Sie sind die Rockstars unserer Zeit. Millionen von Kindern in hunderten von Ländern eifern ihnen fast täglich nach, jubeln ihnen zu und wollen irgendwann genauso werden wie ihre großen Idole. Fußballprofis. Sie spielen in ausverkauften Stadien, erzielen Traumtore und werden von einem riesigen Publikum gefeiert. Dass dieser Traum nie Realität wird, ahnen sie dabei noch nicht. Denn der Weg dorthin ist nicht nur äußerst steinig, sondern mit wesentlich mehr verbunden als nur Talent, Leidenschaft und Liebe zum Sport.
Beim Österreichischen Fußballbund sind aktuell über 200.000 aktive Spieler:innen registriert. Davon jagen rund 125.000 Kinder und Jugendliche in tausenden Nachwuchsmannschaften Woche für Woche dem Ball nach. Beruflich übten 2021 in Österreich allerdings nur 1.375 Menschen den Sport aus, so eine Statistik von statista.de. Also weniger als ein Prozent. Eine durchaus geringe Quote, besonders in Anbetracht dessen, wie populär der Fußball hierzulande ist und wie viele Jugendliche – zumindest für eine gewisse Zeit – nach der großen Karriere streben. Grund dafür ist, dass die talentiertesten Kinder im Laufe ihres Lebens meist einer sogenannten „Fußball-Akademie“ beitreten müssen, um dem Traum vom späteren Profi-Dasein überhaupt nacheifern zu können. Davon gibt es in Österreich aktuell 16 Stück – 15 für Männer, eine für Frauen. Sie koordinieren den Fußball mit der Schule und bestimmen ab dem Beitritt das Leben ihrer Auszubildenden. Im Schnitt schafft dabei meist nur ein Talent pro Jahrgang den Sprung in die Bundesliga, viele Spieler:innen bleiben derweil auf der Strecke.
Die harte Realität
Um die geringe Chance dennoch zu ergreifen, bedeutet dies für viele Kinder und Jugendliche oft den frühen Schritt aus dem Elternhaus und den Wechsel in ein anderes Bundesland – gelegentlich sogar ins Ausland. Dabei müssen sie früh lernen, Verantwortung zu übernehmen und mit Hindernissen umzugehen, auf die sie nicht vorbereitet wurden. So sehen sie sich auf dem Platz tagtäglich mit Druck, Konkurrenzkampf und Aufopferung konfrontiert. Und abseits davon häufig mit Einsamkeit und Verzicht.
Sie leben meist ein anderes Leben als ihre Freunde. Stehen täglich auf dem Fußballplatz und am Wochenende nicht in Clubs oder Bars. Sie leben in Internaten, fern von Familie und Bekannten und ordnen ihrem Traum alles unter. Ohne die Garantie, dass der Aufwand und die Mühen später belohnt werden. Eine mentale Belastung, die nicht minder herausfordernd ist als die körperliche. Weil ein falscher Schritt, eine ungünstige Entscheidung oder ein kleiner Fehler den Traum sofort platzen lassen könnten. Die Angst vor dem Aus ist dabei omnipräsent und zieht sich den Aussagen vieler Fußballprofis zufolge auch über die gesamte Karriere hinweg durch.
Das Leben danach
Zu präsent sind die Geschichten um hochgejubelte Talente und Spieler:innen, die es augenscheinlich bereits geschafft hatten. Die zu den Besten der Besten zählten, anschließend aber doch gescheitert sind. Weil Talent und Hingabe nicht allein entscheidend sind, und auch physische Voraussetzungen und allen voran Glück eine essenzielle Rolle einnehmen. Dazu kommen noch die subjektiven Einschätzungen von Trainer:innen und Nachwuchsleiter:innen, die den Traum maßgeblich beeinflussen und schon für viele Talente das Ende bedeuteten.
Diese sehen sich anschließend mit einem für sie unbekannten Leben konfrontiert, in dem nicht mehr für alles gesorgt ist und in dem die Leidenschaft plötzlich wieder zur Nebenfigur verkommt. In dem die schulischen Leistungen von Bedeutung sind und der Schritt ins Arbeitsleben kurz bevorsteht. Eine Phase, in der sich laut den Aussagen mehrerer Sportpsychologen viele Athlet:innen oft mit mentalen Problemen konfrontiert sehen. Mit Vorwürfen an die eigene Person, Selbstzweifel, Existenzängsten und allen voran dem Gefühl des „Gescheitertseins“. Sie haben Jahre „verschwendet”. Nichts erreicht. Sagen sie sich dann.
Bessere Vorbereitung auf den Fall X
Sportpsycholog:innen sprechen sich deswegen häufig für eine umfangreichere psychologische Betreuung der Nachwuchstalente und eine bessere Vorbereitung auf den doch realistischen Fall X aus, dass der Schritt eben nicht klappt. So erhalten die Spieler:innen in einer Akademie zwar schulische Betreuung, an deren Ende auch die Matura steht, haben mit der Arbeitswelt bis dahin aber noch keine Berührungspunkte gesammelt. Genauso fordern einige auch eine Anlaufstelle für Aussortierte, an welche diese sich wenden können, um mentalen Problemen nach dem Aus vorzubeugen. Auch das Leben des talentiertesten Fußballspielers sollte nicht darauf reduziert werden, ob sein Potential genutzt, sein Traum erreicht wurde. Denn auch wenn dieser platzt, gibt es noch genügend Zeit für weitere.
Fußballprofi zu sein, erscheint auf den ersten Blick wie der Traumberuf schlechthin. Viel Geld, schöne Urlaube, Massen an Fans. Dabei fristet der harte und lange Weg dorthin meist nur ein Schattendasein und wird von außen nur minder wahrgenommen. Ebenso wie die 99 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die es nicht in den Profibereich geschafft haben. Sie sind deswegen aber keineswegs gescheitert, sondern eifern fortan lediglich anderen Träumen nach.