Dr. Ulrike Paul hat viel gesehen, wenn es um Partnerschaften geht. Die Psychologin ist systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin. An ihre Praxis in Innsbruck wenden sich Menschen in den unterschiedlichsten Phasen ihrer Beziehungen. Bei romantischen Paaren drehen sich die Sitzungen oft um deren Erwartungen, Wünsche und Bedürfnisse an- und voneinander. Jeder hat diesbezüglich eine Art mentale Checkliste. Um gesunde und dauerhafte Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten, muss gelernt werden, dieses statische Denken loszulassen. Warum und wie, erklärt Paul im Austausch mit UNIpress.
UNIpress: Frau Dr. Paul, gibt es so etwas wie einen „Traumpartner“ überhaupt?
Dr. Ulrike Paul: Träume sind Schäume. Und da heißt es ja… Also, in der Verliebtheit ist es wirklich so, dass man sagt: Das ist mein Traumpartner. Das kann bedeuten, dass der- oder diejenige vieles von dem verkörpert – beziehungsweise gewisse Eigenschaften, Verhaltensweisen und so weiter hat – was man sich „erträumt“ hat. Zum Beispiel das Aussehen, die Intellektualität, die Interessen der Person. Es gibt ganz viele Dinge, die das im Kopf erstellte „Profil“ von einer Traumfrau, von einem Traummann erfüllen. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass das nichts Statisches ist. Irgendwann werden andere Eigenschaften und Verhaltensweisen zum Vorschein treten. Und gewisse Potenziale lernt man überhaupt erst in bestimmten Lebensphasen kennen. Diese können einen dann positiv oder unerfreulich überraschen… Es kann reizvoll sein, jemanden in einem anderen Kontext zu erleben. Sich sagen zu können: Aha, die Seite kenn ich gar nicht. Oder: So habe ich die Person schon lange nicht mehr gesehen. Die Kunst ist es, Subjekt zu bleiben. Spannend zu bleiben.
UP: Auch was einen selbst angeht.
Paul: So ist es. Beide Partner sind stets in der Entwicklung. Und somit die Partnerschaft. Den „statischen“ Traumpartner gibt es also nicht. Aber es gibt durchaus Personen, von denen man sagt „Wow – genau so habe ich mir ihn/sie vorgestellt“. Wobei man sagen muss, dass es glücklicherweise auch die Situation gibt, wo man sich verliebt und sagt: „Eigentlich entspricht er oder sie gar nicht dem, was ich mir ursprünglich vorgestellt habe“. Also, dass das kein Ausschlussgrund ist. Daher denke ich, dass beides da ist. Dieses Träumen, diese Sehnsucht nach einer Person, bei der man Geborgenheit findet und die einen irgendwie ergänzt, bestärkt und bestätigt, ist auch etwas Gutes. Ein Motor, der einen mit Hoffnungen erfüllt, der einen in Bewegung hält. Wodurch man sich eher auf andere einlässt.
UP: Wie finden die meisten Menschen ihre Partner?
Paul: Von meinen Klientinnen haben sich ganz viele über Plattformen kennengelernt. Sicher 50 Prozent. Tinder und Co. sind inzwischen Alltag und Normalität und nicht mehr etwas, das man hinter vorgehaltener Hand sagt, wie früher bei Kontaktanzeigen.
UP: Stellen diese Plattformen irgendwelche modernen Probleme da?
Paul: Sie erwecken bei vielen den Eindruck, dass man einen Partner mit gewissen Kriterien so einfach suchen kann, weil sich alle ja über ein Profil präsentieren. Und dadurch kann wiederum der Anschein entstehen, dass man genau denjenigen oder diejenige gefunden hat, die mit einem so kompatibel ist. Aber das Profil einer Person sagt noch nicht sehr viel über ihr Wesen aus. Nur weil jemand ähnliche Musik mag oder die gleiche Sportart betreibt… Ich meine, das kann als Basis toll sein, verbindend. Aber, wie man harmoniert, ist nochmal eine andere Geschichte. Man kann sich nicht an einem Katalog abarbeiten. Glücklicherweise ist der Mensch ja zu vielschichtig, dass das so funktionieren würde!
UP: Sind sie zu oberflächlich?
Paul: Naja. Vieles von dem, was uns an anderen anzieht, ist halt höchst unbewusst. Wie Freud gesagt hat, sind wir nicht Herr im eigenen Haus. Vieles, was uns antreibt, was uns reizt, interessiert und von dem wir meinen, dass wir das so ganz kognitiv und rational und bewusst entscheiden, sind höchst unbewusste Motive. Und sie haben viel mit dem zu tun, was wir aus der eigenen Familie mitbringen. Also Themen, die man… und das finde ich auch das Spannende in meiner Arbeit… mit dem Partner reinszeniert, aber erst viel später draufkommt, dass man das aus seiner Kindheit oder von seinen Eltern kennt. Das sind Sachen, die dann vielleicht viel bestimmender sind, als irgendein vordergründiges Kriterium.
UP: Muss man diese abarbeiten, bevor man eine Beziehung eingeht?
