Städtisches Radfahren als Extremsport

von Friederike Westrich
Schlagwörter: Lesezeit: 2 min
Fahrradwege können in Innsbruck ganz unterschiedlich genutzt werden. Sie fungieren als buchstäblich alles. Als Parkplatz, als Rennstraße, als Ort für Fotoshootings, als Ort zum Verweilen. Als beliebte Route von Elektroscooter und Autos. Verkehrstechnisch sind sie eine Anomalie. Auf ihnen gibt es keine Gesetze. Nur Chaos.

Sucht man den typischen Innsbrucker Adrenalinkick, wenn der Berg gerade aber zu weit entfernt ist, kann man sich auch mit dem Fahrrad an den Regenbogen-Zebrastreifen vorbei wagen. Genauso wie im hochalpinen Bereich kann man sich hier lebensmüde bewegen und den nötigen Puls erreichen. Die eine Hand immer in Bremsennähe, Augen wachsam auf alle sich bewegenden Objekte. Besonders spaßig wird’s neben großen Gefährten wie Bussen. Geht’s um eine Kurve, dürfen Radfahrende ein gefährliches Spiel mit der Vorderflanke des Busses spielen.

Sonst machen auch Wettrennen mit der Straßenbahn Laune, zwischen deren Schienen der Radweg immer wieder verläuft. Ein Meter Platz wird zur Verfügung gestellt… in dem Herumgeeier (Schwankungen) zum Beispiel durch starken Föhnwind, alkoholische Anheiterung oder einen gesunden Schulterblick strukturell ausgeschlossen wird. Die deutsche Sprache wird zudem noch bereichert durch neue hippe Ausdrücke – wie das sogenannte “Dooring”. Heißt: Sich öffnende Autotüren, die Radfahrende umreißen. Mit deren Hilfe bekommen die neuen Gefahren einen Namen.

Durch genügend Erholungsmöglichkeiten auf den Radwegen kommt man in Innsbruck aber kaum ins Schwitzen. Ob man nun aufgrund von auf Pausen angelegter Ampelschaltung oder von ein- und aussteigenden Passagieren der Busse und Straßenbahnen Luft holen kann: Fahrradfahren in Innsbruck ist ein toller Kontrast zum sonst so schnellen und hektischen modernen Leben.

Zudem ist die Geschwindigkeit beim Fahren reguliert – zwar nicht durch Verkehrsschilder, sondern durch sich langsam bewegende Fahrradfahrende. Häufig erlebt man ein Gefühl von Gruppenzugehörigkeit in der langen Schlange, in der es niemand wagt, auf dem schmalen Radweg zu überholen. So kann man sich in Wertschätzung der Umgebung üben und die Umwelt aktiv wahrnehmen.

Auch die Kreativität wird auf dem Fahrrad gefördert. Plötzlich endende Radwege, Überwindungen von Gehsteigkanten und weitere spannende Herausforderungen regen das Gehirn zum schnellen Denken und Handeln an. Lösungsorientiertes Radfahren kann zur Steigerung des Selbstbewusstseins anregen! Schließlich kann man sich sonst schwer im Verkehr durchsetzen. Endlich kann man es sich auch mal erlauben, sich gegen die Regeln zu verhalten. Schließlich geht es hier um Selbstschutz und um den Ankommenswillen – weshalb auch die bravsten Menschen mal in den Genuss der illegalen Tätigkeiten kommen dürfen.

Zum Ausbau der Radwege kann es aber natürlich nicht kommen, denn die Berge sind im Weg. Ein Verteilungsproblem kann es nicht sein, schließlich ist die allgemeingültige Autodominanz unbestritten.

 

2 Kommentare

Radlobby Tirol 27. November 2022 - 20:24

Haha herrlich! Wir fühlen mit dir!
Liebe Grüße
Radlobby Tirol

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Koni 8. Februar 2023 - 9:11

Genial! Ein kleines Meisterstück! Danke! Eine Frage noch: Kannst du erklären woran es liegt, dass die Zahl der verletzten Radfahrer jedes Jahr steigt?

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