Der Geist der vergangenen Weihnachtsmärkte

von Anna Kirchgatterer
Lesezeit: 10 min
Kurz sind die Tage und grau. Ich sitze allein an meinem Schreibtisch und grüble vor mich hin.

Schon lange habe ich mit keiner Menschenseele mehr Kontakt, der Lockdown und meine strengen moralischen Vorstellungen verbieten es mir. Hin und wieder sagen meine Freunde über den Bildschirm „Hallo“. Man versucht, Verbindung zu halten, trifft sich über diverse Netzwerke und gibt es dann doch langsam auf. Mein Bier trinke ich nun allein. Das Gras schmeckt zwar mit den passenden Gesprächen besser, zur Not tut es aber auch Musik oder ein Unikurs.

Es schneit, doch das Wetter vor den Fenstern kümmert mich nicht. Grauer Matsch liegt auf den Straßen, aber dank diversen Lieferservices und Co. bin ich vor allen Gefahren gefeit. Ich muss keinen Schritt vor die Tür setzen. Was hätte es auch für einen Zweck, in einer Welt ohne menschliche Kontakte und Nähe. In einer kalten Welt, nicht nur wegen des Wetters. Es ist einfach, sich zurückzuziehen, alle Verbindungen zur Außenwelt zu kappen. Hin und wieder klopft ein Kollege über einen Messenger an die Tür. Es ist leicht, ihn abzuwimmeln, viel leichter, als würde er in Leib und Blut vor dem Haustor stehen.

Ich presse die Lippen in meinem fahlen Gesicht aufeinander und beuge mich tiefer über meine Bücher. Beleuchtet werden diese von einer einsamen Lampe. Die Sonne ist schon längst untergegangen, die Weihnachtsbeleuchtung schimmert leicht durch die Jalousien. Wenn ich an die Menschen draußen denke, werde ich wütend. Ich will nichts mit ihnen zu tun haben, keine alten Geschichten austauschen und mich „auf Weihnachten einstimmen“. Was sollte das heurige Weihnachtsfest auch werden, was sollte es bringen, außer dem fahlen Nachgeschmack riskanten Verhaltens.

Stille Weihnacht

Heiligabend sitze ich allein an meinem Schreibtisch. Um mich herum ist es ruhig, die Mitbewohner sind in ihre Heimatdörfer zu ihren Familien gefahren, Freunde haben sich schon seit einiger Zeit nicht mehr gemeldet. Ich lege keinen Wert auf Gesellschaft, habe mich an die Einsamkeit und die damit einhergehende Stille gewöhnt. Was bringt es schon, ein frohes Fest zu wünschen, wenn so wenig an diesem Jahr froh war. Der Tag reiht sich nur in eine Reihe anderer trostloser.

Seufzend drehe ich mich auf die andere Seite, starre nun von meinem Bett aus nicht mehr den Schrank, sondern einen Sessel an. Radiohören oder Netflixschauen habe ich aufgegeben, zu viel erinnert mich an den Umstand, dass diese Zeit im Jahr eine glückliche sein sollte. Und während ich so vor mich hin brüte, dämmere ich langsam in einen leichten Schlaf.

Das Chaos nimmt überhand

Das Chaos nimmt überhand

„Bro, du kriegst heute noch Besuch.“

„Was? Wer ist da?“

„Ich bins, Jakob.“

„Alter, was machst du da?“

„Ich bin schon wieder weg, hab meine Schüssel vergessen. Aber dich wollen heute noch drei Geister besuchen. Ich konnte sie nicht davon abhalten. Frohe Weihnachten, Paul.“

„Whaaat. Warte.“

Aber da bin ich schon wieder allein. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und sehe mich um. In meinem Zimmer hat sich nichts verändert, nichts weist darauf hin, dass soeben noch mein Mitbewohner in der Tür gestanden ist. Die Socken liegen wie Wollmäuse unter dem Regal, auf dem Schreibtisch türmen sich die Bücher und die Efeutute welkt einsam in einer Ecke vor sich hin. Langsam werden die Augenlider wieder schwerer, bis ich in einen tiefen Schlaf falle.

Als die nahe Kirchenuhr 01:00 Uhr schlägt, werde ich plötzlich wach. Ein unerklärlicher Wind weht durch das Zimmer, die Vorhänge blähen sich angsteinflößend auf und von irgendwoher kommt ein unheimliches Pfeifen. Erschrocken richte ich mich auf und suche nach der Ursache des Getöses. Als ich gerade zu dem Schluss komme, dass es keine schlüssige Erklärung gibt und den Kopf unter die Decke stecken will, steht eine Frau vor mir. Nein, sie steht nicht vor mir, vielmehr schwebt sie einige Zentimeter über dem Boden. Sie ist schön anzusehen in ihrem weißen Kleid, das leicht durchscheinend ist, aber anstatt den Blick auf ihren Körper freizugeben, lässt sich nur das Bücherregal hinter ihr erahnen.

„Wer bist du?“

„Ich bin der Geist der vergangenen Weihnachtsmärkte.“, sagt die Frau in einer Stimme, die wohl unheimlich klingen soll.

