Über Sternchen, Binnen-Is und Inklusion – ein Diskurs über das Gendern

von Valentina Pisoni
Lesezeit: 7 min
Die Romanistin und Leiterin des Zentrums für Kanadastudien Mag. Dr. Doris Eibl und die feministische Aktivistin Paula Jorge sprechen im Dialog mit UNIpress darüber, worum es beim Gendern wirklich geht und warum es so wichtig für unsere Gesellschaft ist.

Veränderungen im Sprachgebrauch werden von vielen Menschen als negativ und lästig empfunden. So denken auch viele, Gendern sei unnötig und überflüssig. Doch worum geht es beim Gendern überhaupt? Gendern bedeutet nichts anderes als die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache, in der nicht die maskuline Form als universell für alle Geschlechter herangezogen wird. „Die Frauen meint man da doch eh mit“, heißt es dann immer. Doris Eibl und Paula Jorge sind da anderer Meinung.

UP: Sprache formt Realitäten, sagt man. Wie funktioniert das?

Paula Jorge: Wir denken alle in einer Sprache und teilen uns auch dadurch mit. Das heißt, es ist nur das für uns denkbar, was auch ausgesprochen wird oder werden kann. Wenn wir also zum Beispiel von klein auf immer nur von Polizisten und Politikern hören, wird das ‚Andere‘ kaum mehr denkbar. Unsere Sprache muss sich also weiterentwickeln. Nur so kann Gleichberechtigung auch denkbar und vorstellbar werden.

Mag. Dr. Doris Eibl: Lange war man der Meinung, Sprache bilde Realität einfach nur ab. Die poststrukturalistischen Theorien der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert haben uns ein anderes Verständnis von Sprache gelehrt. Sprache ist nicht objektiv. Sie ist ein Machtinstrument und operiert, wenn es um Geschlecht geht, nach dem Prinzip von Ein- und Ausschluss. Wenn ich nur von Polizisten rede, um dieses Beispiel noch einmal aufzugreifen, dann ist eben nicht von Polizistinnen die Rede. Paula hat absolut recht, wenn sie sagt, Sprache muss sich weiterentwickeln. Sprache ist die Brille, durch die wir Realität wahrnehmen, Sprache erzählt uns eine Realität, in der es entweder Polizisten oder eben auch Polizistinnen gibt. Letztere werden erst dann automatisch und von allen mitgedacht, wenn sie genannt werden.

UP: Nur sieben Prozent aller in Österreich lebenden Personen sind laut Statistik Austria der Meinung, Gendern sei ‚sehr wichtig‘. Wieso?

Paula Jorge: Am Ende ist es immer die Angst vor Veränderung und die Angst davor, Sachen komplizierter und anstrengender zu machen. In Wahrheit verkomplizieren wir aber überhaupt nichts, sondern öffnen Räume, die ohne die gendergerechte Sprache geschlossen geblieben wären. Diskussionen darüber gibt es aber nicht erst seit Kurzem. Auch in den 80er Jahren und früher gab es schon unterschiedlichste Debatten zu diesem Thema – die Gegenargumente sind seit jeher aber die Gleichen geblieben. Das Ganze ist ein Prozess, und das Empörtsein und der Widerstand der Bevölkerungsmehrheit gehört schon beinahe dazu. Ich persönlich finde das Thema sehr wichtig, mache es aber gerne unterschwellig. So kann langsam Gewohnheit geschaffen werden.

Mag. Dr. Doris Eibl: Gesellschaften sind träge Systeme, und Menschen tun sich schwer, etwas so Fundamentales wie den erlernten Sprachgebrauch zu hinterfragen und ihn zu verändern. Etwas eigentlich so wenig Aufwendiges wie das Gendern – wem tut es weh, wenn nicht gerade zum Beispiel Frauenfeindlichkeit oder ein zutiefst reaktionäres Weltbild im Spiel sind – greift offensichtlich tief in die Automatismen des Sprachgebrauchs ein. Es stört Gewohnheiten, es ist mühsam, es klingt fremd und wird deshalb zunächst einmal für überflüssig erachtet, was es natürlich in keiner Weise ist.

