Leere Hörsäle, verlassene Gänge, ruhige Bibliotheken und heiß laufende Laptops. In wenigen Worten ist jener Zustand beschrieben, der seit dem 10. März 2020 das Leben und Lernen an der Universität Innsbruck prägt.
Keine Präsenzlehre mehr, ab jetzt Fernlehre oder Distance Learning. Zu Beginn ein Statement, das sehr viel Unsicherheit auslöste, sowohl bei Studierenden als auch bei Lehrenden. Es ist kein Geheimnis, dass unter Studierenden die Meinungen zur Umsetzung des Lehrangebots auf Online-Möglichkeiten weit auseinandergehen. Von sehr zufriedenen Studis, die Adobe-Connect-Sessions und Screencasts genießen, bis hin zu Studierenden mit mehr Fragen als Antworten im Kopf – durch schlecht oder gar nicht umgestellte Kurse. Mittlerweile ist die Quote der erfolgreich umgestellten Kurse höher, die Livestreams, Online-Classrooms und Arbeitsaufträge nicht mehr Neu – sondern Gewohnheit.
Die Universität Innsbruck war eine der ersten Bildungsinstitutionen in Österreich, die sich dafür entscheiden musste, in ihrem Herrschaftsbereich keinen Personenkontakt mehr zuzulassen. Die Präsenzlehre wäre nicht mehr verantwortbar gewesen, die Anzeichen für einen baldigen breiten Ausbruch von Covid-19 waren zu hoch. Nun herrscht, nach anfänglichen Stolpersteinen (z.B. Sonnendeck-Causa), zum Glück weitestgehend Akzeptanz für die strengen Richtlinien.

Johann Katzlinger
Vorsitzender der ÖH Innsbruck.
Über 3.200 Studierende bei ÖH-Umfrage
Als österreichweit erste Universitätsvertretung hatte die ÖH Innsbruck eine repräsentative Umfrage zu Maßnahmen von Seiten der Universitäten zur Bekämpfung des Coronavirus durchgeführt. Die Ergebnisse der unter mehr als 3.200 Studierenden durchgeführten Umfrage zeigten sehr durchmischte Ergebnisse.
Lob gab es für einzelne Lehrende, die gute virtuelle Lehre anbieten, doch viele Lehrende ließen mit brauchbaren Informationen auf sich warten und meldeten sich nicht. Die Umstellung der Lehrveranstaltungen auf Distance Learning war nur teilweise rasch erfolgreich: 41 Prozent der Studierenden gaben an, dass eine ausreichende Anpassung “nur vereinzelt” gegeben sei. Des Weiteren bedeutet die Fernlehre aus Sicht der Mehrheit der Studierenden einen erheblichen Mehraufwand. Zwei Drittel aller Studierenden gaben an, das Gefühl zu haben, mehr Leistung erbringen zu müssen.
Forderungen der ÖH und Reaktionen darauf
Auf Basis der Umfrage, viel Austausch mit anderen Hochschulvertretungen und Stakeholdern in Politik und Gesellschaft ist ein ÖH-Forderungskatalog entstanden. In unserer Pressemeldung fanden wir klare Worte:
Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Die ÖH kämpft dafür, dass auch die Stimmen der Studierenden von Seiten der Politik berücksichtigt werden, und alle Studierenden ihr Studium trotz der Coronakrise fortsetzen können. Die Forderungen von uns Studierenden sind sinnvoll, durchdacht, repräsentativ und müssen gehört werden.
Doch wurde unsere Stimme gehört? Wurden unsere Forderungen aufgenommen und unsere Vorschläge umgesetzt?
Universität
Nach einigen Wochen mit Corona und einigen Lehrveranstaltungen vor dem PC können wir als ÖH sehr viel Bereitschaft und Einsatz der Universitätsleitung um Rektor Tilmann Märk und Vizerektor Bernhard Fügenschuh (Ressort: Lehre und Studierende) unterstreichen. Regelungen in den Bereichen Studienbeiträge, angepasste Prüfungsmodalitäten und laufende Verbesserung der Fernlehre verfolgen alle das Ziel, die Fernlehre so gut wie möglich anzupassen. Wir sind natürlich noch nicht am Ziel angelangt, viele Kurse sind immer noch nicht perfekt. Einiges muss noch angedacht und umgesetzt werden, doch die Uni-Seite zeigt Wille und Arbeitsbereitschaft. Es bleibt abzuwarten, wie gut die flächendeckenden Online-Prüfungen schlussendlich sein werden. Wir als ÖH werden jedenfalls Erfahrungsberichte einholen und Informationen über Details und Abläufe – sobald wir sie erhalten haben – weiterleiten!
Professoren
Wir befinden uns als Land in einer Ausnahmesituation. Es muss bis zu einem gewissen Grad von uns auch Verständnis für Lehrende aufgebracht werden, die sich mit den digitalen Lehrmethoden noch schwer tun, aber unsere Geduld ist erschöpft. Natürlich gibt es einzelne Lehrende, manche schwarze Schafe, die einfach schwer für die Online-Gegebenheiten der Fernlehre zu begeistern sind. Da muss ich ehrlich sein: Wir als ÖH haben kein Verständnis für Lehrende, die es bis jetzt immer noch nicht bewerkstelligt haben, Livestreams, Screencasts oder zumindest ordentliche Kursunterlagen auf OLAT zur Verfügung zu stellen.
Regierung/Ministerium
Auch das Familienministerium kommt uns Studierenden mit Regelungen, wie der Fortzahlung der Familienbeihilfe bis September und der Verlängerung der Bezugsdauer für Stipendien und Beihilfen um ein Semester, entgegen. Die Verlängerung der Einzahlungsfrist für Studienbeitrag und ÖH-Beitrag ist einer der neuen Schritte in Richtung Erleichterung für uns Studierende.
Land Tirol/VVT
Die Landesregierung hat gemeinsam mit der Wirtschaftskammer einen ArbeitnehmerInnenfonds eingerichtet, der auch Studierenden zugutekommt. Für sozial Schwache und Neo-Arbeitslose gibt es bei erfolgreicher Antragstellung bis zu 600 Euro Soforthilfe. Die Möglichkeit, das Semesterticket gegen teilweise Rückerstattung zurückzugeben, kommt uns Studierenden zwar entgegen, war unseren Informationen zufolge jedoch auch vor der „Coronazeit“ möglich.
Fazit: Ein Semester, das in Erinnerung bleiben wird
Dass für uns Studierende im Semester im Großen und Ganzen ein gewisser Nachteil entstanden ist und entstehen wird, ist wohl bereits absehbar. Das ist ärgerlich und frustrierend für uns alle. Doch in einer Krisenzeit, wo Menschenleben, Arbeitslosigkeit und Existenzverlust die Gesellschaft prägen, sind in das nächste Semester verschobene ECTS, ein erhöhter Arbeitsaufwand, mühsamere Prüfungsvorbereitung oder verpasste Frühlingsabende unter Freundesgruppen, so schön sie alle auch gewesen wären, der Preis, den wir Studierende zahlen müssen, damit unser Umfeld geschützt bleibt und unsere Gesellschaft diese Krise gut und gemeinsam überstehen kann.
Ich möchte mich für all die freundlichen, positiven Rückmeldungen auf den sozialen Medien zu unserer Arbeit und unseren Einsatz bedanken und bitte um Geduld, bis weitere Forderungen umgesetzt werden.
Euer ÖH-Vorsitzender
Johann Katzlinger