Ich erinnere mich an die Vorhersage meines Mitbewohners. Der war doch total bekifft. Das kann doch unmöglich stimmen. Und trotzdem schwebt da eine Frau durch mein versifftes WG-Zimmer.

„Was willst du?“

„Wir machen eine kleine Reise in die Vergangenheit.“

Am Weihnachtsmarkt in Unterhose

Und da stehe ich schon auf dem Platz meiner Heimatstadt. Während dicke Flocken sanft auf die Dächer der Buden, in denen Punsch ausgeschenkt und kleine Geschenke verkauft werden, fallen, stehe ich in einem T-Shirt und Unterhose mitten auf dem Platz. Doch die Menschen scheint dies nicht zu berühren.

„Wo sind wir?“

„Du weißt, wo wir sind.“

„In V*. Aber wie soll das gehen? Und warum habe ich keine Hose an?“

„Du hättest eine anziehen müssen. Aber keine Angst, die Menschen können dich nicht sehen oder hören. Wir befinden uns im Jahr 2013. Du bist noch zur Schule gegangen. Da kommst du schon.“

Der Geist deutet auf eine Horde von Schülern. Scherzend laufen sie über den Platz, die Rucksäcke über den Schultern.

„Ich hab damals wirklich nicht gut ausgesehen. Sieh dir nur die Frisur an, die Haare sind ja viel zu lang. Und fettig.“

Der Geist lacht. Die Schüler haben sich zu einem der Stände gestellt. Jetzt erst erkenne ich, dass es jener meiner alten Schule ist. In der Hütte stehen Schulkameraden, die offenbar auch selbst die zu verkaufenden Getränke konsumieren – und dies nicht zu knapp. Gerade hat einer eine Runde Jägermeister hervorgezaubert und man stoßt an. Beim Trinkspruch muss ich lachen.

Erinnerungen an vergangene Zeiten

Erinnerungen an vergangene Zeiten

„Erinnerst du dich?“

„Ja natürlich. Wir sind am 23. Dezember immer nach der Schule auf den Platz gegangen. Da haben wir dann Glühwein getrunken von vormittags bis abends und dann sind wir noch in unsere Stammbar.“

„Auf dem Platz hast du viele Leute getroffen.“

„Es war immer ziemlich lustig.“

Zwischen dem Geschnatter der ganzen Menschen versteht man nur schwer ein einzelnes Wort. Es ist lebhaft und ein Trinkspruch folgt dem nächsten. Gerade trifft die jüngere Version meiner selbst eine alte Nachbarin. Ich lache sie an, freue mich, sie zu sehen. Ich war damals ein wenig verliebt in sie.

„Es wird Zeit zu gehen“, meint der Geist und in diesem Moment verändert sich auch schon die Szenerie.

Wir stehen nun auf einem anderen Platz – jenem der Innsbrucker Altstadt.

„Was machen wir hier? Das ist doch nur ein Touristenmagnet.“

„Aber da bist du. Schau!“

Die jüngere Version meiner selbst hat sich etwas verändert – die roten Stellen von den Pickeln im Gesicht sind weniger und der Lockenkopf macht den Eindruck, als hätte vor kurzem jemand versucht, ihn ein wenig gepflegter ausschauen zu lassen. Die Wangen sind von der Kälte rosa geworden, in den Augen leuchtet der Schalk. Die Tasche auf den Schultern ist noch ganz neu, es ist mein erstes Semester. Gemeinsam mit einigen anderen Studierenden überquere ich den Platz und bleibe bei einem Raclettestand stehen.

„Siehst du, wie fröhlich ihr wart?“, fragt der Geist.

„Waren. Betonung auf das Präteritum. Die Vergangenheit. Du bist ja auch der Geist der Vergangenheit – wenn ich diesem ganzen Humbug Glauben schenken darf.“

„Warum glaubst du, so etwas könne nicht mehr geschehen?“

„Viele gehen weg aus der Stadt. Die ganze Situation ist anstrengend und wenn sich die Leute nicht an die Regeln halten, wird sich so schnell nichts ändern. Ich sitze den ganzen Tag vor dem Laptop und sehe niemanden, ich habe keine Lust, in Erinnerungen zu schwelgen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung.“

Die Gruppe beschließt gerade, das „Magic“ auszuprobieren. Lachend geht ein Paar voran, die anderen folgen. Später würde man noch im Copa Cabana in die Mikrofone brüllen.

„Schauen wir uns noch eine andere Szene an“, meint der Geist und schon sitzen wir in meiner Küche in der WG.

Die Wände sind noch nicht ganz so voll mit Plakaten, neben den Schränken stehen ein paar alte, wacklige Stühle. Auf der Fensterbank wachsen Kräuter und an der Tür hängen Postkarten. Eine Gruppe sitzt um den Tisch. Die Hände sind voller Mehl, es riecht nach Glühwein. Gerade diskutieren zwei, wer die erste Ladung Teig ausrollen soll. Daneben stehen bunte Zuckerkugeln und Nüsse. Einer macht einen Scherz, woraufhin ein Mädchen das Mehl in ihren Händen in seine Richtung wirft. Sie lachen, es wird zurückgeworfen und schon sieht es in der Küche aus, als hätte es geschneit. Leicht betrunken und bekifft backen wir die letzten Kekse fertig. Die Gruppe ist ausgelassen.

