Als ihr Lehrer in der Kirche ist, tapsen sie durch seine alte Stube. Die beiden Schüler suchen und werden fündig, stopfen Schwarzpulver in die liebste Pfeife des alten Herrn und machen sich aus dem Staub. Ein Griff nach der Pfeife bei der Rückkehr, Herr Lämpel zündet sie gierig an, der erste Zug, endlich! Die Pfeife explodiert. Nur knapp überlebt er mit schwarz verkohltem Gesicht, doch die geliebte Pfeife ist hin. Die jungen Täter sind mit sich zufrieden. Max und Moritz, so heißen die wohl bekanntesten straffälligen Bengel. Als sie am Ende von Wilhelm Buschs Werk zu Mehl gemahlen werden, freuen sich ihre Opfer, darunter der alte Herr Lämpel, und mit ihnen die ganze Leser:innenschaft. Eines sind sie alle: schadenfroh.

Bild: Laura Klemm
Zugegeben, irgendwie ist es doch schön, wenn sich die Taube über dem Kopf der Kommilitonin erleichtert. Verdient hat sie es, die, die das schafft, was ich nicht schaffe, die nie prokrastiniert und deren Zimmerpflanzen nicht innerhalb weniger Tage verenden, die die Kunst des Small-Talks bis in die Perfektion beherrscht, die das ist, was ich manchmal gerne wäre. Als sie vor Ekel aufjault, ist mir mein hämisches Schmunzeln für einen kurzen Moment peinlich, aber ein Blick in das grinsende Gesicht zu meiner Linken genügt und ich fühle mich gesehen. Ja, die Schadenfreude, die vereint. Noch verstandener kann man sich nur am Tag der institutionalisierten Schadenfreude fühlen, dem ersten April. Dennoch, es knabbert an meinem Gewissen. Dass sich der Mensch so sehr am Unglück anderer erfreut, sagt das nicht mehr über die Empfindenden selbst als über die vom Schicksal Gebeutelten aus? Wenn das ganze Dorf lacht und sich das erste Mal als Einheit versteht, weil zwei kleine Jungen mit Hang zu – zugegeben lebensbedrohlichen – Streichen zu Lebensmitteln verarbeitet werden, dann ist das erbärmlich. Es wäre deutlich ehrenhafter, würde das allseits ersehnte Gemeinschaftsgefühl aus der tugendhaften Emotion der Mitfreude entspringen.
Dass Wörter berühmt werden können, bewies Autorin Juli Fraga, als sie im November 2022 in der New York Times über die Freudenfreude schrieb. Zwar scheint der Begriff deutschen Ursprungs zu sein (ja, die berühmte Sprache der Komposita), ist er aber nicht. Nun denn, in diesem Text muss sich nicht über die Wortneuschöpfung eines deutschen Wortes durch eine anglophone Person lustig gemacht werden, das haben zahlreiche andere Medienschaffende bereits übernommen.
Freudenfreude beschreibt den Ausdruck von Freude über die Freude der Mitmenschen. Nach Albert Schweitzers Aussage „Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt“ ist die Freudenfreude als Wundermittel zu verstehen, als Klebstoff und Schweißgerät für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. In Freundschaften und Partnerschaften ist es an der Tagesordnung, mit unseren Freunden in Not gemeinsam zu leiden und in schwierigen Zeiten eine Schulter zum Ausweinen zu bieten, ein Fels in der Brandung zu sein, ja, sogar Redewendungen beweisen, dass Unterstützung leichter fällt, wenn wir es mit leidenden statt mit glücklichen Menschen zu tun haben. Auch Äußerungen wie „Schön für dich“ werden nicht selten als Äquivalent von einem lasch vor die Füße geworfenen „Mir doch egal“ begriffen. Es ist spannend, wie Sprache zeigt, dass wir uns als Gesellschaft schwer damit tun, Empathie in guten Zeiten als solche zu verstehen, und insbesondere damit, sie anderen gegenüber auszudrücken.

Bild: Laura Klemm
Zwischenmenschliche Beziehungen erfordern jedoch Zuwendung, wir müssen sie nähren, stetig und immer wieder in sie investieren. Dafür braucht es nicht nur nass geweinte Schultern, sondern auch gemeinsamen Jubel. Wenn wir uns mehr Nähe und Intimität in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen wünschen, kann es schon genügen, das individuelle Glück einer nahestehenden Person so zu feiern, als wäre es das eigene. Insbesondere, da der persönliche Erfolg eines Mitmenschen auch als kollektiver verstanden werden könnte. Schließlich verhelfen wir anderen oft zu ihrem Glück, wie auch immer sie dieses definieren. Wir stellen dem besten Freund den zukünftigen Lebenspartner vor, machen unsere Mutter auf eine Stellenanzeige aufmerksam, unterstützen eine lokale Künstlerin, der durch unsere Involvierung größere Anerkennung zukommt. In dem Verständnis, eine Rolle in der Selbstverwirklichung einer geschätzten Person gespielt zu haben, mag sich die Freudenfreude möglicherweise beherzter in das eigene Gemüt schleichen.
Anders, als uns das Leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft manchmal Glauben machen möchte, ist der Gewinn einer Person nicht als Niederlage der anderen zu bewerten. Denn Glück als abstraktes Prinzip kann nicht durch eine mathematische Gleichung erfasst werden. Es ist kein begrenzter Stoff, den man anfassen und verteilen kann – im schlimmsten Falle ungleich. Nein, persönliches Glück steht in keiner Relativität, steigt und sinkt nicht proportional zu der Freude anderer. Was Glück und Erfolg überhaupt sind, das wird individuell bewertet. Folglich ist kein Neid vonnöten, im Gegenteil, es kann sich an der Freude der anderen erfreut werden, als wäre es die eigene.
Daher steht fest: Es muss sich etwas ändern, damit „Schön für dich“ nicht mehr als Angriff verstanden wird, damit „In guten und in schlechten Zeiten“ nicht ausschließlich mit Zusammenhalt in Leid und Elend assoziiert wird. Freuen wir uns mit unseren Mitmenschen, denn zu verlieren gibt es nichts. Das Glück kann sich nur vermehren.
1 Kommentar
Gute Idee, gut beschrieben, wunderbar.