Florian (Name redaktionell geändert) ist 21, als seine Mutter an einer besonders akuten Form der Leukämie erkrankt. Die Diagnose kommt aus dem Nichts. Florians Mutter fühlt sich bis zu diesem Zeitpunkt gesund, sie hat keine Vorerkrankungen oder irgendwelche schwerwiegenden Beschwerden. Sie fühlt sich lediglich etwas abgeschlagen und lässt deshalb ihr Blutbild vom Hausarzt untersuchen. Rasch steht fest, dass irgendetwas nicht stimmt. Irgendetwas ganz Grundlegendes. Nach weiteren Laboranalysen erhält die Familie die Gewissheit, dass es sich um eine Akute Myeoloische Leukämie handelt. Unerträgliche Machtlosigkeit, das Gefühl, als Beobachter daneben zu stehen und einfach nichts tun zu können, stülpt sich über Florian wie eine Glocke und spaltet ihn ganz plötzlich ab von der Welt außerhalb. Jetzt ist nichts mehr so, wie es gerade noch war. „Wenn du normalerweise ein Mensch bist, der sein Leben immer im Griff hat, dann bist du es einfach auch nicht gewohnt, etwas nicht unter Kontrolle zu haben”, sagt der heute 29-Jährige.
Es wird versucht, die Erkrankung mit einer aggressiven Chemotherapie in Schach zu halten und zu bekämpfen. Doch es wird schnell klar, dass die Gesundheit und das Leben von Florians Mutter nur durch eine Stammzellenspende gerettet werden können. Aber woher? Und von wem sollen die Stammzellen entnommen werden? Während primär im Bereich der engsten Familie gesucht wird, wie unter den Geschwistern der Patientin, geraten dann doch besonders Florian selbst und seine Schwester in den Fokus. Die sogenannten Gewebemerkmale sind denen der Mutter am ähnlichsten, weshalb sie in Frage kommen. Doch es ist keine hundertprozentige Passgenauigkeit. Das Restrisiko, dass die eigentlich zur Stabilisierung gedachte Spende im Endeffekt zu mehr Komplikationen führen könnte, bleibt. „Dass die Spende hilft, habe ich zu keinem Zeitpunkt infrage gestellt. Wahrscheinlich befindet man sich selbst dermaßen in einem Krisenmodus, dass man gar nicht an die Alternative denken kann”, erzählt Florian von diesem Ausnahmezustand.
„Es hat etwas unglaublich Befreiendes!“
Die Geschwister sind sofort einverstanden, ihre Stammzellen zu spenden. Schließlich ist es Florian, der durch eine Knochenmarkspende seine Stammzellen zur Verfügung stellen wird. Er wird dafür noch am Vortag des Eingriffs stationär im Krankenhaus aufgenommen und auf die Operation vorbereitet. Florian selbst hat sich bereits die Tage und Wochen davor vorbereitet. Hauptsächlich mental, vielleicht auch emotional. Ob er vor seiner Entscheidung Druck verspürt hat? Ob er das Gefühl hatte, es tun zu müssen? Ganz klar: „Nein.“ Im Gegenteil, denn der Druck, der sich im Angesicht einer lebensbedrohlichen Krankheit auf ihn und die gesamte Familie gelegt hat, diese Machtlosigkeit, der Situation einfach gänzlich ausgeliefert zu sein, löst sich langsam. Den Druck, spenden zu müssen, verspürt Florian dagegen nicht. Er weiß, dass er immer die Wahl hat. Auch seine Familie versichert ihm immer wieder, dass er nicht muss; so auch seine Mutter. Statt Druck nimmt Florian wahr, wie viel Last er von sich selbst, von seiner Mutter und der gesamten Familie nehmen kann. Seit Wochen merkt er, dass das soziale und vor allem das emotionale Gerüst, das seine Familie für ihn darstellt, nicht mehr derart im Wanken ist und es sich zumindest kurzweilig beruhigt hat. Für ihn steht fest, dass er unbedingt etwas tun möchte. Raus aus dieser unerträglichen und beschissenen Machtlosigkeit, raus aus der Beobachterrolle. Er möchte zumindest etwas Souveränität und etwas Kontrolle über das Leben zurückerlangen. „Es hat etwas unglaublich Befreiendes, wenn du plötzlich die Chance bekommst, tatsächlich zu helfen!”, erzählt er heute und hat dabei ein Lächeln im Gesicht. Ein unglaublich dankbares Lächeln, das auch ein bisschen stolz ist und das wohl ganz zurecht.
Über eine Punktion seines Beckenkamms wird schließlich Knochenmark entnommen. Im Labor werden daraus die Stammzellen extrahiert, herausgefiltert beziehungsweise abgespalten. Noch während der Spender aus der Vollnarkose erwacht, erhält die Empfängerin die Spende. „Ist schon drinnen!”, teilt ihm jemand vom medizinischen Personal im Aufwachraum mit. Generell sind die Mediziner:innen sehr freundlich und behandeln Florian mehr als nur wertschätzend. Sie sagen ihm immer wieder, wie toll sie es finden, dass er spendet.
Mit der Ruhe kommt der Sturm
Die Tage nach der Operation verbringt Florian noch im Krankenhaus. Obgleich er robust ist, sich zügig von der Narkose und der Entnahme erholt, ist er die Zeit danach schwach. Er muss sich schonen, muss sich erholen, verbringt mehr Zeit in Ruhe als sonst. Vielleicht verbringt er auch mehr Zeit in Ruhe, als es ihm überhaupt lieb ist. Hier bietet sich eine erste Möglichkeit, um richtig über alles nachzudenken. Die erste richtige Möglichkeit, um die Ereignisse zu rekapitulieren, aber auch, um nachzufühlen und wahrzunehmen. Ablenkung durch den Alltag oder Sicherheit spendende Routinen gibt es in der so anders funktionierenden Welt der Klinik nicht. Mit der Ruhe kommt der Sturm. Fühlt sich jetzt etwas anders an? Fehlt jetzt etwas? Habe ich etwas zurückgegeben, was mir ohnehin nie richtig gehört hat? Für Florian war es zwar nie ein Muss, zu spenden, doch für ihn war von Anfang an klar, dass er es tun möchte und tun wird. Er fühlte eine besondere Art der moralischen Verpflichtung. Das Sprichwort, dass Eltern in ihren Kindern weiterleben, dreht sich jetzt irgendwo um. Ein Teil Florians lebt nun in seiner Mutter weiter und hat sogar ihr Leben gerettet. Denn die Stammzellen stabilisieren den Gesundheitszustand der Mutter. Und das tun sie bis heute.
Dieser Artikel erschien unter dem Titel “Organspenden – Abspalten und Einsetzen” erstmals in der Jänner-Ausgabe 2022.