Ich, auf dem Selbstoptimierungstrip

von Daniela Graff
Lesezeit: 6 min
Atemberaubende Schönheit – wer träumt nicht davon?  Ich tauche ein in die Welt des ausschweifenden Konsums, um das perfekte Äußere zu kaufen.

Neben dem Studium zu jobben, ist für viele selbstverständlich und gehört zum karrierefokussierten Menschen des 21. Jahrhunderts wie das Amen in der Kirche. Den Spagat zwischen Lernen, Arbeiten, Freunden und Schlaf meistern meine Kommilitonen grazil, während ich mehr wie der Schluck Wasser in der Kurve nach mehr Me-Time japse. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, aber bei einem Kapuzenpulli und Augenringen, naja, da ist noch etwas Spielraum nach oben.

Und so begebe ich mich auf die Reise zum Scherengott, der wie immer, gut gelaunt und bestens frisiert, mit dem neuesten Klatsch und Tratsch mein Ohr abkaut. Während die Haare auf ein Minimum zurechtgestutzt werden, schweift mein Blick zu einem Sparschwein neben dem Tresen, auf dem mit gekringelten Buchstaben Corona-Kasse“ geschrieben steht. Auch der Aushang, mit dem nach Lehrlingen und Fachkräften gesucht wird, ist mir beim Eingang aufgefallen. Corona hat auch diese Branche hart getroffen. Neben der gestiegenen Schwarzarbeit, die durch den Lockdown und die Schließung vieler Betriebe entstanden ist,  hat der Beruf ein Imageproblem. Nur 2.418 Lehrlinge starteten 2021 in diesem Bereich, was statistisch ein Rückgang von 50 Prozent ist, wenn man die letzten 10 Jahre betrachtet. Nicht hilfreich ist die Tatsache, dass der Friseurlehrling zu den am niedrigsten bezahlten Berufen Österreichs gehört. Bei über 11.000 Salons im Land ist die Auswahl riesig und auch ich vergleiche die Preise.

Nachdem mein frisch geföhntes Haar mir dabei zusieht, wie die Scheine in die Kasse wandern, meldet sich auch schon mein Smartphone. Die neue Frisur und das Gesicht wollen gepflegt werden und deshalb treffe ich mich mit meiner Freundin zum Shoppen. Nach kurzem Wortaustausch und dem obligatorischen Feststellen, dass die neue Frisur natürlich super aussieht, steuern wir das Paradies der Pflege und Schönheit an. Drogeriemärkte gibt es wie Sand am Meer und wir betreten einen mit Keira-Knightley-Poster dekorierten Laden. 

Während unsere Augen die bildhübschen Menschen auf Plakaten sehen, unsere Nasen von den neuen Düften bekannter Designer eingelullt werden, sieht uns eine Verkaufsdame des Marktes. Mit geschultem Auge kann sie hilflose Opfer in der Menge der Kunden erspähen. Ahnungslosigkeit von Preis und Leistung, unwissend über die Tiegel und Töpfchen, Tuben und Döschen, die um uns herum platziert sind, stehen wir zwischen den Regalen und sind leichte Beute. Wer denkt, dass es einfach wäre, eine simple Gesichtscreme zu kaufen, der irrt. Schon im Vorfeld muss geklärt werden, wann die Creme aufgetragen werden soll – Nacht- oder Tagescreme? – und auch die Beschaffenheit der Haut muss fachkundig erörtert werden! Sind schon Fältchen sichtbar? Trocken oder fettend? Duftstoff oder doch bio? Klein oder doch direkt ein Jahresvorrat?

Wer schön sein will, muss leiden. Dieser Spruch, der sich in diesem Jahr hauptsächlich auf den Geldbeutel bezieht, kommt mir in den Sinn. Bei 5,25 Milliarden Euro pro Jahr, die wir für Körperpflege und die dazugehörigen Dienstleistungen ausgegeben haben, scheine ich nicht die Einzige zu sein, die etwas mehr als Seife zum Waschen wollte.

