Was soziale Mobilität angeht, ist Österreich Nachzügler. Das betrifft sowohl Einkommen als auch Bildung: Beides wird hierzulande in großem Maße vom sozioökonomischen Hintergrund der Eltern bestimmt. Kinder weniger gebildeter Eltern erbringen in Österreich beispielsweise schlechtere schulische Leistungen als in anderen EU-Ländern, und Studierende, deren Eltern nur die Pflichtschule abgeschlossen haben, sind an den Universitäten unterrepräsentiert.
Gerechtigkeitsförderndes Nullsummenspiel
Als soziale Mobilität wird im Allgemeinen die gesellschaftliche Position einer Person relativ zu jener ihrer Eltern oder zur früheren eigenen Stellung in der Gesellschaft bezeichnet. Sie misst das Ausmaß, in welchem Teile einer Gesellschaft in Bezug auf ihr Einkommen oder ihren Bildungsgrad auf- oder absteigen. Da die relative soziale Mobilität immer Angaben im Vergleich zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft macht, ist sie ein Nullsummenspiel: Steigt jemand beispielsweise ins oberste Verdienstviertel auf, muss ihm jemand anderes weichen und steigt dementsprechend ab.
Obwohl soziale Mobilität nicht nur Aufstiegs-, sondern gleichzeitig auch Abstiegsmobilität meint, kann ein höheres Ausmaß wünschenswert sein. In einer Veröffentlichung der OECD zur Förderung sozialer Mobilität in Österreich wird höhere soziale Mobilität mit stärkerem Wirtschaftswachstum, mehr sozialer Teilhabe und verstärkter gesellschaftlicher Einigkeit in Verbindung gebracht. Außerdem impliziert soziale Mobilität mitunter auch Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Sie soll beispielsweise sicherstellen, dass das sozioökonomische Profil der Eltern ein Kind nicht am Studieren hindert.
Fünf Generationen zur Einkommensmitte
Etwa fünf Generationen dauert es, bis es eine Familie in Österreich vom untersten Einkommenszehntel zu einem durchschnittlichen Einkommen schaffen kann. Das ist etwas länger als im OECD-Durchschnitt, der bei circa viereinhalb Generationen liegt. Auch bei nur einem Generationensprung ist die Mobilität vergleichsweise gering: Die Wahrscheinlichkeit, dass Söhne von Vätern aus dem unteren Verdienstviertel in das obere Verdienstviertel aufsteigen, liegt bei 15 Prozent und damit unter dem OECD-Durchschnitt von 17 Prozent. Für Töchter könnte der Aufstieg noch schwieriger sein: Laut Schätzungen werden ihnen in etwa 60 Prozent der Verdienstvariation des Vaters übertragen, den Söhnen hingegen nur 48 Prozent. Die meisten empirischen Untersuchungen konzentrieren sich allerdings auf Väter und Söhne, da die Vergleichbarkeit und Repräsentativität der Ergebnisse darunter leiden, dass Frauen insgesamt seltener am Arbeitsmarkt teilnehmen.
Die eher geringe Verdienstmobilität hängt damit zusammen, dass auch der Berufsstatus über Generationen hinweg relativ konstant bleibt. Die Wahrscheinlichkeit, einmal eine Führungsposition innezuhaben, ist für ein Kind aus einer Arbeiterfamilie beispielsweise mehr als dreimal kleiner als für das Kind einer Führungskraft.
Auffangbecken für Akademikerkinder
An der Wurzel der Einkommenspersistenz könnte die in Österreich vergleichsweise hohe Beständigkeit der Bildungsergebnisse über Generationen liegen. Die geringe Bildungsmobilität steht in engem Zusammenhang mit der niedrigen Einkommensmobilität.
Ein Bericht der OECD befand 2018, dass die Bildungsmobilität nach oben in Österreich deutlich geringer sei als im PIACC-Länderdurchschnitt. Weniger als ein Drittel der Erwachsenen sind demnach Bildungsaufsteiger – in Finnland, Russland, Korea und Singapur beispielsweise waren es mehr als die Hälfte. Des Weiteren liege die Bildungsmobilität nach unten sogar über dem OECD-Durchschnitt – der Aufstieg ist also schwer, der Abstieg leichter.
