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	<title>Benjamin Hofer, Autor bei</title>
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	<description>Das offizielle Magazin der ÖH Innsbruck</description>
	<lastBuildDate>Thu, 19 Jun 2025 10:42:25 +0000</lastBuildDate>
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		<title>„Es tut mir für jeden Verein leid, der mich nicht genommen hat“ – Toni Polster im Interview</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Hofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Jun 2025 10:30:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Gespräch über verpasste Chancen – nicht seine –, Statistiken, pure Menschlichkeit, den vielleicht „g’radesten Michl“, den der Fußball je gesehen hat – und ein Projekt, das er erstmals exklusiv&#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="subtitle_up">Ein Gespräch über verpasste Chancen – nicht seine –, Statistiken, pure Menschlichkeit, den vielleicht „g’radesten Michl“, den der Fußball je gesehen hat – und ein Projekt, das er erstmals exklusiv der UNIpress verrät.</div>
<p>Es ist ein lauer Nachmittag in Meidling, auf dem Fußballplatz des SC Wiener Viktoria, zwischen Kunstrasen, Würstelstand und der Patina eines Vereinsheims. Von fern weht das Pfeifen des Schiedsrichters herüber, durchmischt mit Gelächter, Schlagermelodien und dem dumpfen Aufprall eines Balls gegen das Aluminium. Auf dem Feld liefert sich die Damenmannschaft des Vereins ein beherztes Spiel – es steht 2:0 –, am Rande riecht es nach Käsekrainer und frisch gezapftem Bier. Unter einem Pavillon hat sich eine Szene formiert, die mich an Leonardo da Vincis „Letztes Abendmahl“ erinnert – wenngleich in der Meidlinger Variante: In der Mitte sitzt Toni Polster, umringt von einer Menschentraube aus Funktionären, Freunden, Fans. Er lacht, plaudert, signiert – ein Satz hier, ein Spruch dort –, während aus der Bluetooth-Box hinter ihm Helene Fischer die Stimme erhebt, als wolle sie den Soundtrack zu diesem Nachmittag liefern. Inmitten dieser Szenerie beginnt das Interview. Toni Polster lehnt sich zurück, nimmt die Sonnenbrille ab &#8211; und legt los: mit unerschütterlichem Schmäh und jener lakonischen Unmissverständlichkeit, die ihn seit jeher auszeichnet.</p>
<p><strong>UNIpres</strong>s: <strong>Herr Polster, Ende letzten Jahres standen Sie plötzlich vor einer Situation, die für Schrecken gesorgt hat: ein Magendurchbruch, eine Notoperation, Lebensgefahr. Wie geht es Ihnen heute?</strong></p>
<p>Toni Polster: Mir geht’s gut – Gott sei Dank.</p>
<p>Ich habe das Warnsignal damals ernst genommen und lebe seither gesünder. Das Ganze war schon eine sehr eigenartige Erfahrung. Als Spieler war ich so gut wie nie verletzt. Ich erinnere mich an einen einzigen Muskelfaserriss – da habe ich drei Wochen pausieren müssen, das war’s. Da fühlt man sich wie unverwundbar. Das Tückische an einem Magendurchbruch ist: Man spürt nicht sofort, wie ernst es ist. Man stürzt nicht, man prellt sich nicht die Hand, man knickt nicht um. Es ist „nur“ Bauchweh – und genau das macht es so gefährlich.</p>
<p><strong>Sie haben damals öffentlich erzählt: „Wäre ich die Nacht zu Hause geblieben, hätte ich nicht überlebt.“ Wie verändert so ein Moment den Blick auf das eigene Leben?</strong></p>
<p>Man muss irgendwie normal weitermachen, klar – trotzdem muss man den Warnschuss ernst nehmen. Ich lebe jetzt gesünder, esse bewusster, trinke kaum noch Alkohol. Auch auf scharfes Essen und Kaffee verzichte ich weitgehend. Wenn ich so weitergelebt hätte wie zuvor, dann wäre ich dem Tod geweiht.</p>
<p><strong>Sie sind in Favoriten aufgewachsen, einem Arbeiterbezirk, rau, direkt, ehrlich. Was hat Sie dort fürs Leben geprägt – und was fürs Tore-Schießen?</strong></p>
<p>Ich bin im Käfig groß geworden. Wir haben dort von früh bis spät gespielt – jeden Tag, jede freie Minute. Erst war’s der Käfig, dann kam irgendwann die Schule, und dann der Fußballverein. Dieses ständige Kicken im Hof, dieses Leben auf dem Platz – das prägt einen. Fürs echte Leben genauso wie für den Fußball. (<em>Anm. d. Red.: Käfig: In Wien gebräuchlicher Ausdruck für einen von Gittern umgebenen Fußballplatz in Siedlungsgebieten, meist aus Beton.</em>)</p>
<p><strong>Wenn Sie auf Ihre Kindheit und Jugend zurückblicken: Wer waren Ihre persönlichen Helden – sportlich, menschlich, vielleicht auch politisch oder kulturell?</strong></p>
<p>So richtige Helden hatte ich eigentlich nie. Ich habe mir immer gedacht: „Ich bin genauso gut.“ Warum soll ich mir ein Autogramm holen oder jemanden bewundern, wenn ich überzeugt bin, dass ich auch so gut bin – oder vielleicht sogar besser?</p>
<p>Ein echtes Vorbild gab’s für mich nur in einer Person: Hans Krankl. Aber sonst – nein. Ich war mir sicher, dass ich irgendwann auch auf diesem Niveau spielen werde. Das war immer mein Ziel.</p>
<p><strong>Trugen Sie dieses unglaubliche Selbstbewusstsein tatsächlich schon als kleines Kind in sich?</strong></p>
<p>Ja, selbst da schon.</p>
<p><strong>Mit 15 sind Sie gemeinsam mit Ihrem Vater zu den Wiener Linien gegangen, um sich nach einer Lehrstelle zu erkundigen. Als man Ihnen erklärte, dass das Gehalt im ersten Jahr noch niedrig sei, dafür aber später steigen würde, meinte Ihr Vater trocken: „Dann kommen ma später wieder“. War dieser Schmäh und die Direktheit quasi Familiensache? Und welche Rolle spielte Ihr Vater darüber hinaus in Ihrer Entwicklung?</strong></p>
<p>Ja, diesen Schmäh – den habe ich ganz klar vom Papa. Mein Vater war auch ein super Fußballer, ich habe ihn selbst noch spielen gesehen. Technisch stark, sehr elegant – nicht umsonst hat er in der Bundesliga gespielt und war zweimal im Nationalteam. Er war später auch als Trainer tätig – und dadurch bin ich am Fußballplatz groß geworden. Was ihm vielleicht ein bisschen gefehlt hat, war die mentale Stärke. Die habe ich dann eher von meiner Mutter geerbt. Sie hatte einen unglaublichen Willen. Wenn sie sich etwas vorgenommen hat, dann hat sie das auch durchgezogen.</p>
<p><strong>Herr Polster, Sie wurden bejubelt, kritisiert, parodiert, verehrt – manchmal alles gleichzeitig. Wie geht man als Mensch damit um, wenn so viele Erwartungen, Urteile und Projektionen auf einen einprasseln?</strong></p>
<p>Das muss man lernen. Der Fußball holt dich alle paar Tage auf den Boden der Tatsachen zurück. Man darf nicht himmelhochjauchzend sein nach einem Sieg – und auch nicht zu Tode betrübt nach einer Niederlage. Man muss ein Mittelding für sich finden. Aber das lernt man mit der Zeit. Am Anfang habe ich nach einem Sieg oft die ganze Nacht durchgefeiert – und dann war am Dienstag das nächste Match, und die Beine waren ziemlich müde. (l<em>acht</em>) Aber das darfst du als Profi nicht. Und das lernst du mit der Zeit – wenn du wirklich erfolgreich sein willst.</p>
<p><strong>Gibt es Momente in Ihrer Karriere, auf die Sie besonders stolz sind?</strong></p>
<p>Ich habe Österreich zweimal als Kapitän zu einer Weltmeisterschaft geführt, wurde dreimal hintereinander Torschützenkönig, bin bester Torschütze aller Zeiten bei Austria Wien, beim FC Sevilla und im Nationalteam – auf all diese Dinge bin ich stolz. Das ist mehr, als ich mir als Kind je erträumen hätte können.</p>
<p><strong>Und gab es auch Momente, in denen Sie kein gutes Vorbild waren?</strong></p>
<p>Alles in allem hatte ich wenig Probleme. Trotzdem gibt es Dinge, die ich im Nachhinein anders machen würde – aber das weiß man halt vorher nicht. Ich bin damals zu Vereinen gegangen, die ich nicht kannte, wo ich nicht wusste, was mich dort erwartet – einfach, weil das Angebot gut war. Schlussendlich habe ich dort ein ganzes Jahr lang kein Geld bekommen. Wir haben dann geklagt – und 15 Jahre später ein Taschengeld zugesprochen bekommen.</p>
<p><strong>Die Fußballer Ihrer Generation genießen in Österreich fast mythischen Status: Polster, Herzog, Prohaska. Was hat Spieler wie Sie zu gesellschaftlichen Identifikationsfiguren gemacht?</strong></p>
<p>Vielleicht, weil wir gute Vorbilder waren – und weil sich die Leute mit uns identifizieren konnten. Wir sind Menschen mit Stärken und Schwächen. Und genau das macht’s aus: Es ist authentisch.</p>
<p><strong>Welchen gesellschaftlichen Beitrag kann Fußball heute leisten – gerade in Zeiten von Spaltung, Frust und politischen Spannungen?</strong></p>
<p>Der Sport im Allgemeinen ist wichtig für das soziale Verhalten. Man lernt, sich in ein größeres Ganzes einzufügen, Regeln zu befolgen, Verantwortung zu übernehmen. Gerade für Kinder ist der Sport ein wichtiger Leitfaden – auch in der Erziehung.</p>
<p><strong>Gibt es in der heutigen Fußballwelt – die stark durch Kommerz, Medien und Social Media geprägt ist – überhaupt noch Platz für „authentische Helden“?</strong></p>
<p>Ich glaube schon. Es gibt immer wieder Burschen, die gegen den Mainstream schwimmen.</p>
<p><strong>Wer fällt Ihnen da spontan ein?</strong></p>
<p>Puhh…schwierig. Oft ist es ja so: Sobald einer aufhört, wird er verehrt – und während der Karriere hagelt’s Kritik. Nehmen wir David Alaba: Der wird gerade kritisiert, weil manche behaupten, seine beste Zeit sei vorbei, und sagen: „Des wird nix mehr.“ Und in fünf Jahren, wenn er aufhört, wird man ihn feiern wie einen Heiligen. Weil: So viel, wie der gewonnen hat, – das wird so schnell keiner mehr erreichen.</p>
<p><strong>A la Falco: „Muss ich erst sterben, um zu leben“?</strong></p>
<p>(<em>lacht</em>) Genau so. Falco hat vor seinem Tod Konzerte absagen müssen, weil er die Tickets nicht verkauft hat – und jetzt wird er gefeiert wie ein Heiliger.</p>
<p><strong>Sie betreuen die Wiener Viktoria seit 2011 – was motiviert Sie, Woche für Woche mit derselben Leidenschaft auf dem Platz zu stehen, fernab vom großen Fußballzirkus?</strong></p>
<p>2011? Des glaub i net.</p>
<p>(<em>Ruft über den Tisch zum Vereinsobmann – der nickt, bestätigt das Jahr</em>.)</p>
<p>Na gut, dann: gut recherchiert. (g<em>rinst augenzwinkernd</em>)</p>
<p><strong>Da wird einem bewusst, wie schnell die Zeit vergeht, wenn sie gut verbracht ist… (s<em>chmunzelt</em>)</strong></p>
<p>Ja, unfassbar. Was wir da erreicht haben, ist wirklich unglaublich: Wir sind von der 5. in die 3. Liga aufgestiegen, dann wieder abgestiegen – und wieder aufgestiegen. Unfassbar.</p>
<p><strong>Die Wiener Viktoria stellt seit Jahren im Winter ihre beheizten Kabinen für obdachlose Menschen zur Verfügung, organisiert Sprachkurse und leistet Hilfe dort, wo sie wirklich ankommt. Sind nicht genau diese Menschen, die so etwas still und beharrlich möglich machen, die wahren Held:innen unserer Gesellschaft?</strong></p>
<p>Ja, auf jeden Fall. Wir haben uns vor einigen Jahren – nach dem Tod eines Obdachlosen im Winter – geschworen: In Meidling darf niemand mehr erfrieren. Deswegen hat der Verein damals begonnen, die Kabinen zu öffnen – und seitdem ist niemand mehr so umgekommen.</p>
<p>Die Sprachkurse, die wir anbieten, richten sich an Eltern und Spieler und werden ebenfalls sehr gut angenommen. All das macht mich sehr stolz auf meinen Verein.</p>
<p><strong>Sie haben vor Gericht darum gekämpft, dass drei Tore, die laut ÖFB in inoffiziellen Länderspielen erzielt wurden, in die offizielle Statistik aufgenommen werden. Warum war Ihnen diese Anerkennung so wichtig?</strong></p>
<p>Weil es um mein Lebenswerk geht. Ich habe diese Tore ja tatsächlich geschossen – ich will keine Geschenke, nur, dass anerkannt wird, was war. Es waren genug Zeugen vor Ort, die bestätigt haben, dass das ganz normale Länderspiele waren. Ich versteh bis heute nicht, warum die nicht zählen sollen.</p>
<p>Ich habe zwar vor Gericht verloren, aber eigentlich hat mir der Richter recht gegeben. Er hat gesagt, dass er mein Anliegen nachvollziehen kann und es gerechtfertigt findet. Trotzdem kam er zum Schluss, dass das Gericht den ÖFB nicht zwingen kann, seine Statistik zu ändern.</p>
<p><strong>Kämpfen Sie dennoch weiter für die Anerkennung der drei Tore?</strong></p>
<p>Naja, wenn man zwei Mal verloren hat, muss man einsehen, dass man keine Chance hat. Trotzdem hoffe ich, dass sie irgendwann anerkannt werden.</p>
<p><strong>Wenn man Ihre Karriere dramaturgisch erzählen müsste – wäre sie eher ein Shakespeare-Drama, eine Netflix-Serie oder ein Austropop-Song?</strong></p>
<p>Wahrscheinlich ein Rosamunde-Pilcher-Film – wo am Anfang alles schiefläuft, aber schlussendlich alles gut endet. (<em>lacht laut</em>) Zumindest würde ich mir ein Happy End wünschen.</p>
<p><strong>Apropos Film und Musik: Singen Sie noch?</strong></p>
<p>Nein. Ich habe irgendwann entschieden, mit dem Singen aufzuhören – weil ich befürchtet habe, dass man mich als Trainer dann nicht mehr ernst nimmt und das Trainersein mich voll und ganz erfüllt. Eigentlich hätt ich ruhig weiter Konzerte geben können – wir waren ja richtig erfolgreich. Auch wenn’s natürlich nicht jedes Wochenende möglich gewesen wäre.</p>
<p><strong>Vielleicht wäre das etwas für die Fußballpension – denken Sie schon daran?</strong></p>
<p>Nein. Solang die Wiener Viktoria Lust hat – und ich auch – mach ich weiter. Einen anderen Verein gibt’s für mich nicht mehr. Auch wenn’s mir für jeden Verein leid tut, der mich nicht genommen hat – selbst schuld.</p>
<p><strong>In einem Interview haben Sie einmal gesagt: „Ich habe nie das Spiel gemacht – ich habe die Entscheidung gebracht.“ Wenn wir diesen Satz politisch lesen: Wären Sie ein guter Bundeskanzler gewesen?</strong></p>
<p>Zumindest wäre ich ein „g’rader Michl“. Natürlich wäre es nicht einfach für mich, weil ich es gewohnt bin, eigenständig Entscheidungen zu treffen – ich war immer ein Macher. Aber als Politiker geht das nicht so einfach. Da musst du auf viele andere hören, und das wird kompliziert, wenn du gewohnt bist, schnell zu entscheiden. Wenn ich als Trainer mit meinen 30 Spielern jede Entscheidung einzeln diskutieren müsste – da komm ich ja gar nicht mehr zum Trainieren.</p>
<p><strong>Sie haben in Ihrer Karriere in einigen der buntesten Städte Europas gespielt – von den Tapas-Bars Sevillas über die Weinstuben Wiens bis hin zum Kölner Karneval haben Sie alles gesehen. Wenn Sie sich entscheiden müssten: Wo würden Sie heute gern noch einmal ein Jahr lang verbringen?</strong></p>
<p>Schwierige Frage. Aber vermutlich würde ich mich für Sevilla entscheiden – wegen der Lebensfreude, dem Klima, den Menschen. Die Leute dort waren unglaublich gut zu mir. Wobei: Das waren sie in Köln auch.</p>
<p>Am Ende müsste ich mich wohl zwischen Sevilla und Köln entscheiden – und da würde dann wahrscheinlich das Klima den Ausschlag geben. Also: Sevilla.</p>
<p><strong>Was war der schönste Unsinn, den Sie je gemacht haben – auf oder neben dem Platz?</strong></p>
<p>Eine Anekdote kommt mir da sofort in den Sinn – ob sie hierher passt, ist eine andere Frage: Als wir mit dem 1. FC Köln zu Auswärtsspielen gefahren sind, haben die gegnerischen Fans oft „Wir singen Toni, Toni, Toni Polster – wer kennt ihn? Den Stricher aus Wien!“ gerufen – natürlich um mich zu provozieren.</p>
<p>Zwei junge Spieler aus unserer Mannschaft haben das gehört und waren völlig schockiert: „Toni, hast du das gehört? Das ist ja schrecklich!“</p>
<p>Und ich nur: „Wieso? Des is super!“</p>
<p>Die beiden haben mich völlig verdutzt angeschaut, konnten es gar nicht glauben. Und dann habe ich ihnen eingeredet, dass die Fans eigentlich vom „Stecher“ aus Wien singen – also vom Frauenhelden.</p>
<p>(<em>Wir beide lachen – auch die Umstehenden können sich nicht mehr halten.</em>)</p>
<p><strong>Auf die Frage nach Ihrem Lieblingsautor haben Sie einmal geantwortet: „Ich habe keine Geduld, um Bücher zu lesen.“ Haben Sie denn vielleicht die Geduld, selbst eines zu schreiben? Eine Autobiografie von Toni Polster – ehrlich, direkt und garantiert ungeschönt – würde Ihre Fans sicher freuen.</strong></p>
<p>Im Lauf meines Lebens habe ich schon mehrere Bücher veröffentlicht – zwei über mein Leben und ein drittes gemeinsam mit Edi Finger.</p>
<p>Aber ich darf der UNIpress exklusiv verraten: Es wird ein neues Buch geben – gemeinsam mit Andi Herzog! Wir arbeiten gerade daran, die Verträge sind schon unterschrieben, und wir freuen uns riesig darauf.<br />
Ich kann euch jetzt schon sagen: Dieses Buch wird eine Sensation.</p>
<p><strong>Und zum Schluss, ganz unironisch: Was möchten Sie jungen Menschen heute mitgeben – den Innsbrucker Student:innen zum Beispiel?</strong></p>
<p>Ich würde ihnen wünschen, dass sie an der Uni Dinge lernen, die sie auch fürs Leben brauchen können – und nicht umgekehrt. (<em>grinst breit</em>)</p>
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			</item>
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		<title>„Putin ist vollkommen uncharismatisch“ – Armin Wolf im Interview</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Hofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Jun 2025 10:30:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Gespräch über Vorbilder und Anti-Helden, das journalistische Handwerk im Medienwandel, den Twitter-Ausstieg – und über jene Momente, in denen ein ORF-Moderator lieber so tut, als wolle er Lippenstift kaufen.&#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="subtitle_up"><em>Ein Gespräch über Vorbilder und Anti-Helden, das journalistische Handwerk im Medienwandel, den Twitter-Ausstieg – und über jene Momente, in denen ein ORF-Moderator lieber so tut, als wolle er Lippenstift kaufen.</em></div>
<p>Das Wiener Kaffeehaus, in dem wir uns treffen, scheint einer anderen Zeit entsprungen: Die Architektur der Fünfzigerjahre ist unversehrt, große Lampenschirme tauchen den Raum in warmes Licht, das sich auf den Marmortischen bricht. Die Kellner tragen Frack, die bestickten Polster lassen einen tief einsinken – als wolle das Mobiliar selbst zum Verweilen verführen. An den Wänden: Schwarz-Weiß-Porträts einer Gesellschaft, die sich einst hier versammelte. Zwischen Mahagoniholz und Mehlspeisen landet eine Melange vor mir, ein doppelter Espresso vor Armin Wolf. Er lehnt sich zurück. Der Blick offen, die Haltung aufrecht. Kaum ist die Kaffeetasse abgesetzt, beginnen wir – als lägen zwischen Melange und Mediendiskurs nur ein paar Millimeter Porzellan.</p>
<p><strong>UNIpress: Herr Wolf, unsere Printausgabe widmet sich diesmal den großen Leitmotiven „Vorbilder“ und „Helden“. Fangen wir chronologisch an: Wer war Ihr Kindheitsheld oder Ihre Kindheitsheldin?</strong></p>
<p>Armin Wolf: Meine Kindheitshelden im echten Leben waren meine Großeltern. Sie führten eine kleine Greißlerei, in der ich die ersten drei Jahre meines Lebens verbrachte – und später viele Wochenenden. Die schwerste Entscheidung damals war: Soll ich links in die Cremeschnitte oder rechts in die Schaumrolle beißen? Sie waren Großeltern wie aus dem Bilderbuch. Und dann, bis ich etwa zwölf oder dreizehn war, hieß mein Kindheitsheld Old Shatterhand.</p>
<p><strong>Was hat Sie an Old Shatterhand so fasziniert?</strong></p>
<p>Old Shatterhand weiß alles, ist stark, kann jeden besiegen, ist unfassbar geschickt und steht immer auf der Seite der Schwachen und Guten – edel, hilfreich und gut.</p>
<p><strong>Heute werden Karl Mays Erzählungen teilweise kritisch beäugt – etwa im Hinblick auf kulturelle Aneignung oder romantisierte Fremdbilder. Wie geht man damit um, wenn die Geschichten rund um den eigenen Kindheitshelden plötzlich unter kulturkritischer Beobachtung stehen?</strong></p>
<p>Es ist völlig klar, dass diese Erzählungen heute absurd sind. Ich habe sie ja Mitte der 1970er gelesen, und in meiner Generation haben viele Kinder diese Bücher verschlungen. Die heutigen Debatten über kulturelle Aneignung oder Rassismus gab es so nicht. Im Gegenteil: Karl May galt lange als großer Freund der amerikanischen Ureinwohner, weil er den „edlen Wilden“ idealisiert hat. Natürlich war er ein typischer Rassist des 19. Jahrhunderts, und dass man seine Bücher heute nicht mehr als Kinderliteratur empfiehlt, ist völlig logisch. Dennoch habe ich mit ihnen lesen und schreiben gelernt und mein Volksschullehrer war überrascht, dass ich mit acht schon Sätze über fünf Zeilen mit drei Nebensätzen schreiben konnte. Dass die Bücher voller rassistischer und antisemitischer Klischees sind, ist keine Frage.</p>
<p><strong>Wagen wir den Sprung in die Gegenwart: Hat man als wohl prominentester Journalist des Landes selbst Vorbilder?</strong></p>
<p>Vorbilder im klassischen Sinn hatte ich nie. Für mich bedeutet das, so sein zu wollen wie jemand anderer, und das wollte ich nie. Es gab viele Menschen, von denen ich sehr viel gelernt habe, mit denen ich gern gearbeitet habe, die mich geprägt haben. Aber im Sinne von: „So möchte ich werden“ – nein.</p>
<p><strong>Verstehen Sie sich selbst als Vorbild – insbesondere für junge Journalist:innen?</strong></p>
<p>Es würde mich freuen, wenn ein paar jüngere Kolleg:innen im Lauf der letzten Jahrzehnte etwas von mir gelernt hätten. Aber mich selbst als Vorbild zu sehen, fände ich irgendwie absurd.</p>
<p><strong>Dennoch handeln Sie oft vorbildlich, beispielsweise indem Sie klare Grenzen ziehen.. So wie bei Ihrem Rückzug von X, vormals Twitter. In der <em>Zeit</em> diskutierten Sie kürzlich mit Paul Ronzheimer, ob man dort heute noch guten Gewissens aktiv sein kann. Rückblickend: Was, meinen Sie, hat Ihr „eXit“ – und jener vieler Kolleg:innen – ausgelöst? Und wie blicken Sie heute auf jene, die geblieben sind?</strong></p>
<p>Der eXit hat mein Leben definitiv verbessert – allein schon, weil ich mich nicht mehr mit all den Verrückten und Aggro-Trollen auf Twitter herumschlagen muss. In den letzten ein, zwei Jahren wurde das so anstrengend, dass es keinen Spaß mehr gemacht hat und allein dafür hat sich der Ausstieg gelohnt. Außerdem sind damals rund 30 bis 40 Journalist:innen mit mir gemeinsam gegangen. Ich glaube, das war gut – denn Twitter ist mittlerweile leider wirklich böse. Und so wie ich nicht bei <em>Russia Today</em> publiziere, publiziere ich auch nicht auf Twitter.</p>
<p>Enttäuscht und überrascht bin ich, dass viele Politiker:innen geblieben sind. Es ist nicht mein Job, ihnen etwas vorzuschreiben – aber Twitter ist inzwischen eine unregulierte Propaganda-Plattform eines offen rechtsradikalen Politikers und kein Stück besser als Telegram. Wir Journalist:innen haben uns bewusst entschieden, dort als Gruppe rauszugehen und keine gemeinsame Aktion mit Politiker:innen zu organisieren. Ich hatte aber gedacht, dass Politiker:innen nachziehen – sie waren ja vor allem wegen der Medien dort. Die breite Wählerschaft ist nicht auf Twitter, das war immer ein Netzwerk für Info-Junkies. Umso mehr wundert und enttäuscht es mich, dass so viele Politiker:innen – und auch spannende Expert:innen – trotzdem geblieben sind.</p>
<p><strong>Wie schwer fiel Ihnen der Abschied von X?</strong></p>
<p>Ich hatte über 640.000 Follower – niemand weiß, wie viele davon echt waren, aber es war mit Abstand der größte Account in Österreich. Firmen investieren jahrelang zehntausende Euro, um Accounts aufzubauen, die vielleicht ein Fünftel so groß sind. Das hat also auch einen ökonomischen Wert – den wirft man nicht leichtfertig weg. Deshalb habe ich ein paar Monate darüber nachgedacht.  Aber mit Beginn des US-Wahlkampfs und dem zunehmenden Engagement von Herrn Musk wurde es täglich absurder. Unter jedem meiner Postings standen 30, 50 oder 200 Kommentare – die Hälfte davon von anonymen Trollen, die einfach nur „Heul leise!“ schrieben. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem die Entscheidung klar war, und ich habe sie keine Sekunde lang bereut.</p>
<p><strong>Hat sich der Tapetenwechsel zu Bluesky gelohnt?</strong></p>
<p>Es ist viel besser. Ich habe dort etwa ein Zehntel der Follower – aktuell rund 64.000. Auch das ist wieder der größte Account in Österreich, aber eben auf deutlich niedrigerem Niveau. Trotzdem bekomme ich dort mehr sinnvolle Kommentare und Interaktionen – sogar in absoluten Zahlen. Meine Timeline könnte allerdings noch spannender sein, weil einige, denen ich beruflich folgen muss oder die ich interessant finde, noch auf Twitter sind. Ich hoffe, sie wechseln irgendwann zu Bluesky.</p>
<p><strong>Sie betonen immer wieder – auch in Ihrem Blog –, dass es keinen wirklich neutralen Journalismus gibt, sondern nur unabhängigen, fairen und professionellen. Welche Missverständnisse über die Rolle der Medien verbergen sich hinter dem weit verbreiteten Ruf nach „Neutralität“?</strong></p>
<p>Ich halte es für ein grundlegendes Missverständnis, Journalismus als bloßes Protokollieren zu verstehen – so, als wären Journalist:innen ausschließlich Stenograf:innen, die ungefiltert wiedergeben, was gesagt wird, egal ob es stimmt oder nicht.</p>
<p>Journalismus heißt nicht: Einer sagt, es regnet, der andere sagt, es regnet nicht – und man schreibt einfach beides auf. Sondern: Man dokumentiert beides und geht dann selbst raus und schaut, ob es wirklich regnet. Dann fragt man weiter: Warum sagt jemand die Unwahrheit? War es ein Irrtum – oder steckt eine bewusste Absicht dahinter?</p>
<p>Das ist Journalismus – einordnen, bewerten, klären, ob etwas wahr oder unwahr ist. Es gibt keine Neutralität zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Fakten und Lügen. Ich zitiere dazu gern Gerd Bacher, den langjährigen ORF-Generalintendanten. Schon vor 40 Jahren sagte er:</p>
<blockquote><p><strong>„</strong><em>Journalismus ist Unterscheidung: Die Unterscheidung zwischen wahr und unwahr, zwischen wichtig und unwichtig, und zwischen Sinn und Unsinn</em>.“</p></blockquote>
<p>Und genau da sind Journalist:innen nicht neutral.</p>
<p><strong>In Ihrer MBA-Arbeit <em>„News kind of comes to me…“ </em>haben Sie sich bereits 2010 mit der politischen Informationsaufnahme junger Menschen befasst, die meist beiläufig, fragmentiert und stark durch soziale Netzwerke geprägt, erfolgt. Was bedeutet das für journalistische Inhalte, die mehr wollen als Reichweite?</strong></p>
<p>Ich finde „Reichweite” ist kein böses Wort – ganz im Gegenteil. Journalismus wäre ja sinnlos ohne Publikum. Wenn wir Journalismus für uns selbst machen würden, könnten wir einfach Tagebuch schreiben. Deshalb habe ich auch nie verstanden, warum es diese Debatte gibt, ob sich öffentlich-rechtliche Sender um Quoten bemühen sollen – natürlich sollen wir das! Ich möchte, dass möglichst viele Menschen die ZIB 2 sehen. Wir machen keine Inhalte nur für die Reichweite, aber wir bereiten relevante Themen so auf, dass es möglichst viele interessiert.</p>
