Studienleben 2.0: Die After-Covid-Version

von Chiara Geppert
Lesezeit: 7 min
Auf der Suche nach Antworten zur Frage „Lieber online oder Präsenz?“ berichten Studierende von ihren Erfahrungen und wie sie sich das Studium in Zukunft vorstellen.

In den letzten zwei Jahren ist das Studium zu einer der einsamsten Tätigkeiten geworden, die ich bisher kannte. Nachdem jetzt beinahe die Hälfte meines Studiums sogenannte „Corona-Semester“ waren, kann ich von der Hörsaalluft, die ab diesem Semester wieder geatmet werden kann, nicht genug bekommen. Eine neue Stadt, ein neues Studium; da passt das erste Präsenzsemester natürlich bestens dazu – denke ich. Aber nicht jede:r macht gleichermaßen Luftsprünge vor Freude.

Dabei war ich – zugegebenermaßen selbstzentriert – davon ausgegangen, dass alle wieder das neu aufblühende Campusleben feiern würden. Ich bin ganz ehrlich – ich habe es vermisst: mit Kommiliton:innen vor dem Vorlesungssaal quatschen, mit Freund:innen die Stundenpläne abgleichen und ausrechnen, wann man sich wie lange zwischen den Veranstaltungen auf einen Kaffee treffen kann, sich nach der Sitznachbarin umschauen, wenn diese nicht zum Seminar kommt und bekannten Gesichtern zuwinken, wenn man in der Uni aneinander vorbeiläuft. Gerade das hat mir gefehlt. Klar, Studieren, im Sinne von „Lernen“, ist wichtig, deswegen sind wir ja alle hier. Aber Online-Semester waren für mich einfach nicht das Gleiche. Alex, 23, studiert Zahnmedizin an der Universität Mainz, spricht meine Gedanken aus: „Ich kann mir kaum vorstellen, wie schlimm es sein muss für Studenten, die in diesen schwierigen Zeiten ihr Studium begonnen hatten und bis jetzt kaum ihre Uni oder ihre Kommilitonen kennenlernen konnten.“

Zwischen Euphorie und Überforderung

Gina, 21, studiert Psychologie in Frankfurt und erlebt gerade ihr erstes Präsenzsemester – und das auch noch bei einem Auslandssemester in New York City! „Ich […] habe nie das ‘Studentenleben’ erlebt, von dem jeder andere spricht. Gerade erlebe ich hier in NYC mein erstes richtiges Semester und habe das Gefühl, schon mehr gelernt zu haben als in den vier Online-Semestern davor. Lernen und Erfahrungen sammeln ist so zugänglicher, als auf schwarze Zoom-Rechtecke zu blicken.“ Obwohl online zu studieren auch Vorteile habe, würde sie lieber in Präsenz studieren.

Ich dachte, dass sich gerade „Corona-Erstis“ wie Gina jetzt auch über das erste Präsenzsemester freuen würden. Aber für wen all das neu ist, der kann sich leicht überfordert fühlen. Das Bekannte soll jetzt dem Unbekannten weichen. Indem man Dozierenden tatsächlich gegenübersitzt und sich nicht mehr hinter gemutetem Mikrophon und ausgeschalteter Kamera verstecken kann? Gruppenarbeiten sind nicht mehr eine stumme Zuweisung in Zoom-Räume, sondern ein tatsächliches Umblicken und Aussuchen von Gesichtern. Für die, die ein Studium vor der Pandemie kennen, kann es eine Erleichterung sein, endlich wieder das Gefühl zu haben, Teil eines Studiengangs zu sein. Zum Beispiel Nicole, 25. Sie studiert mit mir zusammen Medien im Master und hat auch lange vor Corona schon studiert. Wir kennen uns allein daher, dass wir beide für den ersten Präsentationstermin eines Seminars eingetragen wurden und gemerkt haben, dass wir auch noch eine Vorlesung zusammen besuchen. Sie meint, es sei leichter, Kontakte zu pflegen, und auch eine Abwechslung zu ihrem Teilzeitbürojob, bei dem sie sehr viel Zeit vor dem PC verbringen würde.

Marie ist 21, hat zum Wintersemster 2019/20 an der Uni Innsbruck angefangen, Erziehungswissenschaften zu studieren. Sie hat mehr „Corona“-Semester als normale hinter sich. Als ich sie gefragt habe, wie sie sich mit dem langsamen Umstieg auf physische Lehre fühlt, antwortet sie: „Dadurch, dass es nicht wirklich ‚langsam‘ vonstattengeht, fühle ich mich eher gestresst und unter Druck gesetzt, eben auch, weil ich lange nicht mehr unter ‚Fremden‘ und vielen Leuten war […]. Ich war bis jetzt immer noch nicht bei einer Präsenz-Vorlesung,“, gesteht Marie, „weil […] ich sehr nervös werde“. Sie würde gerne neue Menschen kennenlernen, habe aber auch „Angst“ davor.

Ausnahme oder Nicht-Ausnahme?

Mein bisheriges Germanistik-Studium war rein theoretisch – ob ich Bücher zu Hause lese oder in der Uni, ist egal. Aber was, wenn es nicht darum geht, Kommiliton:innen zu sehen und sich auszutauschen, sondern wenn das Studium von praktischen Erfahrungen abhängt?