Mehr als die Hälfte aller Kinder mit mindestens einem Elternteil mit Hochschul- oder Akademieabschluss erlangen eine vergleichbare Qualifikation. Der Erwerb eines solchen Tertiärabschlusses gelingt hingegen nur circa sechs Prozent der Kinder von Eltern mit Pflichtschulabschluss.
Es gibt dementsprechend wesentlich mehr Studierende, deren Eltern beide Akademiker sind, als solche, deren Eltern beide eine Lehre oder höchstens die mittlere Schule abgeschlossen haben. Laut Statistik Austria haben nur 18 Prozent der Eltern von Studierenden beide einen Lehrabschluss, 28 Prozent verfügen hingegen beide über einen Hochschul- oder Akademieabschluss.
Intergenerationeller Bildungsvergleich. Q: STATISTIK AUSTRIA, Erwachsenenbildungserhebung 2016/17 (AES). – Die Zahlen in Klammern beruhen auf geringen Fallzahlen: Sind ungewichtet weniger als 20 Personen vorhanden, wird geklammert ( ); Werte mit weniger als ungewichtet 5 Personen werden nicht ausgewiesen (x)Schlechtere Ergebnisse, weniger Zugehörigkeitsgefühl
Die akademische Überrepräsentation von Menschen aus gebildeteren Familien beginnt nicht erst beim Übergang von der Oberstufe zur Universität. In Österreich sind die Bildungsergebnisse in der Schulzeit stärker als in anderen EU-Ländern von der sozioökonomischen Situation der Eltern und deren Bildung abhängig. Das geht aus der Länderanalyse des „Education and Training Monitor 2017“ der Europäischen Kommission hervor. Mehr als die Hälfte der Schüler:innen, die Topleistungen erbringen, sind Kinder von Eltern, die einen tertiären Bildungsabschluss erworben haben. Kinder, deren Eltern höchstens einen Pflichtschulabschluss erworben haben, machen hingegen nur ein bis zwei Prozent aus.
Der sozioökonomische Status österreichischer Kinder beeinflusste in der PISA-Studie von 2018 die Leistung in den Naturwissenschaften stärker als im Länderdurchschnitt. Die Anzahl benachteiligter Kinder, deren Leistung im oberen nationalen Viertel liegt, (von der OECD als „national resilient“ bezeichnet) ist in Österreich unterdurchschnittlich.
Schüler:innen mit einem sozioökonomisch schwachen Profil geben öfter als in anderen OECD-Staaten an, sie hätten Probleme beim Lösen einer gegebenen Naturwissenschaftsaufgabe, und erzielen auch schlechtere Ergebnisse als im OECD-Durchschnitt. Verglichen mit Schüler:innen aus sozioökonomisch stärkeren Familien erwarten sie außerdem eher, einmal einem Beruf mit schlechterer Bezahlung nachzugehen, und fühlen sich in ihrer Schule seltener zugehörig.
Benachteiligte Mitschüler:innen und Migrationsgeschichte ebenso Erschwernisse
Fast jedes zweite benachteiligte Kind in Österreich besucht eine Schule mit ebenso sozioökonomisch benachteiligtem Profil – das sind mehr als im OECD-Durchschnitt. Das sozioökonomische Profil meint hierbei die durchschnittliche sozioökonomische Situation der Schüler:innen und hat laut der PISA-Studie von 2015 einen starken Einfluss auf die schulische Leistung. Nicht nur die eigene finanzielle Situation, sondern auch jene der Mitschüler:innen hat in Österreich also einen großen Einfluss auf die Bildungsergebnisse.