„Das war ein schöner Abend“, sage ich ein wenig wehmütig.

„Und solche wird es wieder geben“, meint der Geist der Vergangenheit.

„Ja, wahrscheinlich.“

„Ich bringe dich zurück. Du bekommst heute noch Besuch von ein oder zwei weiteren Geistern. Der eine ist ein ziemlicher Grantscherben.“

„Auf Wiedersehen.“

In meinem Zimmer hatte sich nichts verändert. Ich lege mich in mein Bett, nicht sicher, ob ich gerade geträumt habe.

Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht

source: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Weihnachtsmarkt_zu_Innsbruck.jpg]

Die grünen Stände und die Menschenmassen am Platz vorm goldenen Dachl fehlen heuer.

„Hallo, mein Freund. Auf, auf, komm aus den Federn wir machen einen kleinen Ausflug.“

Ich setze mich auf, vor Schreck falle ich beinahe aus dem Bett. Vor mir steht ein Mann mittleren Alters in einem eigenartigen Weihnachtsmannkostüm. Auf dem Kopf trägt er eine flauschige Mütze mit Bommel, insgesamt aber ist das wohl die schlechteste Interpretation des Weihnachtsmannes, die je erfunden worden ist.

„Gut, gehen wir“, sage ich schicksalsergeben und finde mich schon am Platz vor dem Haus meiner Eltern wieder.

Die Wiesen rundherum sind grün, es ist zu warm für Schnee. Auf dem Platz stehen ein paar Leute um einen Stehtisch – mit Abstand. Jeder hat seine eigene Tasse mitgebracht, Kekse stehen in der Mitte und jemand verteilt selbstgebrannten Schnaps. Die Nachbarn wollen sich das traditionelle Punschtrinken nicht nehmen lassen. In früheren Jahren hat sich fast schon ein kleiner Weihnachtsmarkt aus dem Treffen entwickelt, aber die reduzierte Form scheint die Menschen nicht zu stören.

Drinnen packt meine Mutter gerade ein Weihnachtsgeschenk in einen Karton, verschließt ihn und schreibt meinen Namen darauf. Meine Schwester macht währenddessen Eierlikör. Gemeinsam schmücken sie den Baum, der, wie jedes Jahr, ein bisschen schief ist. Der Vater kauft stets den letzten Baum, trifft seine Wahl aus denen, die keiner mehr will. Jedes Jahr werden darüber Scherze gemacht, meine Mutter hat sich mit dem eigenartigen Baumrettungsprogramm meines Vaters mittlerweile abgefunden.

„Ich denke, du hast genug gesehen. Gehen wir zurück, dann kannst du weiterschlafen.“

„Was ist mit dem Geist der zukünftigen Weihnachtsmärkte?“

„Du stirbst nicht so bald. Der hat gerade genug zu tun, den ganzen alten, griesgrämigen Menschen zu einem glücklichen Weihnachtsfest zu verhelfen. Du bist jung, wenn du es noch einmal versemmeln solltest, kriegst du eine gesunde Watschn, dann richtet dir mein Kollege schon die Wadeln.“

„Unangekündigte Besuche mitten in der Nacht, Gewaltandrohungen und keine Kompetenzen nachzuweisen. Eure Praktiken sind ganz schön unseriös.“

„Ja, ja, die Menschheit wird auch immer schwieriger zufriedenzustellen. Glaubst du, vor 200 Jahren hätte irgendjemand gewagt, sich zu beschweren? Heute wird kritisiert, dass sich die Balken biegen, aber kritikfähig sind die wenigsten. Die Juristen kommen mit allen möglichen Gründen, warum wir das nicht dürfen, die Soziologen hätten statt ihrer Geschichte gern eine ausführliche Milieustudie und die Historiker fragen, ob sie weiter in die Vergangenheit dürfen. Am schlimmsten sind die Lehramtsstudenten, die wollen dann immer wissen, wie lang die Reflexion sein soll.“

„Hmh.“

„Und? Fährst du jetzt heim zu deiner Familie?“

„Schätze schon.“

„Weißt du, ich habe schon viele Weihnachtsfeste gesehen. Jeder feiert ein bisschen anders, aber es ist eine schöne Zeit im Jahr. Und heuer muss man halt ein bisschen umdisponieren. Ich habe Menschen getroffen, die das für suboptimal halten, wie dich, und andere freuen sich, dass sie keinen Familienfeiernstress haben. Dafür haben wir heuer besonders viel Stress, weil viele meinen, es ist sowieso alles versaut.“

„Hmh.“

Ich überlege ein wenig, und als ich mich wieder umdrehe und antworten will, ist der Geist verschwunden. Ich bin immer noch nicht ganz sicher, ob das alles gerade wirklich passiert ist. Langsam beginne ich, meinen Koffer zu packen.

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