Quantifiziertes Ich

von Nadine Schmidhammer
Lesezeit: 5 min

Wie viel bin ich? Und wie viel von was? Immer mehr Möglichkeiten, sich selbst in Zahlen umzuwandeln, kommen auf den Markt und immer stärker finden diese auch ihren Platz in unserem Alltag. Alles lässt sich in Daten verwandeln. Doch um welchen Preis?

Zahlen sind klar und präzise. Sie sind aussagekräftig, verlässlich und können die Realität fehlerfrei widerspiegeln. Etwas, das in Daten umgewandelt wurde, ist fassbar und Lösungsansätze sind daraus leichter ablesbar. So funktioniert mein Kopf. Es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich am Ende des Tages in konkreten Zahlen nachlesen kann, was ich geleistet habe. Wie stark, schnell, gesund und vor allem produktiv ich war. Denn das ist schließlich Endziel.

Ich weiß genau, wann ich wohin gegangen bin, wie viele Schritte ich dabei gemacht habe, wie viele Kalorien ich zuerst loswerde und dann wieder zu mir nehme und in welcher Phase meines Zyklus ich währenddessen bin. Außerdem messe ich meinen Puls, Herzschlag und Blutzucker. Zweimal jährlich mache ich ein Belastungs-EKG und ein 24h EEG. Ich tracke meine Mahlzeiten, Lifesum merkt sich alles, was ich esse, trinke, verbrenne. Ich treibe viel Sport, denn mein Motto ist: gesunder Körper, gesunder Geist. Allerdings muss ich genau wissen, wie gesund mein Körper ist, denn ansonsten ist er vielleicht nicht gesund genug. Ich bin gerne an der frischen Luft und atme tief durch. Meinen Sauerstoffgehalt im Blut kenne ich dabei genau.

Zurück zum Sport. Ich laufe auf Berge und weiß dabei die Höhenmeter. Ich gehe zum Reiten und habe die Idealwinkel für Hüfte, Knie und Fersen auswendig im Kopf. Ich trainiere im Fitness-Studio und merke mir Gewicht, Wiederholungen und Set-Anzahl genau. Dann gehe ich nach Hause und messe, wie viele Stunden ich schlafe und wie qualitativ hochwertig dieser Schlaf ist.

Ich muss alles festhalten.

Wie schon Sido sagte: „Konserviert und archiviert, ich hab’s gespeichert. Paraphiert und nummeriert, damit ich’s leicht hab.“  Doch habe ich es mit all den Funktionen tatsächlich leichter?

Wie viel ist zu viel?

Hier gilt zunächst einmal zu definieren, woran genau ich dieses „leichter“ festmachen kann und in welchen Bereichen es zutrifft. Ist es leichter, einen Überblick über mein physisches Befinden zu haben? Ja. Wird dadurch meine Lebensqualität erhöht? Vielleicht. Bin ich durch die kontinuierliche Datensammlung automatisch glücklicher? Nein.

Während aus Studien der letzten Jahre hervorgeht, dass die Begeisterung für die meisten Tracking-Apps bei vielen Nutzer:innen langsam, aber sicher mit der Zeit nachlässt, schießen die weltweiten Zahlen im Verkauf dieser Apps und in ähnlicher Weise nutzbarer Gadgets nach oben. Die Ideen dahinter, neben dem Wunsch, der nächste Dagobert Duck zu werden, sind nicht alle schlecht. Umfangreiche Datensammlungen kriegt man direkt auf den eigenen Handybildschirm geschickt, was sich positiv auf das Durchhaltevermögen auswirken und motivieren kann. Die eigenen Erfolge oder Nachlässigkeiten stehen schwarz auf Bildschirm vor mir, und daran kann ich nicht rütteln. Dies kann Ansporn und Schulterklopfen zugleich sein. So oder so schaut man auf sich, hat sich im Blick – und nicht nur irgendwie, sondern zumeist kritisch. Ob dieses genaue Hinschauen nun aber nur Gutes mit sich bringt, sei dahingestellt.

