Von Haptikern und der Kulturschickeria: Das Format Verzweiflung
Die possierlichen Pusseleien der Haptiker und ihrer absurd umständlich gefalteten Käseblätter sind bereits tausende gewisperte Tode gestorben.
Printmedien gleichen einem verwundeten Wild; angefahren und schwer getroffen vom Fortschritt und für immer und langsam verendend liegen gelassen auf dem Pannenstreifen. Eigentlich möchten sie ihren tiefschürfenden Wunden erliegen, werden aber erzwungen lebendig gehalten von barmherzigkeitslosen Haptikern und der Kulturschickeria. Der Print steht sich selbst am nächsten, da jeder andere von ihm Abstand hält – und das zurecht.
Wieso ausgerechnet Onlinemedien und ihr schwer erleichterter Zugang zu Neuigkeiten im Mainstream-Milieu der Hipster, die sich freiwillig rückständig und schwerfällig durch Informationen wälzen, regelmäßig für Furore sorgen, bleibt offen. Das Format Verzweiflung bietet lediglich unbeholfenes Gefalte von Fehldrucken und schwerlich zielführendes Zusammensuchen einzelner Informationen in mühevoll detektivischer Kleinarbeit. Haptiker und ihre Patschhändchen wedeln ein dreifaches Hurra und unzählige Lobpreisungen auf vermeintlich relevanzstiftendes Geschreibsel „zum Anfassen“. Sie stoßen an auf Informationen, die bereits morgen wieder obsolet sind – und doch immer und immer wieder in typischer Sisyphus-Manier täglich aufs Neue verdruckt werden.
Printmedien sind wie eine verlorene Romanze, hinter deren Rücken man absichtlich diskreditiert und verleugnet, um sich seinen eigenen Gefühlen nicht stellen zu müssen – einzig üble Nachrede hilft, den Verlustschmerz in semi-transparenten, einlagigen Schichten langsam zu überdecken.
Der Print war unser Zuhause, und jetzt sind wir obdachlos. Einzig übrig ist der Rückzug in die digitale Sphäre, weil uns keine andere mehr bleibt. Ja, die Nasenspitze zwischen die Seiten eines digitalen Netzanbieters zu stecken, bietet möglicherweise nicht das leicht betörende Aroma bedruckten Zellstoffs. Doch ist es nicht überheblich und anmaßend, täglich massenweise Altpapier zu produzieren, einzig und allein, um den Duft der Druckerschwärze in seinen Riechkolben aufnehmen zu können? Um vermeintlich – und wortwörtlich – gegen den Strom zu schwimmen? Können wir das nicht ein bisschen zurückschrauben? Der Umwelt zuliebe?
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Von Fortschrittsgläubigen und Saubere-Finger-Liebenden
Jeder wird nun wohl schon einen Menschen kennen, der behauptet, die Zeitung lieber online zu lesen: Aufgemacht, die Artikel durchgescrollt und wieder zu. Natürlich kein Premium-Abo, wer braucht denn schon mehr Infos als jene in den Überschriften und den Teasern? Nur wer morgens mit Fingern schwarz von Druckerpresse auf die Uni kommt, wer bereits morgens zum Duft des frischgebrühten Kaffees auch jenen der frischgedruckten Zeitung in sich aufgenommen hat, hat die Zeitung wahrscheinlich wirklich gelesen. Und natürlich braucht es dafür noch einen Spaziergang mit dem imaginären Hund (ein Relikt aus der Coronazeit?) zum nächsten Zeitungskiosk.
Wisch und weg. Das Online-lesen ist nur ein neues Symptom unserer Zeit. Die Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer und kürzer, nicht nur jene in den Beziehungen. Durch die Straßen laufen halbinformierte Menschen, denn wer sich wirklich dazu aufgerafft hat, den gesamten Artikel zu lesen, wurde nach acht Zeilen schon wieder von blinkender Werbung abgelenkt. Gleichzeitig glauben wir, den Durchblick zu haben, alle Informationen aus dem World-Wide-Web saugen zu können während wir in kleinsten Häppchen – denn mehr kann der Handyleser nicht mehr verdauen – Halbinformationen vorgesetzt bekommen.
Und erzählt jetzt bitte nicht, liebe Fische, dass es sich um ein Platzproblem handelt, dass das Bücherregal fast übergeht und deshalb der E-Reader die letzte Möglichkeit ist. Für einige mag das stimmen, für den Rest ist dies wohl bloß das standardmäßige Sich-selbst-Anlügen – wie die Versicherung, eh am nächsten Tag Sport zu machen.
Tja, liebe Fische, Fischer und Fischerinnen, liebe Fortschrittsgläubige und Saubere-Finger-Liebende, leider ist das Handy nicht der Weisheit letzter Schluss, die alles entscheidende Erfindung. Es ist vielmehr die Ablenkung für Lesefaule, die Bestätigung für Weltverschwörer, die Beschäftigung für Stromkabelsucher. Die Zukunft liegt im Print.