„Psycholog:innen haben vielleicht zu große Angst vor unserer Arbeit“

von Katharina Isser
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Der plastische Chirurg Dr. Stefan Riml spricht im Interview mit UNIpress über sein Verständnis von Schönheit, die beliebtesten Behandlungen für Jung und Alt und gesunden Egoismus.

Die Lippen voller, die Augenbrauen höher. Das Fett am Bauch weg, dafür ein größerer Po. Kosmetische Maßnahmen und Schönheitsoperationen kommen zunehmend in der Mitte der Gesellschaft an, bestätigt auch der plastische Chirurg Dr. Stefan Riml. Sie seien kein „One-Size-Fits-All“, sondern müssten immer zu den Patient:innen passen. Dennoch gebe es bestimmte Trends, immer entsprechend dem derzeitigen Schönheitsideal. Solche Ideale werde es laut dem Experten auch immer geben –  wobei es aber sinnlos sei, ihnen blind nachzurennen.

UNIpress: Sehr geehrter Herr Dr. Riml, was ist Schönheit?

Dr. Stefan Riml: Das ist ganz eine schwierige Frage, weil’s den Begriff der Schönheit für sich nicht gibt. Das Schönheitsideal ändert sich im Lauf der Zeit. Teilweise über Jahrhunderte. Teilweise sehr, sehr schnell. Zum Beispiel Augenbrauen. In den Neunzigern wollte man im Prinzip keine. Heute gilt: Je mehr, desto besser. Auch die ideale Form hat sich sehr geändert. In den Zwanziger-, Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts waren runde, möglichst hohe Augenbrauen „schön“. Dann sanft nach außen hin ansteigend, mit dem höchsten Punkt am Übergang vom mittleren zum seitlichen Drittel der Braue. Und heute soll der höchste Punkt der seitlichste Punkt sein. 

Aber es gibt auch ein paar Schönheitsideale, die über die Jahrhunderte konstant geblieben sind. So ist Jugend etwas, das schöner empfunden wird als Alter. Symmetrie. Makellose Haut – also keine Falten, keine Pigmentstörung, keine Gefäßzeichnung. Allerdings gibt es Studien, die belegen, dass es Unterschiede zwischen Mann und Frau sowie zwischen verschiedenen Ethnien im Empfinden von Schönheit gibt. 

UP: Und für Sie persönlich?

Riml: Ich versuche, eine bessere Version meiner Patient:innen zu erzeugen. Das heißt nicht „ein neues Ich“. Nicht eine komplett andere Nase, die nicht ins Gesicht passt. Sondern die jetzige Gestalt so zu verbessern, dass das für die Patientin oder den Patienten ideal ist.

Es gibt Kollegen, die „Markenzeichen“ haben – zum Beispiel ist die „Mang-Nase“ berühmt. Jeder Patient, der aus dieser Praxis rausläuft, sieht gleich aus. Das finde ich katastrophal. Es soll ja die Nase zum Patienten passen.

Auch Lippen sind ein heikles Thema. Oft wollen die ganz jungen Mädchen viel mehr Volumen, als ich für schön empfinde. Da lösen wir es meistens so, dass ich die Behandlung so durchführe, wie sie meiner Meinung nach zur Patientin passt – diese aber den Rest der Ampulle [mit Hyaluronsäure-Filler, Anm.] gratis bekommt, wenn sie dann wirklich mehr will.

UP: Was berücksichtigen Sie, wenn Sie zum Beispiel eine neue Nase für jemanden „entwerfen“?

Riml: Das Ziel wird zusammen mit den Patient:innen festgelegt. Die Detailplanung des Eingriffs mache ich meistens am Vortag der OP. Das Entwerfen ist viel Messarbeit, die ich abseits von den Patient:innen mache. Also, ich nehme quasi die Wünsche auf und stelle dann einen Plan zusammen. Wobei es manche Eingriffe gibt, die deutlich weniger Planung benötigen. Da ist das nicht nötig. Zum Beispiel eine Fettabsaugung – die geht einfach aus dem Effeff.

UP: Welchen Einfluss haben die sozialen Medien? 

Riml: Einen riesigen. Es gibt ja kaum ein Foto auf Instagram, das wirklich „echt“ ist. Die meisten sind bearbeitet. Es gibt dafür sogar Beauty-Filter von plastischen Chirurgen aus Amerika. Die kann man kaufen und seine Selfies nach den Schönheitsidealen der Kollegen „tunen“. Und erkennt sich dann kaum wieder… Viel Schein und wenig Sein halt.

UP: Wie oft kommen Menschen zu Ihnen und zeigen Ihnen ein Bild von sich selbst mit einem Filter als Vorlage?

Riml: Also, die ältere Generation bringt Fotos aus ihrer Jugend mit. Und das wäre dann das Ziel. Aber die Jüngern kennen sich super mit Photoshop aus. Besser als ich. Sie morphen einfach ihre eigenen Fotos.

