Innsbruck steht leer. Es ist ein trister Wintertag. Nass. Kalt. Der Himmel ist dicht bewölkt. Grau gestrichen. Es fallen dicke Schneeflocken. Die meisten Studierenden sind heute zu Hause geblieben. Außer Lorena Kübler und Paula Jorge. Sie sind im Namen von “Catcalls of IBK” unterwegs – ausgerüstet mit einem Eimer Kreide.
Die Frauen und ihre vier Komplizinnen – Kim Hesterberg, Sophia Glas, Melanie Stenzel und Lea Mast – haben sich über die Universität kennengelernt. “Catcalls of IBK” gründeten sie im September 2020. Seitdem chalk-en sie.
Anmachsprüche wie: “Ah, du studierst Klarinette, dann kannst du bestimmt gut blasen.” “He, alles klar, Schnuggi? Geh ma zu mir?” “Lächle doch mal.” “Wahnsinn, bist du sexy!” “Ma, schen wil se hupfen.” Umgangssprachlich: Catcalls. Rassismen, Ableismen, Beleidigungen, sexuell anzügliches Hinterherrufen, Pfeifen… im öffentlichen Raum. Alles andere als harmlos. Sie werden “Catcalls of IBK” täglich per Instagram, Facebook oder per Mail zugeschickt. “Stellvertretend für die, die uns ihre schlechten Erfahrungen schildern, erobern wir mit unseren Aktionen für sie die Straßen zurück”, erklärt Paula Jorge. Es passiere jeden Tag, dass jemand angemacht, schief angeschaut wird oder richtig hässliche Kommentare zu hören bekommt. Die Betroffenen sind meistens junge Frauen. Allerdings bekommen die Aktivistinnen vereinzelt auch Klagen von Männern zu hören.
Ein komplizierter, langwieriger Prozess
Um die Übergriffe wortwörtlich ankreiden zu können, müssen sie jedes Mal beim Stadtmagistrat in Innsbruck ansuchen. “Es ist ein etwas komplizierter und langwieriger Prozess – ein Grund dafür, dass wir eine ganze Weile brauchen, um alle Einsendungen zu bearbeiten”, sagt Jorge. Chalk-en dürfen die Aktivistinnen eben nur an Orten, die der Stadt gehören. Diesmal beim Sillpark und in Hötting.
Jedes Kreide-Werk dauert nur ein paar Minuten. Sorgfältig suchen sie eine bunte Farbe nach der anderen aus. Erst Rosa. Dann Blau. Gelb. Grün. Zu guter Letzt Lila. In Großbuchstaben schreiben sie die verbalen, sexualisierten Grenzüberschreitungen auf Gehsteige, Plätze oder Straßen und machen dadurch sichtbar, wo sie passiert sind. Sie arbeiten in perfekter Synchronität. Plaudern daneben gelassen.
Am Schluss ihre Forderung: “Stoppt Belästigung!“
Zusätzlich zu ihrem Kreide-Werk verteilt die “Catcalls of IBK” Gruppe selbst gestaltete Aufkleber in der ganzen Stadt. Sie sind mit cleveren Sprüche wie “Catcalling tastes bad. I’m not your pussy” übersät. Und Fotos vom Maskottchen: “Alberto”, Küblers Kater.
Protest stößt selten auf Wut
Dieser Art von Protest stößt selten auf Wut. “Wir verwenden einen unschuldigen, fast kindlichen Ansatz, um unsere Botschaften zu vermitteln und zerstören dabei kein öffentliches Eigentum”, sagt Kübler.
Während die Frauen chalk-en, halten immer wieder Fußgänger:innen an, um ihnen zuzuschauen oder Fragen zu stellen. “Was macht ihr?” “Wofür ist das?” “Wer seid ihr?” Oder auch nur, um ihnen zu sagen, dass sie Fans sind. “Solche Kommentare freuen uns immer sehr“, sagt Jorge.
Allerdings kommt es auch mal zu Auseinandersetzungen, mehrheitlich von “Otherism” oder “Whataboutism“ getrieben. Rhetorische Ablenkungsmanöver, bei denen eine kritische Frage oder ein kritisches Argument mit einer Gegenfrage erwidert wird, um vom Gesprächs- oder Diskursgegenstand abzuweichen. “Eine frustrierende, aber analysierbare Taktik”, so Jorge. Schwieriger wären aber Menschen, die laut würden und ihren persönlichen Raum bedrängten. Innerhalb der (Cat)ivistinnen-Gruppe gingen alle anders mit solchen Aggressoren um. Kübler erklärt: “Manche gehen schon eher Gespräche ein, andere weniger. Allerdings ist die Entscheidung auch tages- und stimmungsabhängig.” Die Frauen müssen auch auf ihre eigene Psyche achten und versuchen dementsprechend einzuschätzen, wo es sich lohnt, verbal einzugreifen. “Die Stadt ist klein genug, dass wir bereits die angriffslustigen Wutbürger:innen aus der Ferne erkennen und ihnen aus dem Weg gehen können.”
An Aufklärungsarbeit fehlt’s
Viel mehr können die Aktivistinnen leider nicht machen. “Eine Tatsache, zu der wir viele Nachrichten erhalten”, sagt Kübler. Da Catcalls in Österreich vom Strafgesetzbuch nicht erfasst und somit auch nicht gerichtlich strafbar sind, können sie nur auf den Alltagssexismus aufmerksam machen. Für viele Frauen wären aber auch für verbale sexuelle Belästigung Strafen angebracht. “Gesetze sollen widerspiegeln, was wir als Gesellschaft legitim finden und was nicht“, sagt Lorena Kübler. Opfer sollten sich rechtlich wehren können. Daneben brauche es laut ihr weiterhin Aufklärungsarbeit. Daher unterstützen die Aktivistinnen auch die Petition der Grazer Catcall-Gruppe, dass verbale sexuelle Gewalt gesetzlich verfolgt werden soll.
Dieser Beitrag erschien erstmals in der März-Ausgabe 2022.