<p>Weil es heute nicht mehr so ist wie früher – als ganz Österreich um 19:30 Uhr die ZIB 1 schaute und es ein soziales Tabu war, in dieser Zeit privat anzurufen – müssen sich Journalist:innen an veränderte Mediengewohnheiten anpassen. In meiner Kindheit im Olympischen Dorf in Innsbruck lag vor jeder Tür die <em>Tiroler Tageszeitung</em> – wirklich vor jeder. Heute informieren sich die Menschen anders. Also müssen Journalist:innen dorthin, wo das Publikum heute ist – und das sind für die meisten unter 40 die sozialen Medien.</p>
<p>Genau deshalb habe ich in der <em>Zeit im Bild </em>die Social Media Redaktion aufgebaut. Wir haben lange diskutiert und manche sagten anfangs zurecht: Sollen wir wirklich unsere teuer produzierten Inhalte US-Konzernen überlassen, die damit Werbegeld verdienen? Sollten die Leute nicht lieber unsere Sendungen schauen oder unsere Website besuchen? Stimmt alles – aber wir können sie nicht dazu zwingen. Wenn 4,5 Millionen in Österreich auf Facebook, 4 Millionen auf Instagram und 6,5 Millionen auf YouTube sind, dann müssen wir sie eben dort mit unseren Inhalten erreichen. Es bringt nichts, großartige Fernsehsendungen zu machen, wenn sie niemand unter 50 mehr sieht.</p>
<p><strong>Ein gelungenes Beispiel für diesen modernen Nachrichtenjournalismus ist der TikTok-Kanal der ZIB: informativ, unterschwellig und mit großer Resonanz bei jungen Nutzer:innen.</strong></p>
<p>Ambra Schuster und Idan Hanin, unsere beiden TikTok-Hosts, machen das wirklich großartig und zudem noch komplett selbstständig: Beitragsauswahl, Texte, Bilder, Schnitt, Untertitel, Publishing alles. Ich bin sehr stolz auf sie. Idan habe ich übrigens bei einem Schulbesuch in Wien kennengelernt. Er hat damals im Turnsaal vor der ganzen Oberstufe ein Gespräch mit mir moderiert. Schon mit 16 war er so beeindruckend, dass er in Erinnerung blieb. Als wir später jemanden für TikTok suchten, fiel er mir wieder ein, und mit gerade einmal 19 Jahren kam er zum ORF – vermutlich einer der jüngsten Journalisten, die der ORF je angestellt hat.</p>
<p><strong>Wo kommt diese Art der Berichterstattung dennoch an ihre Grenzen?</strong></p>
<p>Auch auf Social Media funktionieren mittlerweile längere Beiträge – fünf, sechs Minuten –, aber das ist etwas völlig anderes, als eine Tageszeitung zu lesen oder eine Sendung wie die ZIB zu schauen. Auf Social Media scrollt man einfach durch und sieht nur, was man abonniert hat oder einem vorgeschlagen wird – das ist eine ganz andere Form des Medienkonsums. Trotzdem ist es wichtig, dass seriöse Medien auch dort präsent sind, damit jene, die keine Zeitung mehr lesen, zumindest einen Kurz-Überblick bekommen. Aber wenn jemand seine gesamte Information nur noch von TikTok bezieht &#8230; mein Gott, der ist dann auch nicht schlechter informiert als jemand, der ausschließlich <em>Heute</em> oder <em>OE24</em> liest. Dennoch würde ich mir in einer Demokratie, in der wir möglichst qualifiziert wählen sollen, wünschen, dass sich Bürger:innen nicht ausschließlich so informieren. Ich würde allen Jungen raten: Schau mal in eine gut gemachte Tages- oder wenigstens Wochenzeitung – da kann man wirklich viel lernen.</p>
<p><strong>Von „derselben Zeitung vor jeder Wohnungstür Innsbrucks“ zum individuell kuratierten, pausenlos aktualisierten Newsfeed: Was hat der Journalismus von heute dem jener Zeit voraus – und was ging dabei womöglich verloren?</strong></p>
<p>Das ist völlig unvergleichlich. Wenn ich von den Medien meiner Kindheit erzähle, ist das, wie wenn meine Großmutter vom Leben ohne Strom erzählt hat. Als ich zehn war, gab’s den ORF mit zwei Kanälen, ORF1 und ORF2 – und irgendwann gegen Mitternacht war Sendeschluss: Fahne, Bundeshymne, dann nichts mehr bis zum Vormittag. Wer um 19:30 Uhr einschaltete, sah die ZIB 1 – es gab keine Alternative. Keine Privatsender, kein Kabelfernsehen, nur zwei Programme. Drei bis vier Millionen Menschen sahen dieselbe Nachrichtensendung – der Marktanteil lag bei 100 Prozent. Alle hatten denselben Informationsstand. Jeder Haushalt hatte „seine“ Zeitung – TT in Tirol, SN in Salzburg, <em>Kleine Zeitung</em> in der Steiermark und so weiter. Kein Internet, keine ausländischen Medien – heute ist alles anders, denn das Angebot ist riesig und viel besser. Es gibt zwar mehr Schrott, aber auch mehr Qualität und wer nachts um drei eine gute Doku sucht, wird fündig. Die <em>New York Times, </em>das vermutlich beste Medium der Welt, gibt’s für fünf Euro im Monat. Aber zugleich, glaube ich, zerstört Social Media unsere gesellschaftlichen Debatten. Ich bin überzeugt: Unterm Strich ist Social Media böse und hat unseren Diskurs versaut.</p>
<p><strong>Welche Kernkompetenzen braucht der journalistische Nachwuchs heute?</strong></p>
<p>Wer Journalist:in werden will, sollte sich zuerst ehrlich fragen: Warum eigentlich? Es ist, um ehrlich zu sein, ein mühsamer Beruf geworden – oft schlecht bezahlt, mit ökonomisch schwierigem Einstieg. Deshalb: Wer reich oder berühmt werden will – bitte nicht. Die wenigsten Journalistinnen und Journalisten werden berühmt, und noch weniger werden reich – dafür gibt’s eindeutig besser geeignete Berufe. Aber: Wer extrem neugierig ist, gerne lernt und Dinge verstehen will – und das auch gut erzählen kann – für den ist Journalismus ein großartiger Beruf. Vorausgesetzt, man ist stressresistent.</p>
<p>Wer’s ernst meint und nicht einfach nur Influencer werden will, dem würde ich raten: Zeig auf Social Media, was du kannst. Das ist einer der wenigen Vorteile dieser Plattformen – junge Journalist:innen können dort ganz unkompliziert zeigen, was sie können, ohne schon bei einem Medium zu arbeiten. Außerdem würde ich dazu raten, verschiedene Praktika zu machen, um herauszufinden, was dich interessiert und zu dir passt. Und: Je mehr Menschen man in der Branche kennenlernt – vielleicht auch beeindruckt – desto größer ist die Chance, ein Jobangebot zu bekommen.</p>
<p>Was auch noch wichtig ist: Bitte konsumiert Medien, wenn ihr welche machen wollt. Es verblüfft mich immer wieder, wie viele junge Leute Journalist:in werden wollen, ohne selbst welche zu kennen – oder überhaupt regelmäßig ernsthafte Medien zu nützen. Als ich anfing, habe ich jede Woche das <em>profil</em> verschlungen. Um an den Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen: Lingens, Voska, Löffler – das waren für mich so etwas wie Vorbilder. Ich las den <em>Spiegel</em> und dachte: So will ich mal arbeiten. Deshalb – wer keine Medien konsumiert, sollte vermutlich auch keine produzieren.</p>
<p><strong>In den vergangenen Jahren gerieten Medien und ihre Vertreter:innen – besonders auch beim ORF – zunehmend ins Visier populistischer Angriffe. Wie gehen Sie persönlich mit Anfeindungen und Bedrohungen um?</strong></p>
<p>Bedrohungen sind zum Glück kein allzu großes Problem, weil sie fast nur virtuell stattfinden. In über 20 Jahren ZIB 2 wurde ich im echten Leben genau dreimal blöd angegangen – das ist doch relativ wenig. Zum Vergleich: Ich werde täglich mindestens dreimal freundlich angesprochen. Die Drohungen kommen per Mail oder über Social Media und sind mir weitgehend egal. Viel unangenehmer finde ich Verleumdungen im Netz, die ja meist jahrelang auffindbar bleiben. Wenn’s einfach geht, dann klage ich, aber ich will solchen Narren auch nicht meine Lebenszeit schenken. Wenn ich erst mühsam herausfinden müsste, wer hinter einem anonymen Account steckt, lasse ich’s. Wenn jedoch jemand so unklug ist, es unter echtem Namen zu tun, bekommt er Post vom Anwalt und zahlt. Das Geld spende ich dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Das hat auch einen pädagogischen Effekt – vielleicht überlegt man sich dann doch zweimal, ob sich 1.500 Euro Anwaltskosten lohnen, nur um irgendetwas ins Internet zu kotzen.</p>
<p><strong>Das erinnert an jenen Vorfall, den Sie in einer Podcastfolge der <em>ZEIT</em> geschildert haben – als jemand an Ihnen im Vorbeigehen das Wort „Gisndl“ ins Ohr flüsterte.</strong></p>
<p>Genau – das war einer der drei Vorfälle im echten Leben. Und ehrlich gesagt: total harmlos, eher lustig. Das weiß ich nur noch, weil es so absurd war. Beim zweiten Mal – im Urlaub in Jesolo, im Bus – pöbelte mich ein sehr betrunkener Österreicher an. Das war unangenehm, weil unsere Kinder noch klein waren – wir sind dann ausgestiegen.</p>
<p>Der skurrilste Vorfall war ganz am Anfang meiner Moderationszeit. Ein Mann stürmte mitten im Winter im Hemd aus einem Geschäft – extrem wütend auf Armin Assinger. Als er mich sah, dachte er offenbar, ich sei der richtige Ansprechpartner für seinen Frust. „Sie! Sie sind doch vom ORF!“ – „Ja.“ – „Das ist eine Schweinerei mit dem Assinger!“ Er regte sich fürchterlich auf, dass <em>Die Millionenshow</em> so tue, als wäre sie live, obwohl die Weihnachtsfolge schon im September aufgezeichnet worden war. Ich blieb höflich stehen, weil man als Moderator weiß, dass heutzutage jeder ein Handy hat, und ehe man sich’s versieht, landet das Video auf oe24.at. Ich also: „Tut mir leid, ich habe die Sendung nicht gesehen. Was soll ich tun?“ – „Sie müssen das dem Assinger sagen!“ – „Ich kenne den Herrn Assinger nicht.“ – „Wie, Sie kennen den nicht? Sie sind doch vom ORF!“ – „Im ORF arbeiten über 3000 Menschen … ich habe Herrn Assinger noch nie gesehen.“ Das ging zehn Minuten so, – im Hemd, bei minus zehn Grad. Irgendwann wusste ich nicht mehr weiter. Also ging ich langsam in eine Parfümerie und tat so, als müsste ich dringend einen Lippenstift kaufen.</p>
<p>Einmal hat noch jemand „Armin, du linke Ratte“ auf den ORF-Parkplatz gesprayt, aber da denke ich mir auch: Der hat sicher den Assinger gemeint.</p>
<p>Ich habe also nie gefährliche Situationen erlebt. Und viel wichtiger: Ich erlebe täglich mehrere freundliche Begegnungen mit Menschen – das ist der viel wichtigere Maßstab.</p>
<p><strong>Wir haben über Vorbilder und Helden gesprochen – und in jedem Heldenepos gibt es bekanntlich auch den Bösewicht. Wie fühlt es sich an, wenn man einem wie Wladimir Putin gegenübersitzt?</strong></p>
<p>Wladimir Putin zu interviewen ist extrem schwierig, weil er offenbar großen Spaß daran hat, ausländische Journalist:innen bloßzustellen. Es gibt furchtbare Beispiele, wo er mit gezielten Gegenfragen renommierte Kolleg:innen in Verlegenheit gebracht hat – Fragen, die man de facto nicht beantworten kann und wenn das dreimal passiert, siehst du wie ein Dolm aus. Mein Hauptziel war also: Nicht blamieren! Deshalb war ich so gut vorbereitet, wie ich nur irgendwie vorbereitet sein konnte. Interessant war vor allem, dass er uns vier Stunden warten ließ – und sein Auftritt, als er schließlich kam. Denn der Mann ist ja sowas wie der ultimative Bösewicht unserer Zeit – vielleicht nur noch in Konkurrenz mit Donald Trump, aber solange Trump nicht in Kanada einmarschiert ist, liegt Putin klar vorn. Dann steht er plötzlich da – und man würde es gar nicht bemerken, wenn nicht zehn Sicherheitsleute mitkämen. Alle im Raum erstarren. Und er selbst? Vollkommen unscheinbar. Total uncharismatisch. Wahrscheinlich der uncharismatischste Politiker, den ich je getroffen habe.</p>
<p>Das war im ersten Moment überraschend und im zweiten wieder nicht. Denn Putin ist ja gelernter Geheimagent – deren Job ist es, nicht aufzufallen, möglichst unauffällig zu bleiben. Das hat er offenbar vollkommen verinnerlicht.</p>
<p>Kurz gesagt: Er ist uncharismatisch, schwer zu fassen und extrem schwer zu interviewen. Ich war ehrlich gesagt einfach froh, dass ich dieses Gespräch überstanden habe, ohne mich zu blamieren.</p>
<p><strong>Wenn man sich Putins Auftritt im Kreml vorstellt, würde man eher einen theatralischen Einzug, begleitet von der „Imperator“-Musik aus <em>Star Wars, </em>vermuten.</strong></p>
<p>(l<em>acht</em>) Nein, die läuft nicht.</p>
<p>Der Präsidentenpalast im Kreml ist wirklich beeindruckend, die Räume riesig – aber dann kommt dieser relativ kleine, unscheinbare Mann herein und mit ihm viele deutlich weniger unscheinbare Männer in dunklen Anzügen, die streng schauen. Im Raum waren etwa 40 Leute – in dem Moment, in dem er eintrat, erstarrten alle. Das allein verleiht dem Auftritt zwar eine gewisse Wirkung. Aber: Ich war Amerika-Korrespondent, als Bill Clinton Präsident wurde &#8211; oder auch Barack Obama: Das ist Charisma. Wenn Obama einen Raum betritt, fühlt es sich an, als hätte jemand das Licht von 220 auf 800 Volt hochgedreht. Manche Menschen haben einfach diese Ausstrahlung – und viele prominente Politiker:innen sind genau deshalb erfolgreich. Putin hat das nicht. Er ist vollkommen uncharismatisch.</p>
<p><strong>Sie sind bekannt für Ihre akribische Interviewvorbereitung. Wieviel Vorbereitungszeit steckte konkret hinter dem Gespräch mit Wladimir Putin?</strong></p>
<p>Ich hatte fünf Tage Zeit, bevor wir nach Moskau geflogen sind, und habe in diesen fünf Tagen nichts anderes gemacht, als mich vorzubereiten und zu schlafen. Mehr nicht.</p>
<p><strong>Waren Sie nervös?</strong></p>
<p>Ja, klar!</p>
<p>Es gibt ein paar sehr bekannte Journalist:innen, die sich in Interviews mit Wladimir Putin massiv blamiert haben, und das bleibt haften – innerhalb der Branche weiß man das noch zehn Jahre später. Bei unserem Interview gab es kaum Bedingungen – inhaltlich gar keine –, jedoch eine technische Vorgabe: Wir mussten mindestens 15 Minuten im Hauptabendprogramm senden. Den Ausschnitt durften wir frei wählen, aber das gesamte Gespräch musste dem russischen Fernsehen zur Verfügung gestellt werden. Und die durften es in voller Länge ausstrahlen, was sie natürlich auch taten.</p>
<p>Das heißt: Wenn ich mich blamiert hätte, hätte ich es im ORF theoretisch rausschneiden können, aber im russischen Fernsehen wäre es trotzdem gelaufen und über Social Media wäre es weltweit viral gegangen. Ganz ehrlich: Ich hatte keine Lust, dass von den 3.000 Interviews, die ich geführt habe, ausgerechnet dieses übrig bleibt, nur weil Putin mir eine absurde, unbeantwortbare Frage stellt</p>
<p>Insofern: Ich bin vor Interviews normalerweise nicht nervös – in diesem Fall war ich es. Und zwar ziemlich.</p>
<p><strong>Russische Medien sollen sich darüber echauffiert haben, dass Sie Präsident Putin im Interview mehrfach unterbrochen haben.</strong></p>
<p>Ja, das stimmt – das russische Fernsehen hat tatsächlich einen eigenen Beitrag darüber gemacht, den man auf YouTube finden kann. Der Tenor: „Unerhört! Ein rüpelhafter Journalist aus dem Westen unterbricht den Präsidenten zwölfmal!“<em><br />
</em>Ich fand das ehrlich gesagt ziemlich lustig, denn das Interview dauerte 54 Minuten – normalerweise unterbreche ich bei Zehn-Minuten-Interviews so oft. Ich habe ihn also extrem selten unterbrochen. Zumal Putin dazu neigt, endlos zu monologisieren und er der Weltmeister im Whataboutism ist – man müsste ihn eigentlich viel öfter unterbrechen.</p>
<p>In einem simultan übersetzten Interview ist das jedoch viel schwieriger. Atmosphärisch ist es natürlich etwas ganz anderes als im ZIB-2-Studio, wo die Zuseher:innen wissen, wie die Gesprächsführung läuft und ich gewissermaßen der Hausherr bin. Im Präsidentenpalast des Kremls war ich der Gast, vor laufenden russischen Kameras, dem Staatspräsidenten gegenüber – ein völlig anderes Setting. Dass sich das russische Staatsfernsehen dann über meine zwölf Unterbrechungen empört, passt exakt ins Bild.</p>
<p><strong>Der <em>Politico</em> betitelte Sie als „einen der fähigsten – und gefürchtetsten – politischen Journalisten Europas, der jeden, von Ministerpräsidenten bis zu lokalen Politikern, unter den Lichtern seines TV-Studios zum Schwitzen bringt.“ Wie lernt man diese Kunst des präzisen, konfrontativen Interviewens und das „Zum-Schwitzen-Bringen“ von Politikern?</strong></p>
<p>Politiker:innen zum Schwitzen zu bringen ist eigentlich nicht mein Ziel – darum geht’s nicht. Mein Ziel ist, ihre Arbeit kritisch zu hinterfragen. Menschen, welche die Regeln gestalten, nach denen wir alle leben müssen, sollen ihre Entscheidungen nicht nur verkünden, sondern auch begründen und sich mit Kritik und Widerspruch auseinandersetzen.</p>
<p>Wie man das lernt? Indem man sich inhaltlich so gut wie möglich vorbereitet. Und – das weiß ich gar nicht, wie gut man das lernen kann – indem man kein Unbehagen gegenüber konfrontativen Gesprächen hat. Ich hatte das jedenfalls nie. Als Kind habe ich schon leidenschaftlich gern diskutiert und meine Eltern damit maßlos genervt. Die erste Antwort hat mir nie gereicht. Vielleicht kann man das bis zu einem gewissen Punkt lernen, aber bei mir passiert das ziemlich natürlich. Wenn ich jemandem eine Frage stelle und die Antwort überzeugt mich nicht, frage ich einfach weiter – auch im echten Leben.</p>
<p><strong>War das schon am Esstisch zu Hause so?</strong></p>
<p>Bis ich neun oder zehn war, durften meine Schwester und ich beim Essen gar nicht reden. Irgendwann änderte sich das – ich weiß nicht mehr genau wann. Aber so ab dreizehn, vierzehn wurde bei uns sehr viel diskutiert. Meine Eltern haben sich sehr für Politik interessiert und es gab viele Gespräche über alles Mögliche. Das hat mir sehr geholfen.</p>
<p><strong>In Ihrem Beitrag für das Lehrbuch <em>Praktischer Journalismus</em> beschreiben Sie, dass Sie von rund 3000 geführten Fernsehinterviews nur drei exakt so wiederholen würden. Welche waren das – und warum nur diese drei?</strong></p>
<p>Weil man in einem Live-Interview in sehr kurzer Zeit sehr viele Entscheidungen treffen muss. Besonders mit Politiker:innen – die kommen ja nicht, um Fragen zu beantworten, sondern um vor sehr vielen Menschen Wahlreden zu halten. Man muss ständig abwägen: Unterbreche ich? Lasse ich sie weiterreden, obwohl die Antwort kaum zur Frage passt, aber für die Zuseher:innen interessant sein könnte? Oder steuere ich zurück zur eigentlichen Linie? Bei dieser Vielzahl an Entscheidungen treffe ich nie alle richtig. Im Nachhinein würde ich fast jedes Interview an der einen oder anderen Stelle anders führen – manche deutlich, andere nur in Nuancen.</p>
<p>Drei Interviews sind die Ausnahme.</p>
<p>Das erste war mit <strong>Frank Stronach</strong> – ein skurriles Gespräch. Er war völlig unberechenbar, hat keine einzige Frage wirklich beantwortet. Eigentlich ein journalistischer Totalschaden – aber zugleich ein total authentisches Porträt. Genauso war er dann auch als Politiker. Deshalb würde ich daran nichts ändern.</p>
<p>Das zweite war das Interview mit <strong>Wladimir Putin</strong>. Auch da gäbe es tausend Details, die man anders machen könnte, aber mehr war nicht herauszuholen. Putin ist extrem kontrolliert – er sagt nur, was er sagen will. Mein Ziel war, mich nicht zu blamieren, und das habe ich erreicht. Das Interview wurde danach von der <em>New York Times</em>, dem <em>Guardian</em> und der <em>Washington Post</em> positiv besprochen – damit bin ich völlig zufrieden.</p>
<p>Das dritte war mit <strong>Erwin Pröll </strong>– das einzige, das ich mit ihm geführt habe. Es war sein Abschiedsinterview nach 25 Jahren als Landeshauptmann von Niederösterreich und wurde sehr konfrontativ. Er hat mich auf Sendung beschimpft und angebrüllt – und danach noch eine Viertelstunde lang so weiter gemacht. Bis heute ist er sauer auf mich. Aber rückblickend glaube ich: In diesem Gespräch war tatsächlich jede meiner Entscheidungen richtig.</p>
<p><strong>Die Ausbeute – drei von 3000 – liegt also weniger an persönlichem Perfektionismus, sondern mehr an der Komplexität des Live-Interviews?</strong></p>
<p>Absolut. Man muss in ganz kurzer Zeit so viele Entscheidungen treffen. Ich will mich jetzt nicht mit Roger Federer vergleichen – der spielt hundertmal besser Tennis, als ich Interviews führe – aber ich bin mir sicher, dass er wahrscheinlich nur sehr wenige Matches hatte, bei denen er im Nachhinein sagen würde, dass er jeden einzelnen Schlag exakt so wiederholen würde. In einem Match schlägt man Hunderte, vielleicht Tausende Bälle, da können nicht alle perfekt sein. Und genau so ist es auch mit Interviews im Live-Fernsehen.</p>
<p><strong>Sie haben an der Universität Innsbruck Politikwissenschaft studiert und waren sogar Teil der <em>UNIpress</em>. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?</strong></p>
<p>Mein Plan war eigentlich, Wirtschaftspädagogik zu studieren und Lehrer an einer Handelsakademie zu werden. Aber am Tag der offenen Tür der Uni Innsbruck vor meiner Matura hörte ich auch eine Einführungsvorlesung von Anton Pelinka zur Politikwissenschaft. Er war damals der bekannteste Politikwissenschaftler des Landes – so etwas wie ein Peter Filzmaier der 1980er-Jahre. Die Vorlesung war so spannend, dass ich das mit der Wirtschaftspädagogik bleiben ließ. Ich hatte aber keine Ahnung, was man mit Politikwissenschaft beruflich machen kann – nur, dass ich nicht Politiker werden will. Also nahm ich mir vor, Politikwissenschaftler zu werden, der Nachfolger von Anton Pelinka quasi – hat nicht ganz geklappt, vielleicht auch, weil ich zu lange studiert habe. (s<em>chmunzelt</em>)</p>
<p>Ich begann im Oktober 1985 – im ersten Semester, in dem Politikwissenschaft in Innsbruck regulär als eigenes Studium angeboten wurde. Das Institut war winzig: ein Professor, vier Assistent:innen, ein paar Räume im sogenannten Schmelz-Seitenflügel. Total familiär, 70 Studierende, alle kannten einander. Neben Politikwissenschaft studierte ich Soziologie und Zeitgeschichte. Fachlich war das spannend, aber ich war nicht allzu oft an der Uni, weil ich mein Studium selbst finanzieren musste und beim ORF arbeitete. Zum ersten mal nur studiert habe ich erst mit Anfang 40, als ich in Bildungskarenz ging und ein MBA-Studium absolvierte.</p>
<p>Zur <em>UNIpress</em> kam ich über meinen Freund Klaus Lerch, den ich bei einem Schülerzeitungsseminar kennengelernt hatte. Er war dann ÖH-Pressereferent und fragte, ob ich mitschreiben wolle. So entstanden 1986 mehrere Titelgeschichten. Die <em>UNIpress</em> stellte sich damals journalistisch neu auf – magaziniger, analytischer. Wir organisierten sogar ein Seminar mit <em>profil</em>-Chefredakteur Helmut Voska, der für ein Wochenende nach Innsbruck kam und uns beibrachte, wie man Magazin-Texte schreibt.</p>
<p>Es war eine fachlich wie persönlich prägende Zeit, auch wenn ich Ende 1987 dann nach Wien zog. Aber der Bezug zur Uni Innsbruck blieb bestehen – ich habe dann auch meine Dissertation wieder dort geschrieben.</p>
<div id="attachment_21598" style="width: 2570px" class="wp-caption alignnone"><img aria-describedby="caption-attachment-21598" decoding="async" loading="lazy" class="wp-image-21598 size-full" src="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/05/Foto-Titelseiten-UNIpress-Wolf-3-scaled.jpeg" alt="" width="2560" height="1920" srcset="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/05/Foto-Titelseiten-UNIpress-Wolf-3-scaled.jpeg 2560w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/05/Foto-Titelseiten-UNIpress-Wolf-3-300x225.jpeg 300w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/05/Foto-Titelseiten-UNIpress-Wolf-3-1024x768.jpeg 1024w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/05/Foto-Titelseiten-UNIpress-Wolf-3-768x576.jpeg 768w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/05/Foto-Titelseiten-UNIpress-Wolf-3-1536x1152.jpeg 1536w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/05/Foto-Titelseiten-UNIpress-Wolf-3-2048x1536.jpeg 2048w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/05/Foto-Titelseiten-UNIpress-Wolf-3-1920x1440.jpeg 1920w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/05/Foto-Titelseiten-UNIpress-Wolf-3-1170x878.jpeg 1170w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/05/Foto-Titelseiten-UNIpress-Wolf-3-585x439.jpeg 585w" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" /><p id="caption-attachment-21598" class="wp-caption-text">Ein Blick in Armin Wolfs UNIpress-Archiv &#8211; die Titelgeschichten dieser Ausgaben stammen von ihm. (Foto: Armin Wolf)</p></div>
<p><strong>Wenn Sie heute an Ihre Alma Mater zurückkehren und eine Gastvorlesung halten könnten: Über welches Thema würden Sie sprechen – und was sollten die Studierenden unbedingt mitnehmen?</strong></p>
<p>Ich habe einige Jahre eine Lehrveranstaltung an der Universität Innsbruck gehalten – damals gab es nur wenige medienbezogene Lehrveranstaltungen, und ich habe als externer Lektor „Praxis des Journalismus“ gelehrt, mit Schwerpunkt auf Radiojournalismus. Das hat mir großen Spaß gemacht. Irgendwann wurde es aber organisatorisch zu mühsam von Wien aus, also habe ich dort weiter unterrichtet.</p>
<p>Ob ich heute nochmal eine Lehrveranstaltung halten würde, weiß ich nicht. Der Journalismus hat sich in den letzten 20 Jahren grundlegend verändert – Rollen und Anforderungen sind heute ganz andere. Als ich angefangen habe, war mein Ziel: so gut zu werden wie die, die damals 40 oder 50 waren. Bei der ZIB 2 war Robert Hochner mein großes Vorbild – einer der besten Moderatoren überhaupt. Für mich war klar: Wenn ich mich richtig anstrenge, werde ich vielleicht irgendwann halb so gut wie er.</p>
<p>Heute ist das anders. Die Medienlogik hat sich umgedreht. Unser TikTok-Host Idan Hanin hat in den ersten zwei Jahren sicher noch etwas von mir gelernt – mittlerweile glaube ich, dass ich mehr von ihm lernen kann. Vielleicht könnte ich die Texte schneller schreiben, vielleicht weiß ich mehr aus dem Stegreif – aber technisch? Keine Chance. Und sicher nicht in diesem Tempo. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob ich 20-Jährigen heute noch viel beibringen kann. Vielleicht sollten solche Lehrveranstaltungen lieber von Jüngeren gehalten werden – von Menschen, die sich in dieser neuen Medienrealität intuitiv und handwerklich sicher bewegen.</p>
<p><strong>Ihr Urgroßvater war ein berühmter Alpinist und hat mehrere Erstbesteigungen durchgeführt – Sie tragen gewissermaßen Alpinisten-Blut in sich…</strong></p>
<p>(l<em>acht</em>) Nein, wirklich gar nicht.</p>
<p>Rein genetisch vielleicht – wobei ich bezweifle, dass es dafür ein Gen gibt. Mein Urgroßvater, den ich natürlich nie kennengelernt habe – er ist 1905 abgestürzt – war tatsächlich ein ziemlich bekannter Bergsteiger. Aber das habe ich erst erfahren, als ich schon erwachsen war.</p>
<p><strong>Dann erübrigt sich wohl die Frage, ob Sie die Tiroler Bergwelt vermissen. (<em>grinst</em>)</strong></p>
<p>Ziemlich. Ich war in meinem ganzen Leben genau dreimal bei einem Gipfelkreuz – kurioserweise zweimal am selben Berg. Einmal bei einem Schulausflug in der Handelsakademie, auf dem Blaser im Stubaital – das war wahnsinnig anstrengend. Und aus irgendeinem nicht mehr nachvollziehbaren Grund bin ich mit Ende zwanzig nochmal genau dort hinaufgestiegen. Gibt ja so wenig Auswahl in Tirol. Ein drittes Mal war ich in der Steiermark auf einem Gipfel, weil mich meine damalige Freundin genötigt hat – das war’s. Zwei verschiedene Berge. Und ehrlich gesagt: Mich reizt das überhaupt nicht. Ich schaue mir gerne Berge von unten an, aber im Flachland oder bei sanften Hügeln fühle ich mich eindeutig wohler.</p>