Technikversiert ins 21. Jahrhundert

Selbstoptimierung, ein Trend aus den USA, findet nicht nur im Internet viele Befürworter. Auch die Technikläden der hiesigen Einkaufsstraßen preisen die kleinen Gadgets, wie beispielsweise Uhren, an, mit denen wir uns selbst überwachen können, um dann das Optimum aus uns herauszuholen. Schönheit sei ja schließlich nur eine Frage der Zeit, die wir für Sport und Wellness ausgeben. Fitnessstudios ohne ein derartiges Produkt zu betreten, ist quasi ausgeschlossen. Wer trainiert schon Cardio, ohne seine Herzfrequenz im Auge zu behalten? Der aerobe Bereich ist schließlich ein fixer Wert, der unter allen Umständen einzuhalten ist. Sonst kann man den Trainingsfortschritt zum Fenster rausschmeißen. Aufwachen und ausgeschlafen sein? Überwachung der eigenen Tiefschlafphase? Hallo? Amateure! Ein gut informierter Tech-Nick steht direkt neben mir, als ich mir die neuesten Produkte ansehe, und beschreibt mir den technischen Weg zur Schönheit. Während sich seine Futterluke stets bemüht, alle seine Pro-Argumente auszusprechen, bin ich in Gedanken woanders. Wie hat sich das Berufsbild doch geändert! Vom langweiligen Kühlschrankhändler zum hippen und trendigen Verkäufer, der zur Demonstration der Schrittzählers hin und her hüpft und Kniestützen macht. Ulkig sieht es aus.

Auch unser nächster Stopp im Nagelstudio lässt meine Laune nicht sinken. Einmal „Edward mit den Scherenhänden, bitte… und Glitzersteinchen!“ Während meine Freundin ausgestattet wird, um sich nach China durchbuddeln zu können, öffne ich ein abgegriffenes Klatschblatt vom herumstehenden Ikea-Mobiliar. Die glattgebügelten Damen der Ausgabe, die zwar stets bestens gekleidet sind, aber allerhand private Probleme haben, von denen die Paparazzi mehr wissen als sie selbst, strahlen mich an. Madonna ist mit über 60 Jahren zwar, dank ihres Schönheitschirurgen, nur noch durch die Bildunterschrift zu identifizieren, jedoch ist auch bei ihr und den anderen immer die Devise: Meine Schönheit entsteht durch gesunde Ernährung und Sport. Als Pharmaindustrie mit solch fortschrittlichen Botoxprodukten und 1,3 Millionen Eingriffen pro Jahr allein in den Staaten würde ich mir veralbert vorkommen, wenn meine Stammkunden sowas sagen, aber was soll’s. Das Geschäft läuft. Ich blätter weiter…

Zehn neu geklebte rosa Nägel später stehen wir wieder vor der Ladentür und entscheiden, dass es Zeit wird, etwas zu essen. Dass Schönheit neben Nachhaltigkeit ein großes Verkaufsargument ist, hat auch die Lebensmittelindustrie herausgefunden. Neben Proteinriegeln, die Sportlern bei knackigen Muskeln helfen sollen, gibt es Detoxsmoothies für reine Haut und Tees mit Aloe Vera. Der Lebensmittelchemiker ist der neue Star unter den Schönheitsexperten und verpackt das gewünschte Ergebnis handlich, portionsweise und bezahlbar für den Supermarkt um die Ecke. Praktisch, denk ich mir und zücke meine Bankomatkarte.

Size Zero war gestern, lang leben die Fitnessmodels

Nach unserer Stärkung beschließen wir, den Heimweg anzutreten, um dann gemeinsam ins Fitnessstudio zu fahren. Mit meiner neuen Uhr am Handgelenk betreten wir den Tempel zu Ehren Schwarzeneggers. Aus einem kleinen Lautsprecher hallt Gangster-Hiphop durch die nach Bifi und Schweiß riechende Halle. Am Band der ewigen Qual, von Fachkundigen auch Laufband genannt, beginnen wir unser Training. Rechts und links kämpfen die Herren mit gezogener Hantel gegen den Schweinhund und die Damen setzen strategisch geschmiedete Trainingspläne in die Tat um. Präzise und fast schon elegant wuchten sie die Gewichte von A nach B, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Unterstützung bekommen die über eine Millionen Fitnessstudiomitglieder in Österreich von den muskulösen Trainern, die 24/7 ihr Wissen über Proteine und Trainingszyklen zum Besten geben können. So vielfältig wie die Anwesenden, so mannigfaltig sind die Ziele, die sie hierher treiben. Neben Gesundheit ist aber auch der neue Schönheitstrend, der mehr Muskeln und Rundungen verlangt, ein Grund zu trainieren… Knackiger Po à la Pamela Reif oder Oberarme wie Channing Tatum? Ohne die Trainer würde das System nicht funktionieren: Einweisungen, Hilfestellung und Ernährungstipps. Belustigt erinnere ich mich an die unzähligen Motivierten, die die Geräte dann doch falsch bedient hatten. Nach einem intensiven Zirkeltraining geht mir dann auch die Puste aus und wir verlassen die Hallen der Selbstgeißelung und den Hotspot für Spiegelselfies.

Der Tag neigt sich dem Ende zu und mein Bankkonto ächzt unter meinen neuen Bestrebungen nach mehr Schönheit. Ich blicke in den Spiegel und in dem ganzen Hin-und-her-Gerenne, um die maximale Schönheit aus mir zu holen, ist mir doch glatt ein zweites weißes Haar gewachsen. Na, danke!

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