Die Universität Innsbruck war eine der ersten Hochschulen in Österreich, die gegen die Pandemie Maßnahmen gesetzt hat: Online-Tests statt Anwesenheitspflicht, mündliche Prüfungen über Videochat und virtuelles Klassenzimmer anstelle des Hörsaals. Zwar ist weiterhin unklar, wie mit etwaigen Praxismodulen umgegangen werden soll, aber man hat sich der aktuellen Lage im Großen und Ganzen angepasst. Für viele ist die rein digitale Lern- und Lehrumgebung ungewohnt, genauso tun sich im Distance Learning jedoch ungeahnte Chancen auf – sowohl aufseiten der Studierenden als auch der Lehrenden. Was spricht für, was gegen die dauerhafte Integration von Fernlehrinhalten im Studium?
Gemütlich von zu Hause aus…
Ein nicht unerheblicher Teil der Studierenden finanziert sich sein Studium selbst und arbeitet Teilzeit. Wenn bei vielen Lehrveranstaltungen Anwesenheitspflicht herrscht, kann der Studienfortschritt beeinträchtigt werden. Auch Studierende mit Kind, oder diejenigen, die täglich einen langen Pendelweg zur Uni zurücklegen müssen, profitieren von der Fernlehre. Wie sich momentan zeigt, wäre eine dauerhafte Einführung von alternativen Leistungsnachweisen, statt Anwesenheit, relativ unkompliziert möglich. Mitunter lernt man durch regelmäßige Arbeitsaufträge sogar mehr, als wenn man sich im Seminar berieseln lässt. Dies würde nicht nur mehr Menschen ein Studium ermöglichen, sondern erleichtert auch die so oft gewünschte einschlägige Berufserfahrung, die man sich neben dem Studium holen sollte. Ein Blick nach Bayern zeigt, dass Präsenzlehre auch auf freiwilliger Basis funktioniert. Dort wurde die Anwesenheitspflicht schon 2013 abgeschafft und ist nur noch in Ausnahmefällen gestattet.
Auch für Lehrende könnten sich durch die Einführung digitaler Lernmethoden einige Vorteile ergeben – ist doch die Forschung offensichtlich eine der wichtigsten Aufgaben des wissenschaftlichen Personals an Universitäten. Statt fixierten Vorlesungsterminen könnten Lehrende Videos und andere Hilfsmittel einbauen, durch welche sie sich noch intensiver mit ihren Forschungsprojekten auseinandersetzen könnten.
… und nachher auf ein Bier
Die Uni ist nicht nur ein Ort der Forschung und Bildung. Die sozialen Kontakte, die man im Studium knüpft, sind gerade für auswärtige Studierende unglaublich wichtig. Wo sonst soll man als frisch zugezogener Mensch erste Freundschaften schließen? Zudem ist nicht jedes Fach über Distance Learning sinnvoll umsetzbar. Man denke nur an die Architektur, wo das praktische Entwerfen von Modellen und Konzepten, zusammen im Team, ein maßgeblicher Bestandteil des Studiums ist.
Doch der wohl größte Nachteil, den die Fernlehre mit sich bringt, besteht in der Ungewissheit, wie sich das auf die Finanzierung der Universitäten auswirken wird. Niemand weiß, ob die Einführung von Videoaufzeichnungen statt Präsenzvorlesungen zu einer Einsparung an wissenschaftlichem Personal führen wird. Bedenken, dass dadurch erheblich an Dozenten gespart wird, sind berechtigt und angebracht. Diesen geringeren Bedarf an wissenschaftlichem Personal zeigt auch ein Vergleich der Uni Innsbruck mit der FernUni Hagen, der größten staatlichen Fernuni im deutschsprachigen Raum. Während in Innsbruck auf 30.000 Studierende knapp 3.500 wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren kommen, stehen an besagter Fernuni satte 76.000 Studierende einer nur circa 800 Personen starken wissenschaftlichen Belegschaft gegenüber.
The Best of Both Worlds
Die klassische Variante der Präsenzlehre hat sich bewährt und nichts spricht dafür, diese abzuschaffen. Andererseits kann die Fernlehre vielen Menschen ihren Alltag erleichtern. Warum also nicht das Beste aus beiden Welten miteinander verbinden? Die Möglichkeiten sind zahlreich, wie man momentan sehen kann. Es muss jedoch darauf geachtet werden, dass weder die Qualität der Lehre noch das Arbeitsumfeld des wissenschaftlichen Personals darunter leidet.