„Fast Fashion“ – aus dem öffentlichen Diskurs ist dieser Begriff kaum mehr wegzudenken. Zurecht, denn der Schaden, den die schnelllebige Modebranche Mensch und Umwelt zufügt, ist immens. Dazu kommt, dass eben diese Industrie in Kauf nimmt, Katalysator für einen Teufelskreis aus Überkonsum und Wegwerfen zu sein. Umso besser, dass der Trend um Gebrauchtkleidung an Zuspruch gewinnt. Doch kann Secondhandkleidung, so wie wir sie kennen, der Kommerzialisierung standhalten?
Zunächst einmal: Secondhand, entworfen als preiswertes und umweltschonendes Gegenkonzept zur Wegwerfmode, bietet unglaublich viele Möglichkeiten für positiven Wandel, der nachhaltig die Strukturen der Modebranche verändern kann. Wer zu einer gebrauchten Hose statt zu einer neuen greift, der entscheidet sich für die nachhaltige Nutzung von begrenzten Ressourcen und eine faire Behandlung von Arbeitskräften. Konsum von Secondhandkleidung bietet zudem Raum für Individualität, Kreativität und persönliche Entfaltung und stellt für Menschen mit geringem Einkommen außerdem eine gute Alternative zu Fast Fashion dar. Es ist wichtig, dass nachhaltige Konzepte an Aufmerksamkeit in der Gesellschaft gewinnen und Gebrauchtem ein positiver Stempel aufgedrückt wird.
“Pre-Loved”, das neue “Secondhand”
Wenn jedoch ein Fast-Fashion-Konzern wie Zalando auf den Hype um Secondhandmode aufspringt, dann sollte das zu gespitzten Ohren führen. Der Online-Versandhändler für Kleidung generierte einen Umsatz von 10,4 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Neben Eigenmarken, Outlets und Shopping-Lounges hat Zalando im Jahr 2018 ein weiteres Standbein aus dem Boden gestampft: Zalando Zircle, ein Marktplatz für gebrauchte Kleidung. Während Zalando aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen in der Kritik steht und sich die Retourenquote des Unternehmens auf 50% beläuft, wirbt der Konzern mit Kreislaufwirtschaft.
Doch nicht nur Zalando ist in das Secondhandgeschäft eingestiegen. Auch H&M hat sich bereits seinen Platz am Markt gesichert, neben zahlreichen anderen Global Players in der Modeindustrie. Natürlich darf nicht vergessen werden, dass Zalando, H&M und Co. dafür sorgen, dass nachhaltige Konzepte weite Teile der Gesellschaft erreichen. Dennoch: Ist es nicht absurd, wenn die Schrittmacher der Fast-Fashion-Industrie mit lächerlichen Formulierungen wie „Pre-Loved“ und „Pre-Owned“ den vor dem Kapitalismus noch relativ gut versteckten Bereich der Gebrauchtkleidung überfallen?
Das Ende der Schatzsuche
Nicht nur online, auch abseits des Internets hat sich einiges verändert. Viele Geschäfte, in denen man Kleidung aus zweiter Hand kaufen kann, befinden sich nun in bester Innenstadt-Lage. Meistens schlägt einem beim Eintreten kein muffiger Geruch mehr entgegen, stattdessen duftet es mehr oder minder aggressiv nach Lenor. Auch an den Kleiderstangen tummelt sich andere Bekleidung: Hawaiihemden in hundertfacher Ausfertigung, steife Lederjacken und unzählige Pullover mit Aufdruck, oft balancierend auf dem schmalen Grat zwischen hässlich und ästhetisch. Nicht selten verlasse ich mit leeren Händen das Geschäft. Die Bilanz: Wer Unikate sucht, findet hier meist keine Schnäppchen. 80 Euro für ein austauschbares Paar Jeans können den Kaufwunsch schnell verblassen lassen. Wenigstens eines können Kund:innen vermeiden: In eine tückische Konsumfalle tappt bei solchen Preisen niemand. Oder doch?
Innsbrucks Secondhand-Angebot
Innsbrucks Angebot an Kleidung aus zweiter Hand ist riesig und divers. Das wird mir klar, als ich sämtliche Läden und Websites durchforste. Sozialkaufhäuser, Secondhandläden nach alter Schule, Vintage-Stores mit Leuchtschildern und Kleiderausbügeln aus Holz. Eines ist sicher: Hier wird jeder fündig.

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Wer sich in Innsbruck auf die Suche nach gebrauchter Kleidung macht, wird früher oder später vermutlich über die Schwelle von NOWHEREVINTAGE stolpern, einem Vintage-Laden wie aus dem Bilderbuch, der, so bemerke ich beim Stöbern im Internet, gerade erst seiner Website einen Rabattcode verpasst hat. Mit diesem erhält man 20% Rabatt auf alles. Das macht mich stutzig. Denn Secondhand- und Vintage-Länden stellen für viele Konsument:innen den Inbegriff von reduziertem Konsum dar. Sollten sich nicht genau diese dem Kampf für Nachhaltigkeit und gegen eine Mentalität des Überkonsums verschreiben? Rabattcodes widersprechen diesem Prinzip, da sie es erschweren, bewusste Kaufentscheidungen zu treffen. Andererseits: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird im dazugehörigen NOWHERESTORE Fast Fashion vertrieben. Das ist Indiz genug, dass hier der Nachhaltigkeitsbegriff womöglich entweder kein Teil der Unternehmensphilosophie ist oder aber eher lockerer ausgelegt wird.
Zwischen Élégance, Expansion und sozialer Verantwortung
Der Secondhandshop „Monte Gwand“ fasst auf seiner Website zusammen, was gutriechende und vorsortierte Secondhandläden verbindet: „Versuchen wir, […] dem Bereich Secondhand mehr “élégance” zu verleihen.“ Es ist zweifellos als positive Entwicklung zu betrachten, wenn auf diese Weise mehr Menschen der Weg zu gebrauchter Kleidung geebnet wird. Dazu kann auch die Eröffnung weiterer Filialen gehören. So unterhält NOWHEREVINTAGE unter anderem auch Stores in Linz und Bozen.
Auch wird uns Konsument:innen in Innsbruck ermöglicht, durch die Abgabe eigener Kleidung in Secondhandläden zu einer lokalen Kreislaufwirtschaft beizutragen. Zudem überzeugen die sozialen Konzepte von WAMS und Ho&Ruck. Beide Geschäfte verschreiben sich der Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen in das Berufsleben und bieten geschützte Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap. Dadurch wird aktiv für bessere Arbeitsbedingungen auf dem Arbeitsmarkt gekämpft.
Am Ende steht fest: Dass gebrauchte Kleidung zum Trend geworden ist, kann Fluch und Segen zugleich sein. Sicherlich sind viele von uns bewusster und nachhaltiger im Umgang mit Konsum geworden. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass wir Konsument:innen uns der Verantwortung bewusst sind, die wir beim Kauf gebrauchter Mode innenhalten. Es ist unerlässlich, dass wir uns regemäßig erinnern, warum wir Kleidung aus zweiter Hand kaufen. Schlussendlich sollten wir anhand dieser Prinzipien entscheiden, wen wir unterstützen möchten: Die Großen oder die Kleinen.