Defizite digitaler Demokratie

von Matthias Fleischmann
Lesezeit: 6 min
Soziale Medien spielen im heutigen demokratischen Prozess eine große und teils förderliche Rolle. Gleichzeitig können sie aber auch demokratiegefährdend sein.

Soziale Netzwerke sind ein konstituierendes Element der modernen Gesellschaft und auch der modernen Form der Demokratie. Mit dem Wachstumsschub der letzten Jahre wuchs auch ihr Einfluss auf demokratische Prozesse. Häufig werden soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter als neue, globalisierte Arena des öffentlichen Diskurses betrachtet, in dem Proteste organisiert, Demonstrationen geplant und Bewusstsein für relevante Themen geschaffen werden kann. Allerdings zeigen kürzliche Entwicklungen, dass mit der Entstehung der neuen Medien auch neue Gefahren für die Demokratie aufkommen. Fake News, Filterblasen, Datenlecks und Wahlkampfbeeinflussungen werfen einen Schatten auf das Verhältnis von Demokratie und sozialen Netzwerken.

Tag der offenen Tür im Informationspalast

Es geht immer um Informationen, wer sie hat, wer sie weitergibt, wer sie kauft, wer sie auswertet. Seit jeher entscheiden die Menschen aber nicht selbst, welche Informationen ihnen zukommen. Früher diktierten Kaiser und Papst, was das Volk wissen sollte. Später nahm ihnen der Journalismus diese Arbeit in gewisser Weise ab. Er war der große Gatekeeper des Informationsflusses, der diesen filterte, modifizierte und bearbeitete. Doch heute ist alles anders. Durch die Entstehung des Internets und des Web 2.0 sind Unmengen von Informationen frei verfügbar geworden. Die Tore zum Informationspalast stehen offen und keine Gatekeeper stehen davor. Alle können ihn betreten und durch seine Gemächer wandern. Das kann der Demokratie sehr guttun. Durch die Möglichkeit des freien und unkontrollierten Informationsaustausches öffnen sich Räume, in denen ein digitaler, schneller und leicht zugänglicher öffentlicher Diskurs stattfinden kann. Allerdings haben diese neuen Räume auch sehr dunkle Ecken. In ihnen lauern Falschinformationen und alternative Fakten, denn durch die Absenz einer Zwischeninstanz können Informationen ungefiltert und unkontrolliert an die Leserschaft dringen.

Alle können ihre Meinungen in sozialen Netzwerken frei äußern und alle haben das Recht, zu glauben oder nicht zu glauben, was die anderen schreiben. Dadurch wird es schwierig, Meinungen von Tatsachen, das Wahre vom Gelogenen, das Faktische vom Postfaktischen zu unterscheiden.

Auch politische Persönlichkeiten verwenden heute Twitter und Facebook. Dank der sozialen Medien können sie direkt mit der Gesellschaft in Kontakt treten und sich dabei genauso zeigen, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden wollen. Donald Trump gibt hier eines der besten Beispiele ab. Mit seiner selbstdeklarierten „großartigen und unübertroffenen Weisheit“ bereichert er eine 87 Millionen Follower starke Gruppe tagtäglich mit Selbstbeweihräucherungen. Und auch seinen knappen Wahlsieg im Jahre 2016 verdankte er den sozialen Netzwerken. Er erkannte, wie so manche vor ihm, dass der Tag der offenen Tür im Informationspalast noch nicht gekommen ist. Gatekeeper existieren nach wie vor, doch sie haben sich verändert, sind unscheinbarer und komplexer geworden. Heute bestimmen von unseren persönlichen Daten gespeiste Algorithmen, welche Inhalte bei uns am besten ankommen und welche wir dementsprechend sehen sollen.

Ein Gatekeeper namens Microtargeting

Microtargeting ist ein tückischer Türsteher. Er zeigt den Menschen, was sie sehen wollen. Die Werbebranche nutzt diese Taktik, um Produktplatzierungen anzupassen und damit höhere Verkaufszahlen zu erzielen. Unternehmen arbeiten mit sogenannten Werbenetzwerken zusammen, die genau analysieren, welche Werbungen wir gerne sehen und welche nicht. Dies geschieht mithilfe sogenannter Tracker, die unser individuelles Surfverhalten untersuchen. Algorithmen werden mit diesen Informationen gespeist und lernen uns immer besser kennen: Brillenstärke, Musikgeschmack, Lieblingsmandelmilchmarke. Das klingt zwar banal, aber in der Summe ergeben diese Informationen ein Profil, aus dem sich auch sehr persönliche Informationen ableiten lassen, die wir der Öffentlichkeit ansonsten nicht preisgeben würden. Dazu gehören politische Gesinnung, sozialer Status, Reichtum und Sexualität. Es wird also nicht nur ermittelt, welche Mandelmilch wir am liebsten kaufen, sondern wer wir sind, wie wir denken, was wir tun.

Die Strategie des Microtargeting gibt es schon lange. Doch in den letzten Jahren entwickelte sie sich durch den Einfluss der sozialen Medien in einem überraschenden Tempo weiter. Der Big-Data-Spezialist Michal Kosinski war einer der ersten, die Facebook verwendeten, um Daten für die Erstellung von Persönlichkeitsprofilen zu sammeln. Dafür entwickelte und verfeinerte er an der Cambridge University neue Modelle, machte sie präziser und effektiver. 2012 konnte er anhand von lediglich 68 Facebook-Likes mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen, ob eine Person demokratisch oder republikanisch wählt, welche Hautfarbe sie hat und welche Sexualität. Und das ist bereits acht Jahre her. Später warnte er im Gespräch mit dem Schweizer Wochenendblatt „Das Magazin“ vor dem Stein, den er ins Rollen gebracht hatte: „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“.

