Mit dem Schmetterlingseffekt ist eindeutig nicht zu spaßen: Bereits verschwindend geringe Abweichungen in den Ausgangsbedingungen rächen sich nur allzu gerne mit weitreichenden Folgen. Demgemäß mag es recht knifflig sein, sich auszumalen, welch schwerwiegenden Effekt die rücksichtslose Ausbeutung einer körpereigenen Chemikalie mit sich bringt: Dopamin spielt als unser „Lustmolekül“ nur allzu gerne Götterbote und überbringt uns beschwingt die frohe Botschaft aufregender Gefühle von Hochgenuss und Spaß.
So manch einer mag unseren himmlischen Kurier kritisch beäugeln: Da Dopamin unweigerlich unser Verhalten beeinflusst und nachhaltig moduliert, hat das Molekül in der Manipulation gewissermaßen die Monopolstellung inne. Manch anderer betrachtet Dopamin wiederum vielmehr zweckdienlich als praktischen Goldesel, aus dem man Profit schlagen könnte. Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten, wie man sich diesen Anderen vorzustellen vermag: Möglicherweise ist es der archetypische Anzugträger, der gierig potenziell lukrative Geschäfte bereits im Voraus wittert – oder vielmehr der vermeintlich einfache, Mark Zuckerberg-ähnliche Silicon-Valley-Unternehmer von nebenan. Welche Version man auch immer bevorzugen mag, die Person dahinter hat in jedem Fall gewisse Methoden in soziale Medien implementiert, die freudig unser Belohnungszentrum ausbeuten – wodurch letztendlich Community-Plattformen ähnlich suchterzeugend wie Spielautomaten geworden sind. Ein hastiger Flügelschlag eines Schmetterlings später, und schon ist unser Verhalten im Handumdrehen manipuliert. Anders ausgedrückt: Der Dopamin-Missbrauch belastet unseren Verstand in einem Ausmaß, in dem er nicht nur von Internet-Giganten ausgenutzt wird, sondern auch Schuld für die übermäßige Verringerung unserer Aufmerksamkeitsspanne trägt.
Der Corpus Delicti
Dopamin transportiert als Teil der wichtigsten Neurotransmitter ständig Botschaften durch unseren Körper. Zwar ist das Glückshormon in einer Vielzahl von Aspekten lebenswichtig, die Kernfunktion jedoch scheint mit dem Lernen durch Belohnung bestimmter Handlungen zusammenzuhängen, was wiederum Verhalten und Gewohnheiten grundlegend beeinflusst. Lasst uns dem Artikel an dieser Stelle den obligatorischen „Wissenschaftlich Bestätigt-Stempel“ verleihen: In einer an Ratten durchgeführten Studie wurden kleine Snacks hinter einem Schirm platziert, und sobald die Versuchstiere Zugang zu dem Futter erhielten, konnte ein beträchtlicher Dopaminschub festgestellt werden. Im Wesentlichen überzeugt uns das Glückshormon, bestimmte Handlungen vorzunehmen, indem es die kathartische Zufriedenheit vorwegnimmt, die wir empfinden, sobald wir einen Wunsch erfüllt und ein Bedürfnis befriedigt haben.
Eine der berühmt-berüchtigten Plattformen, die sich diesen Umstand zunutze macht, ist Facebook: Co-Gründervater Sean Parker hat mittlerweile bestätigt, dass die Website vor allem mit einem Hintergedanken kreiert wurde: Konsumierende en masse, von denen Facebook jeweils möglichst viel Zeit in Anspruch nehmen soll. Zusätzlich dient das heftig diskutierte kalifornische Unternehmen Dopamine Labs als regelrechtes Sprungbrett für App-Entwickler, die einem ähnlichen Erfolgslevel wie Facebook, Instagram & Co. nacheifern: Dank dem Dopaminrausch, welchen wir spüren, sobald wir eine willkürlich getimte Benachrichtigung erhalten, entfalten Apps innerhalb kürzester Zeit ein bedrohlich effektives Suchtpotential. Letztendlich ist selbst bei Ratten der vielversprechendste Ansatz zur Verstärkung einer bestimmten Aktion, sie in unregelmäßigen Zeitabständen zu belohnen: diese Verhaltensstrukturen sind vergleichbar mit einem Spieler am Glücksspielautomat.
