Vom Brauchen und Gebrauchtwerden – die Malteser während Corona

von Chiara Geppert
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© Malteser AUSTRIA
Barbara Leopold gibt im Interview Einblick hinter die Kulissen, erzählt von Herausforderungen während der Pandemie und Problemlösungen, wo diese dringend nötig waren.

Die Malteser sind die größte ehrenamtliche Betreuungs- und Rettungsorganisation Österreichs. Zu ihren Aufgaben gehören die Betreuung von Menschen, Rettungs- und Krankentransporte, Ambulanzen, Erste-Hilfe-Kurse und auch der Katastrophenschutz.

Barbara Leopold, die Referatsleiterin für den Sozialbereich der Malteser, ist seit elf Jahren Teil der Organisation. Sie gibt einen tiefen Einblick und wirft Licht auf unbeachtete, beschattete Stellen, die die Corona-Pandemie verursacht hat: Wer hilft in einer Krise den Menschen, die sich nicht einmal im alltäglichen Leben selbst helfen können?

UNIpress: Wie, würdest du sagen, haben die Malteser die Pandemie wahrgenommen?

Barbara Leopold: (zögerlich lächelnd) Hm. Ja, sie hat es schon ziemlich erwischt. Am Anfang hat im Sozialbereich alles stillgestanden, wir durften gar nichts machen. Wir – meine Stellvertreterin und ich – haben dann versucht, die Betreuten irgendwie zu kontaktieren, damit wir den Kontakt nicht verlieren. Wir haben geschaut, dass wir Telefondienste einrichten, dass bestimmte Malteser sich einmal die Woche bei den Betreuten melden und einfach mit ihnen reden. Da sind schöne Beziehungen daraus entstanden, die zum Teil auch noch bis jetzt anhalten.

Wir haben auch angefangen, Karten zu schreiben, zu bestimmten Festen, Ostern oder Weihnachten, etwas vorbeizubringen, soweit das lockdownmäßig ging. Da haben wir auch sehr viele Menschen erreicht. Auch welche, die weit weg wohnen und so nicht sehr viel von uns haben. Das ist sehr gut angekommen.

UP: Seid ihr, trotz der noch andauernden Pandemie, schon wieder zu alten Gewohnheiten zurückgekehrt?

Leopold: Ich würde sagen, seit diesem Herbst läuft es wieder relativ normal. Wir haben viele Sachen wieder gestartet, die nicht gegangen sind, und einige neue Sachen starten können.

UP: Welche Sachen habt ihr hinzugenommen?

Leopold: Besuchsdienste zum Beispiel. Wir haben die Pandemie über gemerkt, dass das für manche Menschen einfach total wichtig ist. Und jetzt besuchen wir alle zwei Wochen eine Person, gehen mit ihr spazieren, und eine zweite eigentlich jede Woche momentan. Das ist etwas, dass es so vorher als fixen Dienst nicht gegeben hat.

UP: Und welche Sachen konntet ihr wieder aufnehmen?

Leopold: Zum Beispiel die Malteser-Messe, die hat eine Zeit lang gar nicht stattgefunden, oder wir sind nur mit zwei Betreuten in eine öffentliche Messe gegangen, weil wir uns nicht mit zu vielen treffen wollten. Jetzt haben wir den monatlichen Gottesdienst wieder hier in der Zentrale und essen im Anschluss gemeinsam. Wir haben das Café Malta jetzt als Treffpunkt, wo wir einen Spielenachmittag gehabt haben, und übernächste Woche wollen wir Kekse backen. Zwischendrin haben wir Dienste gehabt, die nur im Freien stattfanden, oder eben nur mit Maske oder ohne Essen. Man hat damals also geschaut, dass man alle kritischen Sachen ausschaltet. Und die Reisen gehen wieder. Meistens Pilgerreisen, weil wir ja ein Hilfswerk eines katholischen Ordens sind. Die wurden zweimal verschoben und haben jetzt stattgefunden. Anfang November waren wir in Rom. Das waren ca. 400 Personen, davon 100 im Rollstuhl oder mit Behinderung. Das können wir zu einem akzeptablen Preis anbieten, weil wir das gratis machen, also die ganze Pflege und Betreuung. Das ist etwas sehr Einzigartiges bei den Maltesern.

