Ich bin von einem Gangster gekidnappt worden und dann hab ich blöde Nuss mich in ihn verliebt!
Wer würde nicht gerne während eines entspannten Urlaubs in Italien von einem kaltblütigen – aber ach so leidenschaftlichen und, nicht zu vergessen, unverschämt attraktiven – Mafiaboss entführt und gefangen gehalten werden? Dieser feuchtfröhliche (im wahrsten Sinne des Wortes) und rundum fragwürdige Traum bewahrheitet sich für die junge Polin im mittlerweile berühmt-berüchtigten Softporno “365 Days”. Zwar beschränkt sich der Plot größtenteils auf fragwürdige Mafia-meets-Sex-Fantasien, aber immerhin scheint das Budget nicht an der Kleidung hängengeblieben zu sein – diese wird nämlich recht sparsam verwendet.
Sex, Sex, und noch mehr Sex
Die Quarantäne hat schon einige Leute in den Wahnsinn getrieben, aber wenigstens profitieren die Triebe von der isolationsbedingten Einsamkeit. Um den Film an sich zu emulieren ist es an dieser Stelle wahrscheinlich angebracht, keine Zeit zu verschwenden und sofort zur Sache zu kommen – dieser Film dreht sich um Sex. Wobei man hier, nach den weisen Worten des Christian Grey, zwischen „Liebe machen“ und „Ficken (und zwar hart)“ unterscheiden muss. Wir sprechen hier von Zweiterem. Seit dem 7. Juni 2020 hat es sich der oftmals moralisch-fragwürdige Film nun schon auf Netflix gemütlich gemacht und es hat nicht lange gedauert, bis der polnische Erotikstreifen an die Spitze der weltweiten Netflix Charts geklettert ist. Auf dem Weg zu diesem Höhepunkt hat er sowohl für hitzige Diskussionen, heiße Self-Care-Sessions sowie brandneue Memes gesorgt. Der polnische Porno flackerte in seinem Heimatland schon vergangenen Februar über die Bildschirme, aber wie hat er es auch auf den heimischen Bildschirm gebracht? Nun, diese Frage ist größtenteils schon beantwortet – Sex. Und zwar sehr viel davon.
Ein “50 Shades of Grey”-Abklatsch?
Wie viele Filme (wenn man ihn als solchen bezeichnen kann) ist auch der polnische Porno vielen Vergleichen ausgesetzt. In diesem Falle mit der ebenfalls heiß-diskutierten „50 Shades of Grey“ Filmreihe, die allerdings vergleichsweise mehr Diskussions- als Masturbationsmaterial zu bieten hat. Wohingegen der Blockbuster „50 Shades of Grey“ bis auf ein paar eher männerzentrierte Ausnahmen brav über der Gürtellinie bleibt, lässt sich sein polnischer Counterpart, zumindest in der ersten Spielhälfte, leicht als polnischer Softporno identifizieren. Es gibt zwar viele Parallelen zwischen den beiden erotischen Trendsettern – so sind beide auf Büchern basierende Trilogien, handeln von einem dominanten Alpha-Typen mit ominösem Job sowie einer Reh-im-Scheinwerferlicht ähnelnden dunkelhaarigen Schönheit und beinhalten einen obligatorischen Maskenball sowie selbstverständlich (s)extrem viel Sex, allerdings war’s das dann auch schon, was die Ähnlichkeiten betrifft.
Sexuelle Befreiung oder Feminismus in (fetischistischen) Fesseln?
„365 Tage“ hat zwar reichlich gut belichtete Sexszenen, die nur so vor Erotik strotzen, allerdings ist der Plot – in dem ganze fünf Shopping-Montagen Platz haben – eher dünn. Und so ist auch die Grenze zwischen Dominanz und Vergewaltigung. „Ich werde nichts ohne deine Einwilligung tun“, sagt der Mafioso Massimo mit einer Hand auf der Brust der Protagonistin, die er gewaltvoll auf einem Sessel fixiert, nachdem er sie unter Drogen gesetzt und entführt hat. Sein Plan? Sie 365 Tage gefangen zu halten, bis sie sich in ihn verliebt. Gleich zu Beginn des Films wird eine kinematografische Gleichstellung zwischen dem kalt- und dennoch heißblütigen Massimo und der taffen Laura etabliert. Aber diese scheinbare Gleichberechtigung existiert ausschließlich bis zu jenem Zeitpunkt, an dem der Macho der Jungfrau in Nöten das Leben rettet – nachdem sie durch seine Aggressivität verschuldet von einem Boot fällt und augenblicklich die Fähigkeit verliert, zu schwimmen. Anschließend findet man sich (hoffentlich ohne elterlichen Beisitz) inmitten einer 15-minütigen Sex-Montage wieder, bevor der Film anschließend eine 180-Grad Wendung macht und sich in eine kitschige Telenovela verwandelt.
Fazit
Progressiv? Nein. Feministisch? Definitiv nicht. Interessant? Geschmacksache. Aber wer zu nervös ist, einfach bei Pornhub vorbeizuschauen, wird definitiv auf seine/ihre Kosten kommen.