Neue Prioritäten

Während ich mit meinen Freundinnen in der Bäckerei sitze, vergleichen wir unser Training. Wie viel Eisen hat sie nach oben oder unten gedrückt, wie viel ich. Wir kontrollieren, ob es mehr oder weniger war als letzte Woche am selben Tag, vor zwei Wochen, vor drei. Wir berechnen einen Mittelwert für diesen Monat, vermerken die Abweichungen. Unser Kaffee ist kalt und unsere Mitbewohner:innen warten zu Hause nicht länger mit dem Abendessen auf uns. Wir gehen nichtsdestotrotz zufrieden nach Hause.

Diese Szene, eine mittlerweile alltägliche, wirft jedoch Fragen auf. Es scheint fast so, als würden wir auf einer weiteren Ebene Virtuelles gegen Reales eintauschen und digitale Analysen analogen Interaktion oder Beziehungen vorziehen. Während wir körperliche Leistungen und Befindlichkeiten bis ins kleinste Detail vermerken können, lässt sich psychisches Wohlbefinden nicht quantifizieren. Ich brauche meine Freunde, meine Familie, Tiere, Liebe, Gespräche und so vieles mehr. Doch wie drücke ich diese Dinge in Zahlen aus? Genau, gar nicht.

Bild: Pixabay

Was noch fehlt

Starthilfe und Motivator lasse ich gelten. Dies kann man auf die Pro-Seite der Tracking-Apps schreiben. Doch damit die Applikaturen beim Bilden von Gewohnheiten helfen können, müssten sie günstige Zeitpunkte hierfür erkennen können und tiefe Einsicht in die Persönlichkeiten der jeweiligen Nutzer:innen haben. Und das haben sie nicht. Und hier beginnen die Mängel erst.

Die Daten der Tracking-Apps oder sonstiger Technologien sind zu ungenau dafür, dass die meisten völlig überteuert sind und sie sich nur ein Teil der Bevölkerung überhaupt leisten kann. Eine Smart Watch kommt mit ihrer Pulsmessung nie an die Genauigkeit einer ärztlichen Untersuchung heran. Genau so wenig weiß die App auf meinem Handy genau über meine hormonellen Befindlichkeiten während der Monatsblutung Bescheid. Die Daten, die von außen über unser Innen erhoben werden, sind nie 1:1 übernehmbar und weißen Fehler auf.

Dieses Innen ist allerdings wichtig. Besonders im Hinblick auf die Motivation wäre es sinnvoll, für Ziele neben der extrinsischen, generiert durch Apps und Gadgets auf Handy, Laptop und Uhr, auch eine intrinsische Motivation zu verspüren. Ich sollte reflektieren, ob ich etwas will, weil dann ein Belohnungs-Smiley auf meinem Bildschirm aufleuchtet, oder ob ich es will, weil ich es wirklich will. Wirklich wollen kann in diesem Fall eben nicht gemessen werden, sondern ist ein Gefühl. Ein Zustand, den ich ohne die Gratifikation von äußerlichen Faktoren erreichen und beibehalten möchte. Und der mir auch nicht durch eine Technologie und ihre Tricks mit roten oder grün blickenden Lämpchen weggenommen werden kann.

Nicht alles das glänzt, ist Gold

Die gewinnbringenden Seiten von Tracking-Apps und ähnlichem kann ich nicht in den Schatten rücken. In persönlichem Ermessen richtig genutzt, können sie vorantreiben und zum Durchalten anregen. Sie können dabei unterstützen, den eigenen Körper besser zu verstehen, ihn zu kennen und ihm zu helfen. Jedoch lässt sich aus den gewonnenen Daten nicht zwangsläufig ein gesunder Mensch herauslesen. Besonders die Psyche rückt aus dem Sichtfeld. Als Nutzer:innen muss uns klar sein, dass Datensammlungen nur hilfreich sind, wenn sie korrekt und leicht zugänglich sind. Auch müssen wir wissen, was eben alles nicht berücksichtigt wird, aber doch eine entscheidende Rolle für ein erfülltes Leben spielt. Ein Werkzeug also, kein Wundermittel.

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