„Gib mir was von der Wahrheit“

von Jakob Häusle
Schlagwörter: Lesezeit: 5 min
In der illustren Runde österreichischer Kabarettisten erscheint Alfred Dorfer gar als fachkundiger Professor, der weit über engstirnige Hauseckenphilosophie hinweg die Dinge logisch konsequent und sprachgewandt auf den Punkt bringt.

„Ich geh noch aufs Klo.“ Dort versuche, ich Zeit zu schinden, bis meine Kollegin Mina eintrifft. Das Problem damit, bei Interviews zu früh zu erscheinen, ist, dass der Interviewpartner meist auch früher beginnen will. Nach dem Händewaschen habe ich keine Wahl mehr. Alfred Dorfer führt mich auf die Bühne des Treibhaus-Turms. „Ein guter Platz für ein Interview, vor allem für die Fotos“, meint er. Ich blicke sehnsüchtig auf die Eingangstür, die nicht aufgehen will. Die Frage, wie man ein Interview führt, ohne Fragen zu stellen, bleibt zum Glück unbeantwortet. Als das Gespräch beginnen hätte sollen, stürmt Mina in den Saal und drückt mir unsere Interviewfragen in die Hand. Licht an. Vorhang auf. Auf der Bühne im Treibhaus-Turm stehen drei Stühle, auf denen sitzend drei Menschen ein Gespräch führen.

UNIpress: Der Narr spricht die Wahrheit aus, die keiner hören will. Willst du Kunst um der Kunst Willen erschaffen oder wahrhaftig etwas bewirken?

Alfred Dorfer: Ich glaube nach dreißig Jahren fest daran, dass man etwas damit bewirken kann, sonst würde ich es nicht mehr machen. Es geht mir nicht darum, Menschen zu missionieren oder zu überzeugen. Es geht mir darum, sie dort abzuholen, wo sie sind und bei dieser Station zu berühren, sodass sie dann ihren Weg mit einer etwas anderen Farbe weitergehen können.

UP: Daniel Kehlmann spricht im Zusammenhang mit guten Comedians von einem „Überschuss von Wahnsinn“. Bist du wahnsinnig?

Dorfer: In Wirklichkeit bist du natürlich schon allein verrückt, wenn du auf die Bühne gehst. Du musst schon einen Vogel haben und eine gewisse Psychostruktur mitbringen, um diesen Wahnsinn auszuhalten und das auch irgendwie lustig finden, um es zu ertragen. Es ist schon einmal eine sehr eigenartige Situation, wenn du alleine bist, und da sitzen 300 Leute, die du nicht sehen kannst.

Auf der hell erleuchteten Treibhaus-Bühne beantwortet uns Alfred Dorfer (fast) alles. (©Sofie Hofer)

UP: Geht es dir manchmal auf die Nerven, wenn Leute klatschen? Versuchst du Momente zu erzeugen, die den Applaus nicht zulassen?

Dorfer: Das passiert sowieso immer wieder, da ich überraschend Dinge sage, die das Publikum vor den Kopf stoßen. Das ist geplant, und da entstehen so wunderbare Momente, in denen Stille im Saal ist. Und in dieser Stille merkst du, dass die Leute nicht genau wissen, wie sie reagieren sollen. Das sind so Inseln im Programm, wo man sagt, okay, da möchte ich, dass das Problem so wie ein Zug, der stehen bleibt, innehält, und danach geht’s wieder weiter. Insofern suche ich diese Momente sehr wohl, allerdings würde ich sie nie als Prinzip erachten, weil ich glaube, dass die ständige Provokation in dieser Hinsicht nichts bringt.

UP: Was stört die Leute so extrem an dieser Stille?

Dorfer: Ich glaube, der große Unterschied zu vor zwanzig, dreißig Jahren ist die ständige Beschallung. Die Herabwürdigung von Musik, die früher ja nur kultisch oder anlassbezogen war. Jetzt ist Musik keine kultische Verortung mehr, sondern Hintergrund, Alltag und nicht mehr wahrnehmbar. Diese Diskriminierung der auditiven Seite macht die Menschen nervös, sobald sie wegfällt. Zudem sind wir„editorisch“ dazu angehalten, dieses Schweigen als Peinlichkeit, Unhöflichkeit oder im wahrsten Sinne des Wortes als nichtssagend zu empfinden. Daher gibt es, glaube ich, eine reine Benimm-Antriebsfeder, etwas zu sprechen, damit es eben nicht so still ist.