UP: Sind das dann mehr Männer oder auch mehr Frauen?

Paula Jorge: Meiner Meinung nach beide. Auf der einen Seite die Männer, die Angst davor haben, ihre Privilegien zu verlieren, und andererseits auch privilegierte Frauen, die zum Beispiel ihre Stellung nicht hinterfragt und nicht reflektiert haben – wie sie es überhaupt zu dieser Position geschafft haben. Auch bei unseren Aktionen auf der Straße für Gleichberechtigung mit den Catcalls of Innsbruck treffen wir sowohl auf Frauen als auch auf Männer, die uns mit Unverständnis entgegentreten.

UP: Schließen sich die Frauen damit nicht selbst aus?

Mag. Dr. Doris Eibl: Die Gründe dafür, weshalb viele Frauen das Gendern ablehnen, sind wohl vielfältig. Die einen sind der Ansicht, Sprache habe nicht die Bedeutung, von der andere wiederum überzeugt sind. Manche vertreten den Standpunkt, das Gendern bringe Geschlechterdifferenz überhaupt erst hervor. Diese Positionen setzen sich bereits mit Sprache auseinander. Vielleicht geht es aber für viele zunächst gar nicht darum, was Sprache kann oder nicht. Menschen machen, intuitiv oder strategisch, gerne eine Position zu ihrer, für die sie von jenen, die im Großen wie im kleinen Kollektiv Interpretationshoheit für sich beanspruchen, d.h. das Sagen haben, am meisten Anerkennung bekommen.

UP: Gibt es Möglichkeiten, unseren Alltag sowohl in der Uni als auch im täglichen Leben gendergerechter zu gestalten?

Paula Jorge: Ein sehr wichtiger Schritt wurde damit gemacht, Gender-Themen für alle Studiengänge im Curriculum einzubetten. Auf der institutionellen Ebene wäre eine Ausgewogenheit zwischen Professorinnen und Professoren ein guter erster Schritt oder zumindest das Gefühl der Geschlechterunabhängigkeit beim Auswahlprozess.

Außerdem etwas ganz Banales wie nicht-binäre Toiletten, damit sich Studierende, die sich nicht im binären Geschlechtersystem wiederfinden, nicht jedes Mal überlegen müssen, wo sie am wenigsten diskriminiert werden. Wichtig wäre außerdem eine völlig neutrale Anlaufstelle für Genderthemen der Universität, die aber bei Notwendigkeit auch Macht ausüben und agieren kann.

UP: Wie siehst du aus persönlicher Sicht die Haltung der Uni gegenüber diesem Thema?

Paula Jorge: Egal wie modern eingestellt man ist, Machtstrukturen bestehen schon länger und über Jahre. Oft gibt es daher wenig Spielraum, Modernisierungen und neue Ansätze integriert zu bekommen. Die Notwendigkeit zu Veränderungen wird oft einfach übersehen. Außerdem ist definitiv keine Ausgewogenheit in Forschungs- und Lehrpositionen wahrzunehmen. In den Geisteswissenschaften überwiegen weibliche Professorinnen, in den Naturwissenschaften überwiegen nach wie vor die Männer.

UP: Worin sehen Sie Veränderung, die die Universität zu dieser Thematik durchgemacht hat?

Mag. Dr. Doris Eibl: Die Wahrnehmung von Veränderung ist immer relativ. Man muss Veränderung in Relation zu etwas setzen: In den 1980er Jahren, als ich Studierende war, hatte man an der Innsbrucker Uni gerade erst begonnen, über die Bedeutung von Sprache für die Aufrechterhaltung von geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen nachzudenken. Außerhalb von Frauenforschungsseminaren und feministischen Forscherinnengruppen spielte das Gendern keine Rolle. Seit damals hat sich, was die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache betrifft, extrem viel getan. Der Frauenförderungsplan der Universität Innsbruck sieht seit Ende der 1990er Jahre eine geschlechtergerechte Sprache vor. Was nun die Verwendung von geschlechterinklusiven Schreibweisen betrifft, ist sicher noch Luft nach oben, aber die Dinge sind in Bewegung.