<p><strong>Wenn es nicht die Berge sind – gibt es andere Orte in Innsbruck, mit denen Sie bis heute etwas Persönliches verbinden?</strong></p>
<p>Ja, meine alte Schule – die Handelsakademie am Rennweg. Ich bin dort sehr gern hingegangen und wollte ja auch selbst HAK-Lehrer werden. Vier Jahre lang habe ich dort eine Schülerzeitung gemacht. Und direkt neben der Schule, liegt das ORF-Landesstudio – ich konnte von meiner Maturaklasse aus direkt hinüberschauen. Dass ich gleich nach der Matura dort als Journalist lande, konnte ich damals natürlich nicht ahnen – aber die Nähe war irgendwie sinnbildlich.</p>
<p>Ein zweiter Ort, der für mich stark mit Innsbruck verbunden ist, ist das Treibhaus. Zwischen dem Treibhaus und dem Café Central hat sich ein großer Teil meiner Jugend zwischen 15 und 21 abgespielt. Bis heute gehe ich bei jedem Innsbruck-Besuch mindestens einmal ins Café Central, und wenn’s geht, auch ins Treibhaus.</p>
<p>Dazu kommt noch das Kellertheater. Kultur spielte in meiner Familie keine Rolle – mein Vater war Hausmeister, meine Mutter Lebensmittelverkäuferin. Theater, Museen – das gab’s bei uns nicht. Mit 16 habe ich mir diese Welt selbst erschlossen, angefangen im Kellertheater. Dort habe ich einige meiner bis heute liebsten Theaterabende erlebt – Stücke, die mich mit 18, 19 nachhaltig beeindruckt haben. Fantastische Aufführungen.</p>
<p><strong>Sie haben sogar einmal selbst im Treibhaus gelesen, oder?</strong></p>
<p>Ja, das stimmt. Es war ein Karl-May-Abend, gemeinsam mit dem Kabarettisten Thomas Maurer, dem Schriftsteller Thomas Glavinic und dem Journalisten Guido Tartarotti, die alle drei, so wie ich, ihre Kindheit mit Winnetou, Old Shatterhand und Sam Hawkens verbracht haben – ein wirklich besonderes Erlebnis. Ich habe inzwischen viele Bühnenformate gemacht, etwa mit Peter Filzmaier, aber das Treibhaus ist ein ganz eigener Raum. Durch die enge Architektur in diesem Turm entsteht eine extrem dichte Atmosphäre. Wir haben das Karl-May-Programm in ganz Österreich gespielt und der Abend im Treibhaus war eindeutig der intensivste.</p>
<p><strong>Im Gegensatz zu Superkräften wie Fliegen oder Unsichtbar sein: Welche Eigenschaften machen für Sie echte Heldinnen und Helden aus – ganz ohne Cape?</strong></p>
<p>Zivilcourage.</p>
<p><strong>Viele Studierende in Innsbruck sehen in Ihnen ein Vorbild. Was würden Sie ihnen als Schlussbotschaft mitgeben – für den Weg in den Journalismus, den Umgang mit Medien oder ein verantwortungsbewusstes Leben in dieser Gesellschaft?</strong></p>
<p>Ich fühle mich wirklich nicht dazu berufen, große Lebensratschläge zu geben – ich versuche ja selbst, mein eigenes Leben halbwegs hinzubekommen.</p>
<p>Aber: Wenn man das Glück hat, in einer funktionierenden Demokratie aufzuwachsen, dann sollte man versuchen, ein aktiver Teil davon zu sein. Ob politisch, journalistisch, im Verein oder auf ganz andere Weise – irgendetwas beizutragen, damit die Gesellschaft nicht schlechter wird. Vielleicht wird sie dadurch sogar besser. Aber zumindest nicht schlechter – das wäre ja schon was wert.</p>
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		<title>„Guter Journalismus ist keine Einbahnstraße“ – JETZT-Chefredakteurin Elisalex Henckel-Donnersmarck im Interview</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Hofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 07 Jun 2025 13:10:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Während mancherorts Medien zwischen politischem Druck, ökonomischer Abhängigkeit und digitaler Beschleunigung um ihre Unabhängigkeit ringen, schlägt JETZT einen neuen Weg ein: autonom, dialogisch, mitgliederfinanziert. Elisalex Henckel-Donnersmarck über die Kraft guter&#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="subtitle_up">Während mancherorts Medien zwischen politischem Druck, ökonomischer Abhängigkeit und digitaler Beschleunigung um ihre Unabhängigkeit ringen, schlägt <em>JETZT</em> einen neuen Weg ein: autonom, dialogisch, mitgliederfinanziert. Elisalex Henckel-Donnersmarck über die Kraft guter Geschichten, einmalige Chancen – und den wohl bedeutendsten Investigativjournalisten dieser Zeit als Teamkollegen.</div>
<p>Wenn die <em>Le Monde</em> – ins Deutsche übertragen: „Die <em>Washington Post</em> im Auge des Sturms der Trump-Präsidentschaft“ – titelt, ahnt man, wie fragil selbst die Unabhängigkeit jener Mediengiganten werden kann, die einst als Bollwerke des freien Journalismus galten. Der Artikel des französischen Leitmediums zeichnet das Bild einer Redaktion im Aufruhr: Im Frühjahr 2025 verkündete Eigentümer Jeff Bezos, die Meinungssektion der <em>Washington Post</em> künftig stärker an marktliberalen und individualistischen Freiheiten auszurichten – eine ideologische Kurskorrektur, die viele Redakteure als Konzession an das politische Klima der zweiten Trump-Präsidentschaft interpretierten. Die redaktionelle Autonomie geriet ins Taumeln, erste prominente Stimmen verließen aus Protest das traditionsreiche Blatt: Sowohl die langjährige Kolumnistin Ruth Marcus als auch der Chef der Meinungsseiten, David Shipley, zogen die Konsequenzen. Der Schatten des Eigentümers begann spürbar auf die publizistische Linie zu fallen.</p>
<p>Auch andernorts erodiert die journalistische Unabhängigkeit unter dem Druck ökonomischer und politischer Interessen. In Österreich offenbarte die Inseratenkorruption ein System wechselseitiger Gefälligkeiten, in dem sich milde Berichterstattung mit millionenschweren staatlichen Anzeigen erkaufen ließ – ein toxisches Geflecht aus Steuergeld und Schlagzeilen. Nicht zu schweigen von unserem autokratischen Nachbarn Viktor Orbán und seiner Fidesz-Partei, denen es in Ungarn gelang, das Mediensystem systematisch auf Linie zu bringen: staatsnahe Stiftungen, loyale Eigentümerkreise und restriktive Mediengesetze spannten ein engmaschiges Netz der Kontrolle, in dem kritische Stimmen zusehends marginalisiert wurden.</p>
<p>Es sind Mechanismen der Einflussnahme, mal unverblümt, mal schleichend, denen sich der Journalismus weltweit gegenübersieht. Und es sind genau jene Abhängigkeiten, gegen die das neue österreichische Medienprojekt <em>JETZT</em> ein Gegengewicht setzen will: ohne Inseratenmillionen, ohne anonyme Geldgeber, ohne staatliche Hintertüren. Mitgliederfinanziert, dialogorientiert, mit dem Anspruch auf intellektuelle Tiefe. Ein Medium, das seine Leser:innen nicht als Zielgruppe, sondern als Teil eines gemeinsamen Diskurses begreift.</p>
<p>An der redaktionellen Spitze steht Elisalex Henckel-Donnersmarck, die nach Stationen bei der <em>Welt</em>, <em>NZZ.at</em> und als Chefredakteurin von <em>Datum</em> nun den Schritt wagt, ein journalistisches Konzept von kompromissloser Stringenz zu realisieren. Ein Gespräch – geführt im Du, was, wie Elisalex berichtet, dem Selbstverständnis der Redaktion von <em>JETZT</em> entspricht – über Unabhängigkeit, das Menschschliche und einen Begriff, der über allem thront: Geschichten.</p>
<p><strong>UNIpress: Elisalex, du hast im Podcast <em>Ganz offen gesagt</em> erzählt, dass du eher zufällig in den Journalismus hineingerutscht bist. Wann war für dich der Moment gekommen, an dem klar wurde: „Das ist mehr als nur ein Praktikum neben dem Studium – das ist genau das, was ich beruflich machen will“?</strong></p>
<p>Elisalex Henckel-Donnersmarck: Ich habe während der Schulzeit ein bisschen gearbeitet und dann auch neben dem Studium verschiedene Sachen ausprobiert. Irgendwann bin ich in einer Lokalredaktion gelandet und als erste Aufgabe, die ich dort bekommen habe, musste ich Polizeiberichte umzuschreiben. Das ist, glaube ich, so der Klassiker, mit dem man früher angefangen hat – sozusagen die „deppensicherste“ Aufgabe. Das fand ich aber schon so aufregend und spannend, dass ich mir gedacht habe: Wenn mir schon die einfachste oder langweiligste Aufgabe im Journalismus so viel Spaß macht, dann lohnt es sich eigentlich, dabeizubleiben. In den Semesterferien habe ich dann immer weiter Praktika bei verschiedenen Redaktionen gemacht und das hat mir wirklich extrem großen Spaß gemacht. Deshalb habe ich nach dem Studium beschlossen, mich zu bemühen, einen Platz an einer Journalistenschule in Deutschland zu bekommen. Damals – also Anfang der 2000er-Jahre – gab es in Österreich noch sehr wenig echte Ausbildung für Journalisten. In Deutschland war das Angebot einfach viel größer, weil es dort die verschiedenen Volontariate der öffentlich-rechtlichen Sender und die Journalistenschulen gab. Ich wollte unbedingt nach Berlin, weil ich die Stadt so wahnsinnig spannend fand – und an der Journalistenschule von Axel Springer kam beides zusammen.</p>
<p><strong> </strong><strong>Wie würdest du „guten Journalismus“ definieren?</strong></p>
<p>Ich habe dazu sogar gerade einen Newsletter geschrieben. Darin habe ich formuliert: Guter Journalismus hält sich zunächst einmal an die Regeln unserer Zunft. Er entsteht in einer weisungsfreien Redaktion, die klar vom Verlag getrennt ist. Dieser Journalismus berichtet, was ist und was sein könnte. Er unterscheidet zwischen Fakten und Meinung, sortiert, was wichtig ist und was nicht, hilft Hintergründe zu verstehen und Zusammenhänge zu erkennen. Er bemüht sich um Ausgewogenheit, Fairness und Transparenz. Und vor allem erzählt er mir etwas über die Welt, das ich noch nicht wusste.</p>
<p>Ich glaube, da würden mir vermutlich die meisten Kolleg:innen zustimmen. Was uns bei <em>JETZT</em> noch ein wenig von den meisten anderen unterscheidet: Für uns ist guter Journalismus keine Einbahnstraße, sondern ein Dialog. Wir bauen auf die Menschen, für die wir unseren Journalismus machen und nennen sie ganz bewusst Mitglieder und nicht Abonnent:innen. Wir glauben an einen Kreislauf– nicht nur an eine Beziehung zwischen Sendern und Empfängern, wie es ein Abonnement aus meiner Sicht suggeriert. Für uns sind die Mitglieder nicht nur ökonomisch die Voraussetzung, um unabhängig arbeiten zu können, sondern auch inhaltlich ein ganz wesentliches Element.</p>
<p>Natürlich werde ich versuchen, wenn wir starten, ein Team zusammenzustellen, dass möglichst viele Fähigkeiten, Perspektiven und Erfahrungen vereint – ich werde etwa zehn bis zwölf Stellen dafür zur Verfügung haben – aber auch in diesem für eine Neugründung vergleichsweise großzügigen Team können wir sicher nicht alle Blickwinkel, Perspektiven, Erfahrungen und biografischen Hintergründe abbilden. Deshalb ist es uns wichtig, die Mitglieder auch als inhaltliche Bereicherung zu verstehen: Sie liefern Ideen für Recherchen, weisen uns auf Fehler hin und wir wollen ihnen dabei Rede und Antwort stehen. Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt, denn Journalismus – genau wie Wissenschaft und Politik – hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten enorm an Vertrauen verloren. Dem wollen wir begegnen, indem wir nahbar sind, uns besser erklären und transparent machen, warum wir was oder wie tun und was das für die Menschen bedeutet, für die wir unsere Arbeit machen. Das ist für uns eine zentrale Komponente des Journalismus, der <em>JETZT</em> auszeichnen soll.</p>
<p>Unser Vorbild ist dabei <em>Zetland</em> in Dänemark, die das sehr radikal und konsequent umsetzen und ihre Arbeitsprozesse entsprechend gestaltet haben. Dort rufen die Autor:innen regelmäßig Mitglieder an, sprechen mit ihnen, holen sich Feedback, erfahren, was gut ankommt, was fehlt, welche Themen sie vermissen und so weiter. Das heißt aber natürlich nicht, dass ich die redaktionelle Verantwortung für die Inhalte, die wir produzieren, aus der Hand gebe. Es bedeutet vielmehr, dass wir zuhören und Rede und Antwort stehen. Entlang der Leitplanken, die ich eingangs skizziert habe, wollen wir erreichbar sein und uns den Menschen stellen, für die wir arbeiten.</p>
<p><strong>Stichwort guter Journalismus, Stichwort <em>JETZT</em>: Vielleicht kannst du noch einmal kurz erklären, was <em>JETZT</em> eigentlich genau ist – und was dort konkret besser, anders oder womöglich sogar grundlegend neu gemacht werden soll?</strong><br />
Wir haben uns bei <em>JETZT</em> vorgenommen, ein Medium zu sein, das Menschen hilft, die Welt besser zu verstehen. Wir glauben, dass es wichtig ist, zunächst zu verstehen, bevor man sich ein Urteil bildet. Wir wollen mit offenem Visier den Austausch mit Menschen suchen und auch einen Raum schaffen, in dem dieser Austausch wieder möglich ist. Denn wir glauben, dass unsere Gesellschaft extrem polarisiert ist und es in Österreich zu wenige Räume gibt, in denen man sich – ohne Angst vor Lügen, Beleidigungen und Hetze – wirklich über das Geschehen in der Welt austauschen kann.</p>
<p>Was werden wir anders machen? Ich bin überzeugt, dass es bereits sehr viel guten Journalismus in Österreich gibt. Aber es gibt ein paar Dinge, von denen es aus meiner Sicht noch mehr geben könnte – und genau darauf wollen wir uns konzentrieren und anderes bewusst weglassen.</p>
<p>Was wir machen wollen sind zum einen einordnende Nachrichtenformate, die auch junge Menschen erreichen. Zum anderen sorgfältig recherchierte und spannend erzählte Hintergrundgeschichten – und ich sage bewusst Geschichten –, die in die Tiefe gehen und die es immer auch zum Hören geben wird. Und schließlich dieser Raum des Austauschs, in dem man mit anderen in Kontakt treten und über die Themen sprechen kann, über die wir berichten. Zu dieser Diskussion werden die jeweiligen Autor:innen nach jedem Beitrag aktiv einladen und diese Gespräche auch moderieren. Davon verspreche ich mir einerseits eine inhaltliche Bereicherung, andererseits aber auch, dass wir wieder ein Stück näher an die Menschen heranrücken, für die wir unseren Journalismus machen.</p>
<p><strong>Auf eurer Website habt ihr angekündigt, dass eine App in Planung ist, zudem betont ihr euren multimedialen Zugang: Die Artikel sollen sowohl gelesen als auch angehört werden können. Wie wird dieser Ansatz technisch und redaktionell konkret umgesetzt? Werden die Autor:innen ihre Texte selbst einsprechen – oder wird es eine einheitliche <em>JETZT</em>-Stimme geben?</strong></p>
<p>Wir werden eine App bauen, mit der Technik, die uns <em>Zetland</em> – unser strategischer und konzeptioneller Partner aus Dänemark – zur Verfügung stellt. Diese App wird an jedem Wochentag eine kuratierte Auswahl journalistischer Inhalte bereitstellen. Morgens wird es einen Überblick über die wichtigsten Themen geben, am Nachmittag ein Expertengespräch zum Thema des Tages. Dazu kommen ein bis zwei sorgfältig recherchierte und spannend erzählte Hintergrundgeschichten. Die App ist so gestaltet, dass man bei jedem Beitrag eine kleine Schaltfläche hat, über die man wählen kann: lesen oder hören. Die Mitglieder können dann unter Klarnamen – manche laden auch ihr Foto hoch – zu den jeweiligen Beiträgen diskutieren, Feedback geben, Kritik üben, Fragen stellen oder Anregungen liefern, was man zu dem Thema noch aufgreifen könnte oder was möglicherweise übersehen wurde.</p>
<p>Es handelt sich dabei bewusst um eine handverlesene und handgemachte Produktion. Die Beiträge werden von den jeweiligen Autor:innen nicht nur geschrieben, sondern auch für das Hören aufbereitet. Sie sprechen ihre Texte selbst ein – wobei wir bewusst sagen: nicht vorlesen, sondern ein-erzählen. Man soll die Menschen hören und spüren, die diesen Journalismus machen. Wir gehen davon aus, dass es künftig noch sehr viel mehr automatisch generierte Inhalte im Netz geben wird – und dass damit auch die Sehnsucht nach von Menschen gemachtem Journalismus deutlich wachsen wird. Und zwar nicht nur danach, dass Menschen die Inhalte produzieren, sondern dass man diese auch erreichen, spüren und nachvollziehen kann: wie sie arbeiten, warum sie arbeiten und was das alles mit einem selbst zu tun hat.</p>
<p>Das bedeutet nicht, dass Künstliche Intelligenz bei uns überhaupt keine Rolle spielt. Wir verstehen uns als ein wirklich digitales Medium, das Innovation offen und positiv gegenübersteht. Aber wir haben uns fest vorgenommen: Bei uns beginnt alles mit den Menschen. Nicht ein Algorithmus entscheidet über die Themenauswahl, sondern ein echtes Team von Menschen und auch das Endprodukt entsteht immer durch Menschenhand. Wie auch der KI-Experte Patrick Swanson, mit dem wir kürzlich einen Workshop hatten, sagt: Wir wollen KI als Unterstützung nutzen, um besseren Journalismus zu machen aber konzentrieren uns auf jene Aufgaben, bei denen Menschen unersetzlich sind: die Idee für die Geschichte, die Recherche vor Ort, der Austausch mit den Personen, die für die jeweilige Geschichte eine Rolle spielen, und die finale Präsentation der Inhalte – egal, ob als Text, Audio oder Video. Wir glauben, dass Werte wie Empathie, Originalität, Kontext, Verlässlichkeit und Erreichbarkeit noch wichtiger werden wird – gerade, wenn irgendwann eine Sättigung eintritt, in der wir überflutet sind mit maschinell generierten Inhalten.</p>
<p><strong>Du hast bereits eingangs betont, dass ihr ein Team von zehn bis zwölf Redakteur:innen aufbauen wollt. Da diese ihre eigenen Artikel und Geschichten später selbst einsprechen sollen: Werden die Teammitglieder auch danach ausgewählt, ob sie über eine entsprechende „Radiostimme“ verfügen oder grundsätzlich für das Einsprechen geeignet sind?</strong><br />
Wir suchen Leute, die möglichst viel von dem können, was wir brauchen. Wir brauchen Menschen, die Nachrichten gut einordnen können, wir brauchen Menschen, die gute Geschichten erzählen können und wir brauchen Menschen, die ein Verständnis für Audio haben. Je mehr dieser Qualitäten jemand vereint, desto besser. Es wird aber ein bisschen ein Mix sein. Aber grundsätzlich wünsche ich mir von jedem Teammitglied eine Affinität zu Audio. Unser Zeitplan ist so: Wenn wir unser Kampagnenziel erreichen, werde ich versuchen, möglichst schnell die Menschen, mit denen ich schon im Gespräch bin – und das sind noch nicht alle, wer also Lust hat, kann sich gerne noch bewerben – unter Vertrag zu nehmen. Mit einigen habe ich bereits Verträge vorbereitet oder die Konditionen verhandelt. Ziel ist es, den Sommer zu nutzen, um den Launch im Herbst vorzubereiten. Ein Teil dieser Vorbereitungen wird sein, alle Teammitglieder auf ein gemeinsames Audio-Grundniveau zu bringen, sodass alle in der Lage sind, ihre Geschichten selbst einzusprechen.<br />
Es wird dabei Kolleg:innen geben, die mehr Audioerfahrung haben, und andere mit weniger. Die mit weniger Audioerfahrung bringen dann wiederum andere Qualitäten ein, die für das Projekt ganz wichtig sind: sei es ihre inhaltliche Expertise, eine große Erfahrung im Nachrichtenmanagement oder viel Gefühl für‘s Storytelling.</p>
<p><strong>Bis zum 12. Juni wollt ihr 5.000 Gründungsmitglieder gewinnen. Aktuell liegt die Zahl bei rund 2.200. Wird diese Schwelle nicht erreicht, startet das Projekt nicht – richtig? Wie schätzt du eure Chancen in dieser letzten, entscheidenden Woche ein?</strong></p>
<p>Ja, wir haben keinen Plan B. Dafür haben wir seit kurzem einen sehr prominenten neuen Kollegen an Bord: Christo Grozev – wahrscheinlich der derzeit bedeutendste Investigativjournalist unserer Zeit. Er hat unter anderem die Attentatsversuche des Kremls auf Kritiker wie Alexej Nawalny aufgedeckt, der inzwischen in einem russischen Straflager verstorben ist. Grozev hat Putin mit seinen Recherchen derart bloßgestellt, dass er nun ganz oben auf dessen Abschlussliste steht. Ihm wurde mitgeteilt, dass er in Österreich nicht mehr ausreichend geschützt werden könne, weshalb er seinen Lebensmittelpunkt inzwischen in die USA verlegen musste. Dass Christo Grozev bei uns ist, gibt auch ein wenig eine Vorstellung davon, wo <em>JETZT</em> inhaltlich hinwill: investigative Recherchen werden eine wichtige Rolle spielen.</p>
<p>Wir hoffen sehr, dass diese Personalie noch weitere Wellen schlägt und in der verbleibenden Woche noch jene erreicht, die das interessieren könnte. Aber es wird definitiv knapp. Wer möchte, dass wir an den Start gehen können, und bereit ist, uns einen gewissen Vertrauensvorschuss zu schenken, sollte bitte jetzt eine Mitgliedschaft abschließen. Der Preis von 17,90 Euro pro Monat bzw. 179 Euro im Jahr ist ein Richtwert. Wir haben das bewusst so gestaltet, dass beispielsweise Studierende den Betrag nach unten anpassen können – bis auf ein Minimum von 11,90 Euro monatlich.<br />
Wir fragen dann zwar nach einem Grund, aber die Angabe „Ich bin noch Student oder Studentin“ reicht völlig aus. Wir freuen uns sehr über junge Mitglieder, die uns dann auch inhaltlich spannende Impulse geben – und wir brauchen tatsächlich jede und jeden.</p>
<p><strong>Du hast vorhin schon euer dänisches Vorbild angesprochen – und so wie <em>Zetland </em>will auch <em>JETZT</em> auf einen Weiterempfehlungsmechanismus setzen: Wenn Mitglieder einen Artikel auf Social Media teilen, wird der Beitrag auch für jene lesbar, die sonst an der Paywall scheitern würden. Kannst du diesen Ansatz noch einmal etwas genauer erläutern? Welche Überlegungen standen hinter dieser Entscheidung</strong></p>
<p>Genau. Wir versuchen einerseits, ein ökonomisch tragfähiges Medium zu schaffen, bei dem die Mitglieder unseren Journalismus finanzieren. So bleiben wir unabhängig von politischen Entscheidungen oder von Tech-Konzernen, die uns beispielsweise keinen Traffic mehr zuspielen. Gleichzeitig haben wir aber auch eine demokratiepolitische Motivation. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass möglichst viele Menschen möglichst gute Informationen erhalten. Deshalb überlegen wir, wie auch jene Zugang zu unserem Journalismus bekommen können, die vielleicht nicht in der Lage sind, dafür zu zahlen.</p>
<p>Hier kommt dieser Weiterempfehlungsmechanismus ins Spiel. Bei <em>Zetland</em> ist es bereits so umgesetzt, dass jedes Mitglied beliebig viele journalistische Inhalte teilen kann. Technisch funktioniert das so: Wenn ein Mitglied einen Beitrag teilt, wird automatisch ein individueller Link und eine eigene Landingpage generiert. Jeder, der diesen Link anklickt, landet auf dieser Seite. Oben steht dann: „Das ist kein kostenloser Inhalt, sondern dieser Beitrag wird bezahlt und dir zur Verfügung gestellt von unserem Mitglied XY.“ Wir versprechen uns davon einerseits eine größere Reichweite – denn man kann auch auf Social Media beliebig oft teilen, es gibt kein Limit – im Unterschied zu sogenannten Gift-Links, wie man sie etwa von <em>The Economist</em> oder der <em>Presse</em> kennt, die oft limitiert sind, setzen wir bewusst keine Begrenzung. Wir wollen, dass unsere Inhalte möglichst viele Menschen erreichen.</p>
<p>Gleichzeitig wollen wir den Leser:innen aber auch immer wieder bewusst machen, dass hinter diesen Inhalten Arbeit steckt – Arbeit, die Zeit und Geld kostet und von jemandem finanziert wird: eben vom jeweiligen Mitglied, das den Beitrag geteilt hat. Wir hoffen, dass sich dadurch ein Effekt einstellt: Menschen erhalten immer wieder geteilte Inhalte, sehen den journalistischen Mehrwert und erkennen irgendwann: Das bringt mir viel, ich sehe ein, dass hier Arbeit dahintersteckt, die Ressourcen benötigt – und ich bin bereit, das auch mit einem finanziellen Beitrag zu unterstützen.</p>
<p><strong>Du hast Erfahrungen in traditionsreichen Medienhäusern wie der <em>Welt</em> (seit 1946) und der <em>NZZ</em> (seit 1780) gesammelt. Was möchtest du bei <em>JETZT</em> bewusst anders machen als dort – und was können junge Projekte wie <em>JETZT</em> dennoch von solchen alteingesessenen Institutionen lernen und mitnehmen?</strong></p>
<p>Was ich dort gelernt habe und auf jeden Fall mitnehmen will, sind die Grundlagen meines Handwerks – also wie dieser Beruf funktioniert. Ich bin eine ganz klassische Oldschool-Journalistin, habe in einer Print-Lokalredaktion angefangen – diese Art von Qualitätsjournalismus, den ich vorher schon beschrieben habe, ist nach wie vor mein Fundament: Journalismus und Werbung werden getrennt, Verlag und Redaktion werden getrennt, wir halten uns an die Fakten, belegen, was belegbar ist, und machen transparent, wo es sich um Annahmen handelt. Wir bemühen uns um Ausgewogenheit und Fairness, hören beide Seiten an. Wir gewichten, ordnen ein und sagen, was wichtig ist und was nicht. All diese Prinzipien sind in Dokumenten wie dem Ehrenkodex des Presserats zusammengefasst – sie gelten nach wie vor.</p>
<p>Mit <em>JETZT</em> versuchen wir lediglich, einen Weg zu finden, diesen Qualitätsjournalismus ins Digitale zu übersetzen. Es gibt da auch schon viele positive Beispiele, an denen wir uns orientieren können. Wir erfinden das also nicht völlig neu. Wir alle leben längst in einer digitalen Welt und brauchen einen Begleiter für diesen digitalen Alltag. Gleichzeitig spüren wir auch, dass diese Digitalisierung auf Kosten von Dingen geht, die uns wichtig sind und erleben eine ständige Nachrichtenflut – der wollen wir durch gezieltes Kuratieren und einem bewusst endlichen Produkt begegnen.</p>
<p>Wir erleben Polarisierung und toxische Diskurse – dem wollen wir einen sicheren Raum für Austausch entgegensetzen. Außerdem sehen wir, wie stark Algorithmen und Künstliche Intelligenz bereits den Journalismus beeinflussen – dem setzen wir das Menschengemachte entgegen. Wir spüren im Journalismus selbst eine zunehmende Beschleunigung: zu viele schnelle Takes, zu viele Schlagzeilen, zu viel inkrementelle Berichterstattung. Dem wollen wir das Prinzip der Geschichte entgegensetzen: Geschichten mit Anfang und Ende, mit einem Spannungsbogen, die in die Tiefe gehen – und die sich auch mit Themen beschäftigen, von denen man vielleicht noch nicht wusste, dass sie mehr Aufmerksamkeit verdienen, als sie derzeit bekommen.</p>
<p><strong>Was hat dich persönlich daran gereizt, das Abenteuer <em>JETZT</em> anzugehen und als Chefredakteurin ein neues Medium mit aufzubauen? Ist dir diese Entscheidung leicht gefallen?</strong></p>
<p>Nein, leicht gefallen ist es mir nicht. Ich war beim <em>DATUM</em> Chefredakteurin und habe dort gemeinsam mit einem wirklich großartigen Team ein, wie ich finde, ganz tolles Produkt gemacht, das ich sehr liebe.</p>