UP: Hat Corona mehr oder weniger Menschen dazu ermutigt, ein Ehrenamt bei euch aufzunehmen?

Leopold: Während der Coronazeit war es sehr schwierig, auch die bestehenden Malteser zu motivieren. Für die neue Ausbildungsgruppe, die gestartet hat, war es sehr schwierig, weil sie unser praktisches Leben und unsere Gemeinschaft nicht so mitgekriegt haben, weil vieles einfach nicht stattgefunden hat. Gerade bei den Ausbildungsgruppen während Corona ist mir bei unserer letzten Reise aufgefallen, dass vielen die Praxis fehlt. Die haben auch unsere Betreuten nicht gekannt und nie gepflegt. Die während Corona aufgenommenen Malteser sind zwar gut ausgebildet, ihnen fehlt aber zum Teil die Praxis. Und das merkt man dann auf den Reisen, weil man mehr unerfahrene Leute dabeihat. Und das holen wir jetzt gerade wieder auf (lacht). Jetzt haben wir eine Ausbildungsgruppe mit neun Leuten – das ist richtig viel. Und das ist gerade ein toller Aufschwung. Man weiß nicht, ob das von Corona kommt, aber man merkt: Jetzt passiert wieder was – was sehr Positives (schmunzelt).

© Malteser AUSTRIA

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UP: Rückblickend auf die letzten Jahre: Was hat sich im Laufe der Zeit bei den Maltesern durch Corona verändert?

Leopold: Wir sind nicht viel auf digitale Sachen umgestiegen. Wir – also die Malteser – schon; Besprechungen wurden mal online abgehalten. Aber mit unseren Betreuten geht das einfach nicht so toll. Wovon die Malteser einfach leben, das ist die Gemeinschaft, die wir untereinander haben, und das war schwierig. Die hat stark gefehlt, und ich hätte nicht gedacht, dass wir das so schnell wieder aufholen.

Ich habe das Gefühl gehabt, Corona hat für die Malteser mehrere Probleme gebracht. Das eine ist, dass wir unsere Betreuten vernachlässigen, wenn wir uns zu wenig trauen und uns gar nicht mehr treffen. Oder, dass wir sie gefährden, wenn wir es zu locker nehmen und sich womöglich ein Betreuter bei unserer Veranstaltung ansteckt – was zum Glück nicht passiert ist. Das andere ist, dass wir unsere Gemeinschaft verlieren, und dadurch auch die Malteser verlieren. Wir machen nicht nur Dienste, sondern es ist auch wichtig, dass wir gemeinsam etwas machen. Nicht nur die Gemeinschaft mit den Maltesern ist wichtig, sondern auch mit den Betreuten. Man merkt schon, wie sehr die Betreuten uns brauchen. Wir springen zum Teil immer wieder ein, weil es weniger persönliche Pfleger gibt. Oder auch in Heimen merkt man, dass ein Mangel herrscht. Das schlägt auf die Psyche der Menschen. Wir merken es besonders dadurch, dass wir mit den Menschen arbeiten, die darunter leiden. Dann versucht man, da zu sein, mit jemandem spazieren zu gehen, so dass sie mal jemand anderes zum Reden haben.

UP: Gab es besondere Momente, die dir im Gedächtnis geblieben sind, sowohl positiv als auch negativ?

Leopold: Der erste Lockdown war sehr einprägsam, als man nur telefoniert hat. Es war ja auch eine Zeit lang die Zentrale geschlossen.  Und dann wieder nach Malta – so heißt unsere Zentrale (lächelt verschmitzt) – zu kommen und zu sehen: Ah, hier sind ja Menschen. Das war ein Moment, an den ich mich noch erinnern kann.

Was auch besonders war, war die erste Reise. Das war letzten Herbst, da waren wir in Mariazell. Und da hat man auch das erste Mal wieder Malteser aus anderen Bundesländern getroffen, also Wiener, Salzburger, … auch andere Betreute. Da hat man einfach gemerkt, wie sehr diese Reisen fehlten.

UP: Konnten die Malteser etwas für sich mitnehmen?

Leopold: Ich glaube, wir sind einfach flexibler geworden. Auch das schnelle Reagieren auf neue Vorschriften. Da haben wir gelernt, uns abzusprechen und neue Regeln aufzustellen. Wenn’s wieder kommt, versuchen wir einfach das Beste daraus zu machen.

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