„Klimaangst ist keine Diagnose”

von Gastbeitrag
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Klimaangst ist berechtigt, und man kann sie als Motivation nutzen, sich zu engagieren. Die Psychologin Katharina van Bronswijk erklärt, wie man Sorgen vor der Zukunft begegnen kann.

Ein sonniger Frühsommertag in Innsbruck, kurz vor acht Uhr morgens: gewöhnlich Stoßzeit auf der Höttinger Auffahrt. Nicht aber an diesem Dienstag Mitte Juni. Aktivist:innen der „Letzten Generation” blockieren an diesem Tag sitzstreikend die Hauptverkehrswege nach Hötting. Ihre Forderung: Die Politik muss Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen. Und zwar sofort. Die Aktivist:innen zeigen auf, was viele Menschen aktuell beschäftigt: Die klimabedingte Sorge vor der Zukunft. Mittlerweile gibt es sogar einen Begriff dafür: Klimaangst.

Es ist nicht nur die Angst: Auch Wut, Trauer oder Sorge können mitspielen. Eine Diagnose aus psychologischer Sicht stellt Klimaangst allerdings nicht dar. Vielmehr handelt es sich um ein diffuses Gefühl, das Menschen spüren, wenn sie sich die Folgen des Klimawandels vor Augen führen. Was genau diese Angst verursacht, ist individuell ganz unterschiedlich: Manche Menschen fürchten den Entzug der eigenen Lebensgrundlage, zum Beispiel durch Naturkatastrophen. Für andere stehen gesellschaftliche Herausforderungen im Vordergrund.

„Ich habe Angst vor der Zukunft, weil ich nicht einschätzen kann, wo ich in Zukunft sicher mit meiner Familie leben kann.” (Clara, 25)

Katharina van Bronswijk, Psychologin und Mitbegründerin der „Psychologists for Future“, ist dieses Phänomen durchaus ein Begriff. Und zwar nicht nur aus beruflichen Gründen: Auch sie hat bereits ihre eigenen Erfahrungen mit Klimaangst gemacht. Wegtherapieren könne man diese nicht so einfach, und müsse man auch gar nicht. „Es ist total sinnvoll, dass wir diese Gefühle haben”, so Bronswijk in einem Interview für den Podcast „How to SDG!“. Angst warne vor Gefahren und in diesem Fall sei es keine unbegründete Angst, die man behandeln muss. Es sei normal und auch wichtig, Trauer um den Verlust von Arten oder wegen des Schmelzens der Gletscher zu empfinden. Eine komplette Abwesenheit solcher Gefühle wäre eher besorgniserregend und behandlungsbedürftig, so die Psychologin. Und da der Klimawandel nicht plötzlich verschwinden wird, werde auch die Klimaangst immer wieder kommen.

„Ich habe Angst vor der Zukunft, weil das wirtschaftliche Interesse immer noch über dem Allgemeinwohl und der Zukunft unserer Erde steht.” (Christian, 25)

Dass die Hitze auch direkt auf die Psyche wirkt, zeigt eine Studie aus den USA aus dem Jahr 2019: Besonders bei Temperaturen über 30 Grad nimmt die psychische Belastung zu. Bei der Psychologin van Bronswijk sei dies zwar in der Praxis noch nicht durch eine steigende Nachfrage bemerkbar, aber auch sie verweist auf eine Zunahme an Suiziden und aggressiven Gewalttaten in Zusammenhang mit Hitze. Dies schlage sich bereits in den Statistiken nieder. Hinzu kommen Traumafolgestörungen nach Naturkatastrophen, wie etwa der Flut im Ahrtal 2021. „Ich glaube, dass viele Leute sich dessen noch nicht bewusst sind, aber wir sind einfach in einer existenziell bedrohlichen Lage. Unsere Lebensgrundlagen stehen auf der Kippe“, warnt van Bronswijk, die sich selbst ehrenamtlich in der Bewegung „Fridays for Future“ engagiert.