<p>Es ist mir also gar nicht leicht gefallen. Aber ich bin Realistin genug zu wissen: Ein Angebot, ein neues Medium aufzubauen, ein Team von zehn bis zwölf Leuten selbst zusammenzustellen und gemeinsam etwas Neues auszuprobieren – das bekommt man in Österreich nicht oft. Vielleicht nur einmal im Leben. Hinzu kam, dass dieses Angebot, Chefredakteurin von <em>JETZT</em> zu werden, ausgerechnet an jenem Tag kam, an dem sich Beate Meinl-Reisinger mit den NEOS erstmals aus den Regierungsverhandlungen zurückgezogen hat. Danach entstand eine zunehmend düstere Stimmung – man konnte die Verhandlungen zwischen FPÖ und ÖVP verfolgen und auch die medienpolitischen Vorstellungen, vor allem der FPÖ. Da stellt man sich unweigerlich die Frage: Was bedeutet das eigentlich für die Medien in diesem Land? Österreich gibt mehr als 80 Millionen Euro an Medienförderung aus – also öffentliche Gelder. Und zusätzlich fließen über 400 Millionen Euro an Inseraten- und Werbegeldern in diese Medien. Da denkt man darüber nach, was passieren kann, wenn einmal eine Regierung kommt, die kein Interesse an Medienfreiheit, Medienvielfalt und Qualitätsjournalismus hat – und die diese Gelder streicht oder in andere Kanäle lenkt.</p>
<p>Gleichzeitig sehen wir, dass die Link Economy faktisch tot ist. Medien spüren immer stärker, dass soziale Plattformen kaum noch Interesse am Qualitätsjournalismus zeigen – und schon gar nicht daran, diesem Nutzer zuzuführen. Viele der Sicherheitsvorkehrungen gegen Fake News werden abgebaut. Die Plattformen werden immer toxischer, und ihre Algorithmen drosseln gezielt alles, was von der Plattform wegführt. Es wird also immer schwieriger, über soziale Netzwerke überhaupt noch Traffic zu generieren, ähnliches gilt zunehmend auch für die großen Suchplattformen. Deshalb halte ich es für extrem wichtig, dass wir einen direkten Kanal zu den Menschen aufbauen, für die wir unseren Journalismus machen. All diese Faktoren zusammen – also die Chance, etwas wirklich Neues und Spannendes zu entwickeln, verbunden mit der Dringlichkeit, die sich in diesem Winter noch einmal besonders deutlich gezeigt hat, eine Lösung zu finden, wie wir ein Medium schaffen können, das weder von der Politik noch von Tech-Konzernen kontrolliert oder ausgebremst wird – haben mich letztlich dazu bewogen, zuzusagen und dieses Risiko einzugehen.</p>
<p>Und ja: Ich habe es bis jetzt nicht bereut. (<em>schmunzelt</em>)</p>
<div id="attachment_21622" style="width: 1930px" class="wp-caption alignnone"><img aria-describedby="caption-attachment-21622" decoding="async" loading="lazy" class="wp-image-21622 size-full" src="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/06/DSF8012-scaled.jpg" alt="" width="1920" height="2560" srcset="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/06/DSF8012-scaled.jpg 1920w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/06/DSF8012-225x300.jpg 225w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/06/DSF8012-768x1024.jpg 768w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/06/DSF8012-1152x1536.jpg 1152w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/06/DSF8012-1536x2048.jpg 1536w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/06/DSF8012-1170x1560.jpg 1170w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/06/DSF8012-585x780.jpg 585w" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" /><p id="caption-attachment-21622" class="wp-caption-text">Foto: Philipp Horak für JETZT</p></div>
<p><strong>Bereits vor der ersten redaktionellen Veröffentlichung wurde <em>JETZT</em> in unterschiedlichen politischen Lagern verortet. Wie wollt ihr verhindern, dass das Medium in politische Schubladen einsortiert wird?</strong></p>
<p>Wir haben Werte, aber keine politische und überhaupt keine parteipolitische Agenda. Wir wollen unabhängig sein, um unseren Job zu machen: berichten, was ist und was sein könnte, und das mit Fakten belegen. Unser Ziel ist es, beim Verstehen zu helfen. Wir wollen Hintergründe aufzeigen und Zusammenhänge erklären. Das Urteilen überlassen wir sehr gerne unseren Mitgliedern. Außerdem stützen wir uns auf die inhaltlichen Säulen unseres Berufs: die Regeln unserer Zunft, die Grundprinzipien des Rechtsstaates, aber auch auf wissenschaftliches Arbeiten. Nicht jede Meinung oder jede Einschätzung ist gleich gut mit Fakten unterlegt – und das werden wir auch deutlich machen.</p>
<p>Wir glauben, dass es in Zeiten der Polarisierung wieder einen Raum braucht, in dem sich konstruktive Kräfte mit unterschiedlichen ideologischen Hintergründen austauschen können. Ein Raum, der den Fokus darauf legt, was uns verbindet, und nicht darauf, was uns trennt. Ich weiß, dass es in Österreich vielen schwerfällt, das zu glauben. Aber ich habe für sehr unterschiedliche Medien gearbeitet, die jeweils ganz unterschiedliche politische Assoziationen hervorrufen. Was meine Arbeit dort – hoffentlich – immer verbunden hat, war solider, ordentlicher Journalismus. Journalismus, der mir etwas über die Welt erzählt hat, etwas das ich vorher noch nicht wusste, und der mir geholfen hat, diese Welt besser zu verstehen. Und genau das will ich jetzt auch bei <em>JETZT</em> tun. Ich hoffe, dass <em>JETZT</em> ein Raum wird, in dem sich möglichst viele Menschen austauschen können – Menschen, die an Lösungen interessiert sind und an dem, was in der Welt tatsächlich geschieht.</p>
<p><strong>Du hast es zuvor schon angesprochen: Mit der Verpflichtung von Christo Grozev ist euch ein bemerkenswerter Coup gelungen. Er hat unter anderem die Vergiftung von Alexej Nawalny rekonstruiert, den Mord an Sergej Skripal aufgearbeitet und russische Auftragskiller enttarnt. Zuletzt wurde er selbst Ziel eines geplanten Anschlags, in den unter anderem Jan Marsalek verwickelt sein soll. Wie kam der Kontakt mit Christo Grozev zustande – und wie liefen die ersten Gespräche?</strong></p>
<p>Der Kontakt zu Christo Grozev kam über unseren Gründer Florian Novak zustande.<br />
Florian kennt Christo schon sehr lange – die beiden verbindet eine gemeinsame Vergangenheit als Radiounternehmer. Da gibt es also ein über Jahrzehnte gewachsenes Vertrauensverhältnis. Wir haben ihn vergangene Woche auch persönlich getroffen und uns sehr lange über eine mögliche Zusammenarbeit unterhalten. Christo hat sofort begonnen, uns Themen vorzuschlagen und aufzuzeigen, wo es in seinen bisherigen Recherchen überall österreichische Tangenten gibt, die bislang noch nicht aufgearbeitet worden sind – schlicht, weil ihm dafür die Zeit fehlt.</p>
<p>Man muss sich diesen Mann so vorstellen: Er ist permanent unterwegs, jede Minute ist „double booked“, unglaublich viele Menschen wollen etwas von ihm und dennoch habe ich bei ihm ein wirklich genuines Interesse gespürt. Er hat am eigenen Leib erfahren, was passiert, wenn in Österreich gewisse Dinge nicht konsequent aufgearbeitet werden.<br />
Diese Unsicherheit hier, die Tatsache, dass er in Österreich nicht mehr geschützt werden konnte, hat sein Leben komplett verändert. Er hat daher ein ureigenes Interesse daran, dass etwa Spionagevorfälle in Österreich, aber auch Fälle von Sabotage und Desinformation gründlich recherchiert und öffentlich gemacht werden. Deshalb ist er sehr daran interessiert, hier Unterstützung „on the ground“ durch ein Team wie <em>JETZT</em> zu haben, das ihm hilft, diese Geschichten systematisch aufzuarbeiten und so zu veröffentlichen, dass sie auch Hand und Fuß haben. Und damit das gut gelingt, ist er auch bereit, unser Team in jenen Recherchemethoden auszubilden, mit denen er selbst diese bahnbrechenden Erfolge erzielt hat.</p>
<p><strong>Welche Rolle wird Grozev künftig in der Redaktion von JETZT einnehmen – als Reporter, Ausbilder oder publizistischer Impulsgeber?</strong></p>
<p>Wir werden zusammenarbeiten und ihm so viel wie möglich abnehmen, aber er wird uns überall dort unterstützen, wo wir an Grenzen stoßen. Außerdem wird er uns zeigen, wie er seine Recherchen angeht.</p>
<p><strong>Du hast in Edinburgh Geschichte studiert – als Historikerin bist du geübt darin, präzise in die Vergangenheit zu blicken. Wenn wir den Spieß einmal umdrehen: Wie stellst du dir <em>JETZT</em> im Jahr 2030 vor?</strong></p>
<p>2030 – das ist in 5 Jahren. (<em>denkt nach</em>)</p>
<p>Also erst einmal hoffe ich sehr, dass wir überhaupt genügend Unterstützung bekommen, um starten zu können. Das muss man vielleicht noch einmal klar sagen: Wir brauchen 5.000 Mitglieder, um starten zu können. Und niemand muss sich dabei Sorgen machen, dass Geld verloren geht: Der Mitgliedsbeitrag wird erst dann abgebucht, wenn das Kampagnenziel erreicht ist. Das ist mir wichtig, vorwegzuschicken.</p>
<p>Was 2030 betrifft, habe ich jetzt keine detaillierte Planung. Ich möchte einfach einen Ort schaffen, an dem guter Journalismus gemacht wird. Und zwar genau die Art von Journalismus, die mir persönlich große Freude bereitet: Ein Journalismus, der immer auch eine erzählerische Komponente hat, der gute, spannende Geschichten erzählt. Ein Journalismus, der eine investigative Komponente besitzt und mir Dinge zeigt, von denen ich bislang nichts wusste – und vielleicht auch Dinge ans Licht bringt, deren Bekanntwerden mächtige Akteure lieber verhindern würden. Und ich wünsche mir, dass es uns gelingt, in diesen polarisierten Zeiten einen Raum zu schaffen, in dem man sich wirklich austauschen kann. So etwas wie eine kleine Zelle, in der dieser Austausch wieder gelingt.</p>
<p><strong>Wagen wir ein zweites Gedankenexperiment: Angenommen, eine gute Fee würde dir einen journalistischen Wunsch erfüllen – welche Geschichte, welches Interview oder welche Reportage würdest du dir für <em>JETZT</em> wünschen?</strong></p>
<p>Es klingt jetzt vielleicht ein bisschen werberisch, aber mit der Zusammenarbeit mit Christo Grozev würde ein Traum in Erfüllung gehen, den ich nie zu träumen gewagt hatte. Geopolitik und Spionage sind zwei Themen, die mich seit Jahren faszinieren – und ich glaube, es gibt derzeit wenige Menschen, die dazu bahnbrechendere Recherchen veröffentlicht haben als er.</p>
<p><strong>Abschließend: Warum sollte sich gerade ein junger Mensch, etwa Studierende an der Universität Innsbruck, für eine (Gründungs-)Mitgliedschaft bei <em>JETZT</em> entscheiden?</strong></p>
<p>Weil wir uns wirklich große Mühe geben werden, uns genau zu überlegen, wie wir mit unserem Journalismus auch junge Menschen erreichen können. Der wichtigste Weg, wie wir das erreichen wollen, ist, möglichst viele junge Leute in unser Team zu holen – Menschen, die uns ganz aus Eigeninteresse und Eigennutz sagen, was sie beschäftigt und was sie für wichtig halten.</p>
<p>Darauf freue ich mich sehr. Ich habe die Zusammenarbeit mit jungen Kolleginnen und Kollegen schon bei DATUM extrem genossen und als sehr bereichernd empfunden. Und ich freue mich darauf, auch bei <em>JETZT</em> wieder viel von jungen Menschen lernen zu dürfen.</p>
<p>The post <a rel="nofollow" href="https://www.unipress.at/gesellschaft/guter-journalismus-ist-keine-einbahnstrasse-jetzt-chefredakteurin-elisalex-henckel-donnersmarck-im-interview/">„Guter Journalismus ist keine Einbahnstraße“ – JETZT-Chefredakteurin Elisalex Henckel-Donnersmarck im Interview</a> appeared first on <a rel="nofollow" href="https://www.unipress.at">UNIpress</a>.</p>
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		<title>Die Kunst, nicht einer Meinung zu sein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Hofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Jun 2025 11:46:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Ode an die Schönheit der gesunden Differenz. Wenn meine Freunde und ich uns beim gemeinschaftlichen Trivial-Pursuit-Match frenetisch darüber streiten, ob eine Frage tatsächlich dem Allgemeinwissen zuzuordnen sei, oder eine&#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="subtitle_up"><i><span style="font-weight: 400;">Eine Ode an die Schönheit der gesunden Differenz.</span></i></div>
<p><span style="font-weight: 400;">Wenn meine Freunde und ich uns beim gemeinschaftlichen </span><i><span style="font-weight: 400;">Trivial-Pursuit</span></i><span style="font-weight: 400;">-Match frenetisch darüber streiten, ob eine Frage tatsächlich dem Allgemeinwissen zuzuordnen sei, oder eine Antwort in ihrer Unkonkretheit nicht doch als korrekt ausgelegt werden kann, dann wird – ohne physische Gewalt, versteht sich – mit harten Bandagen gekämpft. Meist ufert es aus in ein erbittertes Gefecht, bei dem niemand dem anderen einen Punkt gönnt. Und doch: Am Ende gratulieren wir einander – manchmal zähneknirschend, oft mit einem hämischen Lächeln – oder trösten uns über die Ausbeute eines einzelnen Kekses hinweg. Beim nächsten Mal werfen wir uns ohnehin wieder in die Schlacht.</span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Warum? Weil uns Jahre der Freundschaft mit einer Vertrautheit ausgestattet haben, die uns erlaubt, uneins sein zu können, ohne dabei die Einigkeit zu verlieren. In dieser konfliktfreudigen Harmonie liegt ein besonderes Band: das Wissen, dass Differenzen nicht trennen, sondern bereichern können. Doch genau dieses Band scheint vielerorts verloren zu gehen.</span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Immer häufiger enden Meinungsverschiedenheiten in Unversöhnlichkeit, in Spannungen, die Beziehungen belasten, ja, oft zerstören. Gespräche über emotionalisierte, (pseudo-)ideologisch aufgeladene Themen – sei es Politik, Gesellschaft oder die Frage nach der „richtigen“ Lebensweise – führen nicht selten zu freundschaftlichen, familiären oder anderweitigen Zerwürfnissen. Doch warum ist das so? Wenn beim sonntäglichen Familienessen der fleischliebende Onkel und sein veganer Neffe aufeinandertreffen, prallen nicht nur Geschmäcker, sondern auch Welten aufeinander. Was als harmloses Gespräch über Essgewohnheiten beginnt, eskaliert schnell zu einer Grundsatzdebatte über Ethik, Umweltbewusstsein oder persönliche Freiheit. Der eine wirft dem anderen fehlende Rücksichtnahme auf die Umwelt vor, während der Gegenpart ihm radikale Bevormundung unterstellt. Was ursprünglich eine Diskussion über das Essen war, entwickelt sich zu einem unversöhnlichen Konflikt, bei dem nicht nur Argumente ausgetauscht werden, sondern tiefe emotionale Gräben entstehen. Von außen betrachtet wirkt gegenseitiges Verständnis wie eine Brücke, die doch so leicht zu schlagen wäre – und doch bleibt sie oft unvollendet, verloren im Nebel des eigenen Stolzes.</span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">War es schon immer so schwer, Uneinigkeit zu ertragen? Oder hat sich in den letzten Jahren eine Art gesellschaftlicher Allergie gegen Differenzen entwickelt? Vielleicht wurde auch früher schon mit scharfen Worten gerungen, nur um am Ende beleidigt das emotionale Handtuch zu werfen. Vielleicht bin ich zu kurz auf dieser Welt, um das zu wissen. Was ich jedoch sagen kann, ist, dass eine Freundschaft, die nicht die Widerstände einer hitzigen Diskussion übersteht, kaum diesen Namen verdient.</span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Denn im Kern geht es um die Akzeptanz des Anderen, um die Fähigkeit, den Wert einer unterschiedlichen Meinung anzuerkennen – und das, ohne die eigenen Prinzipien zu verraten. Wahre Freundschaft zeigt sich gerade dort, wo wir einander Raum für Differenz lassen. Wie armselig wäre es, nur jene Menschen in unserem Leben zu dulden, die unsere Überzeugungen teilen, unsere Werte spiegeln und unser Weltbild bestätigen. Es ist die Vielfalt der Gedanken, die eine Beziehung – sei sie freundschaftlich, familiär oder gesellschaftlich – lebendig hält.</span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Doch wie lernen wir, Meinungen auszuhalten? Vielleicht liegt der Schlüssel darin, uns daran zu erinnern, dass keine Meinung für sich allein existiert – sie ist das Produkt von Erfahrungen, Überzeugungen und Prägungen. Verständnis beginnt dort, wo wir bereit sind, zuzuhören, ohne das Gegenüber sofort in Kategorien wie „richtig“ oder „falsch“ einzuordnen. Statt uns auf die Schwächen eines fremden Arguments zu stürzen, könnten wir den Versuch wagen, es als Ausdruck eines individuellen Lebensweges zu betrachten. Diese Besinnung auf Empathie und Neugierde mag banal klingen, ist jedoch essenziell – nicht, um am Ende übereinzustimmen, sondern um die Basis des Miteinanders zu wahren.</span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Die Unfähigkeit, Differenzen auszuhalten, führt zu einer Fragmentierung, die tiefere Spaltungen und Radikalisierungen begünstigt – Öl auf das lodernde Feuer der Populisten. Politische Lager, Familien oder Freundeskreise laufen Gefahr, sich zu geschlossenen Systemen zu entwickeln, in denen nur noch Bestätigung, aber kein echter Austausch mehr stattfindet. Wenn wir diesen Weg fortsetzen, verlieren wir mehr als nur Diskussionen – wir verlieren das Fundament, das Pluralismus ausmacht. Um das zu vermeiden, braucht es Mut: Mut, Unbequemes auszuhalten und auf Reaktionen zu verzichten, die sofortige Harmonie oder absolute Überzeugung einfordern. Der wahre Gewinn liegt nicht darin, das letzte Wort zu haben, sondern darin, sich die Freiheit zu geben, anderer Meinung zu sein. Nur so bleibt das Gespräch lebendig – und damit die Gesellschaft selbst.</span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Natürlich gibt es Grenzen. Dieser Kommentar spricht nicht von Überzeugungen, die den moralischen, sittlichen oder menschenrechtlichen Grundrahmen sprengen. Doch innerhalb der Gemäßheit einer gesunden Vernunft sollten wir mehr Mut zur Reibung zeigen – und zur Kunst, nicht einer Meinung zu sein.</span></p>
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		<title>&#8220;Die ÖH wurde gegründet, um politisch zu sein&#8221; &#8211; VSStÖ-Spitzenkandidatin Julia Hofer im Interview</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Hofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 04 May 2025 12:30:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Campus]]></category>
		<category><![CDATA[ÖH-Wahl 2025]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Bei den ÖH-Wahlen vom 13. bis 15. Mai geht der VSStÖ unter der Leitung von Julia Hofer mit dem Ziel an den Start, eine starke linke Mehrheit zu sichern und&#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="subtitle_up">Bei den ÖH-Wahlen vom 13. bis 15. Mai geht der VSStÖ unter der Leitung von Julia Hofer mit dem Ziel an den Start, eine starke linke Mehrheit zu sichern und sozialpolitische Themen weiter voranzutreiben. Im Interview mit der <em>UNIpress</em> spricht sie über die zentralen Forderungen des VSStÖ, das Allgemeinpolitische Mandat und die Vision für eine gerechtere und inklusivere Studienwelt an der Uni Innsbruck.</div>
<p><span id="more-21406"></span></p>
<p>Von <b>13. bis 15. Mai</b> finden die <b>ÖH-Wahlen</b> statt. Du kannst dabei auf drei Ebenen deine Stimme nutzen: für deinen Studiengang wählst du die <b>Studienvertretung</b> (StV), für deine Universität die <b>Universitätsvertretung</b> (UV) und österreichweit die <b>Bundesvertretung</b> (BV). Wahlberechtigt sind <i>alle</i> Studierenden, die ihren ÖH-Beitrag fürs Sommersemester 2025 bis spätestens 25. März eingezahlt haben. In der <a href="https://www.unipress.at/ueber-uns/archiv-2/"><b>UNIpress-Wahlausgabe</b></a> findest du eine Übersicht über die Kandidat:innen für die STVen (sortiert nach Studiengang) sowie eine Vorstellung der Spitzenkandidat:innen und Listen für die UV an der Uni Innsbruck.</p>
<p>Um dir eine weitere Orientierung bei deiner Wahlentscheidung zu geben, haben wir außerdem die Innsbrucker Spitzenkandidat:innen zum ausführlichen Interview getroffen (nur vom RFS erhielten wir keine Rückmeldung auf unsere Anfragen). Am Wahlzettel stehen diesmal (sortiert nach ihren Stimmen bei der letzten ÖH-Wahl):</p>
<ul>
<li aria-level="1"><a href="https://www.unipress.at/campus/wir-wollen-wieder-in-die-exekutive-ag-spitzenkandidat-julian-herb-im-interview/"><b>AG</b> – AktionsGemeinschaft Innsbruck: Uni lebt!</a></li>
<li aria-level="1"><a href="https://www.unipress.at/campus/wir-halten-an-unseren-forderungen-fest-gras-spitzenkandidat-niklas-krantz-im-interview/"><b>GRAS</b> – Grüne und Alternative Student_innen</a></li>
<li aria-level="1"><a href="https://www.unipress.at/campus/die-oeh-wurde-gegruendet-um-politisch-zu-sein-vsstoe-spitzenkandidatin-julia-hofer-im-interview/"><b>VSStÖ</b> – Verband Sozialistischer Student_innen in Österreich</a></li>
<li aria-level="1"><a href="https://www.unipress.at/campus/wir-setzen-auf-konkrete-services-anstatt-politische-postings-junos-spitzenkandidat-florian-luxner-im-interview/"><b>JUNOS</b> – Junge liberale Studierende</a></li>
<li aria-level="1"><a href="https://www.unipress.at/campus/es-braucht-uns-fuer-eine-linke-oeh-ksv-lili-spitzenkandidatin-lina-brantsch-im-interview/"><b>KSV-LiLi</b> – Kommunistischer Student_innenverband – Linke Liste</a></li>
<li aria-level="1"><b>RFS</b> –  Ring Freiheitlicher Studenten – Liste Biermann</li>
</ul>
<p>Seit der letzten Wahl 2023 bildet eine „linke Koalition“ aus GRAS, VSStÖ und KSV-LiLi die ÖH-Exekutive in Innsbruck. AG und JUNOS, die in der Vergangenheit eine Koalition gebildet hatten, sind in der Opposition. Der RFS konnte 2023 kein Mandat in der Universitätsvertretung erreichen und wagt jetzt einen erneuten Anlauf.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Interview mit Julia Hofer (VSStÖ)</h3>
<p>Julia Hofer studiert Rechtswissenschaften und führt die Liste des VSStÖ bei den kommenden ÖH-Wahlen an. Im Interview erzählt sie uns, wie sie die Universität Innsbruck sozialer, gerechter und zukunftsfähiger gestalten möchte.</p>
<p><strong>UNIpress:</strong><b> First things first: Was ist euer konkretes Ziel für diese Wahl? </b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Julia Hofer: Unser zentrales Ziel ist es, erneut eine linke Mehrheit zu erreichen und damit die Grundlage für eine progressive Koalition zu schaffen. Nur so können wir wieder auf Augenhöhe mit den Studierenden agieren und unsere sozialen Forderungen konsequent umsetzen.</span></p>
<p><b>Und was sind – kurz zusammengefasst – eure zentralen inhaltlichen Forderungen?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Wir setzen uns für einen freien und offenen Hochschulzugang ein. Jeder und jede soll studieren können – unabhängig von sozialer Herkunft, Identität oder dem Kontostand der Eltern. Darüber hinaus fordern wir leistbares Wohnen, erschwingliche Mensen und eine klare Haltung gegen Diskriminierung in all ihren Formen.</span></p>
<p><b>Damit verbunden: Auf eurer Website fordert ihr ein Ende der Ökonomisierung des Hochschulbereichs. Doch viele dieser Entwicklungen – etwa die Abhängigkeit von Drittmitteln, der steigende Leistungsdruck oder die curriculare Verschlankung – sind bundespolitisch getrieben. Was ist da als VSStÖ überhaupt realistisch machbar?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wir sind in zahlreichen universitären Gremien vertreten und pflegen den Austausch mit der Stadt Innsbruck, dem Land Tirol und – über die Bundes-ÖH – auch mit dem Wissenschaftsministerium. Dadurch haben wir die Möglichkeit, studentische Anliegen konsequent zu artikulieren und unsere Stimme in allen relevanten politischen Ebenen lautstark einzubringen.</span></p>
<p><b>Die Forderung nach zwei Prozent des BIP für die Hochschulfinanzierung, wie sie in eurem Wahlprogramm formuliert ist, wirkt auf den ersten Blick ambitioniert. Gerade mit Blick auf das derzeitige Budgetloch und die konjunkturelle Schwächephase der österreichischen Wirtschaft: Wie realistisch ist dieses Ziel?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Uns ist bewusst, dass diese Forderung hoch angesetzt ist. Dennoch halten wir es für notwendig, klare und starke Positionen zu beziehen – weil wir überzeugt sind, dass Hochschulen diese Investitionen verdienen. Der Staat profitiert nachweislich davon, wenn Menschen Zugang zu hochwertiger Bildung erhalten. Ein strukturelles Budgetloch darf daher nicht auf dem Rücken der Studierenden geschlossen werden.</span></p>
<p><b>Wie beurteilst du persönlich das aktuelle Angebot der ÖH Innsbruck?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Ich finde, wir konnten viele wichtige sozialpolitische Themen erfolgreich umsetzen – etwa im Bereich der Anti-Diskriminierung oder mit der Bereitstellung kostenloser Menstruationsartikel. Auch bei der Zusammenarbeit mit der Neuen Heimat Tirol, wo über 250 Wohnungen an Studierende vergeben wurden, ist es uns gelungen, faire Kriterien zu erarbeiten. So stellen wir sicher, dass jene Studierenden eine Wohnung bekommen, die sie am meisten brauchen. Zudem wurde der Mensa-Bon von einem auf zwei Euro erhöht – ein essenzieller Schritt für all jene, die finanziell nicht auf Rosen gebettet sind</span></p>
<p><b>Welche Projekte können sich die Wähler:innen darüber hinaus von einer weiteren Amtszeit des VSStÖ in der Exekutive erwarten?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wir wollen die Wohnungsvergabe über die ÖH nicht nur fortführen, sondern auch ausweiten. Ein zentraler Punkt unseres Programms ist außerdem die Einführung eines 3-Euro-Mensa-Menüs – und damit verbunden</span><span style="font-weight: 400;">, dass die Mensen endlich wieder öffnen. Denn es ist essentiell, dass Studierende günstig und gesund essen können. Ein persönliches Anliegen von mir ist zudem die Weiterführung des Psychotherapie-Topfs – inklusive einer Inflationsanpassung, um die gestiegene finanzielle Belastung besser abzufedern. Hier gibt es großen Handlungsbedarf, weil es mehr als der Hälfte der Studierenden psychisch schlecht geht.</span></p>
<p><b>Wie du bereits angesprochen hast: Die Mensen bleiben ein Dauerbrenner. Versprochen wurde viel, passiert ist bislang wenig. Was genau hat da nicht funktioniert – und was hätte die ÖH konkret anders machen können?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Das Problem rund um die Mensen ist ein äußerst komplexes und vielschichtiges Konstrukt. Es hat auf jeden Fall intensive Kommunikation seitens der ÖH mit der Universität und den betreibenden Unternehmen gegeben. Aktuell wird an einer Lösung gearbeitet – und wir als ÖH-Exekutive setzen uns dafür ein, dass dieser Prozess beschleunigt wird und Studierende bald wieder ein leistbares und gesundes Verpflegungsangebot vorfinden. Die konkrete Ausgestaltung liegt dabei letztlich in der Verantwortung des Unternehmens und der Universität.</span></p>
<p><b>Auf eurer Homepage kritisiert ihr, dass über 60 Prozent der Studierenden neben dem Studium arbeiten müssen. Welche kurzfristigen Maßnahmen könnt ihr konkret anstoßen, um diese strukturelle Ungleichheit zu entschärfen?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Uns ist es ein zentrales Anliegen, Studium und Erwerbstätigkeit besser miteinander vereinbar zu machen. Dafür braucht es deutlich mehr hybride Angebote – etwa durch das Livestreamen von Lehrveranstaltungen oder den Ausbau von Fehlzeitenregelungen. Davon profitieren nicht nur arbeitende Studierende, sondern auch Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Betreuungspflichten. Eine unserer wichtigsten Forderungen bleibt zudem die Abschaffung der Studiengebühren. Denn gerade jene, die neben dem Studium arbeiten müssen, geraten häufig in einen Teufelskreis: Sie benötigen mehr Zeit für ihr Studium, zahlen dadurch länger Studiengebühren – und müssen wiederum mehr arbeiten, um sich diese leisten zu können.</span></p>
