Adrenalin, unberührte Berglandschaften und ein Gefühl von Freiheit: Das verbinden viele Skitourengeher:innen und Freerider:innen mit dem Skifahren im freien Gelände. Doch wo beginnen die Risiken? Welche Sicherheitsmaßnahmen sind unerlässlich? Und wie kann ich mir Wissen aneignen? Darüber informiert Mike Rutter im Interview mit UNIpress. Der Berg- und Skiführer ist Experte in Sachen Lawinen.
UNIpress: Herr Rutter, was fasziniert Sie an Skitouren?
Mike Rutter: Es geht mir darum, dass man einfach draußen in der Natur ist. Und da geht es weniger ums Abfahren, sondern eher ums Gehen. Einfach das Draußensein in den Bergen – und das geht im Winter am besten mit Ski.
UNIpress: Die Gefahren von Lawinen werden gerne unterschätzt. Was gilt als wichtigste Regel?
Rutter: Es braucht natürlich ein gewisses Wissen und Information über die Materie. Das kann man nicht von heute auf morgen lernen. Das heißt, dass man zwar einen Lawinenbericht anschauen kann, wenn man ihn aber nicht richtig interpretiert, dann ist man auch nicht gegen die Situation gewappnet. Man muss sich das wirklich aneignen, zum Beispiel durch Kurse und Literatur, aber natürlich auch „Learning by Doing“. Möglichkeiten, um sich zu bilden, gibt es genug, ich muss mich nur dafür interessieren.
UNIpress: Sind Sie selbst einmal in eine Lawine gekommen?
Rutter: Nein, noch nie. Gott sei Dank nicht. Aber man weiß nie, wie knapp es oft war, dass es nicht passiert ist.
UNIpress: Welche Ausrüstung ist unverzichtbar?
Rutter: Neben der Skitourenausrüstung braucht es natürlich auch eine Sicherheitsausrüstung. Die Grundausrüstung besteht aus LVS-Gerät, Schaufel und Sonde. Danach gibt es Möglichkeiten, sich noch besser aufzurüsten, zum Beispiel mit einem Lawinenairbag. Solange man sich nämlich in einer fließenden Lawine befindet – und nicht in einer Mulde hängen bleibt oder von oben zugeschüttet wird – hat man mit einem solchen Airbag schon höhere Überlebenschancen.
UNIpress: Studenten sind dafür bekannt, ein geringes Budget zu haben. Gibt es Möglichkeiten, sich ohne teure Ausrüstung gegen Lawinen zu wappnen?
Rutter: Die Erfahrung, dass Studenten ein schlechtes Budget haben, konnte ich bisher nicht machen, denn wenn man sich deren Ausrüstung ansieht, ist diese oft sogar eine sehr teure. Für mich ist das immer eine Frage der Wertigkeit: Die Sicherheitsausrüstung sieht man nicht nach außen hin. Und oft ist es dann natürlich so, dass man es viel schöner findet, ein neues Skigewand zu haben als ein LVS-Gerät, Schaufel und Sonde. Aber es gibt nur drei Möglichkeiten: Entweder ich leiste es mir; oder ich gehe das Risiko ein, dass ich es nicht dabei habe, und gefährde dadurch auch alle anderen; oder ich gehe erst gar nicht.
UNIpress: Was kann man tun, wenn man in eine Lawine kommt?
Rutter: Wenn ich einen Airbag habe, dann werde ich versuchen, diesen zu ziehen. Das sollte man im Vorhinein schon einmal geübt haben und die Handbewegung zum Auslösen geistig abgespeichert haben.
Und das Zweite ist natürlich zu versuchen, sich in der Lawine frei bewegen zu können. Wir sagen zum Beispiel zu den Kursteilnehmern immer, dass man die Skistöcke aus der Handschlaufe in die Hand nehmen sollte, und die Bindung der Ski geht meistens eh meist sofort auf. Das heißt, wenn ich Schwimm- und Ruderbewegungen mache, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich nicht so tief in der Lawine bin oder im besten Fall draußen bleibe. Also, wehren, wehren, wehren – ansonsten kann man nicht viel machen.
UNIpress: Gibt es Warnsignale, bevor eine Lawine abgeht?