Foto: Dr. Stefan Riml

UP: Ist das etwas Gutes?

Riml: (lacht) Naja, es ist eine gute Gesprächsbasis, weil man dann leicht versteht, was sie oder er will. Ich persönlich arbeite aber nicht mit solchen Tools. Ich mache auch keine Prophezeiungen in Form von Vorher-Nachher-Morphings. Diese Praxis ist sogar rechtlich umstritten. Weil der Chirurg fotorealistisch verspricht, wie’s ausschauen wird. Und das ist unrealistisch.

UP: Das Resultat eines Eingriffs ist also nicht genau vorhersehbar?

Riml: Im Wesentlichen schon, aber nicht fotorealistisch. Ich zeichne Veränderungen gern im Vorher-Foto an. Zum Beispiel ein Höcker auf der Nase. Den können wir weg zeichnen. Oder wir heben die Nasenspitze um zwanzig Grad an. Das ist mit Skizzen am Foto einfach und gut demonstrierbar. So hat jede/jeder realistische Erwartungen und deshalb ist die Enttäuschungsrate nach der OP sehr gering. 

UP: Was sind die beliebtesten Behandlungen? Gibt es Trends zu oder weg von bestimmten Eingriffen?

Riml: Für die ganz junge Generation sind nicht-operative Maßnahmen – in erster Linie Hyaluronsäure, aber auch Botox – etwas, das sehr beliebt ist und fallzahlmäßig sicher alles andere in den Schatten stellt. Beim Operativen sind Lidkorrekturen bei uns die Nummer Eins. Gefolgt von Brust und Nase. 

UP: Wofür wird Botox bei den Jungen angewendet?

Riml: Augenbrauen, vor allem. Diese werden dem aktuellen Schönheitsideal entsprechend modifiziert, indem sie an der Seite angehoben werden. 

Botox wirkt aber auch prophylaktisch. Insofern ist es gar nicht so daneben, wenn man relativ jung Maßnahmen ergreift. Stört einen eine Linie, sollte man zeitig einsteigen, um diese zu behandeln.  Weil man dann die Falten nie kennenlernt, die man sonst bekommen würde. So kann man viel bessere Ergebnisse erzielen, als wenn man bei älteren Patient:innen mit den Behandlungen beginnt. 

UP: Zu welchem Ausmaß soll und kann ein Chirurg dem Bedürfnis seiner Patient:innen nachkommen? Wo ziehen Sie die rote Linie?

Riml: Bei der Komplikationsrate. Wenn diese zu hoch wird, also eine medizinische Gefahr besteht, dann ist das eine klare rote Linie. Dass ich etwas nur nicht schön finde, ist keine rote Linie. Ich möchte ja, dass sich die Frau oder der Mann schön findet. Mein persönlicher Geschmack spielt keine Rolle. Aber wenn’s gefährlich würde, dann wird die Grenze nicht überschritten.

UP: Gibt es Eingriffe, die Sie gar nicht machen? Zum Beispiel die umstrittenen Brazilian Buttlifts?

Riml: Brazilian Buttlifts mach ich schon. Aber ich bewirb es nicht groß. Denn, ja, der Eingriff ist gefährlich.

Es handelt sich dabei um einen Fetttransfer ins Gesäß. Der Eingriff ist riskanter als viele andere, vor allem aufgrund des Thromboserisikos. Das ist kein leicht auf die Schulter zu nehmender Eingriff. Mit einer konservativ gewählten Fettmenge und einem Setting am letzten Stand der Medizin ist das Risiko jedoch überschaubar. Und natürlich kläre ich die Patient:innen entsprechend gut auf. 

Was ich nicht mache, sind Gesäßimplantate. Die sind nochmal um einiges gefährlicher.

UP: Welchen Risiken müssen sich Patient:innen stellen?

Riml: Ein der Schönheitschirurgie eigenes Risiko ist, dass trotz intensiver Aufklärung falsche Erwartungen aufs Ergebnis geweckt wurden. Dieses Risiko kann nie ganz ausgemerzt werden. Darauf wird bei der Aufklärung auch besonders hingewiesen. Zudem birgt jeder chirurgische Eingriff Risiken wie Infekte, Nachblutungen oder Wundheilungsstörungen und einige weitere in Abhängigkeit der jeweiligen OP.

UP: Manche Psycholog:innen sind der Meinung, niedriges Selbstbewusstsein und das Hyperfixieren auf einzelne Makel sei meistens kein Ausdruck mangelnder Schönheit. Sondern eher Produkt einer schwierigen Kindheit beziehungsweise dem Gefühl, immer nicht gut genug gewesen zu sein. 

