Ich bin sichtlich vertieft. Gesenkter Blick, Handy in der Hand, die Kopfhörer bis zum Anschlag aufgedreht. Ich habe dich gerade weggesehen, du hast es gespürt. Du sitzt mit deinen Freundinnen lachend da. Du hörst auch nicht damit auf, lässt es dir nicht anmerken. Aber die eine Zehntelsekunde, in der deine Augenwinkel dein Pokerface betrügen, reicht, um mir Gewissheit zu verschaffen.
Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen trauen wir uns nicht
“Sie können alle Blumen abschneiden, den Frühling aber können sie nicht aufhalten” ist dein, “Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat” mein Whatsapp-Status. Es sind Sätze, für die man belächelt wird, Worte, die mir ins Wort fallen. Plattitüden für meine platte Attitüde, Ideenlosigkeit für meinen abgenutzten Snooze-Button.
Vor wenigen Wochen noch haben wir uns immer gegenseitig Lieder gezeigt und gehofft, dass der andere auf den Text hört, der sagt, was man nicht sagen kann. Keine großen Worte, aber kleine Zärtlichkeiten. Streichelnde Hände, eng umschlungenes Beieinanderliegen, mit persönlichen post-it Nachrichten versehene Schokolade. Wir waren füreinander. Wir waren da.
Ich weiß es noch genau
Ich war spät dran, obwohl wir keine Zeit vereinbart hatten. Auf dem Weg fror ich. Das Tauen begann mit dem ersten Schritt nach der Türschwelle, sah dein Gesicht und ging in Spannung über. Der Begrüßungskuss, wie ich, unsicher. Das Nebeneinanderliegen, das Dich-sehen, das Sich-annähern. Das Wir-werden? – vielleicht. Nur Reden damit eine angenehme Ruhe entsteht, eine Stille, die uns Blicke erlaubt, die beim Sprechen unmöglich sind. Strip-Poker ohne Poker, Stück für Stück. Fassen – du mich, ich dich. Ja, genau da. Ja, genau so. Implodieren. Verschmelzen. Explodieren. Platzen. Im Danach vergingen die Sorgen von davor. Es war: wirklich, gut, unerwartet, absolut. Wir haben nicht nachgedacht.
Heute
Heute, nur Wochen später, bin ich, in meiner ansonsten schon lebhaften Gleichgültigkeit, beinahe in einem Meer der Sinnbefreitheit ertrunken. Als wäre ich hängen geblieben, drehen sich meine Gedanken im Kopf um eine Mitte, und hören im Herzen auf zu sein. Der Geruch deiner Haare ist der Waschmaschine zum Opfer gefallen. Den wachen Schlaf habe ich für schlaflose Nächte eingetauscht. Was bleibt sind Fragen, die nur durch Fragen beantwortet werden. Was bleibt ist die dumpfe Panik, die der Gedanke, dir vielleicht zu begegnen, ungefragt auslöst.
Auf dem Campus spähe ich um Ecken, hinter denen du sein könntest. Ich gehe so wenige Wege wie ich kann, probiere so lang es geht an einem Ort zu bleiben. Irgendwo bist du immer, Innsbruck ist ein Dorf und jedes Mal zermalmt mir dein Anblick, ob aus hundert Meter Entfernung oder nächster Nähe, die Magengrube. Mir ist schlecht, doch ich kann nicht spucken, ich will schreien und kann kaum reden, ich will laufen und kann kaum stehen.
Die Tür fliegt auf, draußen ist es hell. Ich renne, ich stürme, um zu retten, was zu retten ist. Doch es fällt, wie es fallen muss. Morgen könnten wir uns wieder nicht sehen, ich warte auf deinen Augenblick.