Rutter: Signale sind zum Beispiel frische Lawinen und Beobachtungen von Spontanlawinen. Oder auch, wenn man im Gelände unterwegs ist und „Wumm-Geräusche“ hört. Das sind ganz markante Alarmzeichen. Aber auch der Wind sollte im Auge behalten werden: Oft kann für den Vormittag Stufe 1 gelten, wenn dann aber ein starker Sturm kommt, dann kann sich die Situation bis zum Nachmittag schon mal zu Stufe 3 entwickeln. Der Wind wird oft auch als „Baumeister der Lawinen“ bezeichnet.
UNIpress: Insgesamt gibt es fünf Lawinenwarnstufen. Ab welcher ist eine Tour zu verschieben?
Rutter: Also fünf ist definitiv indiskutabel, denn hier sind wir im Katastrophenbereich. Da kommt man in gewisse Täler gar nicht erst hinein, weil die Straßen gesperrt sind. Aber im Prinzip kann man es pauschal nicht sagen. Die Statistiken zeigen, dass bei Stufe drei am meisten passiert. Denn hier liegt bereits erhebliche Lawinengefahr vor. Das heißt jetzt nicht zwingend, dass ich gar keine Skitour gehen kann. Das Um und Auf ist aber: Man muss die Skitour an die Wetter- und Lawinensituation anpassen. Einfach gesagt, wenn ich im Gelände unter 30 Grad bleibe, ist eine Lawinenauslösung sehr unwahrscheinlich, natürlich mit Einberechnung des Geländes um mich.
Das häufigste Problem ist, dass die Tour oft schon lange im Voraus geplant wird, ohne dass dann die aktuellen Verhältnisse überprüft werden, weil es eben „einfach ausgemacht“ ist. Eine Tourenplanung sollte jedoch mit der Begutachtung des Lageberichts anfangen und damit, dass ich weiß, welche Bedingungen vorliegen. Und erst hier heraus kann ich eine Tour dann planen. Wenn man das beachtet und zudem eher defensiv im Gelände unterwegs ist, dann kann man sehr sicher unterwegs sein.
UNIpress: Wo kann man sich über aktuelle Wetter- und Lawinenverhältnisse informieren?
Rutter: Den Wetterbericht findet man zum Beispiel unter der ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) und dann gibt es natürlich auch den Lagebericht für alle Bundesländer unter „lawine.at“. Informationsmöglichkeiten gibt es wirklich genug.
UNIpress: Kann man die Stabilität der Schneedecke auch selbst überprüfen?
Mike Rutter: Wenn man diese auch zu interpretieren weiß, dann kann es einem sicher etwas bringen. Denn wenn ich ein Schichtprofil mache, dann merke ich schon beim Hinabstechen mit der Schaufel, dass die unterschiedlichen Schichten auch verschiedene Klänge abgeben. Je mehr Schichten in der Schneedecke sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Schwachschicht dabei ist. Wenn die Verbindung zwischen den Schichten fehlt, dann können sie schnell abgleiten. Und das ist das Problem. Das zu überprüfen ist jedoch sehr punktuell, denn die Schneedecke kann einige Meter weiter wieder etwas anders aussehen. Um das Ganze zu deuten, bräuchte ich daher sehr viele Stichproben. Um das alles also richtig einstufen zu können, sollte man sich unbedingt weiterbilden.
UNIpress: Welchen letzten Ratschlag können Sie begeisterten Tourengehern und Freeridern mitgeben?
Rutter:Wenn man begeistert ist, dann sollte man sich erst einmal informieren. Informieren heißt, dass ich mir Wissen aneigne und dann schaue, dass man eher etwas defensiver im Gelände unterwegs ist und weniger aggressiv. Eher etwas zurückhaltender, was oft in der Gruppendynamik sehr schwierig ist. Oft werden auch beim Hinaufgehen alle Vorsichtsmaßnahmen eingehalten und beim Herabfahren wird dann „alles über den Haufen geschmissen“. Weil es dann eine Gruppendynamik gibt und jeder den Hang als Erstes fahren will. Oder weil man vielleicht nicht wartet, bis der andere unten ist und einfach alle gleichzeitig einfahren. Hier ist es eben wichtig, dass man sich in solche Dinge nicht hineinsteigert und sich der Gefahren bewusst bleibt.
UNIpress: Vielen Dank für das Interview!