Riml: Ich glaube, dass da die Psychologen vielleicht ein bisschen zu sehr Angst davor haben, was Schönheitschirurgen tun. Wir werden als Fachärzte auch für Patientenführung ausgebildet. Psychologische Arbeit ist uns also nicht fremd. Und ich glaube schon, raushören zu können, ob jemand an Dysmorphophobie leidet – sprich, eigentlich schön ist, aber irgendwelche physischen Probleme auf sich projiziert – oder ob da wirklich etwas ist, was man korrigieren kann.

UP: Ist die Anzahl an Anfragen für Schönheitsops in den letzten Jahren nach oben oder nach unten geschwenkt oder eher konstant geblieben?

Riml: Die letzten Jahre waren von Krisen gekennzeichnet, was zu großen Schwankungen führte. Während des ersten Lockdowns durften wir nicht arbeiten. Da war einige Zeit gezwungenermaßen Flaute. Doch dieser Zeit folgte ein extremer Boom. Vor allem, weil die Leute nicht auf Urlaub fahren konnten, aber trotzdem etwas für sich tun wollten. Seitdem nimmt die Anzahl an Anfragen einen wellenförmigen Verlauf – der allerdings im Durchschnitt seit Jahren stetig nach oben geht.

Foto: Dr. Stefan Riml

UP: Gibt es eine Generation, die sich eher Schönheitsoperationen unterzieht?

Riml: Früher schon. Oder besser gesagt: eine Klasse. Die Entscheidung für oder gegen eine Schönheitsoperation war eher eine Frage der Sozioökonomie. Aber heutzutage sind Schönheitsoperationen nicht mehr nur etwas für die obersten Verdiener der Gesellschaft, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir haben Patient:innen, die einfach darauf sparen, bis sie sich die OPs leisten können. Wobei natürlich noch immer das Geld im letzten Lebensdrittel sitzt und nicht im ersten. 

UP: Wie hoch ist der Frauenanteil?

Riml: Gerade bei mir sehr hoch. Es kommen zwar immer mehr Männer. Aber sie machen vielleicht 15 Prozent aus. 

UP: Liegt das an einem höheren gesellschaftlichen Druck auf Frauen?

Riml: Der Druck ist sicher höher bei Frauen. Und natürlich die Anspruchshaltung, die die Patientinnen selber an sich legen. Beim Mann ändert es sich. Früher gab’s das Zitat von Friedrich Torberg:  „Was ein Mann schöner ist als ein Aff’, ist ein Luxus.“ Das gilt heute bei weitem nicht mehr. Aber es ist nach wie vor so, dass die Frau mehr auf ihr Äußeres achten muss. 

UP: Ist das etwas Schlechtes?

Riml: Ich fände es schon fairer, wenn dieser Druck gleich wäre. Es wird aber immer einen gesellschaftlichen Druck geben. Wir alle bilden die Gesellschaft und steuern somit alle zur Entwicklung von Schönheitsidealen bei. Das wird sich nicht unterdrücken lassen. 

UP: Würden Sie dementsprechend sagen, dass man schön sein muss, um glücklich zu sein?

Riml: (überlegt länger) Je nachdem, wie man „schön“ definiert. Man muss jetzt sicher nicht dem Schönheitsideal, das die Gesellschaft vorgibt, genügen. Ich denke sehr wohl, dass es etwas mit einem macht und für Glücksempfinden sorgen kann, wenn man seinem eigenen Schönheitsideal nahe kommt. Aber es bringt sicher nichts, einem anderen Ideal nachzurennen.

UP: Gießt man mit Schönheits-OPs Öl ins gesellschaftliche Feuer?

Riml: Ich würde da egoistisch sein. Wenn’s mir dadurch besser geht, dass mir meine Nase nach einem Eingriff besser gefällt… dann kann mir die Meinung der Gesellschaft oder der Nachbarin, der dann ihre eigene Nase dafür weniger gut gefällt, egal sein. So denken auch viele Patient:innen. Und das ist gut. Das ist ein gesunder Egoismus. 

Es soll sich keiner für eine Schönheits-OP schämen müssen.

1 Kommentar

Maria 7. Juni 2023 - 11:41

Was soll er auch anderes sagen?! Purer Werbesprech. Besonders problematisch: “Botox wirkt aber auch prophylaktisch. Insofern ist es gar nicht so daneben, wenn man relativ jung Maßnahmen ergreift. Stört einen eine Linie, sollte man zeitig einsteigen, um diese zu behandeln. Weil man dann die Falten nie kennenlernt, die man sonst bekommen würde.” Genau diese Aussage wird den jungen Frauen massiv in den sozialen Medien eingeimpft. Immer und immer wieder. Von der Schönheitschirurgenindustrie und Egomaninnen. Warum bekommt ein Vertreter also hier auch auch Forum, diese kranke Werbung zu machen? Junge Mädchen ab 14 lassen sich unterdessen schon davon beeinflussen und behandeln. In den Maturastufen sieht man immer mehr Behandelte.

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