Was macht ein Quantenphysiker den ganzen Tag, Professor Weihs?

von Katharina Isser
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Was machen Professor:innen eigentlich, wenn sie nicht gerade im Hörsaal stehen? Um das herauszufinden, haben wir Gregor Weihs, Professor für Photonik an der Universität Innsbruck, einen Tag lang begleitet.

Es ist kurz vor 10 Uhr, als ich in das Gebäude am Campus Technik eintrete. Ich sehe Regale, bis obenhin voll mit Büchern über Festkörperphysik und Halbleiter, und auch eine Anleitung für ein DIY-Spektrometer aus Papier erspähe ich. An den Wänden hängen Auszeichnungen und Whiteboards voll mit Formeln, Diagrammen und Dastellungen von Versuchsanordnungen. Professor Gregor Weihs sitzt konzentriert vor seinem Computer. Er ist in einem Zoom-Meeting, das noch weitere zweieinhalb Stunden dauern wird. Zugeschaltet sind Kolleg:innen aus dem eigenen Büro („Mit Corona ist das irgendwie blöd, wenn wir alle zusammen sitzen“), aber auch von anderen Universitäten. Es geht um Quantenpunkte, Photonenquellen und vermeintlich verletzte Energieerhaltung – der Inhalt wird mir in einer kurzen Meeting-Pause genauer erklärt, jedoch fühle ich mich nicht qualifiziert, das Ganze an dieser Stelle wiederzugeben. „Momentan läuft es gerade richtig gut. Das ist nicht immer so“, meint er. Mein Einwurf, dass ich mir gut vorstellen kann, dass im Labor einiges schiefgehen kann, wird kommentiert mit: „Das meine ich gar nicht. Ich meine eher die Zusammenarbeit. Das ist wie mit Referaten als Student: Manchmal ist man in einer tollen Gruppe und manchmal ist Tag vor der Abgabe und man selbst ist der einzige, der etwas gemacht hat.“

Vom Student zum Professor

Trotz einiger Gemeinsamkeiten nehme er die Universität Innsbruck, seine Alma Mater, jetzt aber ganz anders wahr als noch zu Studentenzeiten, einerseits durch seine Leitungsfunktion, andererseits durch Veränderungen der Universität selbst. Besonders, dass die Uni seit seiner Zeit als Student so gewachsen ist, verleihe ihr einen ganz anderen Charakter.  Im Studium habe er sich sehr leicht getan – eine akademische Karriere kam ihm trotzdem bis zum Ende seiner Dissertation nicht in den Sinn. Dissertiert hat er in der Gruppe von Anton Zeilinger, der damals eine Zeit lang in Innsbruck arbeitete. Mit seiner Doktorarbeit leistete Professor Weihs einen großen Beitrag zur Überprüfung der Richtigkeit der Quantentheorie. Seine Empfehlung für Studierende, die eine akademische Karriere anstreben: „Der beste Eintritt ist, seine Dissertation in einer Spitzengruppe zu machen, die weltweit bahnbrechende Dinge macht.“

Foto: Katharina Isser

Gregor Weihs erklärt etwas an der Tafel.

Forschung, Lehre, Verwaltung

Nachdem das Meeting zu Ende ist, folgt zuerst das Mittagessen, dann ein weiteres kleines Meeting, diesmal aber im Real Life. Danach widmet sich Professor Weihs der Organisation des Fortgeschrittenenpraktikums des Physik-Bachelorstudiums für das nächste Semester. Semesteranfang und -ende seien für ihn die stressigsten Zeiten – der Anfang, weil Lehrveranstaltungen organisiert und vorbereitet werden müssen, und das Ende, weil Klausuren zu korrigieren und Arbeiten zu lesen sind. „Cool“ findet er den Sommer, denn dann ist mehr Zeit für Reisen; für Konferenzen, Tagungen und  Besuche bei Projektpartner:innen. Die Lehre mache ihm zwar großen Spaß, stresse ihn aber wegen seiner hohen Ansprüche auch am meisten: „Man will es immer noch besser, spannender, neuer machen als vorher.“ Das betreffe besonders die Lehrmethoden. Er würde für die Lehre gerne Spannenderes machen als „hingehen, etwas an die Tafel malen und wieder heimgehen“. Die Vorbereitung anderer Methoden, wie beispielsweise das Erstellen von Animationen, nehme allerdings extrem viel Zeit in Anspruch. „Das ist das Spannungsfeld, weil irgendwo ist die Zeit endlich“, sagt er.

