Running on Dunkin’

von Rosa Schmitz
Lesezeit: 4 min
Der amerikanische “Way of Life” ist längst in Innsbruck angekommen. US-Restaurantketten, -Brands und -Sportarten sind omnipräsent. Für Heim- und Fernweh ein Segen.

“America, America… Land of the free. Home of the brave”, singen die Amerikaner. Inbrünstig und stolz. Bei jeder Gelegenheit. Im Ausland haben die USA allerdings einen gemischten Ruf. Amerika wird vorgeworfen, zu sehr als Großmacht aufzutreten, die anderen vorschreiben will, wo es lang zu gehen hat. Die vornehmlich sich selbst zusieht und für besser als andere hält – egal ob es um Politik, Kultur oder Lifestyle geht. Kritiker halten der Selbstgefälligkeit entgegen, was sie als offensichtliche Defizite bewerten: Fast Food statt Kulinarik; Kaffee „to go“, verbrannt oder wässrig, verabreicht in Plastikbechern; überzogene Arbeitszeiten, die viele Menschen krank machen; oberflächliche Beziehungen, die sich schon zeigen in der kaum ernst gemeinten Aufforderung an zufällige Bekanntschaften “come and see me”; ein im Durchschnitt grottenschlechtes Schulsystem; orientierungslose Jugendliche; Waffenwahn; sich rasant ausbreitende Fettsucht; rassistische und gewalttätige Polizei; ein Heer von Obdachlosen; Blabla-Kommunikation.

Aber wie kommt es, dass US-Kultur sich überall auf der Welt immer weiter ausdehnt. Offenbar gefällig aufgenommen wird von immer mehr Menschen, auch bei uns? Die Oscar-Nacht wird global live übertragen, ebenso der Super Bowl. US-Restaurantketten, Ami-Brands, US-Sportarten. Auch in Innsbruck. Warum?

Die Wahrheit ist: Der amerikanische “Way of Life”, also die Lebensweise, ist weitestgehend akzeptiert – sogar angestrebt. Von sehr, sehr vielen. Kritiker können lautstark sein, aber sie sind in der Minderheit.

Immer weniger fremd

Geht man heute als Amerikaner durch die Straßen von Innsbruck, fühlt man sich viel weniger fremd als vor 5-10 Jahren. Natürlich hat die Stadt ihre österreichischen Besonderheiten. Alte hübsche Häuser, einen echten Stadtkern, wo gibt es das in Amerika? Aber eben auch, für Amerikaner befremdlich, die strengen, relativ gesehen „kurzen“ Öffnungszeiten von Geschäften. Das Fehlen großer Einkaufszentren. Sowie die begrenzten Online-Shopping- und Lieferoptionen. Aber es gibt eine Verschiebung, die stattgefunden hat – die immer noch stattfindet. Alles, was bisher nicht selbstverständlich ist, wird gängiger. Alles, was es nicht so selbstverständlich gibt, wird verfügbarer.

Amerikanische Firmen – auch die in Innsbruck all-wichtigen Sportmarken, zum Beispiel Patagonia und Black-Diamond – haben in der ganzen Stadt Geschäfte. Sie verkaufen unter anderem hoch taillierte Hosen, blaue Jeansjacken, weiße Sneaker und Beanies. Was zusammen ein Outfit ergibt, das in Innsbruck jeder zu tragen scheint.

Einige der Läden sind sogar Flagship-Stores, bei denen es auch die Möglichkeiten gibt, ohne Deutschkenntnis mitarbeiten zu können. Eine große Erleichterung für Neuzugezogene mit Muttersprache Englisch. Die Sprachbarriere hat im Allgemeinen abgenommen. Englisch wird heutzutage weitgehend gesprochen oder zumindest (halbwegs) verstanden. Außerdem gibt es eine Gemeinschaft von Amerikanern, die verschiedene Online-Plattformen betreiben. Expat-Blogs. Facebook-Gruppen. Instagram-Seiten. Sogar ein Subreddit für allgemeine Anfragen.

Gang und gäbe

Auch sind alle wichtigen Sportarten aus Übersee in der Stadt vertreten. Es gibt ein American-Football-Team (die Raiders) und -Feld (bei der Olympiaworld) – der beliebteste Zuschauersport in den USA. Und: Wenn Corona nicht gerade wütet, gibt es tatsächlich Super-Bowl-Streaming-Partys für amerikanische und nicht-amerikanische Fans des Spiels. Doch die Szene ist nicht auf American Football beschränkt. Baseball spielen ist ebenfalls eine Möglichkeit. Bei den Innsbruck Pioneers. Basketball bei den Swarco Raiders. Eishockey bei den HC Tiroler Wasserkraft Innsbruck. Wobei anzumerken ist, dass das erste offizielle Eishockeyspiel 1875 in Montreal, Kanada gespielt. Von dort ist der Sport in die USA und dann nach Europa gezogen. Fußball, nun ja, in Amerika “Soccer” genannt, ist nichts, was die Amis erfunden hätten. Und der FC Wacker könnte da wohl in der Liga spielen. Fußball gehört in den USA mittlerweile – wie auch die zuvor genannten Sportarten – zu den “Big Five”.

Für diejenigen, die ihren örtlichen Supermarkt vermissen… öffnen überall kleine Kiosks nur für amerikanische Süßigkeiten, salzige Snacks und Koch-/Backzutaten. Zwar immens überteuert wegen Einfuhrsteuern (eine Kiste Froot Loops oder Lucky Charms kostet statt 2 Dollar 10 Euro). Aber: Sie befriedigen fast alle von Heim- oder Fernweh getriebene Gelüste. Peanutbutter-Jelly Sandwiches, Hot Dogs in Brioche Brötchen mit gelbem Senf und Gurken-Relish, Cheddar-Goldfish. Genauso wie die Ketten Starbucks, McDonald’s und Burger King. Es gibt ein Hard-Rock Cafe, sowie nicht ganz gelungene Kopien eines “Diners” – mit knallroten Sitzecken, Jukebox und klassischer Speisekarte. “America runs on Dunkin’” – ein gängiger Slogan in den USA. Innsbruck zwar noch nicht… aber einen ihrer Donuts kriegt man mittlerweile auf der Maria-Theresia-Straße.

Als Amerikaner ist es also einfach, sich in Innsbruck wohl zu fühlen. Heutzutage. Denn wenn wir ehrlich sind, ist der amerikanische “Way of Life” mittlerweile nicht nur weitestgehend akzeptiert, sondern vielfach angestrebt.

Dieser Artikel erschien auch in der Mai/Juni-Ausgabe 2022.

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