UNIpress: Was sind Ihre Aufgaben als Vizerektor für Lehre und Studierende?
Bernhard Fügenschuh: Aus der Perspektive des Rektorats sind das vorwiegend strategische Fragen: Wie positioniert sich die Universität Innsbruck aktuell zum Beispiel bei der Digitalisierung? Dann ist es gemeinschaftlich mit dem Senat auch die Frage der Curricula. Das ist für eine Universität immer ein großer Ausweis, mit welcher Vielfältigkeit, mit welcher Dynamik man sich da präsentiert. Gute und qualitätsvolle Curricula anzubieten, die auch finanzierbar sind – diese Balance muss man halten.
Und natürlich alle Angelegenheiten von Lehrenden und Studierenden, wenn es um die Abhaltung der Lehre geht, Service für Lehrende oder darum, studierbare Curricula zu gewährleisten.
UP: Welchen Stellenwert hat denn die Lehre an der Uni Innsbruck?
Fügenschuh: Ausbaufähig. (lacht) Das ist die knappe Antwort. Ich denke, dass die forschungsgeleitete Lehre zentrales Thema sein muss, wobei ich lieber „forschendengeleitet“ als „forschungsgeleitet“ verwende. Hier werden Personen mit ihrer Forschung, aber auch als Persönlichkeiten sichtbar. Das muss man zum Leben erwecken, diese forschendengeleitete Lehre. Es muss unser aller Interesse sein, möglichst viel an Wissen und an Begeisterung in die Studierendenschaft zu übertragen, denn das sind die nächsten Generationen von Forschenden, die hoffentlich gescheiter werden als wir – sonst haben wir irgendwas falsch gemacht.
UP: Wenn es in der Lehre oder mit Lehrenden Probleme gibt, wie gehen Sie damit um?
Fügenschuh: Ich sehe das oft zwiegespalten. Es gibt ein hohes Interesse von allen Lehrenden für die Darstellung ihrer Forschungsthemen im Sinne der Curricula, dort will man eigentlich auch gerne sein Betätigungsfeld abgebildet sehen. Für junge Forscherinnen und Forscher gibt es aber oft das Problem, sich erst in der Forschungslandschaft positionieren zu müssen. Das geht über die Forschungsleistung, kaum jemand fragt da nach der Lehre.
Es wird in einzelnen Fällen auch die geben, die sich außen vor halten. Aber man muss auch überlegen, wie man diesen Leuten helfen kann. Eventuell fühlt man sich in der Lehre einfach nicht sehr wohl – das hat nichts damit zu tun, dass sie nicht das Wissen hätten, aber es ist schon ein Anspruch, vor 200 Studierenden vorzutragen. Da braucht es vielleicht eine entsprechende Unterstützung. Ich glaube aber, dass es nur wenige gibt, die sich da vorsätzlich raushalten.

Foto: Tobias Jakober
Bernhard Fügenschuh ist seit 2015 Vizerektor für Lehre und Studierende. Er absolvierte ein Studium der Geologie an der Uni Innsbruck und der ETH Zürich und hat seit 2005 eine Professur am Institut für Geologie und Paläontologie.
UP: Wenn Sie an Ihre Zeit als Student zurückdenken, wie hat sich die Lehre verändert?
Fügenschuh: Damals hatte man diese unendliche Zeit, da war wenig vorgegeben, was zu machen war. Diese Zeiten mussten die Studentinnen und Studenten aber für sich zu nützen wissen. Manche hatten da eine bessere Selbstorganisation und haben diese Freiräume genutzt. Das ist heute das andere Extrem, die Dinge sind heute unglaublich verdichtet – das fordert beide Seiten, auch die Lehrenden.
UP: Sie haben selbst einige Semester in das Germanistik-Studium hineingeschnuppert, bevor Sie zur Geologie gewechselt sind – was hat Ihnen dieser Ausflug gebracht?
Fügenschuh: Das hilft mir heute sehr, weil ich diese beiden Seelen in mir trage – im Französischen heißen die ja Sciences und Lettres. Ich sage immer, die Geistewissenschaften muss man lieben, um sie zu verstehen, und die Naturwissenschaften muss man verstehen, um sie zu lieben. Das habe ich beides in mir.
UP: Wie war das für Sie, als die Lehre im März 2020 abrupt auf online umgestellt werden musste?
Fügenschuh: Es gab Lehrende, die das schon gekannt haben, das war eine Orientierungshilfe, es gab aber auch solche, die bis zum Schluss nicht glücklich damit waren.
Der erste wichtige Anspruch war, das für beide Seiten technisch hinzukriegen: Welche Software, welche Hardware haben wir.
Für uns war auch die Frage, welche Regeln wir hier vorgeben. Man hat bei den Pressestatements des Ministeriums immer damit gerechnet, aber die Unis sind da nie vorgekommen. Wir haben immer in enger Abstimmung mit dem Senat an der Satzung gearbeitet – da haben wir nie auf das Ministerium warten müssen.
UP: Welche Lerneffekte hat es aus dieser Zeit gegeben, wie wollen Sie die Lehre in Zukunft gestalten?
Fügenschuh: Das braucht jetzt einen breiten Austauschprozess. Sehr schnell ist klar geworden, dass wir eine Präsenzuniversität bleiben wollen. Eine Fernuniversität möchten wir nicht werden – was aber nicht heißen darf, dass man keine digitale Elemente nutzen kann. Viele Lehrende haben jetzt festgestellt, was das Digitale kann und wie es ihnen – auch didaktisch – weiterhilft, wo es Sinn macht und wo nicht.
Dann kommt die Erwartungshaltung der Studierenden, die – salopp gesagt – von allem ein bisschen was wollen, so wie man gerade Lust hat. Diesem Anspruch wird man nicht gerecht werden können. Zentral für beide Seiten, aber noch einmal mehr für die Studierenden, ist die Planbarkeit. Da geht es nicht mehr nur darum, wie es sein wird, sondern einfach zu wissen, dass es so oder so sein wird.
UP: Welche negativen Seiten sehen Sie bei der Online-Lehre?
Fügenschuh: Wenn wir ein zu großes Kontingent online verfügbar machen, verabschiedet man sich von der universitären Logik. Ich denke schon, dass Universität in toto inhaltlich aber auch zwischenmenschlich ein wahnsinnig spannender Prozess ist. Wenn man das erste Mal das Hauptgebäude der Uni betritt, das macht etwas mit einem. Man freut sich, Teil dieser Uni zu sein. All diese Räume, diese Situationen, die zwischenmenschlichen Begegnungen, die wachsen erst im Laufe der Zeit, da kann man nicht fünf Minuten Zwischenmenschliches machen und dann wieder für drei Jahre verschwinden. Das wäre ein gigantischer Verlust, das hat man ja auch in den Studierendenumfragen gemerkt, diese psychischen Herausforderungen, die Vereinsamung.
UP: Sie haben sich kürzlich auch für die Position des Rektors beworben – warum haben Sie Ihre Kandidatur später wieder zurückgezogen?
Fügenschuh: Ich habe mich gerne angeboten, weil ich diese Universität sehr schätze und ich da Ideen habe, wie man etwas neu machen könnte. Der Dreiervorschlag der Findungskommission war für mich ein klares Zeichen in Richtung „Erneuerung von außen“. Das ist zu akzeptieren, ich habe kein Problem damit, aber ich muss mich da dann nicht weiter anbieten.
Als Vizerektor für Lehre stehe ich gerne weiterhin zur Verfügung – aber das ist nach wie vor offen und hängt vom neuen Rektor oder der neuen Rektorin ab.