„Ich mache mir Sorgen, dass viel zu viel geredet und viel zu langsam gehandelt wird und dass weltweit zu wenig für den Klimaschutz getan wird.“ (Maria, 73)

Dennoch: Verzweiflung oder gar Resignation seien nicht angebracht. Richtig eingesetzt kann Klimaangst sogar ein Motivator sein, selbst aktiv zu werden. Genau dieses Aktiv-Werden ist eines der besten Mittel gegen die eigene Klimaangst: Das psychologische Fachwort dafür lautet „kollektive Wirksamkeit”. Diese kann entstehen, wenn man sich mit anderen zusammentut, um eine gesamtgesellschaftliche Transformation anzustoßen. Und die brauche es dringend, so van Bronswijk: „Wir müssen jetzt alles daransetzen, voranzukommen. Das ist keine Frage von Komfort mehr, ob ich Lust habe, mich zu engagieren oder nicht.” Wer Ökostrom bezieht, vegan lebt und auf Flugreisen verzichtet, hat zwar schon viel getan, um den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren – um gesellschaftliche Strukturen zu ändern, reiche das allerdings nicht aus.

Vielmehr solle man sich fragen: „Was kann ich tun, um auf gesellschaftlicher Ebene etwas zu bewirken?” Denn gerade in Krisenzeiten braucht es ein konstruktives Miteinander, um gemeinsam einen positiven Wandel herbeizuführen. Insofern kann auch der Aktivismus der Letzten Generation eine Form sein, mit Klimaangst umzugehen und diese in Engagement zu verwandeln.

 

Wie kann ich mit Klimaangst umgehen?

Tipps von Katharina van Bronswijk, Psychologin und Mitbegründerin der Psychologists for Future:
● Aktiv werden: Suche dir eine Gruppe vor Ort, in der du dich engagieren kannst. Wenn du gemeinsam mit Gleichgesinnten auf ein Ziel hinarbeitest, kann das deine empfundene Ausweglosigkeit vermindern.
● Gefühle akzeptieren: Es ist nicht falsch, Angst und Sorge zu empfinden – im Gegenteil!
● Gefühle nutzen: Wut und Angst können ein großer Motivator sein, sich zu engagieren. Nutze deine Klimaangst deshalb, um dich einzubringen. Frage dich: Was kann ich besonders gut, worin liegen meine Stärken? Und: Wie kann ich diese in der Klimakrise sinnvoll einsetzen?
● Auch Zwischenerfolge feiern: Ähnlich wie beim Schreiben einer Abschlussarbeit kann es im Aktivismus zu Durchhängern kommen, wenn du das Gefühl hast, dass sich nichts bewegt. Akzeptiere, dass politische Mühlen langsam mahlen und gesellschaftliche Änderungen Zeit brauchen. Lass dich dadurch aber nicht davon abhalten, auch jeden kleinen Erfolg als großen Zwischenschritt zu feiern.

Brauchst du jemanden, mit dem du deine Sorgen rund um die Klimakrise teilen kannst? Die „Psychologists for Future”

(beratung@psychologistsforfuture.org) und auch die Uni Innsbruck
(https://www.studierendenberatung.at/standorte/innsbruck/ueberblick/) bieten Beratungen an.

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Nachhaltigkeit im Podcastformat

Der Podcast „How to SDG!” wurde von Innsbrucker Geographie-Studierenden gegründet. In den Folgen werden Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis zu nachhaltiger Entwicklung interviewt. In der Folge zum Thema Klimaangst kommen neben der Psychologin Katharina van Bronswijk auch Studierende zu Wort, die ihre Sorgen im Zusammenhang mit der Klimakrise nennen. Charlotte und Pia, die Autorinnen dieses Artikels, sind ebenfalls Mitglieder des Podcast-Teams. Den „How to SDG”-Podcast findest du auf verschiedenen Podcast-Kanälen sowie auf Instagram und auf der Uni-Website.

Instagram: @howtosdg
Spotify: https://open.spotify.com/show/5j4zUNGyNT4MoRajQwTOQg
Webseite: https://www.uibk.ac.at/projects/sdg-podcast/

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