Das Dilemma mit der Wohnungssuche

von Jule Pichler
Lesezeit: 4 min
Bei der Suche nach einer WG überkommt mich der Leichtsinn. Blauäugig habe ich mich kopfüber in die Welt der Wohnungsinserate und WG-Castings gestürzt.

Es ist Sonntagmittag. Der Sonnenschein macht mir gute Laune und ich bin auf dem Weg zu meiner ersten Wohnungsbesichtigung. Ich bin zuversichtlich. Das Online-Inserat scheint vielversprechend. Es gibt mir Hoffnung auf all das, was ich bislang vermisste. Die Bilder vom Balkon haben mich angezogen. Ebenso verlockend schienen die vielen Quadratmeter, die darauf warten, von mir möbliert zu werden. Bei der ausgeschriebenen Adresse angekommen, freue ich mich bereits über die schmucke Altbaufassade und den herrschaftlichen Treppenaufgang.

Nach wiederholtem Läuten an dem Klingelschild mit den meisten Nachnamen wird mir endlich die Tür geöffnet. Vor mir erstreckt sich eine Wendeltreppe, wie ich sie nur aus den Harry-Potter-Filmen kenne. Galant schlängle ich mich die Stiege hinauf und fühle mich in die Jane-Austen-Zeit versetzt. Mein Mantel hinter mir wehend nehme ich beschwingt mehrere Stufen auf einmal. Euphorisch und mit roten Wangen komme ich im dritten Stockwerk an. Die Wohnungstüre steht offen und ich stecke meinen Kopf hinein, bevor ich mich durch ein lautes „Morgeeen“ bemerkbar mache. Vier der Zimmertüren öffnen sich langsam und es treten blinzelnde Gestalten aus dem Schatten ihrer abgedunkelten Zimmer. Die gegen das gleißende Licht des Treppenhauses kämpfenden Erscheinungen sind dann wohl meine potentiellen Mitbewohner. „Es war eine lange Nacht“, beteuert einer der Jogginghosenträger und bricht damit das Schweigen. „Wir sind eine Party-WG“, kommt es aus dem Türstock eines anderen Zimmers. Immer noch voller Zuversicht, dass ich zukünftig meinen Besuch diese schöne Altbautreppe hinauf führen werde, ringe ich mich zu einem Lächeln durch und frage nach einem Rundgang durch ihr Partynest.

Um meinen guten Manieren Ausdruck zu verleihen, befreie ich mich von meinen Stiefeln und folge den Bewohnern in die Küche. Der Anblick des Küchenbodens lässt mich meine Tat des Anstands jedoch umgehend bereuen. Mein Blick senkt sich auf meine Socken, die nun die längste Zeit weiß gewesen sind. Auf Zehenspitzen folge ich den Partymäusen auf den Balkon. Das „Herzstück“ der WG war jedoch seines Zweckes komplett entfremdet. Bierkisten und sonstiges Leergut versperrten den Zugang ins Freie. Immerhin profitieren Weinhälse und Spirituosenflaschen von dem Blick auf die Nordkette. An einen Kaffee in der Morgensonne war wohl unter diesen Umständen nicht zu denken.

Meine Entscheidung gegen diese Wohnung ist insgeheim final, dennoch steht jetzt die Besichtigung der restlichen Räumlichkeiten auf der Agenda. Wollmäuse, Nudelboxen und Bierflaschen liegen dicht an dicht auf dem Fischgrätenparkett. Zeugen durchzechter Nächte der letzten Wochen sollen mir einen Vorgeschmack auf den WG-Alltag geben. Mir fällt eine Zimmerpflanze in den Blick, die sich in meine Richtung beugt, als würde sie mich beten, sie von ihrer Durststrecke zu erlösen. Ich werde ihr nicht helfen können, denke ich, während mich einer der Bewohner zur Türe begleitet.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Ernüchternd war nicht nur mein WG-Casting in Party-Hogwarts. Auch die kommenden Besichtigungstermine können den Zyklus aus utopischen Erwartungen und rigorosen Enttäuschungen nicht durchbrechen. Die Welle an bedürftigen Wohnungssuchenden, die Plattformen wie WG-Gesucht gerade während des Semesterwechsels flutet, eröffnet das Battle „Einer gegen 30“. Um aus der grauen Masse der Suchenden herauszustechen, versuche ich selbstreflexiv herauszuarbeiten, welche Eckpunkte meiner Persönlichkeit mich besonders machen, und mich somit von meiner Konkurrenz abzuheben. Möchte ich einer von unzähligen Kontrahenten sein, die behaupten, sie seien eine gesellige Person mit einer Vorliebe für Bergsport? Oder sollte ich mich lieber als Musikliebhaberin bekennen, die früher oder später ihre Zimmernachbarn mit wummernden Bässen in den Wahnsinn treibt? Welchen Persönlichkeitsumhang ich mir überwerfe, so beschließe ich, sollte situativ entschieden werden.

Den Möglichkeiten sind Grenzen gesetzt

Ich bemerke: Es ist wie bei Tinder. Nicht jeder Swipe ist ein Match. Aber auch nicht jedes Wohnungsinserat ist es wert, kostbare Zeit zu opfern und sich auf ein Treffen einzulassen. Selektiert wird auf Basis einer Kurzbeschreibung. Auch wenn die Uhr des auslaufenden Vertrages tickt, möchte ich mich nicht auf das erstbeste Mietverhältnis einlassen. Sind meine Ansprüche zu hoch oder warum ist meine Erfolgsrate so klein? Utopisch kostspielig sind die WG-Zimmer, in denen man von den Wänden bedrohlich eingeengt wird, und erschreckend gering scheint das Angebot an bezahlbaren Bleiben. Innsbruck, die Stadt inmitten der Berge Tirols, ist ein Industrie- und Universitätsstandort ebenso wie ein Magnet für Touristen und Bergsportler. Der heiß umkämpfte Wohnraum der Landeshauptstadt übertrumpft preislich sogar die weitaus bevölkerungsreicheren Städte wie Wien und Graz. So spielt die Stadt in der gleichen Preisliga wie das mondäne Freizeitörtchen Kitzbühel, wo der Quadratmeter monatlich im Durchschnitt 14€ Miete kostet.

Ob Glücksgriff oder Übergangslösung, gemeinsames Hausen in einer Wohngemeinschaft oder alleine, wir werden uns wohl auf der Suche nach den heimeligen vier Wänden verstellen, präsentieren oder neu erfinden müssen. Der Darwinismus behält auch unter Wohnungssuchenden seine Gültigkeit. Geben wir uns nicht geschlagen!

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