Der enorme Einfluss von Dopamin ist jedoch nichts Neues Für Süchtige jeder Droge – sei es Nikotin, Alkohol oder gar Instagram. Das Luftmolekül modifiziert unser System ständig, indem es eine unnatürlich hohe Dosis an Glückshormonen freisetzt. Das Gehirn kann diese Mengen nicht simultan filtern und eine Überstimulation entsteht, welche wiederum wirksam und nachhaltig zur Entstehung von Sucht und zum Verlust der Willenskraft beiträgt.
Du bist nicht du, wenn du hungrig klickst
Liebenswürdigerweise werfen sich die fragwürdigen Entwickler Der Dopamine Labs einen legeren Schafspelz um die Schultern und zeichnen sich der möglich schwerwiegenden Konsequenzen ihres Unternehmens nicht verantwortlich. Diese scheinheilige Fassade zerbricht jedoch recht schnell, wenn man im nächsten Atemzug ein „Unser Produkt ist ein Spielautomat, der sich spielt.“ hört. Das wirft selbstredend die brennende Frage auf, ob wir uns tatsächlich allen Ernstes buchstäblich von einem technischen Produkt beherrschen und spielen lassen sollen, anstatt einfach auf unsere Bedürfnisse zugeschnittene Anwendungen als Mittel zum Zweck – kontrolliert und reguliert– einzusetzen.
Unser Verstand wird durch jede Nutzung ein wenig mehr dauerhaft verändert. Da Gehirne immer in Gebrauch sind – wir können nie nicht lernen – hinterlässt die Zeit, die wir mit digitalen Medien verbringen, Spuren bei Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Letztendlich wird es umso schwieriger, den Missbrauch einer Droge zu stoppen, je mehr sie missbraucht wird. Auch stundenlanges Scrollen durch Beiträge auf den sozialen Medien erzielt die Ausschüttung von Dopamin: ein Phänomen, das gemeinhin als instant gratification (sofortige Belohnung) bezeichnet wird. Bereits jetzt ist unsere Aufmerksamkeitsspanne erstaunlich kurz und unser Geduldsfaden bei einer Vielzahl an Aktivitäten erschreckend schnell abgenutzt: Vereinzelte Dinge lernt man nicht sofort, bei Büchern und Filmen fehlt streckenweise die Spannung und in einem Gespräch entstehen gelegentlich Pausen. Doch anstatt planmäßig fortzufahren, gestehen wir uns lieber auf halbem Wege die Niederlage ein und zücken gar zwanghaft immer und immer wieder das Smartphone. Zum einen mag das Scrollen Auf Gorillaglas weitaus weniger langweilig sein. Zum Anderen ist es deutlich einfacher, kommod und narrensicher, seinen Dopaminwert durch sofortige Befriedigung zu erhöhen, anstatt nach dem tatsächlichen Bewältigen einer Aufgabe belohnt zu werden.
Was nun?
Die Problematiken, die ausgelassen händewedeln rundum Social Media und Sucht ringeltanzen, sind weder harmlos noch ein kurzlebiger Trend. Stattdessen rufen auch in Zukunft neue Medien weiterhin sirenenartig nach unserer Aufmerksamkeit; seien es ständige Snapchat-Storys, endlose YouTube-Videos oder uferlose Instagram-Posts. Doch wenn der Schmetterlingseffekt recht behält und auch marginale Veränderungen der Ausgangsbedingungen weitreichende Folgen haben können, soll es ein Leichtes sein, der gegenwärtigen Entwicklung entgegenzuwirken: Nachdenken über den eigenen Internetkonsum, konsequent umgesetzte Grundregeln und die Nutzung des Internets als reines Mittel zum Zweck anstelle einer wenig zielführenden, beharrlich permanenten Verbindung mit überschaubarem Wert.