Die Reflexion auf die Stille ist uns abhandengekommen

– ein großer Schatz – der uns damit verloren gegangen ist.

UP: Kommt dir vor, dass man immer weniger sagen darf?

Dorfer: Nein, dieser Satz „Das wird man ja noch sagen dürfen“ hat für mich nie gegolten, denn es hat mich nie gekümmert, was man sagen darf und was nicht – sonst kannst du keine Satire machen.

UP: Denkst du, dass man als öffentliche Person die Pflicht hat, gegenüber gewissen Themen keine Neutralität zu bewahren?

Dorfer: Ich bin dafür, dass man Neutralität gegenüber Themen bewahrt, von denen man gar keine Ahnung hat. Man kann sich natürlich immer kundig machen, einlesen, herumfragen; aber solange du nicht wirklich einen festen Boden unter den Füßen hast, ist es immer besser, sich darüber als Satiriker nicht zu äußern – übrigens als Mensch auch.

UP: Du ziehst unser politisches System oft ins Lächerliche. Ein Zitat von dir lautet: „Eine ganz tolle Frau, die jeder haben möchte, aber keiner kann sie kriegen – die Demokratie.“ Leben wir mit dem Trostpreis oder gibt es eine gute Alternative?

Dorfer: Ich glaube nicht, dass es eine wunderbare Alternative gibt, dass es so eine Softform von Diktaturen gäbe, wie viele meinen. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass diese Struktur, die wir haben, nicht auf alle Länder übertragbar ist. Ich halte es für falsch, dass wir versuchen, unser System in die ganze Welt zu tragen, ungeachtet dessen, ob gewisse Gesellschaften und Kulturen überhaupt willens sind, es zu übernehmen.

Ich glaube, dass wir dieses Pflänzchen der Demokratie, das höchst gefährdet ist, wirklich ständig pflegen sollten.

Und zwar deswegen, weil es nicht selbstverständlich ist. Immer wieder wird es angegriffen und wir lassen uns schnell verleiten, auch aus Bequemlichkeit, diese Bedrohungen zu ignorieren.

UP: Glaubst du, dass die derzeitige Medienentwicklung eine Gefahr für die Demokratie darstellt?

Dorfer: Laut Michael Haneke ist das Schlimme an Medien nicht, dass sie eine Nachricht verbreiten, sondern, dass sie die Illusion erzeugen, eine Nachricht zu verbreiten. Nehmen wir den Syrien-Konflikt: Auch nach tausenden Berichten über Syrien kannst du trotzdem keine Ahnung haben, was da los ist. Diese Illusion, also die Deskription eines Phänomens, macht das Phänomen erlebbar. Viele Medien wollen ja eigentlich eine gewisse Klientel bedienen, es gibt ja nicht das Medium für alle. Und daher bedienen sie auch einen gewissen Teil: „Gib mir was von der Wahrheit“ – was, etwas, ein Stück. Das ist Medienpolitik, daher gibt es auch das Zulassen von Postings unter falschem Namen, weil es eine Verdienstmöglichkeit darstellt. In Wirklichkeit ist es aber eine Untergrabung der Demokratie.

UP: Warum ist es eine Untergrabung der Demokratie seine freie Meinung unabhängig vom echten Namen zu äußern?

Dorfer: Weil freie Meinungsäußerung ein Wert der Demokratie ist und Freiheit nur mit Verantwortung verknüpft sein kann – das heißt, solange ich für das, was ich sage, nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, ist es keine freie Meinungsäußerung, sondern nur ein Heckenschuss.

UP: Vielen Dank für das Gespräch.

(Gespräch vom 17.01.2020)

Schreibe einen Kommentar

* Durch die Verwendung dieses Formulars stimmst du der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website zu.

Artikel aus der selben Rubrik