19 Jahre ist es her, seitdem „The Strokes” ihr erstes Studioalbum „Is This It” veröffentlichten, den internationalen Durchbruch schafften und den Indie-Rock der Jahrtausendwende im Alleingang retteten. Diese Zeit füllte die Band mit sechs Studioalben, Millionen von Plattenverkäufen und ikonischen Live-Auftritten. Sieben Jahre nach ihrem letzten Album „Comedown Machine” meldet sich die legendäre Band aus New York jetzt mit „The New Abnormal” zurück.
Alter Sound – Neues Spiel
In ihrer beinahe 20-jährigen Bandgeschichte sind die Strokes ihrem Sound weitgehend treu geblieben. Eingängige Riffs fließen mit feinen Zwischentönen zusammen. Julian Casablancas verleiht den Texten durch seine von selbstbewusstem Understatement geprägten Vocals einen Hauch von Einmaligkeit. Zusammen ergeben diese beiden Zutaten eines der besten musikalischen Rezepte des 21. Jahrhunderts.
Auch „The New Abnormal” ist ein Strokes-Album nach bekannter Rezeptur, allerdings mit ein paar kleinen Twists. Denn es erklingt auf einer neuen, einer Metaebene. Im vierten Song “Bad Decicions” spielt die Band ganz offen mit den Erwartungen ihrer Fans.
Makin’ bad decisions for you
I’m makin’ bad decisions with you
I’m makin’ bad decisions on you
In drei leicht variierenden Versen reflektiert Casablancas das Verhältnis zwischen fan expectations und artistischer Freiheit. „Bad Decisions” beantwortet die Frage danach, wie weit Musiker von ihren Wurzeln abweichen können, ohne ihre Fans zu vergraulen, mit einem „It doesn’t matter.” Der Song klingt heute schon so, als wäre er 20 Jahre alt; und das nicht nur, weil sich die Melodie stark an Billy Idol’s „Dancing With Myself” orientiert. Nicht zufällig war „Bad Decisions” die erste verfügbare Single des Albums. Nicht zufällig wendet sie sich direkt an die Fans. Besonders deutlich wird die Botschaft im Musikvideo, in dem die Strokes mit der Fernseher-Optik der Neunzigerjahre Bilder moderner instant gratification zeigen und sich dabei selbst als formlose Lustknaben inszenieren, die nur existieren, um zu gefallen.
Auf einer ganz anderen Ebene spielt sich der Opening-Track “The Adults Are Talking” ab. Ähnlich wie in Kafkas “Kleine Fabel” singen sie von einer mauerlosen Welt mit unendlichen Möglichkeiten. Dann kommen die Mauern näher. Die Maus steht im letzten Zimmer. „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, rät ihr die Katze und frisst sie.
Don’t go there cause you’ll never return
Mit gedämpfter Stimme beschreibt Casablancas in trostloser Klarheit den unvermeidlichen Niedergang eines Politikers, der alles anders machen wollte, nur, um am Ende ebenso desillusioniert und korrupt dazustehen, wie der Rest.
Song No. 7 „Why are Sundays so depressing” ist das perfekte Beispiel für alles, was die Strokes sein können. Das dahinplätschernde Grundgerüst des Songs wird im Refrain scheinbar mühelos von weichen Techno-Klängen überflossen. Die daraus entstehende Melodie lädt zum nostalgischen Schwelgen ein, während man dazu gleichzeitig um drei Uhr morgens im „Jimmy’s” tanzen könnte (sechs Bier, mitsingend, die Augen geschlossen, eins mit der Musik, am Leben sein, just for one day, don’t act like you don’t know).
Ein großes Gesamtkunstwerk
„The Strokes” haben nicht 71 Songs geschrieben, sie haben einen Song 71 Mal geschrieben. Mit einer unbeugsamen Besessenheit malen sie wieder und wieder das Bild eines niemals stillstehenden Gemäldes. Ihr Werk ist ein musikalisches Chamäleon, es kann Hintergrundmusik sein und gleichzeitig im Zentrum des Geschehens stehen.