Wenn man von der Black History Österreichs spricht, kommt man um einen Mann nicht herum: Angelo Soliman. Seine Geschichte begann als Sklave, vermutlich in den 1720er Jahren im heutigen Nordost-Nigeria. Nach der Niederlage seines Stammes wurde er von Händlern an Europäer verkauft, die ihn über den Seeweg nach Mitteleuropa brachten. Aufgrund seiner Fähigkeiten stieg er nach und nach bis zum Prinzenerzieher unter Fürst Franz Josef von Liechtenstein auf. Im Jahr 1781 wurde er in die Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“ in Wien aufgenommen. Noch zu Lebzeiten erlangte er in Wien Berühmtheit und ist zum Beispiel in der Darstellung des Einzuges der Braut, Teil der Schönbrunner Bilderserie zur Hochzeit von Joseph II., abgebildet. Auch in privaten Angelegenheiten wollte sich Soliman nicht reinreden lassen und so heiratete er, ungeachtet eines Heiratsverbots des Fürsten, Magdalena von Kellermann.
Trotz dieser Bekanntheit und Wertschätzung wurde Soliman nach seinem Tod gehäutet, ausgestopft und bis 1806 in Wien als Objekt ausgestellt. Entgegen aller Proteste seiner Tochter und dem Wunsch nach einer christlichen Bestattung blieb Soliman als halbnackter „Wilder“ mit Muschelkette im Kaiserlichen Naturalienkabinett stehen. Erst ein Brand 1848 zerstörte die Körperhülle vollständig. Die Forderung der Tochter ordnet die Historikerin Vanessa Spanbauer als „ersten bekannten Widerstand“ der Schwarzen Menschen in Österreich ein.
1811, 15 Jahre nach Solimans Tod, wurde die Sklaverei abgeschafft. Jedoch war der Kolonialismus zu diesem Zeitpunkt stark ausgeprägt und die damit einhergehende Präsenz in den Medien enorm. Hier ging die Entmenschlichung und Erniedrigung fremder Kulturen weiter: Was anfangs nur für Adelige zu sehen war, wenn zum Beispiel Kolumbus Menschen aus der Karibik mitbrachte, wurde im 19. Jahrhundert auch der breiten Masse zugänglich gemacht.
Menschenzoos in Österreich
Diese Unterhaltungsindustrie war eine Fortführung der im Kleinen stattfindenden Präsentationen von Menschen. Im Cafe Sperl (Wien) konnte im Jahr 1825 Eintritt bezahlt werden, um eine Inuit-Familie mit zwei Kindern samt Schlitten zu sehen. Europaweit wurden im 19. Jahrhundert die Darbietungen immer aufwändiger. Nicht nur die Tanzeinlagen und Kunststücke wurden größer, sondern auch die Besucherzahlen. Ganze Dörfer wurden errichtet, durch die ein Weg für die Besucher verlief. Neben Tieren konnten so die „Ashanti-Neger“ oder eine „Samoa-Truppe“ begutachtet werden. Kriegerische Darbietungen und die Zubereitung von Mahlzeiten in passenden Outfits konnten so besuchernah dargestellt werden. Um diese Völkerschau zu ermöglichen, wurden hunderte Menschen aus fernen Ländern nach Österreich, Deutschland, Belgien und so weiter gebracht. Sogar die Ankunft der Familien mit Kindern und der Start einer solchen Veranstaltung waren mit großem medialen Interesse verbunden.
Im Wiener Thiergarten sind gestern exotische Gäste eingelangt: eine aus etwa 70 Individuen zusammengesetzte Schar von Aschanti-Negern, die in kleinen, zerstreut angebrachten Holzhütten wohnen und in luftigen Zelten ihr kärgliches Mahl auf die primitivste Art sich selbst bereiten. Die Leute leben hier fast so ungezwungen wie in ihrer afrikanischen Urheimat.
– Wiener Zeitung (August, 1876)
Mehrere Monate mussten die „Darsteller“ ihr Leben präsentieren. Obwohl Österreich selbst keine Kolonien besaß, war das Interesse an solchen Ausstellungen auch hierzulande groß. Hier wurde das Bild vom wilden Exoten verbreitet und dementsprechend die Show gestaltet: Neben Frauen, die halbnackt umher liefen und eine „primitive“ Nahrungszubereitung darboten, konnte auch einfachstes Kriegsgerät begutachtet werden. Begleitet wurde dies durch Postkarten, Zeitungsberichte und Programmhefte. Der Kontrast zwischen der industriell fortschrittlichen Rotunde (einem ehemaligen imposanten Kuppelbau in Wien) und den Darbietungen verdeutlichte die vermeintliche Überlegenheit und festigte sich im Weltbild der damaligen Bevölkerung.
Während die Veranstalter gut verdienten und die Besucher sich unterhalten ließen, gehörte Selbstmord oder der Tod durch Krankheit ebenso zum Leben der „Darsteller“ wie die Demütigung, die die Menschen ertragen mussten. Teils durch Zäune getrennt, mussten sie trotz schlechter ärztlicher Versorgung und des ungewohnten, meist kälteren Klimas ihre Darbietungen absolvieren. Zwar war die Sklaverei abgeschafft, aber in den Köpfen der Bevölkerung entstanden nun Bilder und Vorurteile gegenüber den „Fremden und Exoten“. Bis 1914 gab es in Wien fast jedes Jahr eine Völkerschau und erst Mitte der 1930er Jahre kam das Interesse zum Erliegen. Der letzte Aufbau eines solchen Dorfes, mitsamt kongolesischer Bevölkerung, war in Belgien im Jahre 1958.