Auch der Unterschied zwischen Schüler:innen mit Migrationsgeschichte und jenen ohne ist deutlich: Selbst wenn man die Daten um den Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds der Familie bereinigt, bleibt es für Kinder mit Migrationshintergrund etwa zweieinhalb mal wahrscheinlicher, in der PISA-Studie bei den Naturwissenschaften schlecht abzuschneiden.
Schon die Volksschule entscheidet
Laut dem Soziologen Aladin El-Mafaalani haben Kinder wohlhabender und gebildeter Eltern schon vor Schuleintritt einen Vorteil gegenüber jenen mit sozioökonomisch schwächerem Hintergrund. Mit ihnen werde zum Beispiel häufiger gelesen, und sie haben unter anderem eher die Möglichkeit, ein Musikinstrument zu lernen – das sei förderlich für das Erlernen von Selbstdisziplin, die ebenso beim Lernen benötigt wird. Urlaube, Auslandserfahrungen, Freizeitaktivitäten und so weiter haben ebenso einen großen Einfluss auf die Bildungsergebnisse der Kinder. Deshalb würden sich Ungleichheiten, die unter dem Schuljahr etwas ausgeglichen wurden, insbesondere über die Sommerferien wieder drastisch verstärken.
Die Volksschule sei laut El-Mafaalani besonders prägend für die späteren Bildungsergebnisse, unter Umständen sogar die wichtigste Schulstufe überhaupt: Immerhin seien Deutschland und Österreich die einzigen zwei Länder weltweit, die schon nach der Volksschule selektieren, also Schüler:innen auf verschiedene Sekundarschulformen aufteilen – eine Aufspaltung mit großen Konsequenzen für die Zukunft des Kindes.
Besonders ärmere Familien und solche mit Migrationshintergrund würden sich oft davor scheuen, ihr Kind ein Gymnasium besuchen zu lassen, auch wenn dessen Noten gut genug für die Aufnahme in einem solchen sind. El-Mafaalani spricht von „antizipiertem Schamgefühl“: Die Familien möchten unangenehme Situationen vermeiden, die in einer „besseren“ Schule durch ihre sozioökonomische Situation entstehen könnten. Erschwerend kommt hinzu, dass wohlhabendere Familien ihr Kind mit Nachhilfe unterstützen können. Ärmere Familien können sich schlechte Noten hingehen schlicht nicht leisten.
Welche Schule nach der Volksschule besucht wird, stellt die Weichen für den weiteren Bildungsweg.Wie Österreich mobiler werden kann
Um die soziale Mobilität in Österreich zu fördern, empfiehlt eine Veröffentlichung der OECD die Förderung frühkindlicher Bildung. Benachteiligte Kinder, die früh formale Betreuung erhalten, können dort kognitiv und sozial aufholen, erbringen später bessere schulische Leistungen und weisen schlussendlich eine höhere Bildungsmobilität auf. Laut Aladin El-Mafaalani wird das Potential von frühkindlichen Betreuungseinrichtungen jedoch nicht erschöpfend genutzt: Die Einrichtungen seien häufig weniger als Bildungsstätten konzipiert und mehr auf die reine Betreuung der Kinder ausgelegt, um beiden Eltern das Arbeiten zu ermöglichen.
Die Autoren der OECD-Veröffentlichung „Promoting social mobility in Austria“ kritisieren wie El-Mafaalani die frühe Verzweigung des Bildungswegs nach der Primarstufe und empfehlen außerdem eine bessere Finanzierung benachteiligter Schulen zur Mobilitätssteigerung. Stärkere Geschlechtergerechtigkeit im Arbeitsmarkt sowie bei der Aufteilung von Haushaltsaufgaben und Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Familienmitgliedern würde laut der Studie die Mobilität weiter fördern. Schlussendlich stehe außerdem die Abwesenheit einer realen Erbschaftssteuer und das (im Gegensatz zum relativ gleichmäßig verteilten Haushaltseinkommen) stark konzentrierte Haushaltsvermögen der Chancengleichheit und somit der sozialen Mobilität im Wege.
Dieser Artikel erschien erstmals in der Oktober-Ausgabe 2022.