<p><b>Euer Programm liest sich stellenweise wie ein gesellschaftspolitisches Manifest – mit Positionen zu Antikapitalismus, Kritik am Patriarchat und Systemtransformation. Wie begegnet ihr dem Vorwurf, eure hochschulpolitische Agenda sei überideologisiert und gehe an den alltäglichen Bedürfnissen der Studierenden vorbei?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">In diesem Zusammenhang berufen wir uns ganz klar auf das allgemeinpolitische Mandat der ÖH. Die Hochschüler:innenschaft wurde gegründet, um politisch zu sein – ursprünglich mit dem Ziel, dem Faschismus an den Universitäten aktiv entgegenzutreten. Gesellschaftspolitik macht nicht an den Toren der Hochschulen halt, sondern beeinflusst unser Studium, unseren Alltag und unsere Lebensrealitäten unmittelbar. Deshalb lässt sich Hochschulpolitik nicht von gesamtgesellschaftlichen Fragen trennen.</span></p>
<p><b>Und was sagt ihr zu dem Vorwurf, dass dieser Fokus auf Gesellschaftspolitik zu Versäumnissen bei den alltäglichen Problemen der Studierenden führt?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Aus unserer Sicht schließt das eine das andere keineswegs aus. Wir weisen diesen Vorwurf entschieden zurück – denn wir machen beides: Wir vertreten klare gesellschaftspolitische Positionen und sind zugleich mit voller Kraft für die alltäglichen Anliegen der Studierenden da. Der VSStÖ besetzt aktuell die meisten Posten innerhalb der ÖH Innsbruck und leistet tagtäglich umfangreiche praktische Arbeit. Ich bin überzeugt, dass die Studierenden das auch spüren.</span></p>
<p><b>Und wo, würdest du sagen, spüren die Studierenden das konkret?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Zum Beispiel bei unserer Arbeit rund um Heim und Wohnen, im Bereich der Anti-Diskriminierung oder durch die Bereitstellung kostenloser Menstruationsartikel. Auch die Mensabons und viele weitere Maßnahmen zeigen, dass wir uns ganz konkret für die Lebensrealitäten der Studierenden einsetzen.</span></p>
<p><b>Ein weiteres zentrales Thema in eurem Wahlprogramm ist die Barrierefreiheit. Wie bewertet ihr die aktuelle Situation an der Universität Innsbruck und welche konkrete Maßnahme wollt ihr umsetzen?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Barrierefreiheit ist für uns ein zentrales Anliegen und muss kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert werden. Unser Fokus liegt dabei nicht nur auf baulichen Hürden, sondern insbesondere auf der Vermeidung von Diskriminierung gegenüber beeinträchtigten Personen. Deshalb wollen wir gezielt Sensibilisierungsschulungen für Lehrende und Studierende anbieten. Bereits durchgeführte Umfragen an der Universität Innsbruck haben gezeigt, dass es wiederholt zu diskriminierenden Vorfällen gekommen ist. Wichtig ist: Betroffene können sich jederzeit an die zuständige Behindertenbeauftragte wenden – und wir möchten diese Strukturen aktiv unterstützen und ausbauen.</span></p>
<p><b>Apropos Antidiskriminierung: Ihr wart in den vergangenen zwei Jahren Teil der Exekutive und setzt im aktuellen Wahlkampf stark auf dieses Thema. Was habt ihr diesbezüglich in den letzten Jahren geleistet?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wir fordern seit Langem eine zentrale Anlaufstelle für Diskriminierung, damit sich betroffene Studierende nicht durch einen undurchsichtigen bürokratischen Dschungel kämpfen müssen, sondern direkt an qualifizierte Stellen weitervermittelt werden. In diesem Zusammenhang stehen wir bereits seit einiger Zeit im Austausch mit der Universität und machen regelmäßig auf die Bedürfnisse marginalisierter Gruppen aufmerksam – etwa durch Informationskampagnen, Postings oder Aktionstage wie den </span><i><span style="font-weight: 400;">Trans Visibility Day</span></i><span style="font-weight: 400;">. Auch Formate wie der </span><i><span style="font-weight: 400;">Queer-Brunch</span></i><span style="font-weight: 400;"> dienen der Sichtbarkeit und Vernetzung. Darüber hinaus konnte das Referat für Studierende mit Behinderungen ein besonders gelungenes Projekt umsetzen: die sogenannte </span><i><span style="font-weight: 400;">Stille Stunde</span></i><span style="font-weight: 400;">. In dieser Zeit wird in ausgewählten Supermärkten die Musik abgeschaltet und das Licht gedimmt – damit auch Menschen, die mit sensorischer Reizüberflutung zu kämpfen haben, in Ruhe einkaufen können. Das war ein wichtiger Schritt in Richtung mehr Inklusion im Alltag.</span></p>
<p><b>Wie steht der VSStÖ grundsätzlich zu Leistungsprinzipien in der Hochschule?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Grundsätzlich lehnen wir Zugangsbeschränkungen wie Aufnahmetests ab. Natürlich ist uns bewusst, dass es in einzelnen Studienrichtungen strukturelle Grenzen gibt, die sich nicht einfach aufheben lassen. Dennoch vertreten wir die Position, dass alle Menschen die Möglichkeit haben sollen, das zu studieren, was sie möchten – unabhängig von Kapazitätsengpässen. Es darf nicht sein, dass begrenzte Plätze zur Last der Studierenden werden. Durch die breitere Nutzung von Livestreams ließe sich das Platzproblem zumindest teilweise entschärfen.</span></p>
<p><b>Glaubt ihr nicht, dass statt Zugangstests dann einfach sogenannte Knock-Out-Prüfungen am Beginn des Studiums etabliert werden – also besonders schwierige Prüfungen, die aussieben und damit letztlich zu Zeitverlust bei den Studierenden führen?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Gerade deshalb fordern wir auf bundesweiter Ebene die Einführung eines Orientierungssemesters. Dieses soll es Studierenden ermöglichen, in verschiedene Studienrichtungen hineinzuschnuppern und so eine fundierte, individuelle Studienwahl zu treffen. Wir sind überzeugt, dass sich dadurch die Verteilung der Studierenden besser regulieren lässt – ohne künstliche Hürden wie KO-Prüfungen oder Aufnahmetests. Denn wenn Studierende frühzeitig die Möglichkeit zur Orientierung haben, kann Überbelastung vermieden und der Bedarf nach solchen selektiven Maßnahmen reduziert werden. Grundsätzlich lehnen wir auch Knock-Out-Prüfungen als Instrument der Studiensteuerung ab.</span></p>
<p><b>Und wie steht ihr grundsätzlich zur Leistungsbewertung? Seid ihr prinzipiell gegen schriftliche oder mündliche Prüfungsformate?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Grundsätzlich halten wir Leistungsnachweise – etwa in Form von Prüfungen – schon für wichtig. Viele Menschen nutzen ihr Studium als berufliche Ausbildung, und in diesem Kontext sind Klausuren ein legitimes Mittel zur Wissensüberprüfung. Gleichzeitig ist es uns als VSStÖ wichtig, dass Studieren nicht ausschließlich unter dem Druck von Verwertung und Effizienz steht. Studieren darf und soll auch aus Interesse, aus intrinsischer Motivation oder zur persönlichen Weiterentwicklung möglich sein – ganz gleich, ob man auf einen Beruf hinarbeitet oder sich, wie etwa viele ältere Menschen im Ruhestand, aus Bildungsinteresse einschreibt. Diese Möglichkeit darf niemandem verwehrt werden.</span></p>
<p><b>Ein Blick auf eure Wahlkampfrhetorik: Ihr werbt mit dem Slogan „Stimme der Vielen“. Doch bei der letzten ÖH-Wahl kamt ihr auf etwa 15 Prozent der Stimmen – bei einer Wahlbeteiligung von nur 27 Prozent. Effektiv haben euch also rund 4 Prozent aller Innsbrucker Studierenden gewählt. Wie rechtfertigt ihr vor diesem Hintergrund den Anspruch, die Stimme der Vielen zu sein?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wir empfinden uns als “Stimme der Vielen&#8221;, weil wir uns nicht nur für die gesellschaftliche Mitte einsetzen, sondern besonders auch für marginalisierte Gruppen, welche oft übersehen und ausgeschlossen werden. Dahingehend sind wir die Stimmen der vielen Schichten der Gesellschaft!</span></p>
<p><b>Apropos „Stimme der Vielen“: Viele Studierende freuen sich jedes Semester auf das beliebte Semester-Opening. Im Gegensatz zur ÖH MedUni, MCI oder UMIT beteiligt sich die ÖH Innsbruck – und damit auch ihr als Teil der Exekutive – nicht mehr an der Organisation. Die AG-besetzten Fakultätsvertretungen stemmen das Event nun allein, was laut AG auch zu höheren Ticketpreisen führt. Warum verweigert ihr euch einem der erfolgreichsten und niederschwelligen ÖH-Angebote für Studierende?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Tatsächlich haben wir uns dieses Mal nicht am Semester-Opening beteiligt. Stattdessen setzen wir in diesem Semester auf andere Partys – wie etwa das GeiWi-Fest oder die Sowi-Party am 8. Mai. Diese Events erfahren regelmäßig großen Zuspruch und führen zu einem größeren Party-Angebot.</span></p>
<p><b>Ihr sprecht euch für eine freie Namens- und Pronomenwahl an der Universität aus. Aber wie genau stellt ihr euch die praktische Umsetzung vor?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Im Moment ist man im OLAT-System unter dem offiziellen Namen eingespeichert, den auch Lehrende über Anwesenheitslisten einsehen können. Wir setzen uns dafür ein, dass es ein einfaches Tool gibt, mit dem man eigene Pronomen angeben und idealerweise auch den Namen ändern kann – selbst dann, wenn der Geschlechtseintrag noch nicht offiziell geändert wurde. Für betroffene Personen kann es extrem belastend sein, wenn sie wiederholt falsch angesprochen werden. Die Gespräche mit der Universität dazu laufen. Ein erster Schritt, der uns bereits gelungen ist, war die Einführung einer sogenannten C-Kennung, wodurch die E-Mail-Adresse nicht mehr den eigenen Namen enthält, sondern eine neutrale C-Nummer. So können falsche Ansprachen vermieden werden.</span></p>
<p><b>Im universitären Verwaltungssystem geht es schließlich auch um rechtliche Dokumente, Prüfungsprotokolle, Abschlusszeugnisse. Ist das nicht komplexer, als es auf den ersten Blick wirkt? Wie begegnet ihr dem Vorwurf, dass ihr damit bürokratische Abläufe verkompliziert?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wir wissen, dass es an anderen Universitäten bereits funktioniert – zum Beispiel an der Medizinischen Universität Innsbruck. Auch in Deutschland gibt es Universitäten, an denen das sogar im OLAT-System möglich ist. Es ist also definitiv umsetzbar, und genau deshalb setzen wir uns auch dafür ein.</span></p>
<p><b>Ihr setzt euch für FLINTA-Förderung ein und besetzt laut internen Regeln auch Spitzenplätze entsprechend. Warum haltet ihr diese Quote nicht für exkludierend gegenüber Cis-Männern – insbesondere, wenn es um demokratische Wahlprinzipien geht?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wir scheuen uns nicht davor, FLINTA-Personen gezielt zu fördern – weil sie in der Politik häufig übersehen oder nachgereiht werden. Deshalb ist bei uns der erste Listenplatz in der Regel mit einer FLINTA-Person besetzt. Gleichzeitig ist das aber kein starres Prinzip: An der Medizinischen Universität beispielsweise führen wir die Liste aktuell mit einem Cis-Mann an. </span></p>
<p><b>Also: Eine FLINTA-Person auf Listenplatz 1 ist bevorzugt – aber nicht formell in den Statuten verankert?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Genau.</span></p>
<p><b>Im </b><b><i>UNIpress</i></b><b>-Interview des AG-Spitzenkandidaten wurde kritisiert, dass das von euch geleitete Wirtschaftsreferat nicht richtig funktioniert habe bzw. schlecht geführt worden sei. Was sagt ihr als VSStÖ zu diesem Vorwurf?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wir erkennen an, dass es im Wirtschaftsreferat zu Problemen gekommen ist – unter anderem, weil es aufgrund persönlicher Umstände zu häufigen personellen Wechseln kam. Wir arbeiten jedoch intensiv daran, die Strukturen zu stabilisieren und sicherzustellen, dass das Referat wieder reibungslos funktioniert.</span></p>
<p><b>Du hast eingangs bereits betont, dass ihr wieder Teil der Exekutive werden wollt. Wenn ihr Verantwortung übernehmt – mit wem, und auf welcher inhaltlichen Grundlage?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Eine Zusammenarbeit mit dem RFS schließen wir klipp und klar aus. Grundsätzlich bevorzugen wir eine linke Exekutive, weil wir in diesem Rahmen unsere politischen Forderungen am konsequentesten umsetzen können. Für Gespräche sind wir jedoch mit allen Fraktionen offen – mit Ausnahme des RFS.</span></p>
<p><strong>Danke für das Gespräch!</strong></p>
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		<title>„Wir setzen auf konkrete Services anstatt politische Postings“ &#8211; Junos-Spitzenkandidat Florian Luxner im Interview</title>
		<link>https://www.unipress.at/campus/wir-setzen-auf-konkrete-services-anstatt-politische-postings-junos-spitzenkandidat-florian-luxner-im-interview/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Hofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 04 May 2025 12:30:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Campus]]></category>
		<category><![CDATA[ÖH-Wahl 2025]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Bei den ÖH-Wahlen vom 13. bis 15. Mai gehen die JUNOS mit einem klaren Ziel ins Rennen: Mindestens zwei Mandate zu gewinnen. Im Interview hat uns Florian Luxner, Spitzenkandidat der&#8230;</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="subtitle_up">Bei den ÖH-Wahlen vom 13. bis 15. Mai gehen die JUNOS mit einem klaren Ziel ins Rennen: Mindestens zwei Mandate zu gewinnen. Im Interview hat uns Florian Luxner, Spitzenkandidat der JUNOS, verraten, wie er die Hochschulpolitik entideologisieren möchte, welche konkreten Verbesserungen er für die Studierenden fordert und wie er die ÖH in Zukunft ausrichten will. Außerdem spricht er über die Notwendigkeit einer neu gedacht Studienfinanzierung und was er von der aktuellen Arbeit der ÖH hält.</div>
<p><span id="more-21396"></span></p>
<p>Von <b>13. bis 15. Mai</b> finden die <b>ÖH-Wahlen</b> statt. Du kannst dabei auf drei Ebenen deine Stimme nutzen: für deinen Studiengang wählst du die <b>Studienvertretung</b> (StV), für deine Universität die <b>Universitätsvertretung</b> (UV) und österreichweit die <b>Bundesvertretung</b> (BV). Wahlberechtigt sind <i>alle</i> Studierenden, die ihren ÖH-Beitrag fürs Sommersemester 2025 bis spätestens 25. März eingezahlt haben. In der <a href="https://www.unipress.at/ueber-uns/archiv-2/"><b>UNIpress-Wahlausgabe</b></a> findest du eine Übersicht über die Kandidat:innen für die STVen (sortiert nach Studiengang) sowie eine Vorstellung der Spitzenkandidat:innen und Listen für die UV an der Uni Innsbruck.</p>
<p>Um dir eine weitere Orientierung bei deiner Wahlentscheidung zu geben, haben wir außerdem die Innsbrucker Spitzenkandidat:innen zum ausführlichen Interview getroffen (nur vom RFS erhielten wir keine Rückmeldung auf unsere Anfragen). Am Wahlzettel stehen diesmal (sortiert nach ihren Stimmen bei der letzten ÖH-Wahl):</p>
<ul>
<li aria-level="1"><a href="https://www.unipress.at/campus/wir-wollen-wieder-in-die-exekutive-ag-spitzenkandidat-julian-herb-im-interview/"><b>AG</b> – AktionsGemeinschaft Innsbruck: Uni lebt!</a></li>
<li aria-level="1"><a href="https://www.unipress.at/campus/wir-halten-an-unseren-forderungen-fest-gras-spitzenkandidat-niklas-krantz-im-interview/"><b>GRAS</b> – Grüne und Alternative Student_innen</a></li>
<li aria-level="1"><a href="https://www.unipress.at/campus/die-oeh-wurde-gegruendet-um-politisch-zu-sein-vsstoe-spitzenkandidatin-julia-hofer-im-interview/"><b>VSStÖ</b> – Verband Sozialistischer Student_innen in Österreich</a></li>
<li aria-level="1"><a href="https://www.unipress.at/campus/wir-setzen-auf-konkrete-services-anstatt-politische-postings-junos-spitzenkandidat-florian-luxner-im-interview/"><b>JUNOS</b> – Junge liberale Studierende</a></li>
<li aria-level="1"><a href="https://www.unipress.at/campus/es-braucht-uns-fuer-eine-linke-oeh-ksv-lili-spitzenkandidatin-lina-brantsch-im-interview/"><b>KSV-LiLi</b> – Kommunistischer Student_innenverband – Linke Liste</a></li>
<li aria-level="1"><b>RFS</b> –  Ring Freiheitlicher Studenten – Liste Biermann</li>
</ul>
<p>Seit der letzten Wahl 2023 bildet eine „linke Koalition“ aus GRAS, VSStÖ und KSV-LiLi die ÖH-Exekutive in Innsbruck. AG und JUNOS, die in der Vergangenheit eine Koalition gebildet hatten, sind in der Opposition. Der RFS konnte 2023 kein Mandat in der Universitätsvertretung erreichen und wagt jetzt einen erneuten Anlauf.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Interview mit Florian Luxner (JUNOS)</h3>
<p>Florian Luxner, der als Spitzenkandidat der JUNOS in den Wahlkampf zieht, studiert Politikwissenschaft und Geographie im Bachelor. Wir haben ihn getroffen, um mehr über seine Pläne für die Zukunft der ÖH Innsbruck zu erfahren.</p>
<p><b>UNIpress: First things first: Was ist euer konkretes Ziel für diese Wahl? Wie viele Prozent strebt ihr an?</b><span style="font-weight: 400;"><br />
</span><span style="font-weight: 400;">Florian Luxner: Wir streben auf jeden Fall eine Stärkung im Vergleich zur letzten Wahl an. </span><span style="font-weight: 400;">Vor der letzen Periode waren wir ja mit zwei Mandaten vertreten, nun mit einem Mandat. </span><span style="font-weight: 400;">Das ausgesprochene Ziel wäre auf jeden Fall wieder zwei Mandate.</span></p>
<p><b>Ihr werbt mit einer entideologisierten Hochschulpolitik, vertretet zugleich aber wirtschaftsliberale Positionen, etwa zur Hochschulfinanzierung oder zur Rolle privater Anbieter. Ist das nicht letztlich auch eine ideologische Agenda – nur eben mit anderen Vorzeichen?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Ich denke, das ist immer auch Auslegungssache. Natürlich haben auch unsere Positionen eine bestimmte Denkrichtung – etwa beim Thema Studienbeiträge oder Hochschulfinanzierung. Aber uns geht es nicht darum, ein ideologisches Konzept durchzusetzen, sondern darum, wie wir das Studium für die Studierenden konkret verbessern können. Wir denken pragmatisch. Natürlich braucht jede politische Haltung irgendwo ein Leitbild. Aber unser Fokus liegt darauf, dass sich die ÖH wieder auf alle Studierenden konzentriert – nicht nur auf bestimmte Gruppen oder Agenden.</span></p>
<p><b>Kurz zusammengefasst: Was sind eure wichtigsten Forderungen?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> An der Uni Innsbruck steht für uns die Digitalisierung ganz oben. Während Corona hat die hybride Lehre sehr gut funktioniert – laut einer ÖH-Umfrage war das sogar die bevorzugte Variante. Mittlerweile gibt es kaum noch digitale Angebote, was wir nicht nachvollziehen können. Diesen Service wollen wir unbedingt zurückbringen. Ein weiteres Thema ist die Infrastruktur, etwa die Steckdosensituation an der SOWI: In vielen Hörsälen und Seminarräumen gibt es keine ausreichend verfügbaren Steckdosen – dabei braucht man heute in nahezu jedem Kurs einen Laptop.  </span><span style="font-weight: 400;">Auch im Umgang mit Künstlicher Intelligenz fehlt es derzeit an klaren Regeln. Viele nutzen KI-Anwendungen bereits, aber es herrscht große Unsicherheit, wie man sie korrekt einsetzen darf. Wir fordern, dass KI nicht ignoriert, sondern sinnvoll integriert wird. </span><span style="font-weight: 400;">Ein weiterer wichtiger Punkt ist Transparenz bei den ÖH-Beiträgen. Jeder Studierende muss zahlen, aber viele wissen nicht, wofür das Geld konkret verwendet wird. Wenn die ÖH gute Arbeit leistet, sollte sie sich vor Transparenz nicht scheuen. Und schließlich möchten wir die Campus-Flächen in Innsbruck beleben. Der GeiWi-Vorplatz zum Beispiel wirkt aktuell wie eine Betonwüste – trotz baulicher Einschränkungen wie der Tiefgarage darunter, ließe sich durch einfache Maßnahmen wie Sitzgelegenheiten oder Überdachungen viel verbessern. Mehr Lernzonen und Freizeitbereiche wären ein echter Gewinn für den Studienalltag.</span></p>
<p><b>Auch wenn du das bereits angerissen hast: In eurem Wahlprogramm sprecht ihr mehrfach vom „zeitgemäßen Studium“. Was genau versteht ihr konkret darunter?</b><span style="font-weight: 400;"><br />
</span><span style="font-weight: 400;">Ein zeitgemäßes Studium muss flexibler und selbstbestimmter sein. Gerade die Voraussetzungsketten sehen wir kritisch – niemand wird ernsthaft versuchen, ein Bachelorstudium im zweiten Semester abzuschließen. Trotzdem gibt es immer noch viele starre Abfolgen, die den Studienverlauf unnötig erschweren, insbesondere bei einem Studienwechsel. Oft führt das dazu, dass Studierende ein ganzes Semester verlieren, weil bestimmte Kurse nicht besucht werden können. Ein weiteres Problem ist die Vereinbarkeit von Studium und Arbeit. Wenn nur einzelne Kurse angeboten werden, wird es für viele Studierende zeitlich schwierig, beides unter einen Hut zu bringen. Auch bei den Anwesenheitspflichten gibt es Reformbedarf. Viele Studierende berichten, dass sie nicht nachvollziehen können, warum sie in Lehrveranstaltungen anwesend sein müssen, in denen sie inhaltlich nichts Neues lernen – oder inhaltlich ähnliches parallel in anderen Kursen behandelt werden. Wir vertrauen darauf, dass Studierende selbst entscheiden können, wie sie ihr Studium organisieren. Sie studieren schließlich für sich selbst – und sollten auch die Freiheit haben, dies eigenverantwortlich zu tun.</span></p>
<p><b>Wie beurteilt ihr das aktuelle Angebot der ÖH Innsbruck?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Es ist sicher nicht alles schlecht – das muss man fairerweise sagen. Es gibt sinnvolle Angebote, etwa das Stadtrad-Modell, das wir damals mit-initiiert haben und das inzwischen weitergeführt wird. Auch die Wohnungsvergabe ist grundsätzlich ein gutes Projekt. Trotzdem sehen wir Verbesserungspotenzial. Wir haben oft den Eindruck, dass sich die ÖH zu sehr auf bestimmte Gruppen konzentriert und nicht alle Studierenden gleichermaßen anspricht. Ein Beispiel ist das Sportreferat: Es gibt Skikurse nur für Frauen und diverse Personen, was völlig in Ordnung ist. Aber wenn dann Anträge für Skikurse für alle Gruppen abgelehnt werden, ist das aus unserer Sicht nicht ausgewogen. Die ÖH sollte sich wieder stärker auf ihre Kernaufgabe besinnen: für alle Studierenden da zu sein. Statt sich in politischen Postings zu verlieren, sollte sie konkrete Services bieten – niederschwellige Angebote, die den Studienalltag wirklich erleichtern. Dazu gehören auch Förderprogramme, etwa für innovative oder nachhaltige Projekte. Wir haben dazu bereits Anträge eingebracht, die leider abgelehnt wurden. Es gäbe noch sehr viel zu verbessern.</span></p>
<p><b>Wie lassen sich eure Forderungen nach mehr Eigenverantwortung und Selbstbestimmung mit dem Ziel sozialer Chancengleichheit verbinden? Oder anders gefragt: Haben bei euch vulnerable Gruppen einfach Pech gehabt, wenn sie nicht allein durchkommen?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Also, prinzipiell finden wir Eigenverantwortung gut. Aber es muss natürlich trotzdem immer möglich sein, dass Menschen, die es schwerer haben, Unterstützung bekommen. Das ist uns wichtig – dass man für solche Gruppen Angebote schafft. Wenn man sagt, das Studium soll selbstbestimmter werden, dann braucht es gerade für jene, die nicht alles allein schaffen, passende Services. Jeder Mensch ist unterschiedlich, man kann nicht alle über einen Kamm scheren. Und wenn jemand Hilfe braucht, dann finden wir, sollte man die im Rahmen eines selbstbestimmteren Studiums auch anbieten.</span></p>
<p><b>Ihr nennt euch „verlässliche Partner:innen“ der Studierenden. Welche messbaren, strukturellen Verbesserungen haben die JUNOS in den letzten Jahren – auch in der Exekutive – tatsächlich erreicht, jenseits von Symbolpolitik und PR-Kampagnen?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Wir haben einerseits viele Informationsangebote für Studierende bereitgestellt, andererseits aber auch konkrete Projekte vorangebracht – zum Beispiel beim Sonnendeck, das bei den Studierenden sehr beliebt ist und mittlerweile wieder geöffnet wurde. Hier haben wir deutlich Druck aufgebaut, sowohl auf die Stadt als auch auf andere beteiligte Akteure, und mit einer Petition das Thema in die Öffentlichkeit gebracht. Außerdem wurde unter uns die Stadtrad-Kooperation gestartet, die auch heute noch aktiv ist und von vielen Studierenden genutzt wird.</span></p>
<p><b>Schlagwort Sonnendeck – dazu eine Nachfrage: Auch wenn ihr die Petition gestartet habt – gleichzeitig reklamiert die AG die Wiedereröffnung für sich. Wer war denn nun wirklich verantwortlich?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Das ist schwer eindeutig zu sagen. Wir haben auf jeden Fall sehr viele Aktionen gesetzt: Die Petition gestartet, Videos produziert, Anfragen gestellt – also einiges getan, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Die Entscheidung selbst wurde dann auf einer anderen Ebene getroffen, nämlich in Gesprächen mit der Stadt Innsbruck und anderen politischen Akteuren. Wer genau diese Gespräche geführt hat, weiß ich nicht zu hundert Prozent – vermutlich war das dann tatsächlich eher auf Seiten der AG. </span><span style="font-weight: 400;">Aber man muss eben auch sehen: Wer politische Nähe zu den entscheidenden Stellen in der Stadt hat, kann an dieser Stelle vielleicht mehr bewirken als eine Jugendorganisation, deren ideologisch nahestehende Partei gar nicht im Stadtamt vertreten ist. Wir sind aber überzeugt, dass ohne unseren Druck und die öffentliche Aufmerksamkeit das Thema gar nicht in Bewegung gekommen wäre.</span></p>
<p><b>Wir haben das Thema bereits kurz angeschnitten – insbesondere im Zusammenhang mit eurer Forderung nach Entideologisierung. Aber nochmal konkret gefragt: Soll die ÖH eurer Meinung nach ein allgemeinpolitisches Organ sein – oder ausschließlich eine Studierendenvertretung?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Aus unserer Sicht sollte die ÖH in erster Linie eine Studierendenvertretung sein – eine Institution, die konkrete Services und Angebote schafft und sich möglichst ohne ideologische Hintergründe für die Anliegen der Studierenden einsetzt. Natürlich ist die ÖH durch Fraktionen geprägt, die jeweils gewisse politische Richtungen vertreten – das lässt sich nicht ganz vermeiden. Aber wir setzen uns dafür ein, dass diese Richtungen nicht aktiv in den Vordergrund gestellt werden, sondern dass die ÖH sich wieder stärker auf ihre eigentliche Aufgabe konzentriert: die Interessenvertretung der Studierenden.</span></p>