Es gebe zwar keine wirklich typischen Tage, da je nach Zeitpunkt im Studienjahr ganz andere Dinge anstehen. Wie viel Zeit im Jahr der Lehre, wie viel der Forschung und wie viel Organisatorischem gewidmet wird, kann mir Professor Weihs aber sehr genau sagen, denn er trackt seine Arbeitszeit akribisch mit einem Computerprogramm. Letztes Jahr gingen beispielsweise 15,55 Prozent seiner Arbeitszeit aufs Konto der Lehre. Das sei aber ein Ausreißer, da er zu dieser Zeit wegen seiner damaligen Position als Vizepräsident des FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, Anm. d. Red.) an der Uni reduziert war. Typisch seien 25 Prozent Lehre, 25 Prozent Verwaltung und 50 Prozent Forschung. Bei seiner Verwaltungstätigkeit gehe es um Dinge wie Arbeiternehmerschutz, Anstellungen, aber auch Dinge wie das Auftreiben von Schreibtischen für Mitarbeiter:innen oder Coronafälle. In seiner Forschungstätigkeit stehe er zwar sehr wenig selbst im Labor, unterstütze aber seine Mitarbeiter:innen. Besonders seine langjährige Forschungserfahrung erweise sich hierbei oft als sehr nützlich. Außerdem organisiert er den Laborbetrieb, bereitet Veröffentlichungen vor oder stellt Anträge.

Foto: Katharina Isser

Professor Weihs führt durch sein Labor.

Das Beste am Professorenjob

Am spannendsten an seinem Beruf findet Professor Weihs einerseits das Analysieren von Daten, besonders das Suchen systematischer Fehler: „Das ist wie Rätsel lösen und hat etwas Detektivisches.“ Andererseits stößt er gern auf unerwartete Zusammenhänge, wenn etwas ganz gleich funktioniert wie etwas gänzlich anderes. Das sei bei der Physik besonders faszinierend. Gerade die Grundlagenforschung empfindet er als sehr wichtig. Man brauche sie, um Antworten auf Fragen zu finden, von denen man noch gar nicht weiß, dass diese in 20 Jahren relevant werden. Als Beispiel nennt er die mRNA-Impftechnologie, die seit Jahrzehnten erforscht, allerdings erst im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie flächendeckend relevant wurde. Außerdem würden auch die Anwendungen der Forschung eine saubere Grundlage brauchen, damit ihnen nicht der Dampf ausgeht. Er zitiert seinen Kollegen Klement Tockner, ehemaliger Präsident des FWF: „Wenn immer nur die angewandte Forschung gefördert worden wäre, hätte man jetzt die besten, tollsten, ausgefuchstesten Kerzen, aber kein elektrisches Licht.“

Die finanzielle Förderung der Universitäten sei also einerseits für die Grundlagenforschung wichtig, andererseits aber auch für die Ausbildung junger Leute, „die wirklich gut denken können“. Gerade das tiefe Einarbeiten in eine gewisse Thematik sei wie ein Trainingsproblem, das Studierende das rationale und selbstkritische Denken lehrt. Das komme schließlich der gesamten Gesellschaft zugute.

Um 17 Uhr – früher als sonst – endet der heutige Arbeitstag von Professor Weihs. Normalerweise bleibt er länger. Er löscht das Licht in seinem Büro und tritt die Heimreise an. Es war ein produktiver, spannender Tag im Leben eines Universitätsprofessors.

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