Nah ist das neue Fern

von Stefan Gasser
Lesezeit: 5 min
Malle, Izmir, Thailand und Co. werden diesen Sommer wohl eher weniger besucht. Urlaubsalternativen gibt es aber direkt vor der eigenen Haustür.

Im Vordergrund einer Reise sollte das Verantwortungsbewusstsein stehen. Die Empfehlungen der WHO bleiben aktuell: große Menschenmassen sind zu vermeiden, ein gebührlicher Sicherheitsabstand muss eingehalten werden und auch nicht jedes Reiseziel, das wieder erlaubt ist, ist eine gute Wahl. Viele klassische Destinationen für die Sommermonate sind aufgrund mangelnder Flüge nicht mehr zu erreichen und auch Festivals und größere Kulturveranstaltungen sind noch auf unbestimmte Zeit untersagt. Neben einem gesundheitlichen Risiko ergibt sich beim Reisen auch noch eine finanzielle Gefahr. Wer nämlich ohne triftigen Grund eine Reisewarnung ignoriert und dann auf Rückholung angewiesen ist, sieht sich saftigen Konsequenzen ausgesetzt. Behörden können in diesem Fall bis zu 10.000 Euro pro Person für eine Rückholung einfordern. Doch wie so oft ergeben sich aus vermeintlichen Schwierigkeiten ungeahnte Möglichkeiten. Man kann die Pandemie als Anlass nehmen, seinen Horizont auch in der Nähe zu erweitern.

Nordkette Innsbruck

www.innsbruck.info

Die naheliegendste Lösung, im wahrsten Sinne des Wortes, scheint nicht weit von der eigenen Haustüre entfernt. Denn auch in Österreich gibt es schöne Orte, die es zu entdecken lohnt. Nicht ohne Grund werden die Regionen Österreichs jährlich von hunderttausenden Tourist*innen heimgesucht. Wenn nun die Besucher*innenzahlen ausbleiben, kann das eine gute Möglichkeit sein, um selbst die Bergspitzen, Seen und Wälder der (Wahl-)Heimat zu erkunden.  Stellvertretend für die vielen schönen Fleckchen Erde in den neun Bundesländern seien hier zwei Beispiele genannt.

Das Salzburger Saalachtal

Das Salzburger Saalachtal lockt mit vielen atemberaubenden Naturphänomenen, kristallklaren Bergseen und alpiner Flora und Fauna. Man kann hier verschiedenen sportlichen Aktivitäten nachgehen, aber auch einfach nur nach einem anstrengenden Semester voller ‘Distance-Learning’ und Beschränkung auf die eigenen vier Wände ausspannen und die Weite genießen. Ob mit dem Zelt oder ins Hotel – hier ist für jede Preiskategorie etwas dabei und den Ausblick gibt es quasi umsonst obendrauf.

Nationalpark Neusiedl am See

Wenn man den Bergen aber doch einmal für eine gewisse Zeit ausweichen möchte, bietet sich das Burgenland an. Rund um den Nationalpark Neusiedl am See findet man im österreichischen Osten Ruhe, Beschaulichkeit, Burgen, Wein und vor allem viel Sonne. Weit weg vom Trubel des Uni-Stresses kann man eine Vielzahl an Seen besuchen, um dort einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Das ist vielleicht nicht so exotisch wie das australische Outback oder die thailändische Full-Moon Party, doch auf seine eigene Weise ganz anders als der Alltag.

Weitwanderwege

Eine andere Alternative, die besonders geldbeutelschonend ist, sind Weitwanderwege. Ein berühmtes Beispiel dafür ist der Jakobsweg, der auch in Tirol verläuft. Man kann mit Rucksack und Zelt bewaffnet direkt vom Alltag aus ins Abenteuer springen. Ein weiterer Vorteil dieser Urlaubsvariante ist die Klimaneutralität – mit dem „Zehentaxi“ in die Ferne, eine grüne Reisealternative, auch wenn die Grenzen wieder unbedenklich überquert werden können.

Wie bei einer Schnitzeljagd folgt man den gelben Pfeilen quer durch Tirol, besucht Orte, an denen man vielleicht noch nie zuvor war. Dabei muss man für diese Art der Reise eigentlich nicht besonders religiös sein, man hat Zeit zum Nachdenken und geht einfach. Darin liegt ihr Charme.

Die Mühen einer Weitwanderung darf man aber auch nicht unterschätzen. Eine gewisse Vorbereitung, gutes Schuhwerk und Vorliebe für entschleunigtes Vorwärtskommen sind empfohlen.

In Europa gibt es ein ganzes Netz aus verschiedenen Weitwanderwegen. Manche führen nach Rom, andere nach Santiago de Compostela in Spanien. Man kann Monate auf einer derartigen Reise zubringen.

Auf einer solchen Wanderung bekommt man teilweise tiefe Einblicke in die Leben der Mitreisenden, verrückte Geschichten und abenteuerliche Erlebnisse sind quasi vorprogrammiert. Je nach finanziellen Möglichkeiten kann man natürlich anstatt der Jugend- und Pilgerherbergen auch im Hotel übernachten, wahre Abenteurer*innen entscheiden sich aber vielleicht für ein Zelt oder eine Hängematte im Freien. Doch hierbei ist Vorsicht geboten, denn in vielen Ländern, wie auch in Österreich, ist Wildcampen rechtlich nicht erlaubt.

Eine etwas andere Art von Urlaub

Wer eine Alternative zum klassischen „Wegfahren“ ausprobieren will, kann sich auch sozial betätigen. Es gibt in Innsbruck und Tirol einige Einrichtungen, die sich immer über freiwillige Unterstützung freuen. Der Lohn sind unvergessliche Erinnerungen und die Gewissheit, etwas Gutes und Altruistisches getan zu haben – eine besondere Art der Erholung, die mitunter erfüllender sein kann als eine Weltreise (in jedem Fall günstiger).

Dabei ist soziale Betätigung oft nicht mal mit großen Mühen oder Entbehrungen verbunden. Auch die gute Tat im Kleinen kann eine große Wirkung auf andere Menschen haben. So sucht zum Beispiel das Seraphische Liebeswerk (SLW) oft Freiwillige, die mit behinderten Menschen mal auf einen Kaffee gehen, oder eine Runde durch den Park drehen – ein Stück Normalität auf eine ganz neue Weise, die doch den Zauber besitzt, den eigenen Augen eine andere Perspektive zu erlauben. Doch auch in anderen Gesellschaftsbereichen sind Engagement und Hilfe durchaus willkommen, so sucht zum Beispiel der Naturpark Lech nach Motivierten, um dem schädlichen Springkraut an den Kragen zu gehen – ein nobler Dienst an der Tiroler Vegetation, durch die es sich dann wieder mit gutem Bewusstsein wandern lässt.

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