<p><b>Aber allgemeine politische Fragen betreffen doch auch Studierende, oder?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wenn die ÖH etwa Postings macht und darin behauptet, warum beim Thema Wohnen dies oder jenes schlecht sei, dann ist das nicht automatisch die Meinung aller Studierenden. Es ist die Meinung einer bestimmten Gruppe. Und wir glauben: Studierende sind erwachsene Menschen – sie haben Matura oder ein anderes Reifezeugnis und können sich selbst eine Meinung bilden. Sie brauchen keine politische Bevormundung durch eine Vertretung, die sich aus unserer Sicht besser um die wirklich relevanten, studienbezogenen Anliegen kümmern sollte.</span></p>
<p><b>Wie steht ihr als JUNOS – oder du persönlich – zur Pressefreiheit?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Pressefreiheit ist für mich eines der höchsten Güter, die eine Demokratie zu bieten hat. Wenn die Presse nicht mehr frei ist, dann ist auch das politische System als Ganzes beschädigt – oder, wie ich sagen würde, angeknackst.</span></p>
<p><b>Ich frage deshalb, weil es im Jahr 2022 eine Situation gab, in der eine Ausgabe der UNIpress zum Thema Sexualität zwar bereits gedruckt, dann aber von der Exekutive – also AG und JUNOS – zensiert, zurückgezogen wurde.</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Ich bin erst seit Herbst 2024 dabei, daher war ich an diesem konkreten Vorfall nicht beteiligt. Ich weiß aber, dass es diese Diskussion gegeben hat. Die genauen Hintergründe kenne ich nicht – da müsste ich spekulieren, und das möchte ich nicht. Grundsätzlich gilt für mich persönlich: Pressefreiheit ist ein sehr hohes Gut, und das gilt auch im Hochschulkontext. Unabhängig vom konkreten Fall ist für mich klar: Pressefreiheit ist essentiell und muss stets breit gedacht und geschützt werden.</span></p>
<p><b>Apropos Freiheit: Auf eurer Homepage liest man viel von Meinungsfreiheit. Gleichzeitig habt ihr euch klar gegen ideologische Debatten am Campus ausgesprochen – sei es von linker oder rechter Seite. Wie steht ihr in diesem Zusammenhang zu euren eigenen Positionen? Sollen die dann auch kein Thema mehr am Campus sein?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Viele unserer Positionen – etwa zur Digitalisierung oder zu einem grüneren Campus – empfinden wir nicht als ideologisch. Natürlich gibt es auch bei uns Themen, bei denen man sagen kann: Das ist eine gewisse Denkrichtung oder politische Haltung. Wir arbeiten auch auf Grundlage solcher Ideen – aber unser Anspruch ist es, dass die ÖH selbst möglichst ideologiefrei gegenüber den Studierenden auftritt. Wir sind der Meinung, dass jeder am Campus denken und sagen darf, was er oder sie möchte – solange es nicht gegen die demokratische Grundordnung verstößt. Das Recht auf Meinungsfreiheit gilt für alle. Die ÖH als Institution sollte sich jedoch darauf konzentrieren, eine sachliche, breit anschlussfähige Interessenvertretung zu sein – unabhängig von politischen Lagern.</span></p>
<p><b>Immer wieder wird – vor allem von liberaler Seite – die verpflichtende Mitgliedschaft in der ÖH infrage gestellt. Wie steht ihr zur sogenannten Pflichtmitgliedschaft?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wir sehen das so: Eine ÖH, die wirklich für die Studierenden da ist, sollte keine verpflichtende Mitgliedschaft brauchen. Es gibt Beispiele wie Gewerkschaften oder den ÖAMTC – auch dort gibt es keine Pflichtmitgliedschaft, und trotzdem sind viele Menschen freiwillig dabei, weil sie gute Services erhalten. Wenn die ÖH sinnvolle Angebote macht, dann wird sie auch ohne Zwang angenommen. Aus unserer Sicht sollte es daher keine verpflichtende Mitgliedschaft mehr geben.</span></p>
<p><b>Und wie soll sich die ÖH dann finanzieren, wenn die Mitgliedschaft freiwillig ist?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Unser Modell sieht vor, dass Studierende im ersten Semester automatisch Mitglieder sind – danach soll es eine Opt-out-Möglichkeit geben, also die Möglichkeit, aktiv auszutreten. Wir glauben, dass sich die ÖH dann stärker auf ihre Kernaufgaben konzentrieren muss – auf Themen, die den Studierenden wirklich etwas bringen. </span><span style="font-weight: 400;">Außerdem sehen wir auf Bundesebene viele Einsparungspotenziale. Wenn man sich die Ausgaben der Bundes-ÖH anschaut, findet man etwa ein Fest um 80.000 Euro, das hauptsächlich für Funktionär:innen veranstaltet wurde – oder Workshops wie „Sturmmasken häkeln“ und Antifa-Seminare. Wir sind der Meinung: Solche Angebote bringen den Studierenden keinen echten Mehrwert, und hier ließe sich problemlos Geld einsparen.</span></p>
<p><b>Wo genau gibt es solche Angebote?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Bei uns vor Ort nicht – das betrifft die Bundes-ÖH, also etwa Veranstaltungen in Wien.</span></p>
<p><b>Sturmmasken-Workshops?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Genau – das wäre so ein Beispiel. Oder ähnliche Formate.</span></p>
<p><b>Glaubt ihr nicht, dass eine Opt-out-Möglichkeit die ÖH letztlich kritisch schwächen könnte? Die Wahlbeteiligung dümpelte in der Vergangenheit bei unter 30 Prozent. Wenn also zwei Drittel der Studierenden aus der ÖH austreten, würde das den Untergang der Organisation bedeuten? </b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wir denken, dass eine gut ausgebaute Service- und Angebotsstruktur dazu führen wird, dass die Studierenden weiterhin gerne Teil der ÖH bleiben, auch ohne verpflichtende Mitgliedschaft. Natürlich muss die ÖH relevanter werden, und das bedeutet auch, dass die Wahlbeteiligung steigen muss. Viele Studierende fühlen sich derzeit nicht wirklich vertreten und wissen oft nicht, welchen Mehrwert ihnen die ÖH bietet. Mit einem klareren Fokus auf konkrete Angebote und Services, die die Studierenden wirklich nutzen, könnte sich das ändern. </span></p>
<p><b>Inwiefern seid ihr und eure Strukturen in der Studierendenvertretung von eurer Mutterpartei beeinflusst, sowohl politisch als auch in Bezug auf Kaderfindung oder parteipolitische Rückbindung?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Es gibt auf jeden Fall grundlegende politische Gemeinsamkeiten zwischen uns und unserer Mutterpartei, und wir bekennen uns dazu, dass wir Verbindungen haben. Wir finanzieren uns hauptsächlich durch Kleinspenden, erhalten aber auch Unterstützung von politischen Akteuren. Dabei versuchen wir jedoch nicht, uns als vollkommen unabhängig zu verkaufen – im Gegensatz zu manch anderen Fraktionen (schmunzelt). Trotz dieser Verbindungen sind wir aber frei, unsere eigenen Schwerpunkte zu setzen und eigene Themen anzusprechen. Eine Jugendorganisation wie die unsere hat die Aufgabe, die jungen Studierenden zu vertreten und aus ihrer Sicht zu sagen, welche Themen wichtig sind. Wir sind nicht strikt an die politische Agenda der Mutterpartei gebunden – unser Fokus liegt auf den Bedürfnissen der Studierenden.</span></p>
<p><b>Zugangstests, Anwesenheitspflicht, Studiendauer: Wie haltet ihr es mit Leistungsprinzipen in der Hochschule?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Ein aktuelles Problem, das wir sehen, ist, dass der freie Zugang zur Hochschule zwar grundsätzlich gewährleistet ist, aber in einigen Studiengängen dennoch die sogenannten „K.O.-Prüfungen“ gibt, die Studierende unnötig Zeit und Energie kosten. Dort wird viel Lebenszeit verschwendet, ohne dass den Studierenden wirklich geholfen wird. Unser Ansatz ist es daher, gezielte Zugangsbeschränkungen einzuführen, jedoch in einer Form, die die Zeit der Studierenden nicht unnötig verschwendet. Wir sind gegen massenhafte, willkürliche Prüfungen und setzen uns für gezielte Aufnahmetests ein, die treffsicher und zielgerichtet sind. Der Anspruch muss sein, die Studierenden nicht mit unnötigen Hürden zu belasten, sondern den Zugang fair und sinnvoll zu gestalten.</span></p>
<p><b>Wie steht ihr zu Studienbeiträgen und der Studiendauer? </b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Unser Modell für die Studienbeiträge sieht vor, dass während der Studiendauer keine Beiträge gezahlt werden müssen, weil wir es für nicht sinnvoll halten, Studierende zusätzlich zu belasten, während sie noch ihr Studium absolvieren. Nach dem Abschluss würden wir ein Modell einführen, bei dem Studierende, deren Nettogehalt über der Armutsgrenze von etwa 1.500 Euro liegt, bis zu 8 % ihres Einkommens als Studienbeitrag zahlen. Dieses Modell ist sozial treffsicher, da es diejenigen entlastet, die ohnehin wenig verdienen und sich mehr auf die höhere Einkommensschicht konzentrieret. Auf diese Weise könnte man die Universitäten besser finanzieren, was aktuell leider nicht ausreichend geschieht. Ähnliche Modelle existieren bereits in anderen Ländern, und wir sehen sie als sozial gerechter an als das derzeitige System.</span></p>
<p><b>Aber das führt doch langfristig zur Belastung von Studierenden und der Entlastung des Staates. 8 % des Einkommens über der Armutsgrenze ist deutlich mehr, als Studierende aktuell zahlen. Wie wollt ihr sicherstellen, dass dies nicht zu einer ungerechten Belastung wird?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Das Modell sieht vor, dass nur Einkommen über der Armutsgrenze von etwa 1.500 Euro besteuert wird. Wenn jemand beispielsweise 1.700 Euro verdient, würde nur das übersteigende Einkommen von 200 Euro mit maximal 8 % besteuert werden. So stellen wir sicher, dass der Beitrag sozial gerecht verteilt wird und diejenigen, die weniger verdienen, nicht zusätzlich belastet werden.</span></p>
<p><b>Aber auch die Besteuerung des Betrags über der Armutsgrenze führt zu weit höheren Studienbeiträgen als bisher. Warum ist dieses Modell trotzdem gerecht?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wir stellen uns die Frage, warum alle – zum Beispiel Bäcker oder Friseure – zum Studium der Studierenden beitragen sollten, und nicht nur Studierende im Nachhinein. Wir möchten, dass durch dieses Modell die Universitäten besser finanziert werden und die Lehre sowie die Chancen für alle Studierenden langfristig verbessert werden. So würden auch die Universitäten in Österreich wettbewerbsfähiger und attraktiver werden.</span></p>
<p><b>Und wie lange soll das Modell laufen?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Es gibt eine maximale Frist von 30 Jahren, nach der die Beiträge vollständig abbezahlt sind. Sollte jemand weniger zahlen, weil sein Einkommen unter der Armutsgrenze liegt, wird der Maximalbetrag nicht erreicht, und die Zahlung endet früher. Unser Ziel ist es, den Staat zu entlasten, aber gleichzeitig sicherzustellen, dass die Universitäten mehr finanzielle Mittel erhalten.</span></p>
<p><b>Wie stellt ihr sicher, dass der Staat weiterhin für die Universitäten verantwortlich bleibt?</b><b><br />
</b><span style="font-weight: 400;"> Wir möchten, dass der Staat weiterhin Verantwortung übernimmt und nicht einfach sagt: „Ich bin raus“. Deshalb fordern wir, dass 2 % des Bruttoinlandsprodukts für die Finanzierung der Universitäten bereitgestellt werden – und das auf keinen Fall weniger. Es ist wichtig, dass diese Gelder tatsächlich in die Bildung fließen und die Qualität der Lehre sowie der Studienmöglichkeiten gesichert werden.</span></p>
<p><b>Und wie sollen diese 2% des BIP für Hochschulfinanzierung realisiert werden? Glaubt ihr, dass das momentan realistisch ist, in Zeiten eines Budgetlochs und einer Wirtschaftsrezession?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Das ist natürlich ein langfristiges Ziel, das nicht von heute auf morgen erreicht werden kann. Wir sind uns bewusst, dass es in der aktuellen finanziellen Lage schwierig sein wird, dieses Ziel sofort umzusetzen. Aber wir glauben fest daran, dass Bildung eine der wichtigsten Investitionen für die Zukunft ist. Sie ist nicht nur entscheidend für die Gesellschaft, sondern auch für den Standort Österreich und für das wirtschaftliche und soziale Wohl. Bildung hat langfristig positive Auswirkungen auf die Wirtschaft, fördert Innovation und trägt zur gesellschaftlichen Stabilität bei. Deswegen ist es wichtig, diese Investition in die Zukunft zu tätigen – auch wenn dies eine längerfristige Vision ist. Die 2% des BIP für die Hochschulfinanzierung sind daher kein kurzfristiges Ziel, sondern ein Plan, um die Finanzierung von Hochschulen nachhaltig zu sichern und Bildung als strategische Ressource für die Gesellschaft zu stärken. Unsere Vision ist es, die Finanzierung der Hochschulen durch eine Kombination aus Drittmitteln, Studienbeiträgen und staatlichen Mitteln zu verbessern. Es geht darum, eine ausgewogene Finanzierungsstrategie zu entwickeln, die es den Universitäten ermöglicht, die Ausbildung besser zu gestalten, ohne dass der Staat die gesamte Last allein trägt.</span></p>
<p><b>Warum habt ihr bundesweit den Slogan „Mut zur Freiheit“ verwendet, obwohl dieser schon von der FPÖ genutzt wurde? Der RFS hat sich darüber echauffiert, dass ihr den Slogan übernommen habt. Wie reagiert ihr auf diese Kritik?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">In meinen Augen ist „Mut zur Freiheit“ einfach ein Slogan, der in der politischen Diskussion eine bedeutende Rolle spielt, und es ist kein exklusiver Slogan der FPÖ. Der Slogan wurde bereits in verschiedenen Kontexten verwendet, und ich finde es etwas übertrieben, wenn man uns vorwirft, ihn „geklaut“ zu haben. Wenn ich auf unsere Ideen schaue, kann ich mit Freiheit sehr, sehr viel anfangen. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, in der Freiheit im positiven Sinne gelebt wird – nicht nur als Abgrenzung von der FPÖ. Aber für uns bedeutet Freiheit vor allem Selbstbestimmung und die Möglichkeit, sich frei zu entfalten, ohne dabei in starren Vorstellungen gefangen zu werden. Die Kritik vom RFS, gerade im Zusammenhang mit der FPÖ, finde ich etwas hämisch. Der RFS, welcher stark mit der FPÖ verbunden ist, vertritt Ideen, die mit unserem Verständnis von Freiheit nichts zu tun haben. Zum Beispiel haben sie erst kürzlich auf Instagram das Konzept von „Mann und Frau“ in Ungarn als etwas Positives und Vorbild dargestellt, was für uns überhaupt nichts mit Freiheit zu tun hat. Im Gegenteil, es geht dabei darum, Menschen in bestimmte Rollen zu pressen.</span></p>
<p><b>War der Slogan „Mut zur Freiheit“ bewusst gewählt oder ist euch im Nachhinein aufgefallen, dass auch die FPÖ diesen bereits verwendet hat?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Ich kann ganz klar versichern, dass es nicht die Absicht war, uns ideologisch mit der FPÖ gleichzusetzen. Zu dem Zeitpunkt, als der Slogan gewählt wurde, war ich noch nicht so stark involviert. Aber ich bin mir sicher, dass es nie die Absicht war, mit der FPÖ in irgendeiner Form in Verbindung gebracht zu werden.</span></p>
<p><b>Exekutive oder Opposition: Wenn die JUNOS Verantwortung übernehmen – mit wem, und auf welcher inhaltlichen Basis?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Das hängt stark davon ab, wie die Mandate letztlich verteilt werden. Wir sind auf jeden Fall offen für Gespräche und Zusammenarbeit mit allen Parteien, solange sie nicht in den Extrem-Bereichen rechts und links angesiedelt sind. Bei kleineren, konkreten Themen, bei denen es ähnliche Denkrichtungen oder Positionen gibt, sehen wir viel Potenzial für sinnvolle Kooperation. Eine konkrete exekutive Beteiligung ist für uns ebenfalls denkbar – vorausgesetzt, wir sehen darin einen klaren Auftrag und die Möglichkeit, unsere Inhalte umzusetzen.</span></p>
<p><b>Welche Parteien schließen ihr demnach konkret aus?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Wenn es aber um die Übernahme einer direkten Exekutive geht, können wir uns sicher sein, dass wir mit allen Parteien sprechen würden, die zu unseren Prinzipien passen. Der RFS und KSV-LiLi kommen für uns nicht infrage. Diese fallen für uns definitiv weg. </span></p>
<p><strong>Danke für das Gespräch!</strong></p>
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		<title>Wo Gemeinschaft Wurzeln schlägt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Hofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Apr 2025 10:47:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Innsbruck als Stadt, in der Gemeinschaft zur gelebten Erfahrung wird – dieser Artikel illustriert drei Möglichkeiten, wie geteilte Augenblicke entstehen, die verbinden und bleiben. Es gibt Momente, die sich wie&#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="subtitle_up">Innsbruck als Stadt, in der Gemeinschaft zur gelebten Erfahrung wird – dieser Artikel illustriert drei Möglichkeiten, wie geteilte Augenblicke entstehen, die verbinden und bleiben.</div>
<p>Es gibt Momente, die sich wie eine sanfte Welle über den Alltag legen und ihn für einen kurzen Augenblick zum Stillstand bringen. Diese Momente können auf verschiedene Art und Weise, an unterschiedlichen Orten und zu allen möglichen Gegebenheiten passieren. Doch einen gemeinsamen Nenner haben die meisten dieser Augenblicke – sie passieren in Gemeinschaft. Die Magie solcher Momente liegt nicht allein in ihrer Schönheit, sondern in ihrer Flüchtigkeit. Sie sind wie ein Atemzug, der gemeinsam gespürt wird, wie ein Blick, der ohne Worte verstanden wird. Gemeinschaft verleiht diesen Augenblicken Tiefe, macht sie zu mehr als bloßem Zeitvertreib – zu Erinnerungen, die bleiben. Dabei zeigt sich Gemeinschaft in ihrer Vielfalt: im vertrauten Beisammensein mit den Liebsten, im flüchtigen Austausch mit Unbekannten, die dieselbe Erfahrung teilen, in der stillen Verbindung zur Natur oder im gemeinsamen Erleben kultureller Ausdrucksformen. Jeder dieser Wege öffnet ein eigenes Tor zur Begegnung – aber alle führen zur gleichen Essenz: dem Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.</p>
<p>Besonders in einer Stadt wie Innsbruck, wo sich Urbanität und Natur in einer symbiotischen Verbindung gegenseitig durchdringen, eröffnet sich eine Vielzahl an Möglichkeiten, diese Augenblicke des Miteinanders bewusst zu zelebrieren. Ob in den kunstvoll verzierten Sälen eines geschichtsträchtigen Schlosses, auf den stillen Wegen eines sich im Morgengrauen färbenden Gipfels oder in den aufgeladenen, von angeregtem Stimmengewirr erfüllten Räumen einer kleinen Bar. Drei exemplarische Aktivitäten illustrieren, wie facettenreich sich kollektive Erfahrung in Innsbruck gestalten kann und wie sie sich – jenseits des bloßen Nebeneinanders – zu einem bewusst erlebten, tiefgehenden Miteinander verdichtet.</p>
<h3>I. Ein kultureller Klassiker – Schloss Ambras</h3>
<p>Wer den Pfad zum hoch über Innsbruck thronenden Schloss Ambras beschritten hat, wird die Schönheit dieses Ortes kaum verleugnen können. Schon der erste Anblick – die weiten Renaissancefassaden, der alpinen Kulisse gegenübergestellt – lässt erahnen, welche kulturellen Begegnungen dort warten.</p>
<p>Besonders für eine Gruppe von Geschichts- und Kunstinteressierten wird der Besuch zu einem Dialog, miteinander und mit dem Bauwerk selbst. Der „Spanische Saal“, ein prachtvolles Stück Renaissance, entfaltet seine Wirkung nicht nur durch die monumentale Ästhetik der Holzkassettendecke oder die Würde der überlebensgroßen Porträts, sondern durch das gemeinsame Staunen, die geteilten Reflexionen und die Faszination darüber, dass sich hier Vergangenheit und Gegenwart in einem Moment synchronisieren. William Faulkner sagte einst: „<em>Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.</em>“ Genau das spürt man im Schloss Ambras mit jedem Schritt – die Geschichte lebt nicht nur in den Exponaten, sondern im lebendigen Austausch der Besucher:innen, die Vergangenes in der Gegenwart neu deuten.</p>
<p>Der Weg durch die „Kunst- und Wunderkammer“, eine der ältesten noch erhaltenen Sammlungen dieser Art, gleicht einer enzyklopädischen Reise durchs 16. Jahrhundert. Dieser Rundgang öffnet nicht nur Türen zur Vergangenheit, sondern lädt ein, das Wesen der Sammelleidenschaft und des Renaissance-Geistes zu begreifen – ein Streifzug durch die kulturelle DNA Europas. Welche Geschichten verbergen sich hinter den Exponaten? Welche Ideale von Schönheit, welches Streben nach Macht und welcher Durst nach Wissen verdichten sich in diesen eigentümlichen Sammlerstücken? Diese Fragen entfalten ihre volle Wirkung im gemeinsamen Diskurs, zwischen den Mauern des Schloss Ambras.</p>
<p>Ein Spaziergang durch den weitläufigen Schlosspark, vorbei an der mystischen Bacchusgrotte, dem venezianischen Brunnen und den versteckten Architekturen höfischer Gartengestaltung gilt als weitere Höhepunkt – nicht zuletzt durch die Begegnung mit den majestätischen Pfauen, die einst vor Jahrhunderten dort angesiedelt wurden und seither das Gelände mit ihrer anmutigen Präsenz bereichern.</p>
<div id="attachment_21346" style="width: 2570px" class="wp-caption alignnone"><img aria-describedby="caption-attachment-21346" decoding="async" loading="lazy" class="size-full wp-image-21346" src="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Innsbruck_Schloss_Ambras_Hochschloss_Innen_Spanischer_Saal_03-scaled.jpg" alt="" width="2560" height="1682" srcset="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Innsbruck_Schloss_Ambras_Hochschloss_Innen_Spanischer_Saal_03-scaled.jpg 2560w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Innsbruck_Schloss_Ambras_Hochschloss_Innen_Spanischer_Saal_03-300x197.jpg 300w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Innsbruck_Schloss_Ambras_Hochschloss_Innen_Spanischer_Saal_03-1024x673.jpg 1024w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Innsbruck_Schloss_Ambras_Hochschloss_Innen_Spanischer_Saal_03-768x504.jpg 768w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Innsbruck_Schloss_Ambras_Hochschloss_Innen_Spanischer_Saal_03-1536x1009.jpg 1536w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Innsbruck_Schloss_Ambras_Hochschloss_Innen_Spanischer_Saal_03-2048x1345.jpg 2048w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Innsbruck_Schloss_Ambras_Hochschloss_Innen_Spanischer_Saal_03-1920x1261.jpg 1920w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Innsbruck_Schloss_Ambras_Hochschloss_Innen_Spanischer_Saal_03-1170x769.jpg 1170w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Innsbruck_Schloss_Ambras_Hochschloss_Innen_Spanischer_Saal_03-585x384.jpg 585w" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" /><p id="caption-attachment-21346" class="wp-caption-text">Spanischer Saal des Schloss Ambras, Foto: Zairon / APA Images</p></div>
<h3>II. Die Poesie des gemeinsamen Aufstiegs – Sonnenaufgangstour am Rangger Köpfl</h3>
<p>Während der Moment des Alleinseins in der Bergwelt eine eigene Qualität besitzt, offenbart sich in der geteilten Erfahrung eine tiefere Dimension: Das gemeinsame Durchschreiten der Dunkelheit, das Schweigen, das sich im Einklang der Schritte verdichtet, und das geduldige Warten auf den ersten Schimmer des Lichts – all das verbindet die Wandernden in einer wortlosen, doch tief empfundenen Harmonie des Miteinanders. Das Erklimmen des Gipfels als kollektiver Erfolg – unübertroffen bleibt die Schönheit, wenn Freude nicht allein, sondern in Gemeinschaft geteilt wird.</p>
<p>Ein wunderbares Beispiel dafür bietet die Sonnenaufgangs-Tour zum Rangger Köpfl. Rund 30 Minuten vom Stadtkern Innsbrucks entfernt beginnt die nächtliche Wanderung am Parkplatz Stiglreith in völliger Stille. Die Dunkelheit ist kein bloßer Mangel an Licht, sondern eine Bühne für die Konzentration auf das Wesentliche: den nächsten Schritt, das gleichmäßige Atmen, das leise Knirschen des Gerölls unter den Stiefeln. Die Präsenz der anderen wird nicht nur durch Gespräche spürbar, sondern auch durch das unsichtbare Band einer geteilten Herausforderung.</p>
<p>Mit den ersten Lichtstrahlen offenbart sich eine Szenerie von atemberaubender Schönheit. Das Inntal liegt im zarten Blau der Dämmerung, während die Gipfel der Nordkette in flammenden Rot- und Orangetönen zu leuchten beginnen. Der Moment des Staunens ist ein kollektiver – in ihm lösen sich Individuen auf und werden Teil eines größeren Erlebens.</p>
<p>Doch das Abenteuer endet nicht mit dem Abstieg. Unten, am Ursprung der nächtlichen Wanderung angekommen, erwartet die Gruppe eine gänzlich andere Form des Miteinanders: Disc Golf – ein Duell aus Präzision und Intuition, bei dem sich sportliche Taktik mit spielerischer Leichtigkeit verbindet. Hier misst sich der Werfer nicht nur mit den anderen, sondern auch mit sich selbst und dem eigenen Gespür für Distanz und Winkel. Mit geschmeidigen Bewegungen navigiert die Scheibe ihren Weg durch die Luft, stets auf der Suche nach der perfekten Bahn. Ihr Ziel: die Ketten des Fangkorbs mit möglichst wenigen Würfen zum Klingen zu bringen. Zwischen verbissenem Ehrgeiz und heiterem Scheitern entfaltet sich eine unbeschwerte Atmosphäre, in der Kampfgeist und Freude nicht als Gegensätze existieren, sondern sich in spielerischer Harmonie verbinden.</p>
<h3>III. Rauchende Köpfe und kühles Bier – Pub-Quiz</h3>
<p>Wenn die Nacht über Innsbruck hereinbricht und sich das urbane Treiben in den verwinkelten Gassen der Stadt verlagert, entfalten sich in den gemütlichen Pubs und Cafés Szenen, die mehr sind als bloß geselliges Beisammensein: Hier, an Holztischen, bei einem frisch gezapften Bier oder einem aromatischen Kaffee, wird der Geist gefordert, das Wissen auf die Probe gestellt und die kollektive Kombinationsgabe geschärft. Das Pub-Quiz, welches Ursprung in den britischen Kaschemmen fand, hat sich in Innsbruck längst als fester Bestandteil der Abendunterhaltung etabliert.</p>
<p>Ob für Quiz-Veteranen oder neugierige Neulinge, in Innsbruck gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich im Wettkampf des Wissens zu messen. Von traditionsreichen Pubs mit authentisch englischer Atmosphäre – die meisten Quizabende in Innsbruck finden ebenfalls auf Englisch statt – bis hin zu kreativen Formaten mit ausgefallenen Spezialthemen. Hier eine Übersicht der besten Adressen für alle, die ihre Beschlagenheit in geselliger Runde testen möchten.</p>
<p>Im <strong>Galway Bay</strong> findet jeden Montag das größte und wohl bekannteste Quiz der Stadt statt. Über 30 Teams und bis zu 200 Teilnehmer treten an, um in fünf Fragerunden – von Allgemeinwissen bis hin zu spezifischen Themen wie Geschichte, Musik oder Naturwissenschaft – ihr Wissen zu messen. Die „Freaks“-Division richtet sich an ehrgeizige Strategen, während in der „Lovers“-Division der Spaß im Vordergrund steht. Der Abend ist ideal für alle, die in lebendiger, internationaler Atmosphäre die Köpfe rauchen lassen möchten.</p>