Der Zweite Weltkrieg und die amerikanischen GIs in Tirol
Während der NS-Zeit flohen einige Schwarze Menschen aus Mitteleuropa. Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele im KZ Mauthausen inhaftiert wurden. Laut eines Projektes der Uni Wien aus dem Jahr 2016 waren aber mindestens fünf Personen Schwarz. Es wird von 200 Personen ausgegangen, die auf dem afrikanischen Kontinent geboren wurden (zum Beispiel 104 aus Algerien stammende Häftlinge) und in der Liste der Gefangenen auftauchen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnten viele Gefangene das Lager verlassen und nach Hause zurückkehren. Zwar veränderte sich die Rechtslage für viele Minderheiten in kurzer Zeit zum Positiven und es wurden beispielsweise afrikanische Botschaften eröffnet und Vereine gegründet, jedoch müssen Schwarze Menschen seit jeher gegen Vorurteile ankämpfen.
Besonders spürbar war dies für die sogenannten Besatzungskinder in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, welche durch Beziehungen oder Vergewaltigungen zwischen afroamerikanischen Soldaten und Österreicherinnen entstanden. Auch in Tirol waren viele US-Soldaten stationiert und in der Nachkriegsgesellschaft trafen Kinder der Soldaten auf eine Bevölkerung, die durch NS-Rassenideologie und Propaganda geprägt war. Neben rassistischen Beleidigungen und Ausgrenzungen durch Mitschüler, Eltern und Lehrkräfte wurde auch der Status „unehelich“ zum Problem.
Bei der Vormundschaft hatten auch die Jugendämter viel Mitspracherecht. Die meisten wuchsen ohne ihre leiblichen Väter auf. Weil amerikanische Soldaten nicht der Gerichtsbarkeit in Tirol unterliegen, waren auch Unterhaltszahlungen nicht einklagbar und die Alleinerziehenden waren häufig auf staatliche Hilfe angewiesen. Das Forschungsprojekt „Lost in Administration“ der Universität Salzburg untersucht und recherchiert in diesem Zusammenhang die Lebensgeschichten der Kinder und arbeitet somit einen Teil der Schwarzen Geschichte auf.
Auswirkungen in der heutigen Zeit
Rassismus ist ein Konstrukt, das konzipiert wurde, um den Einzelnen auszuhebeln. Dem allein zu begegnen, ist in der Regel eine Überforderung und nicht zu schaffen.
– Esther Kürmayr
Zu antirassistischen Protesten in ganz Österreich kam es nach den Toden von Marcus Omofuma, Seibane Wague oder George Floyd. Durch das Leid, das sie erfahren haben, entstand ein kritisches Hinterfragen innerhalb der Politik und Polizei. Es wurden neue Vereine gegründet und Aktivist:innen für antirassistische Bewegungen erhielten mediale Aufmerksamkeit. Eine Non-Profit Organisation, die sich seit 2006 für die Belange Schwarzer Frauen einsetzt, ist „AFRA”. Die Gründerin Beatrice Achaleke hat es sich zum Ziel gemacht, die Gemeinschaft zu vernetzen und nach Lösungen gegen Rassismus zu suchen. Neben Workshops werden auch Konferenzen veranstaltet, die die Öffentlichkeit sensibilisieren sollen. Neben Beatrice Achaleke ist auch Noomi Anyanwu als Sprecherin und Co-Initiatorin des Black-Voices-Volksbegehren aktiv. Es ist das erste Anti-Rassismus-Volksbegehren in Österreich und soll bis Mai 2022 mehr als 100.000 Stimmen sammeln, um im Nationalrat zur Behandlung vorgelegt zu werden (Art. 41 Abs. 2 B-VG). Neben den Bereichen Bildung und Polizei wird auch die Veränderung des Wahlrechts gefordert, sodass das Wählen auch ohne die österreichische Staatsbürgerschaft möglich sein soll. Ausschlaggebend wäre dann der Wohnsitz, was vor allem mehr Minderheiten das Wählen ermöglichen würde.
Eine weitere große Stimme im Kampf gegen Rassismus ist die österreichische Ärztin und Politikerin Mireille Ngosso (SPÖ), die seit November 2020 Mitglied des Wiener Gemeinderats und Landtags ist. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit dem „Black Austrian Award” im Jahr 2018 für ihr politisches Engagement. Zu ihren bedeutendsten Beiträgen für unsere Gesellschaft zählt unter anderem die Black-Lives-Matter-Demo in Wien. Aber auch in anderen Bereichen gibt es große Vorbilder für junge Menschen, wie Sabrina Simader. Die in Kenia geborene Sportlerin nahm an den Olympischen Winterspielen in Südkorea teil und erhielt ebenfalls den „Black Austrian Award” in der Kategorie Sport. Ihr großer Ehrgeiz und ihre Leistungen im Wintersport könnten ganzen Generationen Mut zusprechen, ihrem Traum nachzugehen.
Große Projekte wie „Lost in Administration“ oder Personen wie Anyanwu, Simader oder Spanbauer leisten in unserer Gesellschaft einen wichtigen Beitrag, die Geschichte Schwarzer Menschen in Österreich aufzuzeigen und Maßnahmen gegen bestehenden Rassismus zu entwickeln. Die Diskriminierung soll der Vergangenheit angehören und eine Gleichberechtigung aller Menschen unsere Zukunft sein.