Paul: Nein, nicht unbedingt. Man kann ja auch Sachen miteinander abarbeiten. Oder nach einer Trennung, wenn man merkt: „Hoppla, ich möchte das Ganze nicht so wiederholen.“ Wenn einem erst dann bewusst wird, dass man einen Partner mit einer anderen Persönlichkeitsstruktur sucht. Aber es können absolut auch in einer Beziehung frühere Wunden verheilen. Ein Partner kann einem in einem Bereich so gut tun, dass man genau die Anerkennung, die Bestätigung, die Wertschätzung bekommt, die man schon so lange sucht – „So wie du bist, mag ich dich“. Oder: „Ich finde das an dir ganz toll und ausgezeichnet.“ Dadurch wird das Selbstbild vielleicht so sehr gestärkt, dass frühere Wunden heilen können. Da haben Partnerschaften einen unglaublichen Wert für die eigene Entwicklung und die Aussöhnung mit der eigenen Geschichte.
UP: Sehnsüchte sind also nichts Schlechtes. Sollten wir uns aber prinzipiell mehr herausfordern, uns nicht an einer Traumpartner-Checkliste zu orientieren?
Paul: Ich denke, dass man sich sicher nicht zwingen kann, jemanden erotisch zu finden. Aber die erotische Anziehung ist auch etwas, das aus Verschiedenem resultieren kann. Nicht unbedingt nur, aus der äußeren Erscheinung. Man kann jemanden schön finden, aber nicht erotisch. Und ich denke mir umgekehrt… Also, sich auf das einzulassen. Erotik lässt sich über Fotos überhaupt nicht beurteilen. Sie setzt sich aus ganz vielen Komponenten zusammen. Und es wäre wahrscheinlich ein Fehler, jemanden gleich „wegzuwischen“, weil er/sie ein Attribut hat, das nicht so ins Schema passt. Damit lässt man sich Möglichkeiten entgehen. Gleichzeitig ist es aber auch nicht sinnvoll, sich jemanden einzureden.
UP: Kann eine Beziehung langfristig ohne Erotik funktionieren?
Paul: Das kann man nicht so pauschal sagen. Viele Leute machen sich ja einen zu großen Stress, weil zu irgendeinem Zeitpunkt in der Beziehung – und das kann früher oder später sein – die Erotik, die Sinnlichkeit oder eben die Sexualität in den Hintergrund tritt oder die Libido von einem der Partner nicht so präsent ist. Sie stellen dann alles in Frage. Weil Sex für sie so zentral ist und eben Partnerschaft und Freundschaft angeblich unterschiedet. Da versuche ich meinen Klientinnen den Druck zu nehmen. Ohne jetzt die Bedürfnisdifferenzen zwischen Partnern in Bezug auf die Lust und die Sexualität bagatellisieren zu wollen… Eine Partnerschaft steht auf vielen verschiedenen Säulen. Es verbindet einen vieles. Deswegen ist es jetzt nicht ein Mangel, wenn die Sexualität mal in den Hintergrund tritt. Oder eine geringere Rolle spielt. Das ist im Laufe von Partnerschaften so. Sie sind Schwankungen unterworfen. Typischerweise nach der Familiengründung. Jetzt hat man alles miteinander aufgebaut… Haus und Heim und Kinder. Und sexuell läuft nichts mehr.
UP: Warum gerade dann?
Paul: Oft, weil die Familie so im Zentrum steht. Weil man gar keine Zeit mehr zu zweit verbringt, verbringen kann. Weil die Kinder so präsent sind. Körperlich sogar. Oder weil es irgendeine Rivalität zwischen Kind und einem Elternteil gibt. Oder es jahrelang im Elternbett schläft und somit wirklich Sexualität verhindert. Aber das bedeutet nicht, dass die Beziehung jetzt am Endpunkt ist.
UP: Sondern?
Paul: Man kann zu Lust und Sinnlichkeit durchaus wieder hinkommen. Wenn man seinen Partner aber von vornherein gar nicht erotisch findet… dann ist die Frage: Was sucht man in der Beziehung? Kommen zwei Menschen zusammen, die keine Sexualität wollen, weil sie sich asexuell fühlen, können sie trotzdem eine gute Partnerschaft führen. Aber sonst ist Erotik durchaus wichtig.
UP: Sind wir heutzutage grundsätzlich offener für Partner, die auf dem Papier nicht unsere Traumpartner sind, als früher? Oder sind wir wählerischer geworden?
Paul: Was ich erlebe, ist, dass Menschen relativ früh – anders als in meiner Jugend – Vorstellungen vom Lebensentwurf haben und sagen: „Ja, ich will da jemanden haben, der kompatibel ist“. Zum Beispiel ist in Tirol der Sport ein großes Thema. Also, es sollte unbedingt jemand sein, der auch Skitouren geht oder so. Aber auch was das Reisen angeht, gibt es gewisse Vorstellungen. Die Familienplanung. Et cetera.
UP: Gibt es Eigenschaft oder Verhaltensweisen, die man sich selbst aneignen sollte, um die Qualität eines Traumpartners eher zu erreichen?
Paul: Selbstwert. Sich zu sagen: „So wie ich bin, bin ich ok“. Nicht zu außenorientiert zu sein. Zu schauen, dass man sich nicht in irgendein Ideal-Profil zwängt. Ich meine, klar: Wenn man laufend Leute vor den Kopf stößt, muss man sich vielleicht irgendwann denken: „Das könnte auch mit mir zu tun haben.“ Aber grundsätzlich sollte man mit sich zufrieden sein. Das kann auch dazu führen, dass man früher merkt, dass man mit jemandem gar nicht so kompatibel ist. Weil man ehrlich mit sich selbst und seinem Partner ist. Weil man nicht mehr einfach um des Friedens willen Sachen erträgt, die einen wirklich stören. So vergisst man nicht, dass man eine Einzelperson ist, mit eigenen Interessen und Bedürfnisse, die man bewahren muss – auch jenseits der Partnerschaft.