<p>Das <strong>Moustache</strong> bietet sonntags eine entspannte, aber keineswegs einfache Alternative. Hier treffen Teams von bis zu neun Personen in einem kreativen Mix aus Kunst, Kultur und Popkultur aufeinander. Sechs abwechslungsreiche Fragerunden, darunter eine Bilder- und Filmrunde, sorgen für Spannung. Da die Veranstaltung oft ausgebucht ist, empfiehlt sich eine rechtzeitige Reservierung über soziale Medien.</p>
<p>Für Musikliebhaber öffnet die <strong>Bäckerei</strong> monatlich ihre Türen zum speziellen Musik-Quiz. Vierer-Teams stellen sich Fragen rund um Musikgeschichte, Genres und Künstler. Mit einem Solidaritätsbeitrag von nur einem Euro wird nicht nur Wissen gefördert, sondern auch die Location unterstützt. Gutscheine und Freigetränke belohnen die Sieger, während selbst Verlierer nicht leer ausgehen.</p>
<p>Wer es lieber deutschsprachig mag, wird, der Namensgebung zum Trotz, im <strong>Shakespeare</strong> fündig. Jeden ersten Sonntag im Monat messen sich Teams im urigen Ambiente bei Fragen aus den Bereichen Geschichte, Kultur und Literatur. Mit bis zu zwölf Teams entsteht hier eine familiäre Atmosphäre, die von britischer Pub-Gemütlichkeit geprägt ist.</p>
<p>Das <strong>Brennpunkt</strong> bietet am Dienstag eine besondere Variante mit interaktiver Buzzer-Runde und hervorragendem Kaffee für jene, die ein entspanntes Ambiente suchen. Diese Veranstaltung ist weniger von Bier und Herausschreien aus der Menge, sondern mehr von Koffein und Konzentration geprägt.</p>
<p>In der <strong>PM-Bar</strong> erwartet die Gäste ein besonders feierlustiges Pub-Quiz, bei dem nicht nur Wissen zählt, sondern auch Geschick und Teamgeist gefragt sind. Zwischen den klassischen Fragerunden sorgen interaktive Challenges und spontane Spiele für zusätzliche Punkte und heitere Überraschungen. Die ausgelassene Stimmung wird durch reichlich Popcorn aus der hauseigenen Maschine und das lockere Ambiente perfekt abgerundet. Jeden Donnerstag verwandelt sich die Bar in ein lebendiges Zentrum voller Spaß, Wettbewerb und Feierlaune – ein Pflichttermin für alle, die ein Pub-Quiz als echtes Event erleben möchten. Anzumerken gilt: neben dem Shakespeare- und dem Brennpunkt- wird auch das PM Pubquiz auf Deutsch durchgeführt.</p>
<p>Ob ambitioniert oder entspannt: Das Innsbrucker Pub-Quiz vereint das Beste aus Wissen, Humor und Teamgeist. Gemeinsam zu grübeln, sich durch knifflige Fragen zu kämpfen und Erfolge im Team zu feiern, ist hier keine Ausnahme, sondern die Regel – ein Erlebnis, das Kopf und Herz gleichermaßen anspricht.</p>
<div id="attachment_21347" style="width: 1767px" class="wp-caption alignnone"><img aria-describedby="caption-attachment-21347" decoding="async" loading="lazy" class="size-full wp-image-21347" src="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Pubquiz.jpg" alt="" width="1757" height="1024" srcset="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Pubquiz.jpg 1757w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Pubquiz-300x175.jpg 300w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Pubquiz-1024x597.jpg 1024w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Pubquiz-768x448.jpg 768w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Pubquiz-1536x895.jpg 1536w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Pubquiz-1170x682.jpg 1170w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/04/Pubquiz-585x341.jpg 585w" sizes="(max-width: 1757px) 100vw, 1757px" /><p id="caption-attachment-21347" class="wp-caption-text">Foto: Thoraxis / APA Images</p></div>
<h3>Wenn aus dem „Ich“ ein „Wir“ wird</h3>
<p>In all diesen Erlebnissen zeigt sich eine tiefere Wahrheit: Gemeinschaft ist nicht bloß ein zufälliges Nebenprodukt sozialer Begegnungen, sondern entfaltet sich überall dort, wo Menschen bereit sind, ihre Geschichten, Herausforderungen oder Augenblicke miteinander zu teilen. Sie entsteht, wenn Menschen sich gemeinsam einer Geschichte, einer Herausforderung oder einer Frage widmen – sei es durch das kollektive Erkunden eines historischen Ortes, das synchronisierte Durchqueren eines Bergpfades oder den intellektuellen Austausch über eine knifflige Quizfrage.</p>
<p>Gemeinschaft ist nicht planbar, nicht zu kalkulieren – sie kann im zufälligen Gespräch in der Bahn entstehen oder in der unerwarteten Geste eines Fremden, die plötzlich Nähe stiftet. Doch es ist nie der pure Zufall allein, der sie wachsen lässt, sondern Orte, die ihr Raum schenken und Gelegenheiten, in denen sie gedeihen kann. Ob in kunstvoll verzierten Sälen, auf Bergpfaden oder in einer lebhaften Quizrunde – Innsbruck wird hier zur Bühne, auf der jede Begegnung, ob spontan oder bewusst, Teil eines größeren Ganzen wird.</p>
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		<title>„I am living my dream“ – Rose May Alaba im Gespräch über Afrobeats, Authentizität und ihren Tourauftakt in Innsbruck</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Hofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Mar 2025 11:30:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ihr Konzert war ein rauschendes Zusammenspiel aus Rhythmus, Energie und musikalischer Hingabe – ein Abend, der das Publikum nicht nur bewegte, sondern mitriss. Zwei Stunden zuvor gewährt sie im Gespräch&#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="subtitle_up"><i><span style="font-weight: 400;">Ihr Konzert war ein rauschendes Zusammenspiel aus Rhythmus, Energie und musikalischer Hingabe – ein Abend, der das Publikum nicht nur bewegte, sondern mitriss. Zwei Stunden zuvor gewährt sie im Gespräch mit Unipress Einblicke in ihre musikalischen Wurzeln, spricht über ihre größten Einflüsse und darüber, wie sie zwischen Wien und Lagos ihren ganz eigenen Sound formt.</span></i></div>
<p><span style="font-weight: 400;">Es ist ein entspannter, beinahe vertrauter Moment, als mich Rose May Alaba im Backstage-Bereich des Treibhauses empfängt. Mit einem warmen Lächeln reicht sie mir ein Stück Ingwer mit Honigtopping – eine kleine, fast beiläufige Geste, die dennoch viel über ihre Persönlichkeit verrät: zugänglich, herzlich und einen feinen Sinn für zwischenmenschliche Nuancen. Ihr Team empfängt mich mit derselben Offenheit. Es ist eine Atmosphäre, die von Leichtigkeit, Humor und einem tiefen Gemeinschaftsgefühl geprägt ist – hier wird nicht nur zusammengearbeitet, sondern auch geteilt, gescherzt und mit Leidenschaft an einer Vision gefeilt. Nach einem kurzen, lebendigen Austausch ziehen wir uns in einen separaten Raum zurück – bereit für ein Gespräch, das zwischen herzhaftem Lachen, tiefgehenden Einblicken und inspirierenden Momenten changiert.</span></p>
<p><b>UNIpress: Rose, du sprichst häufig über deine nigerianischen und philippinischen Wurzeln – und wer deine Musik hört, spürt sofort, wie tief diese kulturelle Verankerung in deinem Sound mitschwingt. Wie pflegst und bewahrst du diese Verbindung?</b></p>
<p><em>Rose May Alaba</em>:<span style="font-weight: 400;"> Ich fliege mindestens zweimal im Jahr nach Nigeria, um dort Musik zu machen und mit lokalen Produzenten zusammenzuarbeiten. Für mich ist das essenziell, um die Authentizität zu bewahren – denn Afrobeat lebt von seinen Wurzeln. Jedes Mal, wenn ich dort bin, entdecke ich neue Seiten an mir selbst. Ich bin in Wien aufgewachsen, aber als ich das erste Mal in Nigeria ankam, merkte ich sofort: That feeds my soul</span><i><span style="font-weight: 400;">.</span></i><span style="font-weight: 400;"> Dort sind so viele talentierte Menschen, die Musik nicht nur machen, sondern atmen. Es ist für mich eine Ehre, diese Energie auf meinem Album einzufangen und zu repräsentieren.</span></p>
<p><b>UNIpress:</b> <b>Dein Vater war als Musiker und DJ aktiv, deine Mutter ist ebenfalls Sängerin. Welche Rolle hat die Musik in deiner Kindheit gespielt?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Musik war in unserer Familie allgegenwärtig. Mein Papa ist in Nigeria aufgewachsen und hat dieses Rhythmusgefühl mit nach Wien gebracht. In den 90ern feierte er mit seinem Duo </span><i><span style="font-weight: 400;">Two in One</span></i><span style="font-weight: 400;"> sogar einige Erfolge. Und auch in meiner philippinischen Familie kann eigentlich jeder entweder singen oder ein Instrument spielen – oder beides. Es war also fast unausweichlich, dass Musik auch meinen Weg bestimmen würde.</span></p>
<p><b>UNIpress:</b> <b>(Kündigt eine Spezialfrage an und lacht) 2011 wurdest du in der Castingshow </b><b><i>Popstars – Mission Österreich</i></b><b> Teil der Girl-Group </b><b><i>BFF</i></b><b> und hast einige Zeit in einem Bandhaus in Biberwier, Tirol verbracht. Wie erinnerst du dich an diese Zeit?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">(lacht) Ich erinnere mich noch genau, als wir nach Innsbruck kamen und dann noch zwei Stunden weiterfuhren – ich dachte mir nur: </span><i><span style="font-weight: 400;">Wo genau sind wir hier?</span></i><span style="font-weight: 400;"> Aber es war wunderschön. Wir haben lange Spaziergänge gemacht, Kühe beobachtet und einfach die Natur genossen.</span></p>
<p><b>UNIpress: Heute startet hier in Innsbruck deine erste Tour. Was hat dich dazu bewogen, genau hier den Auftakt zu setzen?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Ich möchte in Österreich alle Menschen erreichen – und Innsbruck hat eine unglaubliche Energie. Die Stadt ist jung, international und hat viel zu bieten. Deshalb wollte ich unbedingt hier eine Show spielen und das Tiroler Publikum für Afrobeats begeistern.</span></p>
<p><b>UNIpress: Hast du besondere Rituale oder Routinen vor deinen Auftritten?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Auf jeden Fall. Ich bete immer vor meinen Shows – das gibt mir Kraft und Mut. Es ist mir wichtig, mit Gott in Verbindung zu bleiben. Aber auch mein Team und meine Band sind essenziell. Ich bin einfach unglaublich dankbar für diese tollen Menschen um mich herum.</span></p>
<p><b>UNIpress: Dein Debütalbum </b><b><i>Rozey</i></b><b> ist gerade erschienen – wie fühlt es sich an, es endlich live performen zu können?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Also, ohne arrogant klingen zu wollen, glaube ich, dass dieses Album eines meiner stärksten Werke ist (lacht). Ich freue mich unglaublich darauf, Afropop weiter in die Welt zu tragen und meine Wurzeln in meiner Musik widerzuspiegeln. Es geht mir darum, den Menschen näherzubringen, wer ich als Künstlerin – und als Person – bin. Viele kennen meinen Bruder, aber nicht meine Geschichte, meine Herkunft oder die musikalische Prägung, die mich begleitet hat. Ich trete in die Fußstapfen meines Vaters, aber auf meinem ganz eigenen Weg. Ich bin einfach voller Vorfreude – </span><i><span style="font-weight: 400;">I am living my dream!</span></i></p>
<p><b>UNIpress: Du führst mit deinem Vater gemeinsam dein Independent-Label. Gibt dir diese Unabhängigkeit mehr kreative Freiheit oder bringt sie auch Herausforderungen mit sich?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Grundsätzlich ist kein Weg im Entertainment-Business der leichtere. Als Independent-Künstlerin genieße ich zwar kreative Freiheit – niemand schreibt mir vor, was ich tun muss, nur weil er mir einen Vorschuss zahlt. Aber ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass ich einfach machen kann, was ich will. Jede Entscheidung muss Sinn ergeben, finanziell tragbar sein und mit harter Arbeit untermauert werden. Man braucht nicht nur Talent, sondern auch Durchhaltevermögen, den gewissen Hustle und vor allem eine tiefe Liebe für das, was man tut.</span></p>
<p><b>UNIpress: Gibt es eine Künstlerin oder einen Künstler, mit dem du unbedingt einmal zusammenarbeiten möchtest?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Puh, da gibt es einige! Wahrscheinlich Kendrick Lamar.</span></p>
<p><b>UNIpress: Also eher nicht Drake? (spielt augenzwinkernd auf den prominenten Beef der beiden Rapper an)</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">(lacht) Da halte ich mich lieber raus! Ich finde, Drake ist ein großartiger Künstler, aber in solche Streitereien mische ich mich nicht ein. Außerdem ist Lauryn Hill eine Künstlerin, die mich besonders inspiriert. Und in der Afrobeats-Szene bewundere ich Talente wie Tems, Ayra Starr und Rema. Es gibt so viele außergewöhnliche Künstler:innen, und ich liebe es, mit verschiedenen Musiker:innen zusammenzuarbeiten und neue kreative Impulse zu gewinnen.</span></p>
<p><b>UNIpress: Weißt du schon, wie es nach der Tour für dich weitergeht? In früheren Interviews hast du bereits erwähnt, dass dich auch Mode fasziniert und du an der Filmakademie in Wien studiert hast. Können sich deine Fans also darauf freuen, in naher Zukunft noch weitere kreative Facetten von dir kennenzulernen?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Ja, auf jeden Fall! Musik ist meine große Liebe, aber ich bin mit einer breiten kreativen Neugier aufgewachsen und liebe es, immer wieder aus meiner Komfortzone herauszutreten und Neues auszuprobieren. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, irgendwann auch im Bereich Mode aktiv zu werden oder Erfahrungen in der Schauspielerei zu sammeln. Aber im Moment liegt mein Fokus ganz klar auf der Musik.</span></p>
<p><b>UNIpress: Apropos Studium: Wie war deine Studienzeit und was würdest du den Studierenden in Innsbruck mit auf den Weg geben?</b></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Definitiv keine gewöhnliche Studentenzeit. Mein Studium war stark sprachlich geprägt – und, um ehrlich zu sein, hat es mich in vielerlei Hinsicht sehr gut auf das Entertainment-Business vorbereitet. Man lernt sich selbst neu kennen, vor allem in einem Umfeld, in dem die Konkurrenz groß ist und man nicht immer alles kontrollieren kann. Aber man wächst daran, passt sich an und entwickelt seine eigene Art, sich zu behaupten. Für mich war es eine prägende Phase, in der ich mich noch einmal neu entdeckt habe – sie hat mich gut auf meinen Weg vorbereitet. Und was ich den Innsbrucker Studentinnen und Studenten gerne mitgebe: Bleib du selbst. Authentizität ist das Wichtigste. Am Ende des Tages bist du aus einem bestimmten Grund hier – du musst niemandem etwas beweisen.</span></p>
<div id="attachment_21288" style="width: 600px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-21288" decoding="async" loading="lazy" class="wp-image-21288 size-full" src="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/Rose-auf-der-Buehne-IBK-small.jpg" alt="" width="590" height="633" srcset="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/Rose-auf-der-Buehne-IBK-small.jpg 590w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/Rose-auf-der-Buehne-IBK-small-280x300.jpg 280w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/Rose-auf-der-Buehne-IBK-small-585x628.jpg 585w" sizes="(max-width: 590px) 100vw, 590px" /><p id="caption-attachment-21288" class="wp-caption-text">Rose May Alaba begeisterte das Publikum in Innsbruck mit Herz und Stimme (Foto: Rebecca Dimény)</p></div>
<p><span style="font-weight: 400;">Nachdem unser Gespräch zu Ende geht, bleibt noch etwas Zeit, bevor das Treibhaus seine Tore öffnet. Zwei Stunden vergehen – zwei Stunden, in denen sich im Backstage-Bereich Familie und Freunde versammeln, lachen, plaudern und die vorfreudige Stimmung genießen. Währenddessen widmen sich Rose May Alaba und ihr Team dem Soundcheck, feilen an den letzten Details und stimmen sich auf den Abend ein. Es ist eine Balance aus akribischer Vorbereitung und gespannter Erwarung.</span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Dann ist es so weit: das Publikum drängt sich erwartungsvoll vor die Bühne, Stimmen vermischen sich zu einem aufgeregten Murmeln, während die Scheinwerfer langsam die Szenerie einfangen. Ein letzter Blick, ein tiefes Durchatmen – und mit den vibrierenden Beats entfaltet sich ein Konzert, das Innsbruck so schnell nicht vergessen wird. Ihre Musik trägt das Temperament Nigerias, die Lockerheit Wiens und die Entschlossenheit, sich ihren ganz eigenen Platz zu schaffen. Die Leute tanzen, singen und lassen sich von Roses Begeisterung mitreißen. Spätestens mit den ersten Tönen ihres neuen Albums </span><i><span style="font-weight: 400;">Rozey</span></i><span style="font-weight: 400;"> wird klar: Rose May Alaba bietet nicht nur eine Performance, sie kreiert einen Moment. Nach mehreren Zugaben verlässt sie die Bühne mit einem Lächeln, das so authentisch ist wie ihre Musik. Die Zuseher jubeln, der Applaus klingt noch lange nach. An diesem Abend hat sie nicht nur gezeigt, wie lebendig und facettenreich Afropop sein kann – sie hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.</span></p>
<div id="attachment_21289" style="width: 1090px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-21289" decoding="async" loading="lazy" class="wp-image-21289 size-full" src="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/Rose-Tour.jpg" alt="" width="1080" height="1080" srcset="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/Rose-Tour.jpg 1080w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/Rose-Tour-300x300.jpg 300w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/Rose-Tour-1024x1024.jpg 1024w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/Rose-Tour-150x150.jpg 150w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/Rose-Tour-768x768.jpg 768w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/Rose-Tour-585x585.jpg 585w" sizes="(max-width: 1080px) 100vw, 1080px" /><p id="caption-attachment-21289" class="wp-caption-text">Die Daten ihrer ersten Tour &#8211; wärmstens empfohlen (Foto: @rosemayalaba on Instagram)</p></div>
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		<item>
		<title>Vom Raubbau zur Weitsicht: Wie gelingt es uns, zukunftsfähig und nachhaltig zu wirtschaften?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Hofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Mar 2025 11:30:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Interview mit Professor Jürgen Huber, dem Leiter des Instituts für Banken und Finanzen an der Universität Innsbruck, das tiefe Einblicke in die Chancen nachhaltiger Wirtschaftspraktiken gewährt. Stellt euch eine&#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="subtitle_up"><i><span style="font-weight: 400;">Ein Interview mit Professor Jürgen Huber, dem Leiter des Instituts für Banken und Finanzen an der Universität Innsbruck, das tiefe Einblicke in die Chancen nachhaltiger Wirtschaftspraktiken gewährt.</span></i></div>
<p><span style="font-weight: 400;">Stellt euch eine Straße vor, die sich scheinbar endlos erstreckt – schnurgerade, ohne Kurven, ohne Abzweigungen. Eine Straße, die nur ein Ziel kennt: vorwärts. So haben wir lange Zeit gewirtschaftet – immer schneller, immer weiter, ohne innezuhalten. Doch nun verschwimmt der Horizont. Die Ressourcen schwinden, die Natur setzt uns Grenzen. Plötzlich erkennen wir, dass diese Straße, wenn wir sie weiter befahren, uns in den Abgrund  führt. Was also tun, wenn das „Weiter-so“ nicht mehr funktioniert? Müssen wir umkehren, langsamer werden, auf die Bremse treten?</span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Für Jürgen Huber, Professor am Institut für Banken und Finanzen der Universität Innsbruck, geht es nicht darum, das Tempo zu drosseln oder gar aufzugeben. Stattdessen schlägt er vor, die Richtung zu ändern. Nicht länger auf der gewohnten Straße des Raubbaus an der Natur, sondern auf neuen Wegen – durch kluge, nachhaltige Investitionen.</span></p>
<p><strong>UNIpress: First things first: Herr Professor Huber, wie würden Sie nachhaltiges Wirtschaften definieren?</strong></p>
<p><em>Jürgen Huber</em>:<span style="font-weight: 400;"> Das Konzept der Nachhaltigkeit kommt ursprünglich aus der Waldwirtschaft: Man sollte dem Wald nur so viel Holz entnehmen, wie nachwächst. Dasselbe gilt für Fischgründe und generell für alle natürlichen Ressourcen.</span></p>
<p><span style="font-weight: 400;">In der Gesamtwirtschaft sollte Nachhaltigkeit breiter verstanden werden: Jede Generation trägt die Verantwortung, der nächsten mindestens ebenso viele Chancen und Ressourcen zu hinterlassen, wie sie selbst erhalten hat. Das bedeutet jedoch nicht nur, zu bewahren, sondern auch gezielt zu verbrauchen, um Neues zu schaffen – beispielsweise durch Investitionen in zukunftsweisende Technologien wie Photovoltaik und Windkraft, die langfristige Möglichkeiten eröffnen.</span></p>
<blockquote><p><b>„Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen“ (Original: Carl von Carlowitz, 1713)</b></p></blockquote>
<p><strong>Welche Präposition erscheint Ihnen im folgenden Satz am sinnvollsten:  Zukunftsfähiges Wirtschaftswachstum <em>trotz</em>, <em>mit</em> oder <em>durch</em> Nachhaltigkeit?</strong></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Ganz klar </span><em>mit</em><span style="font-weight: 400;"> oder </span><em>durch</em><b> </b><span style="font-weight: 400;">Nachhaltigkeit! Ich bin Optimist und sehe hier enorme Chancen. Ein Beispiel: Österreich gibt jährlich 12 Milliarden Euro für den Import fossiler Energieträger aus. Wenn wir diese nicht mehr benötigen, sparen wir uns dieses Geld. Schauen Sie nach China: Das Land exportiert mittlerweile pro Jahr über 150 Milliarden Euro an Photovoltaikanlagen, Batterien und Elektroautos. Das ist mehr, als Österreich insgesamt exportiert. Wenn man wagt und die Führung übernimmt, liegen hier große Wachstumschancen.</span></p>
<p><strong>Lässt sich nachhaltiges Wirtschaften durch technischen Fortschritt erreichen, oder ist es unweigerlich mit Verzicht verbunden?</strong></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Technischer Fortschritt ist unverzichtbar, denn Verhaltensänderungen passieren bisher zu langsam und in zu geringem Ausmaß. Auch die junge Generation will reisen und die Welt erkunden – und das ist verständlich. Aber der technologische Fortschritt macht mich optimistisch: Solarenergie ist mittlerweile weltweit die günstigste Energiequelle, und das hat zu einem Boom geführt, der alle Prognosen übertroffen hat. Es wird uns gelingen, Lösungen zu finden, die nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen, ohne unsere Lebensqualität reduzieren zu müssen. Doch „dummer“ Überkonsum – Stichwort Fast Fashion oder Wegwerfgesellschaft – muss aufhören.</span></p>
<p><strong>Gibt es konkrete Technologien oder Sektoren, die Sie als „Gamechanger“ für eine Nachhaltigkeitsoffensive sehen?</strong></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Ja, insbesondere die Photovoltaik. PV-Anlagen sind heute die günstigste Energieform und praktisch überall einsetzbar – von Feuerland bis Japan. Auch bei Batterietechnologien sinken die Kosten rapide. Im Heizbereich sehe ich Wärmepumpen als vielversprechendste Zukunftstechnologie, aber deren Umrüstung wird Zeit benötigen. Ein weiteres Beispiel sind Elektroautos. Das Gegenteil sind übrigens Bitcoins: vollkommen nutzlos und immense Stromfresser. Sie verursachen mehr CO2- Emissionen als Österreich und die Schweiz zusammen – hier wäre</span><span style="font-weight: 400;"> ein Verbot aus meiner Sicht angebracht.</span></p>
<div id="attachment_21280" style="width: 615px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-21280" decoding="async" loading="lazy" class="wp-image-21280 size-full" src="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/photovoltaik_edit.png" alt="" width="605" height="640" srcset="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/photovoltaik_edit.png 605w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/photovoltaik_edit-284x300.png 284w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/03/photovoltaik_edit-585x619.png 585w" sizes="(max-width: 605px) 100vw, 605px" /><p id="caption-attachment-21280" class="wp-caption-text">Die Grafik veranschaulicht, wie die jährlichen Prognosen für den Zuwachs an Solarkapazität (in Gelb) die tatsächlichen Installationen (in Schwarz) kontinuierlich unterschätzt haben. Besonders seit 2020 steigt die reale Kapazität exponentiell an. Foto: IEA; Energy Institute, BloombergNEF</p></div>
<p><strong>Wie stehen Sie zu alternativen Wirtschaftsmodellen wie der Gemeinwohlökonomie oder Degrowth? Utopien oder effektiv umsetzbar?</strong></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Die Gemeinwohlökonomie und ähnliche Ansätze liefern gute Denkanstöße. Sie brechen mit dem üblichen „Wachstum-ohne-Ende“-Paradigma und werfen die Frage auf, wie Alternativen aussehen könnten. Gerade die Gemeinwohlökonomie setzt auf Werte wie Solidarität, Kooperation und Vertrauen, die wir auch in unseren persönlichen Beziehungen schätzen. Allerdings bin ich skeptisch, ob sich solche Modelle in der breiten Masse durchsetzen lassen. Das menschliche Streben nach „größer, besser, mehr“ ist einfach tief verankert.</span></p>
<p><strong>Bieten kapitalistische Wirtschaftssysteme Platz für nachhaltiges Wirtschaften?</strong></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Absolut. Raubbau an der Natur bedroht letztlich unseren Wohlstand, und das erkennt auch die Marktwirtschaft. Unternehmen, die auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind, treiben Forschung und Entwicklung in Bereichen wie Photovoltaik, Windkraft, Batterien und Elektroautos voran. Die Marktwirtschaft hat zwar Probleme wie Umweltverschmutzung verursacht, aber sie kann diese auch lösen und sich weiterentwickeln – vorausgesetzt, wir schaffen die richtigen Anreize, zum Beispiel durch CO2-Steuern, die die wahren Kosten der Emissionen widerspiegeln.</span></p>
<p><strong>Sehen Sie nachhaltiges Wirtschaften als globale Aufgabe – Stichwort Pariser Abkommen – oder eher als regionale Herausforderung?</strong></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Beides! Globale Abkommen und Kooperation sind unverzichtbar, denn was bringt es, wenn Europa CO2-neutral wird, während China und Indien ihre Emissionen massiv erhöhen? Gleichzeitig müssen die Lösungen oft regional und dezentral sein – im Energiebereich etwa durch tausende kleine Kraftwerke statt weniger großer Anlagen.</span></p>
<p><strong>Der Environmental-Performance-Index (EPI) zeigt, dass Länder wie die USA und China trotz ihrer ökonomischen Stärke in puncto Nachhaltigkeit schlecht abschneiden. Welche Anreize könnten diese Länder zu einer nachhaltigeren Wirtschaftspolitik bewegen?</strong></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Niemand kann die USA oder China zu etwas zwingen – weder die UNO noch die EU. Der Wandel wird aus ökonomischen Gründen kommen: Solarenergie ist mittlerweile die günstigste Stromquelle. Schockierende Klimaereignisse wie Hurricanes und Überflutungen werden uns zum Umdenken zwingen und dazu führen, dass auch die Bevölkerung Druck ausübt, besonders in den USA. In China geschieht bereits viel: Das Land investiert mehr in erneuerbare Energien und installiert mehr Photovoltaik als der Rest der Welt zusammen.</span></p>
