Wie schön sind deine Blätter
Weihnachten. Die schönste Zeit des Jahres. Ich liebe die Feierlichkeiten. Viel mehr noch all die aufregenden Vorbereitungen und begleitenden Aktivitäten.
Es ist völlig akzeptabel, sein persönliches Gewicht in Keksen zu essen, da Kalorien von Mitte Dezember bis zum 1. Januar nicht zählen. Genauso ist es in Ordnung, sich auf Stadttouren mit Glühwein und Punsch zu betrinken.
Auch kann man unendlich oft dieselben wohlklingenden Weihnachtslieder hören. Und sich in festlicher Stimmung von der Familie befragen lassen: “Wie läuft das Studium? Bist du bald fertig? ” “Machst du nach deinem Abschluss was Sinnvolles?” “Wann, denkst du, schaffst du’s, finanziell unabhängig zu sein?”
Bei solch sorgenvollen Gesprächen geht mein Herz auf.
Saisonale “Angst” tut gut. Sie hält einen so lange wach, bis man ganz Amazon für Geschenke abgeklappert hat. Schließlich gibt es nichts Großartigeres, als sein hart verdientes und krampfhaft gespartes Geld für andere auszugeben. Ein erzwungenes Lächeln und ein schrilles „Genau das, was ich wollte“ beim Auspacken sind so viel lohnender, als sich selbst mehr zu gönnen.
Online-Shopping ist lässig. Aber es wird nie so wohlig wie das persönliche Einkaufen. Nur im Gedränge der Innsbrucker Innenstadt kann man sich so vielen Mitmenschen so nah fühlen. Herrlich.
Ja, die Geduld aller ist geringer, ihr Ton schroffer und ihre Nerven sind erschöpfter. Aber zum Ergattern eines eigenen, frischgefällten Weihnachtsbaums lohnt sich die Anspannung. Geschmückt wird er mit Lichterketten, die freilich einiges an Energie verbrauchen, mit Plastikkugeln, über deren möglichst umweltfreundliche Entsorgung wir besser nicht nachdenken. Was gibt es Schöneres, als am 24. mit rechtschaffender Ermattung vor der Tanne zu liegen?
Oh du Schreckliche…
Gerade noch schwelgst du nostalgisch in den bittersüßen Nachwehen des Sommers, ehe dich die Stimme von Miss Mariah Carey höchstpersönlich und pünktlich mit dem ersten verfärbten Laub aus dem Traum reißt.
Ihr Kinderlein, es ist wieder so weit: Weihnachten steht vor der Tür und wie jedes Jahr kommt es Hand in Hand mit dem wehmütigen Gefühl der Erkenntnis, dass schon wieder ein Jahr in Lichtgeschwindigkeit an einem vorbeigezogen ist, ohne groß was gerissen zu haben.
Der Herbst-Deko wurde nicht ansatzweise Zeit und Raum geboten sich zu entfalten, denn ganze Armeen von Schokoladen-Nikoläusen bauschen sich in den Schaufenstern von Kaufläden auf und starren dir mit ihren auf Aluminiumfolie bedruckten Augen direkt in deine Seele. Lange bevor der erste Adventsonntag auf dem Kalender auftaucht, erkämpfen sich auch alle Jahre wieder die Glühweinstände, wie Löwenzahn durch Beton, ihren Weg auf die Straßen und drehen durstiger Kundschaft billigen Rotwein gespickt mit Zucker und Zimt zu einem viel zu hohen Preis an. Es ist dann jedermanns freier Wille, ob man die 2 Euro Pfand zurücknimmt und gleich in den nächsten Schluck investiert oder ob man eine weitere Tasse, bedruckt mit den Noten von „Stille Nacht“, zum Sortiment in der WG-Küche stellt, um vielleicht mal alle heiligen Zeiten daraus Tee zu schlürfen.
Der eigentliche Spaß an der ganzen Sache hat noch nicht mal richtig angefangen, denn wie so mancher kritischer Denker es betiteln würde, ist Weihnachten „nur wieder so eine Erfindung der Wirtschaft“. Die alljährliche Jagd auf Geschenke gepaart mit unzähligen Grübelstunden darüber, was man am Ende überhaupt schenken soll, hat offiziell begonnen. Sicher will man damit seinen Liebsten in erster Linie eine Freude machen, beruhigt aber damit auch das eigene Gewissen. Die enttäuschten Gesichter, denen man mit leeren Händen gegenübertreten würde, wären nur schwer zu ertragen, obwohl man sich wie die ganzen Jahre zuvor im Voraus auf ein diplomatisches „Wir schenken uns nichts“ geeinigt hat.
An den eigentlichen Festtagen sollte man sich nicht nur wegen der fröstelnden Temperaturen eine dicke Weste zulegen, auch die alljährlichen Fragen von neugierigen Familienmitgliedern können einen ganz schön durchlöchern. Nachdem man zum x-ten Mal erklären musste, warum man denn jetzt in seinen Zwanzigern noch unverheiratet ist oder was man überhaupt so in der Uni macht, ist einem der Appetit auf das Fondue auch endgültig vergangen.
Und dann, irgendwo zwischen dem dummen Geschwätz, den Geschenken und dem penetranten Geruch nach Weihrauch, wandert die volle Aufmerksamkeit plötzlich zu diesem einen Keks, der seit seiner Geburtsstunde Anfang Dezember in der Keksdose vor sich hin vegetiert. Jener zerbröckelt nur vom Anschauen, schmecken tut er schon lang nicht mehr. In Gedanken verspeist man aber schon den zweiten. Vielleicht auch noch einen dritten.