Wenn der Berg ruft

von Maike Kämmer
Schlagwörter: Lesezeit: 5 min
Seit Ende November ist es wieder in aller Munde: das Skifahren. Doch der Winter lässt immer länger auf sich warten. Ist es überhaupt noch sinnvoll, Skifahren zu lernen?

Schmerz pocht durch meinen Körper. Licht sticht meine Augen. Nach unzähligen Drehungen liege ich ohne Orientierung seltsam verdreht am Hang. Die Stecken immer noch fest in der Hand, doch sie helfen mir nicht mehr beim Aufstehen.

So oder so ähnlich habe ich mir das Ende meiner ersten Abfahrt nach den Erzählungen anderer Anfänger ausgemalt. Als jemand, der Geschwindigkeit verabscheut und in seiner ersten Fahrstunde auf der Autobahn von einem LKW überholt wurde, hatte ich nie ein großes Interesse daran, diesen Sport zu erlernen.

Doch dann habe ich Anna kennengelernt, die als Skilehrerin unzähligen Kindern die Bewegung auf Ski beigebracht hat.

Seit Ende November erlebe ich keine Unterhaltung mehr, in der nicht einmal das Wort Skifahren fällt. In den Vorlesungen wird der Lawinenbericht gecheckt und an jedem freien Tag trifft man sich auf der Piste, sofern man denn Fahren kann. Um nicht zu vereinsamen, muss man sich wohl oder übel der Herausforderung stellen.

Unten an der Talstation steht die Menge drängelnd. Kinder, die in ihren bunten Skianzügen laufen wie kleine Astronauten, steht die Erwartung ins Gesicht geschrieben. Ungeduldig sehnen sie die Piste herbei. Urlauber, das beste Angebot diskutierend, schlängeln sich an den Kassen.

Wir schaffen es vor ihnen in die Gondel und verschwinden langsam im Nebel, der durch die Sprühwolken der Schneelanzen noch verstärkt wird. Die Gondelfahrt erinnert an das Durchqueren einer Waschanlage, frisch gewaschen und geföhnt erreichen wir den Gipfel. Dieser präsentiert sich weiß und wolkenverhangen neben einer Scheibe Sonne. An Tellerliften hängen Skifahrer wie Marionetten, die Maschinerie der Piste läuft fast unaufhaltbar – langsam und stetig, immer dem Berg entgegen.

Der Wahn der Skiindustrie in Zahlen

In den Alpen wird im Winter dreimal so viel Wasser versprüht, wie München pro Jahr verbraucht. Das Wasser stammt leider nicht nur aus Schneeschmelze und Niederschlag. Häufig wird es aus Trinkwasserwerken, tiefer liegenden Bächen und dem Grundwasser im Tal gepumpt und verstärkt damit die Wasserknappheit in den Bergen.

Die österreichischen Beschneiungsanlagen verbrauchen etwa 250 – 655 GWh/Jahr. Das entspricht dem Jahresverbrauch von etwa 150.000 – 400.000 Durchschnittshaushalten.

Angesichts solcher Zahlen stellt sich die Frage, ob Skifahren in der Zukunft überhaupt noch möglich ist. Tatsächlich werden nur 4 Prozent der Energie für die Präparierung der Piste benötigt. Ganze 38 Prozent entstehen durch die Anreise mit dem Auto. Das bedeutet, ein Großteil des Problems lässt sich durch die Anreise mit dem Zug und das Bilden von Fahrgemeinschaften lösen. Aufgrund der steigenden Temperaturen wird die Beschneiung in Zukunft jedoch trotzdem immer aufwendiger und Skifahren immer teurer.

Im Jahr 2050 werden in Österreich mit den heute bestehenden Beschneiungsanlagen nur noch 50 Prozent der Skigebiete schneesicher sein. Bei Aufrüstung sind es immerhin 80 Prozent. „Schneesicher“ sind Skigebiete, wenn die Schneehöhe an mindestens 100 Tage einer Skisaison mindestens 30 Zentimeter misst. Momentan liegt die Höhengrenze der schneesicheren Gebiete bei 1.500 Metern. Mit jedem Temperaturanstieg um 1°C erhöht sich die Grenze um 150 Meter.

Die Eleganz der Anfänger

Bild: privat

Den Zahlen zum Trotz ist es dann so weit: Ich stehe zum ersten Mal auf Ski.
Gemeinsam mit Anna male ich Fischgrätenmuster in den Schnee, bezwinge einen kleinen Hügel, als würde ich seitwärts Treppen laufen, und fahre ihn Schuss wieder hinunter. Noch sind meine Bewegungen unelegant und holprig. Ich bewege mich im Watschelgang wie ein Pinguin, bleibe immer wieder stehen und setzte die ersten Kurven in den Tiefschnee.
Doch nach zwei Stunden intensiver Übung erahne ich die Eleganz dieses Sports und bewege mich in weiten Schwüngen durch den Schnee. Spüre, wie er mal nur mit Widerstand krustig knirschend nachgibt oder weich unter mir zerfließt.

Mit der Zeit merke ich, dass ich nicht unbedingt Angst vor dem Berg, sondern eher vor anderen Anfängern oder zu übermutigen Profis haben sollte. Nicht nur einmal sehe ich Kinder schreiend im Schuss den Berg runter brettern, während die Eltern oben in Schock erstarren. Profis dagegen missbrauchen meine Übungsliftstrecke, nur weil die richtige Piste einem Meer aus Eisplatten gleicht. Es ist nicht einfach, sich aufs Fahren zu konzentrieren, wenn an beiden Seiten Skifahrer wie im Sturzflug an dir vorbei rasen.

Schließlich sind ganze 85 Prozent der Verletzungen im organisierten Skiraum laut österreichischem Kuratorium für Alpine Sicherheit auf Kollisionen zurückzuführen.

Auswirkungen des künstlichen Schnees

Doch ab und an habe ich auch meine Ruhe und kann die morgendliche Frische der Piste ungestört genießen. Sie ähnelt in ihrer Lockerheit gerechter Erde. Nach dem Planieren ist der Boden jedoch nachweislich stärker verdichtet und weniger bewachsen. Für die Pflanzen hat der Kunstschnee jedoch eine hohe Bedeutung. Er schützt sie vor Skikanten oder Pistenbullies. Außerdem wirkt er wärmeisolierend und verhindert das Erfrieren der Blütenknospen durch wiederkehrende Fröste. Durch den höheren Gehalt an Nährstoffen und Mineralien im Vergleich zu normalem Schnee verändert sich jedoch die Vegetation auf der Piste. Es wachsen vor allen Dingen Pflanzen, die feuchtere, nährstoffreichere Böden bevorzugen. Der künstliche Schnee bleibt außerdem bis zu vier Wochen länger liegen. Das verkürzt wiederum das Wachstum der Pflanzen.

Nach einem halben Tag finde ich mich in der Gondel wieder. Die Muskeln zitternd, die Knochen müde und der Magen brüllend vor Hunger komme ich wieder im Alltag der Stadt an. Beim Blick zurück kommt mir der Tag vor wie im Traum.

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