<p><strong>Wenn Sie eine weltweite Policy erlassen könnten, die jedes Land einhalten müsste, welche wäre das?</strong></p>
<p><span style="font-weight: 400;">Ich würde eine globale CO2-Steuer auf alle Emissionen einführen, in Höhe der tatsächlichen Kosten von CO2 für die Gesellschaft – das sind etwa 130 Euro pro Tonne. Das würde die richtigen Anreize setzen, um aus fossilen Energieträgern auszusteigen. Die Einnahmen aus dieser Steuer sollten als Klimabonus an jeden Bürger weltweit ausgeschüttet werden – das wären rund 650 Euro pro Jahr. Besonders in den ärmsten Ländern der Welt würde das einen erheblichen Unterschied machen und gleichzeitig die weltweite Ungleichheit verringern.</span></p>
<h3><b>Kurswechsel statt Sackgasse</b></h3>
<p><span style="font-weight: 400;">Die Straße, die wir aktuell fahren, mag uns bisher weit gebracht haben, aber sie führt in die falsche Richtung. Es ist Zeit, neue Wege zu gehen, Wege, die nicht auf Verschleiß, sondern auf Erneuerung basieren. Professor Jürgen Huber zeigt: Nicht die Angst vor Verlust sollte uns leiten, sondern der Mut zur Innovation. Die Werkzeuge für diesen Wandel liegen bereits in unseren Händen. Der Übergang von einer ausbeuterischen zu einer nachhaltigen Wirtschaft ist kein Rückschritt, sondern ein Neuanfang. Ein Aufbruch, der nicht nur unsere Umwelt bewahrt, sondern auch die Grundlage für langfristigen Wohlstand schafft.</span></p>
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		<title>Leokadia Justman – BRECHEN WIR AUS!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Hofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Feb 2025 11:33:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die ergreifende Geschichte einer Frau, der nahezu alles entrissen wurde, nur die Hoffnung nicht. Dominik Markl, eine prägende Kraft hinter der Veröffentlichung ihrer Niederschrift und dem damit verbundenem Forschungsprojekt, zeichnet&#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="subtitle_up">Die ergreifende Geschichte einer Frau, der nahezu alles entrissen wurde, nur die Hoffnung nicht. Dominik Markl, eine prägende Kraft hinter der Veröffentlichung ihrer Niederschrift und dem damit verbundenem Forschungsprojekt, zeichnet mit wissenschaftlicher Präzision und glühendem Einsatz akribisch die Rekonstruktion eines Lebens, das inmitten tiefster Verzweiflung immer wieder von der Unbezwingbarkeit des Geistes zeugt.</div>
<p>Am 27. Jänner 2024, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, wurde das Buch <em>BRECHEN WIR AUS! </em>von Leokadia Justman im Tiroler Landhaus vorgestellt und damit der Öffentlichkeit übergeben. Doch dieser Titel birgt weit mehr als bloße Worte zwischen zwei Buchdeckeln – ein Vermächtnis, ein Zeugnis, einen Aufschrei gegen das Vergessen. Die Lektüre der von Leokadia Justman niedergeschriebenen Seiten verlangt einiges ab. Trauer, Fassungslosigkeit, Schock, Wut – über eine Tragik, die sich kaum in Worte fassen lässt, über ein Schicksal, das in seiner Unbarmherzigkeit erschüttert. Und doch durchbrechen immer wieder Momente des Schmunzelns und des stillen Staunens die düsteren Zeilen – über die unerschütterliche Hoffnung, die zwischen den Worten glimmt, über die sprachliche Brillanz eines jungen Mädchens, das mit literarischer Präzision und messerscharfem Verstand die grausamen Auswüchse des Dritten Reiches und den steinigen Pfad der Flucht beschreibt. Ein Werk, das eindringlicher denn je die Schatten der Vergangenheit beleuchtet – nicht als bloße Erzählung, sondern als mahnendes Zeugnis. Denn was sie in der Schwärze der Geschichte niederlegte, brennt uns unauslöschlich ins Bewusstsein: <strong>Nie wieder.</strong></p>
<h3><strong>Die Entstehung von <em>BRECHEN WIR AUS!</em> – Vom Manuskript zum Buch</strong></h3>
<p>Bereits 1944 begann Leokadia Justman ihre Erlebnisse niederzuschreiben – möglicherweise noch im Gefängnis in Innsbruck. Ein Jahr später vollendete sie ihre erste umfassende Niederschrift <em>Majaki przeszłości</em> (<em>Wahnbilder der Vergangenheit</em>), in der sie ihre Erfahrungen der Kriegsjahre 1939 bis 1943 dokumentierte. 1946 folgte ein ausführlicher Text, der ihr Überleben als polnische Zwangsarbeiterin, Gefangene und Geflohene 1943-1945 schildert. Nach ihrer Emigration in die USA überarbeitete Justman ihre Erinnerungen in englischer Sprache. 1963 in New York verfasst unter dem Titel <em>In Quest for Life</em>, eine erweiterte Version mit einem Kapitel zur frühen Nachkriegszeit. Nach ihrem Tod im Jahr 2002 bereitete ihr Sohn Jeffrey Wisnicki den Text und ergänzte ihn mit Bildern. Diese Fassung erschien 2003 unter dem Titel <em>In Quest for Life – Ave Pax</em>.</p>
<p>Trotz der tiefen Verankerung ihrer Geschichte in Tirol war Leokadias Schicksal hier weitgehend unbekannt – bis es schließlich ans Licht der Öffentlichkeit rückte. Der Zeitzeuge Martin Thaler erinnerte sich im Rahmen einer Ausstellung zu den <em>Gerechten unter den Völkern</em> an die Verhaftung von Justmans Vater im März 1944 – eine Szene, die sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt hatte. 2018 nahm Thaler Kontakt mit dem Innsbrucker Historiker Niko Hofinger auf, dessen Recherchen Hinweise auf Justmans Nachkommen in Florida ergaben. Ihr Sohn Jeffrey Wisnicki reagierte prompt und stellte Hofinger das Buch <em>In Quest for Life</em> zur Verfügung.</p>
<p>Dieser Fund markierte den Beginn eines umfangreichen Forschungsprojekts, geleitet von Dominik Markl und Niko Hofinger. Jeffrey Wisnicki reiste mit seiner Familie nach Innsbruck, um die Orte der Vergangenheit seiner Mutter zu besuchen, während Dominik Markl und Niko Hofinger, unterstützt von Wissenschaftlern, “Citizen Scientists” und Ortschronisten begannen, ihre Geschichte umfassend zu rekonstruieren. Diese intensive Arbeit führte zur Neuauflage und wissenschaftlichen Aufarbeitung ihrer Erinnerungen – ein Prozess, der Justmans Erinnerungen für kommende Generationen bewahrt und die Unverzichtbarkeit ihrer Stimme als Überlebende eindrucksvoll bekräftigt.</p>
<div id="attachment_21187" style="width: 2570px" class="wp-caption alignnone"><img aria-describedby="caption-attachment-21187" decoding="async" loading="lazy" class="size-full wp-image-21187" src="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/02/IMG_6111-scaled.jpeg" alt="" width="2560" height="2471" srcset="https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/02/IMG_6111-scaled.jpeg 2560w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/02/IMG_6111-300x290.jpeg 300w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/02/IMG_6111-1024x988.jpeg 1024w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/02/IMG_6111-768x741.jpeg 768w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/02/IMG_6111-1536x1482.jpeg 1536w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/02/IMG_6111-2048x1977.jpeg 2048w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/02/IMG_6111-1920x1853.jpeg 1920w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/02/IMG_6111-1170x1129.jpeg 1170w, https://www.unipress.at/wp-content/uploads/2025/02/IMG_6111-585x565.jpeg 585w" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" /><p id="caption-attachment-21187" class="wp-caption-text">Ein originales Tagebuch von Leokadia, das von Jeffrey Wisnicki nach Innsbruck mitgebracht wurde. (Foto: Benjamin Hofer)</p></div>
<h3><strong>Verlorene Heimat – Leokadia Justmans Jahre in Polen</strong></h3>
<p>Geboren in Łódź, inmitten einer polnisch-jüdischen Gemeinschaft, wuchs Leokadia als bildungshungriges und lebensfrohes Mädchen auf. Ihr Vater, Jakob Justman, der als Vertreter eines renommierten Schokoladenherstellers weite Reisen durch das Land unternahm, spürte immer deutlicher, wie sich mit dem nahenden Jahr 1939 der giftige Hauch des Antisemitismus ausbreitete. Mit dem Ausbruch des verheerenden Krieges zerplatzten jäh die Hoffnungen auf eine Auswanderung nach Australien – die Familie hatte bereits auf die abschließende Entscheidung der australischen Einwanderungsbehörde gewartet.</p>
<p>In dem Bemühen, dem herannahenden Unheil zu entkommen, zog die Familie aufs Land – in die Obhut der Großmutter in Piątek. Diese scheinbar sichere Zuflucht sollte jedoch bald zerbrechen, als Bomben den Himmel verdunkelten. Die Großmutter ließ im eigenen Heim das Leben. Über Umwege fanden sie bei Verwandten in Łowicz eine Zuflucht, die ihnen trotz der bedrückenden Umstände einen Hoffnungsschimmer bot. Im späten Jahr 1939 erfuhr die Gemeinde von Łowicz jedoch einen einschneidenden Wendepunkt, als ihre Bewohner in das berüchtigte Warschauer Ghetto deportiert wurden. Leokadias einzigartiger Charakter offenbarte sich im Engagement inmitten des Grauens im Ghetto. Sie inszenierte Theaterstücke im Waisenhaus, sprach ihren Mitmenschen Mut zu und half, wo sie nur konnte. Um den Schrecken des Warschauer Ghettos zu entkommen, flüchtete die Familie aufs Land nach Gorzkowice. Die Szenerie, die sie hinter sich ließ, schilderte sie in eindringlichen Worten:</p>
<p>„<em>Ein junges Mädchen mit kaputten Knochen kroch über den Gehweg und jammerte. Andere Bettler schwiegen, sagten kein Wort; sie konnten nicht mehr. Einige scheuten sich um Hilfe zu bitten, schämten sich für ihr Schicksal, hofften dennoch auf Mitleid. Ein paar waren schon am Sterben, schwitzten Blut und Eiter aus ihren deformierten, unterernährten Körpern. Die Leichen auf dem breiten Gehweg an der Leszno-Straße waren nicht zu übersehen. Dürftig mit Zeitungen bedeckt, mit denen der Wind seine teuflischen Spielchen trieb und dem Vorübergehenden die bleichen maskenhaften Gesichter mit ihren grässlich starren Augen entblößten</em>.“</p>
<p>Zunächst schien die friedvolle Idylle des kleinen polnischen Dorfes neue Hoffnung zu entfachen: „<em>Und Gott, im abgesperrten Warschauer Ghetto so fern von uns, schien plötzlich greifbar nah.</em>“ In diesem zarten Aufschwung nahm Leokadia heimlich die Rolle der Lehrerin ein, um den verpassten Unterrichtsstoff der Dorfkinder aufzuarbeiten – mit der deutschen Besatzung kam der polnische Schulbetrieb zum Erliegen. Doch die Phase des erneuerten Optimismus war von kurzer Dauer, denn der faschistische Schreckensarm der deutschen Besatzer griff erneut in das Schicksal der Familie Justman ein.</p>
<p>Denn eines Tages erging der verhängnisvolle Befehl der SS, fast die ganze jüdische Bevölkerung von Gorzkowice in das Konzentrationslager Treblinka – den sicheren Tod – zu deportieren. Leokadias Vater war einer der 20 Männer, die vor Ort verbleiben sollten, um die verlassenen Häuser auszuräumen, und durfte auch seine Frau dortbehalten. Ihre Mutter beschrieb Leokadia bereits zu Beginn des Buches mit warmen Worten: „Sie war durch nichts zu erschüttern, und ihr Lächeln, das mich noch in den späten Jahren an die Mona Lisa erinnerte, vermittelte mir Stärke und Selbstbewusstsein.“ Sie offenbarte dem Kind am Bahnhof den folgenschweren Plan, dass Leokadia an ihrer Stelle verbleiben solle. „Ach, mein Liebling, du bist mein Ein und Alles, meine Zukunft; du musst überleben. Dieser Wunsch ist größer als mein eigener Wille zu leben“, so unterbrach sie den Protest ihrer Tochter. Wenige Tage später wurde ihre Mutter Sofia Justman in Treblinka ermordet.</p>
<h3><strong>Von Polen nach Tirol – Eine Flucht ins Ungewisse</strong></h3>
<p>Der Verlust ihrer Mutter war ein Einschnitt, der alles veränderte – doch Leokadia durfte nicht aufgeben. Mit einem letzten Funken Hoffnung klammerte sie sich an das Versprechen des Überlebens. Gemeinsam mit Bekannten schmiedeten Vater und Tochter einen Plan, der auf gefälschten Papieren beruhte – Dokumente, die sie als katholische Polinnen und Polen ausweisen sollten, auf der Suche nach Arbeit im Deutschen Reich. Für Leokadia bedeutete dies, dass sie unter dem Decknamen „Lotte Gralinska“ neu beginnen musste.</p>
<p>Unter den prekären Bedingungen, die das Kriegswirrwarr mit sich brachte, gelang es der jungen Frau und ihren Begleitern – dank der Hilfe einer mitfühlenden polnischen Bäuerin, die sie vor den argwöhnischen Blicken der deutschen Suchtrupps verbarg – den nächsten Bahnhof zu erreichen. So führte sie ihr Weg, gesäumt von unzähligen Kontrollpunkten und strengen Überwachungsmaßnahmen, bis nach Seefeld in Tirol. In Österreich hoffte man auf eine weniger fanatische Bevölkerung und gar auf die Möglichkeit, in die Schweiz zu fliehen. Ein solcher Versuch wäre jedoch einem Todesurteil gleichgekommen. So blieben Leokadia und ihre Gefährten in Österreich – getarnt als polnische Fremdarbeiter.</p>
<p>In Seefeld fanden sich Leokadia und eine Begleiterin, Helena Andrzejczak, in einem Gasthaus wieder – einem Ort, an dem das tägliche Überleben zur wahren Zerreißprobe wurde. Die Wirtin, von tief verwurzelter nationalsozialistischer Überzeugung erfüllt und abartig ausbeuterisch, zürnte unablässig über die „dreckigen Polen“. Diese harsche Arbeitsumgebung und die unzureichende Verpflegung setzten insbesondere Helena so sehr unter Druck, dass sie in einem Zusammenbruch der Kräfte fast den Verstand verlor.</p>
<p>Ihre Geschichte nahm eine weitere Wendung, als Leokadias Vater in Innsbruck in einer Textilfabrik Arbeit fand und ihren Wechsel dorthin organisierte. Auch dort waren die Bedingungen hart. Leokadia war gezwungen, mehrfach umzuziehen. Von Hötting über Amras fand sie schließlich Zuflucht bei der Witwe Anna Lechner, die mit ihrem Sohn Martin ein bescheidenes Heim in Fabriknähe bot. Es ist unklar, ob Anna Lechner von Leokadias wahrer Herkunft wusste. In jedem Fall blieb diese, besonders nach dem Mord an ihrem Ehemann – einem Polizeibeamten – im Konzentrationslager Mauthausen stets regimekritisch.</p>
<p>Schließlich landeten die gemeinsam aus Polen geflohenen Juden in Innsbruck. Hier schien das Leben der acht Geflüchteten für beinahe ein Jahr stabil zu verlaufen. Leokadia schilderte den Blick auf Innsbruck: „<em>Ein Ring aus Bergen, der vom weißen, schneebedeckten Patscherkofel mit seinem runden, einer Kirchenkuppel ähnlichen Gipfel beherrscht wurde. Die Berge waren grün, mit dichtem Nadelwald bedeckt und Hunderten Lichtern, die wie winzige Sterne aus den kaum sichtbaren Häuschen und Hütten schienen. Auf den unteren Hängen des Berges gab es terrassierte Gärten sowie Felder und Wiesen, die vom glitzernden dünnen Band des Flusses durchzogen waren. Dort unten war die Stadt, mit Häusern und Kirchen mit blaugrünen Kuppeln, die Königinnen gleich über die kleineren Gebäude herrschten. Lichter, Millionen Lichter verzauberten diese außergewöhnliche Szenerie.“</em></p>
<p>Doch es war eine fatale Kombination aus Unachtsamkeit und Verrat, die ihnen zum Verhängnis wurde. Zwei der Mitgeflüchteten, Adam Kaminski und Wladek Brauner, schlossen sich einer Widerstandsgruppe an, die  heimlich lokale Gegner des NS-Regimes unterstützte. Mikołaj, ein Gruppenmitglied und zugleich Verehrer von Leokadias Freundin Helena, entpuppte sich als Verräter. Er offenbarte nicht nur die Existenz der Widerstandsgruppe an die Gestapo, sondern brachte auch die wahre Identität der jüdischen Flüchtlinge, zu denen auch Leokadia und ihr Vater gehörten, in Erfahrung. Im März 1944 wurden nacheinander alle Mitglieder ihrer Gruppe verhaftet.</p>
<p>Der Vater wurde kurzerhand in das Gestapo-Lager Reichenau verschleppt und dort bald darauf ermordet. Leokadia und eine weitere junge Gefangene, Marysia Fuchs, wurden in die düsteren Hallen des Innsbrucker Polizeigefängnisses geführt. Dort prägten Drohungen und die allgegenwärtige Todesangst – nicht zuletzt die Furcht um ihren Vater, dessen Schicksal ihr unbekannt war – ihren erbarmungslosen Alltag.</p>
<h3><strong>BRECHEN WIR AUS!</strong></h3>
<p>Der drohende Transport in ein Konzentrationslager hing wie eine schwebende Guillotine über Leokadia und Marysia – eine Nachricht, die einem Todesurteil gleichgekommen wäre. Als unverzichtbare Kräfte in der Gefängnisküche wurden sie jedoch von den Deportationen zurückgestellt. Unterstützt wurden sie von Karl Dickbauer, einem Polizisten, der trotz seiner tief verwurzelten moralischen Überzeugungen und entschiedenen Ablehnung des Nationalsozialismus in das System der Vernichtungsmaschinerie eingebunden war. Zwangsläufig sah er sich, gemäß den Anweisungen der Gestapo, dazu veranlasst, die Listen für die Transporte zusammenzustellen. Den beobachtbaren Wandel seines Wesens – von anfänglicher, gesprächiger Zuversicht hin zu zurückgezogener, melancholischer Schwermut, sobald ein Transport stattfand – beschrieb Leokadia stets untrennbar mit der quälenden Angst verbunden, ihren eigenen Namen auf den Deportationslisten wiederzufinden.</p>
<p>Am 18. Januar 1945, als die Berichte über das Vorrücken der Alliierten eintrafen, beschlossen Leokadia und Marysia, ihrer Gefangenschaft ein Ende zu setzen. Durch eine Unaufmerksamkeit der Gefängnisköchin und eine Bresche in der Außenmauer, verursacht durch einen Luftangriff, gelangten sie heimlich in die Stadt. Dort fanden sie Hilfe bei Rudolf Moser, einem Tiroler Lokalpatrioten, der von einem Aufstand im Geiste Andreas Hofers träumte, und seiner Freundin Marianne Stocker. Zwei weitere mutige Frauen, Wanda und Maria Petrykiewicz, halfen entscheidend bei der Fluchtvorbereitung. Um ihre Identität zu tarnen, wandte sich Leokadia an den Polizisten Anton Dietz, der ihr, wie versprochen, mit gefälschten Papieren half: Sie nahm den Namen „Krystyna Chruscik“ an, Marysia wurde zu „Wanda Stolarczyk“. Mit diesen Papieren reisten sie nach Zell am See und arbeiteten als Dienstmädchen in Lofer und St. Martin. Dort überdauerten sie die letzten Kriegsmonate. Kurz vor Kriegsende verlor Leokadia jedoch ihre Stellung und fand für drei Wochen Schutz bei einem Gemeindepfarrer, dem sie ihre jüdische Identität offenbarte.</p>
<h3><strong>Geschichte rekonstruieren – Dominik Markl auf den Spuren von Leokadia Justman</strong></h3>
<p>Dominik Markl empfängt mich in seinem Arbeitsraum. Ganz im Sinne des Mottos „Nomen est Omen“ zeugt jeder Winkel von konzentrierter Arbeit. Als Professor für Hebräische Bibel/Altes Testament an der Universität Innsbruck verfügt er über internationale Lehr- und Forschungserfahrung. Zuvor wirkte er in Rom, Washington DC, Berkeley und Nairobi. Seine akademischen Interessen erstreckt sich auf die Religionsgeschichte des Monotheismus, politische Ideengeschichte, Trauma-Theorie, Diskurse der Massengewalt sowie den Holocaust.</p>
<p>Dominik Markl ist zusammen mit Niko Hofinger die treibende Kraft hinter der Veröffentlichung von „BRECHEN WIR AUS – Leokadia Justman“ und dem dazugehörigen Forschungsprojekt. Er beschreibt zunächst den herausfordernden Prozess der Rekonstruktion der bewegenden Niederschrift von Leokadia, bestehend aus vier wesentlichen Textversionen, die jeweils unterschiedliche Facetten ihres Erlebens und Erinnerungsprozesses offenbaren.</p>
<p>Wie eingangs erwähnt, begann alles mit der Erinnerung Martin Thalers (Sohn von Anna Lechner, die Leokadia und ihren Vater in Innsbruck Unterschlupf gewährte) und der wertvollen Unterstützung des Sohnes von Leokadia, der entscheidend zur Bereitstellung maßgeblicher Texte beitrug. Im Mittelpunkt der akribischen Rekonstruktion von Leokadias Lebensgeschichte stand die umfangreiche Materialsammlung – angefangen bei den Texten, die ihr Sohn zur Verfügung stellte, bis hin zu zahlreichen Originaldokumenten wie Meldezetteln und Personalakten aus dem Historischen Archiv der Landespolizeidirektion Tirol. Innerhalb eines straffen Zeitrahmens von knapp einem Jahr musste das Buch finalisiert werden, was die Übersetzungsarbeiten und die umfassende Recherche zu einem Wettlauf gegen die Zeit machte.</p>
<p>Markl berichtet eindrucksvoll von seiner intensiven Nachforschung: Auf seinem Fahrrad durchquerte er Dörfer, befragte Einheimische und suchte so nach potenziellen Zeitzeugen und ihren Nachfahren. Diese Zeitzeugen – teils über 90-Jährige mit einem beeindruckenden Gedächtnis – konnten spezifische Namen, Orte und Jahreszahlen benennen, wodurch sich viele Parallelen zu Leokadias Niederschrift bestätigten. So besteht bis heute etwa die Hütte in Amras, in der Leokadia mit ihrem Vater wohnte, und die sie unmittelbar nach Kriegsende beschrieb. Zahlreiche wichtige Dokumente konnten wurden durch Polizeihistoriker aus dem Archiv in der Kaiser-Jäger-Straße zur Verfügung gestellt. In regem Austausch mit diesen pensionierten Polizeibeamten erhielten Hofinger und Markl Zugang zu wichtigen Dokumenten. Trotz leichter Unstimmigkeiten in der Namensschreibung konnten die Akten der betreffenden Polizeibeamten verifiziert werden.</p>
<p>Als besonders beeindruckend bezeichnet Markl das Engagement der „citizen scientists“, die mit unermüdlichem Eifer und feurigem Einsatz zum Gelingen des Projekts beitrugen. Parallel dazu formte sich ein interdisziplinäres Forschungsnetzwerk, das Expertisen aus den Bereichen Digitalisierung, Traumaforschung, Literaturwissenschaft, Germanistik und Slawistik vereinte. Hervorzuheben ist dabei die Kooperation mit der Forscherin Bernadetta Czapska in Piotrków – ihre Beiträge waren entscheidend, um Originalausweise und Meldezettel der im Buch vorkommenden Personen ausfindig zu machen.</p>
<p>Durch diese vielfache Unterstützung konnte das im Jahr 2024 formierte Justman-Team, rund um Dominik Markl und Niko Hofinger, hunderte Quellen aus Archiven in Österreich, Polen, Deutschland, Israel und den USA systematisch überprüfen. Die Präzision von Leokadias Niederschrift wurde durch eine akribische Detailrecherche eindrucksvoll belegt.  Die vielschichtige Nachforschung löste einen regelrechten Schneeballeffekt aus, der vom Hundersten ins Tausendste führte und das komplexe Netzwerk der historischen Verbindungen immer weiter aufdeckte. „Die Arbeit ist noch nicht vorbei, sie fängt gerade erst an“, bemerkt Markl mit einem Lächeln, während er auf kommende Projekte und weitere Episoden verweist, die das faszinierende Mosaik dieser Geschichte fortlaufend ergänzen werden.</p>
<p>Darüber hinaus umfasst das Projekt ein facettenreiches Veranstaltungsprogramm, das weit über die Publikation von Leokadias Erinnerungen hinausgeht. So lädt die Sonderausstellung „Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol“ im Landhaus 1 (27. Jänner bis 26. Oktober 2025) die Besucher ein, in die dramatische Erzählung einer Flucht einzutauchen – ergänzt durch interaktive Elemente wie eine sich wandelnde Innsbrucker Stadtkarte und ein umfangreiches Vermittlungsangebot für Schulen. Ergänzend dazu beginnt am 26. März 2025 eine interdisziplinäre Konferenz unter der Leitung von Dominik Markl und Niko Hofinger, eröffnet durch einen Vortrag zu „Janusz Korczak and Leokadia Justman: Pedagogy, Theatre and Survival in the Warsaw Ghetto“, wobei historische, literarische, psychologische und theologische Perspektiven zur Sprache kommen werden. Am 10. April 2025 wird im Festsaal des Landhauses die 90-seitige Graphic Novel „Lodzia &amp; Marysia“ von Alwin Hecher präsentiert, welche die abenteuerliche Flucht und die bedeutungsvolle Freundschaft zwischen Leokadia und Marysia eindrucksvoll illustriert. Des Weiteren beleuchtet am 5. Juni 2025 die Veranstaltung „Wer hat Leokadia Justman gerettet?“ die bislang wenig erforschte Innsbrucker Exekutivgeschichte der NS-Verfolgung, während am 23. Oktober 2025 in „Ave Pax“ Leokadias früheste, nahezu 500-seitige Erinnerungsdokumentation in den Dialog mit den Übersetzerinnen eingebracht wird. Abgerundet wird das Programm durch multimediale Einblicke und Vorlesungsreihen, die den interdisziplinären Ansatz des Projekts eindrucksvoll untermauern.</p>
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<h3><strong>Nie wieder!</strong></h3>
<p>Nach Kriegsende arbeitete Leokadia Justman für ein Hilfskomitee, das sich um jüdische Überlebende kümmerte. Dabei traf sie Józef Wisnicki, einen polnischen Juden, der – wie sie – mit falschen Papieren in Österreich überlebt hatte. Im September 1946 heirateten die beiden. 1950 emigrierten sie in die Vereinigten Staaten. Unter ihrem neuen Namen, Lorraine Wisnicki, hielt sie mit einigen ihrer Helfer Briefkontakt.</p>
<p>In ihrer Niederschrift setzte sie ihren Helfern ein sprachliches Denkmal – ein Ausdruck tiefster Dankbarkeit, festgehalten in bewegenden Worten.:</p>
<p><em>&#8220;Viele Jahre sind seit den Ereignissen vergangen, die ich in meinem Buch beschrieben habe &#8230; doch die Erinnerung bleibt und ist in meinem Gedächtnis und meinem Herzen lebendig.<br />
Am Ende meiner Geschichte möchte ich meine nie endende Dankbarkeit und Bewunderung für die gottgesandten Menschen ausdrücken, die entscheidend dafür waren, mein Leben zu retten und das Leben meiner Freundin Marysia.</em></p>
<p><em>Wie in einem Gebet wiederhole ich ihre Namen:</em></p>
<p><em> Anton Dietz<br />
Karl Dickbauer<br />
Erwin Lutz<br />
Rudl Moser<br />
Wolfgang Neuschmid<br />
Maria Petrykiewicz und ihre Tochter Wanda Petrykiewicz-Bottesi<br />
Marianne Stocker</em></p>
<p><em>Alle oben erwähnten Personen sind bei Yad Vashem in Israel als Gerechte unter den Völkern anerkannt.“</em></p>
<p>Bis zum Justman-Projekt wussten in Tirol nur wenige von diesen „Gerechten“. Erst durch die akribische Recherche von Dominik Markl, Niko Hofinger und ihren Unterstützern wurde ihr Wirken ans Licht einer breiteren Öffentlichkeit gebracht.</p>
<p>Leokadia Justmans Geschichte ist mehr als ein Kapitel der Vergangenheit – sie ist ein Echo, das in die Gegenwart hallt, ein Ruf, der uns mahnt, das Unfassbare nicht dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Ihre Worte, in dunklen Zeiten niedergeschrieben, sind kein bloßes Zeugnis, sondern ein Leuchten im Schatten der Geschichte.</p>
<p>Sie erzählen von Verlust, von Angst, von Flucht – und doch ist es nicht die Finsternis, die über ihre Zeilen triumphiert. Es ist der unbezwingbare Wille zum Leben, der trotz allem aufscheint, das letzte Aufbäumen eines Geistes, der sich nicht brechen ließ. Und so schließt ihre Niederschrift nicht mit Bitterkeit, nicht mit Hass, sondern mit zwei Worten, die über all das hinausweisen:</p>
<p><strong>Ave Pax.</strong></p>
<p>Eine Botschaft an uns, die Überlebenden einer anderen Zeit. Eine Mahnung, dass selbst aus dem tiefsten Abgrund Hoffnung erwachsen kann. Ein Vermächtnis, das uns auffordert, nicht nur zu erinnern, sondern für das einzustehen, was Leokadia bis zum letzten Atemzug ersehnte: eine Welt, in der Menschlichkeit über Barbarei, Licht über Dunkelheit und Frieden über Krieg triumphiert. Eine Lektüre, die erschüttert, aufrüttelt und unvergesslich bleibt.</p>
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