Besonders demokratiegefährdend wird diese Bombe, wenn sie die Form von sogenannten Dark Posts annimmt, die bestimmten Zielgruppen gezeigt werden, anderen aber verborgen bleiben. Dadurch wird die kritische Öffentlichkeit, die ein solches Posting in Frage stellen würde, umgangen und nur jener Teil der Bevölkerung angesprochen, dem die Anzeige mit hoher Wahrscheinlichkeit zusagt. Dies ermöglicht es den Parteien, Lügen und sich widersprechende politische Inhalte zu verbreiten. So können extremistische Parteien ihren gemäßigten Wählern gemäßigtere Bilder, ihren extremeren Wählern aber extremere Bilder zeigen. Spätestens durch den Skandal um das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica – welchen Netflix in seiner letztjährigen Doku „The Great Hack“ thematisierte – wurde klar, welch erheblichen Einfluss Microtargeting und Dark Posts auf den Ausgang einer Wahl haben können.

Der Fall Cambridge Analytica

Bereits vor der US-Präsidentschaftswahl 2016 kam Alexander Nix, dem CEO von Cambridge Analytica, die Idee, im großen Stil Daten über die Wählerschaft zu sammeln und diese dann an Kandidierende zu verkaufen. Der ultrakonservative Multimillionär Robert Mercer und seine Tochter Rebekah unterstützten das Vorhaben finanziell. Auch Steve Bannon stellte sich hinter die Idee. Cambridge Analytica unterstützte zuerst Ted Cruz im Wahlkampf, wechselte später aber zu Team Trump.

 

 

Ihre Arbeitsweise basiert auf dem sogenannten OCEAN-Modell, mit dem Persönlichkeitsprofile anhand der folgenden fünf Faktoren erstellt werden: Offenheit (Wie aufgeschlossen gegenüber Neuem ist die Person?), Gewissenhaftigkeit (Wie perfektionistisch?), Extraversion (Wie gesellig?), Verträglichkeit (Wie kooperativ?) und Neurotizismus (Wie verletzlich?). Um die Faktorenanalyse durchzuführen, benötigte die Firma eine ungeheure Menge an demographischen und psychographischen Daten. Erstere umfassen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Religion und Wohnort, also Informationen, die relativ leicht zugänglich sind. Letztere hingegen beinhalten wesentlich vertraulichere Informationen, zum Beispiel über Lebensstil, politische Einstellung und Werbeempfänglichkeit.

Schlussendlich entschied man sich dafür, die Daten mithilfe jenes sozialen Netzwerkes zu sammeln, auf dem heute fast ein Drittel der Weltbevölkerung aktiv ist: Facebook. Dafür beauftragte das Unternehmen einen Cambridge-Dozenten namens Aleksandr Kogan mit der Entwicklung einer Quiz-App. Diese verknüpfte Kogan mit Facebook und erhob den Anspruch, die daraus gewonnenen persönlichen Daten für Forschungszwecke zu verwenden. Kopien der Daten landeten jedoch auf den Rechnern von Cambridge Analytica. Da für Kogan auch die Informationen über die Freunde der Nutzer seiner App einsichtig waren (damals war so etwas noch möglich), konnte er eine riesige Menge von Nutzerdaten sammeln. Mit diesen erstellte Cambridge Analytica über 50 Millionen Persönlichkeitsprofile, laut Angaben des CEOs Alexander Nix sogar 220 Millionen.

Die Blase muss platzen!

Mit Social Media brach ein neues Zeitalter der stetigen Fragmentierung der politischen Öffentlichkeit heran. Alternative Fakten und Falschinformationen werden uns als Fakten verkauft. Die neuen Gatekeeper sperren uns in unsere Echokammern und weil wir uns in ihnen so wohl fühlen, vergessen wir den Wunsch, auch die anderen Räume des Informationspalastes zu betreten. Doch in unseren Kammern herrscht Einseitigkeit anstatt Meinungsverschiedenheit, es fehlt an Dialektik. Wir befinden uns in Blasen und können richtig nicht von falsch unterscheiden, werden in unserer Unwissenheit noch durch die Unwissenheit der anderen ermutigt. Verschlimmert wird diese Verstümmelung des öffentlichen Diskurses noch dadurch, dass Microtargeting dazu verwendet wird, um uns genau das zu zeigen, was wir sehen wollen. Dadurch werden wir in unseren eigenen Meinungen bestätigt, wir beginnen zu denken, dass wir zur Meinungsmehrheit gehören und dass alle anderen falsch liegen.

Schlussendlich liegt es an uns, diese Filterblasen mit scharfem Verstand zum Platzen zu bringen, den Gatekeepern Schlüsselbund und Taschenlampe aus der Hand zu reißen, um Dark Posts ans Licht zu zwingen. Doch erst nachdem wir gecheckt haben, was heute bei Facebook so abgeht.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der UNIpress Novemberausgabe von 2019. Ihr findet diese in unserem Archiv.

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