Fabienne (24) und Lea (23) studieren Theater und Medien im B.A. an der Universität Bayreuth. Sie sind enttäuscht: „Speziell in meinem Studiengang sind viele Projekte nötig, die online einfach nicht so gut klappen. Durch die online Lehre konnten wir so zum Beispiel die curriculare Einführung in das Handling von Kameras und Tonequipment nicht praktisch erlernen. Diese fehlende Praxis konnte auch nicht nachgeholt werden“, erklärt Lea. Darüber hinaus hat Fabienne das „Gemeinschaftsgefühl“ in den letzten Semestern vermisst: „Das Gemeinschaftsgefühl ist bei Onlineunterricht schwer, bis hin zu gar nicht gegeben, doch es stellt einen wichtigen Punkt beim Studieren dar. Viele Studierende haben sich bewusst für Bayreuth entschieden, da diese eine Uni mit Campus ist, an dem man die meiste Zeit seiner Woche verbringen kann und auch möchte.“ Sie meint, dass die Universität gerade auf die Studierenden der Theater- und Medienwissenschaften nicht eingegangen sei und dass somit Projekte nicht zustande kamen.

Laborpraktika sind Teil des Studiums für Sabrina und Alex und können schwer über Zoom abgehalten werden. Hier wurden jedoch während des Coronabetriebs von den Universitäten Ausnahmen gemacht.

Für Alex sind die Praktika wichtig, um die Praxis an Patienten zu üben. Deswegen konnten fast alle praktischen Kurse während Corona auch in Präsenz stattfinden, erklärt Alex. Die besten Erinnerungen hat Alex‘ an Momente, „die rein in Präsenz stattfanden, mit den Personen, die ich in diesem Studium kennenlernen durfte. Witzige Erinnerungen aus den Labor-Praktika oder aus den praktischen Kursen generell. Auch Erinnerungen an das Lernen zusammen in der Bibliothek oder die Freizeit in der Mensa. […] Deshalb bin ich so froh, dass ich mein Studium schon vor Zeiten von Corona begonnen hatte, da ich ansonsten diese Erinnerungen nur teilweise oder gar nicht hätte.“ Umso mehr überrascht es mich, dass, als ich Alex die Frage stelle, was denn nun besser sei – online oder Präsenz – die Antwort ‚online‘ ist. Warum? „[Es ist] für mich super, dass ich Vorlesungsvideos öfter anschauen, sowie stoppen und in Ruhe mitschreiben kann, was in Präsenzvorlesungen oft kaum möglich ist.“

Ebenso überrascht mich Sabrina, 24. Sie macht gerade ihr Diplôme d’Ingenieur de Biotechnologie an der Université de Strasbourg. „Wird endlich Zeit. Das ständige Online und die Unsicherheit nerven.“ Ihr fehlt auch während der Onlineveranstaltungen die “Motivation“. Allerdings pocht sie darauf, dass die Informationen zusätzlich online zur Verfügung gestellt werden: Es würde der Druck rausgenommen, wenn man es den Studierenden überlassen würde zu kommen oder nicht. Die Vorlesungen zusätzlich aufzuzeichnen, würde die Nachbereitung erleichtern. Auch Gina und Nicole antworten mit „hybrid“, als ich sie frage, wie sie am liebsten in Zukunft studieren würden.

Präsenz, ja, aber…

Präsenz sei zwar schön und gut, aber diese Art des Studierens sei auch mit enormem Druck verbunden. Das ‚Immer-da-sein-müssen‘, ‚Immer-alles mitschreiben-müssen‘ und ‚Wenn-ich-jetzt-nicht-richtig-zuhöre-verpasse-ich-das-für-die-Klausur‘. Franzi, 25, hat ihr Lehramtsstudium an der Universität Bayreuth gerade beendet. Auch sie ist der Meinung, dass in einem Präsenzstudium der soziale Austausch besser ist: „Über Zoom z.B. haben viele immer ihre Kamera aus und manchmal fragt man sich schon, ob die Personen überhaupt vor dem PC sitzen.“ Sie antwortet kurzgefasst, als ich sie frage, wie sie lieber studiert: „In Präsenz (aber mit Online-Vorlesungen) *grins*“. Und das aus dem einfachen Grund, dass Studierende somit den Luxus hätten, krank sein zu können: „Dann kann man die Vorlesung einfach anhören, sobald man wieder gesund ist, und man verpasst nichts.“

Ähnliches höre ich von Marie: „Präsenz würde ich nur dann gern studieren, wenn es mir freisteht, ob ich an einem bestimmten Tag (an dem es mir psychisch z.B. nicht so gut geht) in die Uni muss und alle Unterlagen weiter auf OLAT hochgeladen werden, weil das einfach eine extreme Erleichterung und Hilfe ist.“ Marie hat durch Meningitis einen starken Hörverlust erlitten. Sie ist auf dem linken Ohr taub und hört auf dem rechten sehr schlecht – auch das nur mit Hilfe eines Hörgeräts. Sie versteht durch die Aufnahmen die Dozierenden besser, kann ihnen mit Wiederholungen leichter folgen und verpasst somit nichts. Eine Wahl zwischen online und Präsenz trifft sie nicht aufgrund von ‚Möchte ich…?‘ sondern ‚Kann ich…?‘

Entweder, oder? Weder noch!

Ich darf mich selbst rügen: Ich war davon überzeugt, dass wenn ich eine Entweder-Oder-Frage stelle – entweder online oder Präsenz – ich als Antwort eine meiner beiden Vorschläge bekomme. Aber von acht befragten Personen haben sieben mit ‚weder noch‘ geantwortet. Wieso war ich so fixiert darauf, alles schwarz oder weiß zu sehen? Denn da physische und digitale Lehre sowohl geben als auch nehmen, ist es nicht überraschend, dass die Lösung dazwischen liegt.

 

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