UP: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten zu gendern. Warum? Gibt es bessere und schlechtere Varianten?

Paula Jorge: Vor allem bei linken Bewegungen ist das so, dass sehr stark ausdifferenziert wird. Kaum gibt es eine neue Art zu gendern, kommt eine andere Gruppe und differenziert weiter aus. Für jede Variante gibt es Pro- und Contra-Argumente, deshalb gibt es auch so viele unterschiedliche Möglichkeiten. In geschriebener Form ist eigentlich alles zulässig. Wenn allerdings die explizite Nennung der weiblichen und männlichen Form erfolgt, ist das schwierig, denn so werden wieder alle anderen Geschlechter ausgeschlossen.

 Mag. Dr. Doris Eibl: Ich denke nicht, dass man hinsichtlich von Unterstrich, Sternchen oder Doppelpunkt pauschal von einer besseren oder schlechteren Variante sprechen kann. All diese Varianten spiegeln den Versuch, die tatsächliche Diversität der Geschlechter möglichst gut zu repräsentieren.

UP: Wie sehr wird unsere Einstellung zu binären Rollenbildern durch Familie, Gesellschaft und Medien beeinflusst?

Mag. Dr. Doris Eibl: Familie, Gesellschaft und Medien können bestehende Geschlechterrollen bestärken oder aufweichen, denke ich. Je nach Entwicklungsstadium bzw. Alter haben die genannten Systeme, die natürlich immer auch ineinandergreifen, einen mehr oder weniger großen Einfluss darauf, wie wir uns hinsichtlich zur Verfügung stehender Geschlechterrollen orientieren.

UP: „Gendern ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen“ (Zitat von Unbekannt). Wieso?

Paula Jorge: Gendern soll möglichst inklusiv sein, d.h. niemanden ausschließen. Demnach bin ich nicht der Meinung, dass Gendern eine sexistische Praxis ist. Ich würde schon sagen, dass innerhalb der feministischen Bewegung Frauen zum Teil sehr stark in den Vordergrund gerückt werden, um die Aufmerksamkeit auf patriarchale Strukturen zu lenken. Das kann in mancher Hinsicht wieder sexistisch wirken, weil Cis-Männer ganz bewusst rausgelassen werden. Für das Gendern per se trifft das Zitat meiner Meinung nach aber nicht zu, denn wenn Gendern sexistisch ist, wird falsch gegendert.

Mag. Dr. Doris Eibl: Das ist eine rhetorisch zugespitzte Aussage. Es gibt viele Menschen, die darauf bestehen, dass Gendern sexistisch sei, weil es, auf die binären Kategorien Mann und Frau bezogen, Geschlechterdifferenz überhaupt erst markiere. Darüber kann man diskutieren und streiten. Aber nicht zu gendern markiert auch bzw. setzt es ein Geschlecht, nämlich das männliche, absolut. Und dieses ist nicht geschichtslos. Der Wissenschaftler, der Autor, der Politiker, der Geschäftsmann etc. waren kaum jemals Frauen, und deshalb hat das generische Maskulinum eine Bedeutung, ob es uns passt oder nicht. Inklusives Gendern ist nicht sexistisch, sondern kreativ und konstruktiv.

 

2 Kommentare

Ernst Hilbrand 11. April 2022 - 18:34

Sehr interessanter Beitrag der das Thema von vielen Seiten bewertet und beschreibt!

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Konstantin Wilhelmy 12. April 2022 - 9:03

Mich hätte interessiert, was die Interviewten zu Geschlechtsneutralersprache sagen bzw. was ihrer Meinung nach die Vor und Nachteile gegenüber dem gendern sind.

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