worten legt William Gibson den Grundstein seiner Neuromancer-Trilogie und damit auch für das Genre des Cyberpunk. In den Jahren 1984 bis 1988 entstehen die drei Bücher Neuromancer, Count Zero und Mona Lisa Overdrive, welche in Folge über die Science-Fiction hinaus Inspiration für Wissenschaftler, Philosophen und Computerhersteller werden. Gibson erschaffteine Welt der Bildschirme, künstlicher Intelligenzen, virtueller Realitäten, voller Menschen mit Gehirnimplantaten und Prothesen.
Die über tausend Seiten umfassende Trilogie zieht einen hinein in eine Zukunft voller Möglichkeiten und moderner Technologien aber auch voller Pessimismus und Hass. Gibson erschafft eine Welt, welche den Leser nicht an die Hand nimmt, sondern ihn hineinwirft, mitzieht und am Ende ausspuckt. Vieles bleibt ungeklärt, nicht genau erläutert oder wird als Wissen vorausgesetzt. Das von ihm erschaffene Universum besteht nicht für uns, sondern gibt uns vielmehr die Möglichkeit, einen Blick in die Ferne zu werfen, den technischen Fortschritt zu spüren und dann sehr unwissend wieder auszusteigen.
Das Genre des Cyberpunk
„Leblose Neonröhren formten die Worte METRO HOLOGRAFIX in staubigen Versalien aus Glas.“ Die ersten Suchergebnisse auf jedweden Bilddatenbanken geben für „Cyberpunk“ meist neonbeleuchtete Straßen in der Nacht aus, metergroße digitale Reklametafeln über den Dächern von meist japanischen Metropolen und futuristisch gesäumte Hochhäuser im Regen.
Doch das Cyberpunk-Genre ist mehr. Es zeigt eine dystopische Zukunft, geprägt von Gewalt und Pessimismus, von großen Konzernen, die die Welt im Griff haben und von Möglichkeiten, die die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern. Die Technologie dient hierbei, im Vergleich zu anderen Science-Fiction Formen, welche meist eher Utopien darstellen, vor allem zur Überwachung und zum Verbessern von Organismen. Das menschliche Individuum wird wertlos, die Transformation zum Cyborg essenziell. So schreibt auch William Gibson in seiner Trilogie von gescheiterten Helden, von Dealern und Hackern, von Menschen, die sich mit künstlichen Bauteilen upgraden und Unternehmen, die gesamte Marktzweige kontrollieren.

© Pixabay: Prince C
Dass Cyberpunk jemals so groß wird, hätten die Pioniere des Genres zu Beginn wohl kaum erwartet. Heute hingegen ist diese Richtung kaum mehr wegzudenken und zeigt seine Präsenz in den unterschiedlichen Medienformen: Filme wie Blade Runner 2049, Ghost in the Shell, Ready Player One oder auch Matrix und Spiele wie Deus Ex und das seit Jahren heiß erwartete Cyberpunk 2077 verführen in eine Welt voller Technologie, Künstlicher Intelligenz, Fragen über den Sinn und das Sein, Teleportation, Austausch und Upgrades von Körpern und allen weiteren Besonderheiten einer futuristisch-technologischen Dystopie.
Eine Fülle an künstlichen Intelligenzen
„Nix ist klar. Ich meine, `ne KI ist kein Mensch. Aus der wirst du nicht schlau. Ich bin auch kein Mensch, aber ich reagiere zumindest wie einer.“ Immer wieder wirft die Neuromancer-Trilogie wichtige, großteils heute noch unbeantwortete Fragen zur Künstlichen Intelligenz auf, nach ihren Möglichkeiten, den Gefahren und Grenzen. Gibson zeigt die Unberechenbarkeit, die Nicht-Möglichkeit des Einschätzens, wenn zum Beispiel der Hauptcharakter des ersten Buches im Auftrag einer KI losgeschickt wird, um dieselbige zu zerstören.
Er fragt nach den Regeln einer KI, nach dessen Handlungsmustern und einem Bewusstsein für Taten. Wie lebendig ist ein von Menschen erschaffenes künstlich-technisches Lebewesen? Er erahnt in den 80er Jahren bereits Entwicklungen, auf welche unsere Gesellschaft heute kaum mehr verzichten könnte. Auf Computerstimmen, Algorithmen, intelligenten Maschinen und allen anderen Fortschritten, die unsere Leben vereinfachen, im selben Moment aber auch immer weiter abhängig machen. Wie wäre unser Musikgeschmack ohne abgestimmte Playlists, wie unser alltägliches Leben ohne Unterhaltung mit Alexa und Co? Welche Bilder würden uns angezeigt werden auf Instagram und wie oft würde man im Stau enden, wenn keine KI im Hintergrund den bestmöglichen Weg ausfindig macht und ihn uns vorträgt? Und so ist es nicht verwunderlich, dass man am Ende des Buches reihenweise Gedanken zu den aufgeworfenen ethischen Fragen besitzt, zu Chancen und Gefahren von künstlichen Intelligenzen.
Mensch und Maschine
„Was Neues im Kopf, ja? Silizium mit einer Ummantelung aus pyrolytischem Kohlenstoff. Eine Uhr, stimmt’s?“ William Gibson reizt in seiner Trilogie auch die Möglichkeiten der menschlichen Verbesserungen aus. Er zeigt Wege der Optimierung, der Kombination von lebendem Organismus und Technologie. Ob scharfe Platten aus den Händen, optische Linsen für die Verbesserung der Augen oder neuronale Chips für den Einstieg in die Matrix; Gibson ahnt die nahende Ferne voraus, die es zum Teil bereits Heute gibt. Seine Charaktere gehen dabei immer unterschiedlich mit den Möglichkeiten um, nutzen sie für ihre Aufträge, als Waffen und Schutzschilde oder um sich Vorteile gegenüber ihren Widersachern zu verschaffen.
Unter dem Begriff des Cyborg lassen sich etliche Erfindungen und Tests, Verbindungen zwischen Mensch und Maschine finden. Die Optionen sind dabei schier grenzenlos, wie auch die Gefahren und Hoffnungen solcher Upgrades für den Körper. Die Fragen der Ethik sind dabei ebenso ungeklärt wie die Folgen für eine demokratische Welt.
Der Anfang ist gemacht
Nachdem William Gibson den ersten Teil seiner Trilogie veröffentlichte, brach ein erneuter großer Dystopie-Hype aus, mit dem Cyberpunk-Genre als Wortführer. Das Verlangen nach Zukunftsvisionen voller Technologien, KI und Cyborgs, großen Techkonzernen und vielem mehr, ist seitdem unbändig. Nach einer kurzen Suche mit der Suchmaschine seiner Wahl erschlägt einem daher beinahe die Fülle an dystopischen Romanen, Filmen, Animes und Serien. Wer also sein kommendes Semester mit zukunftspessimistischen Szenarien füllen möchte, dem steht nach einem knapp 1000-seitigen Einstieg von Gibson nichts mehr im Wege.