Kann man Egon Schiele noch gut finden?

von Katharina Isser
Lesezeit: 6 min
Gegen Egon Schiele werden schwere Vorwürfe erhoben – und damit ist er nicht allein. Viele Maler:innen, Schriftsteller:innen und Musiker:innen haben vermutlich schlimme Dinge verbrochen. Die Frage, wie man mit ihrem Werk umgeht, ist aktueller denn je.

Egon Schiele wird nachgesagt, er sei ein künstlerisches Genie, einer der wichtigsten Vertreter der Wiener Moderne und des österreichischen Expressionismus – und ein pädophiler Straftäter. Gegenstand seiner berühmten Aktdarstellungen sind nicht nur erwachsene Frauen, sondern auch Kinder. Minderjährige sollen in seinem Atelier ein und aus gegangen sein.

Schiele ist einer der vielen Menschen, die die Diskussion um Trennung oder Unzertrennlichkeit von Werk und Urheber:in anstoßen. Auch Schieles Kollegen aus der bildnerischen Kunst Caravaggio und Picasso haben keine weiße Weste, was mit Ölfarbflecken nichts zu tun hat: Caravaggio tötete einen Menschen, Picasso werden tyrannische bis missbräuchliche Beziehungen zu seinen oft Jahrzehnte jüngeren Geliebten zugeschrieben.  Aktueller stellt sich beispielsweise bei Musiker R-Kelly oder Regisseur Roman Polański, die beide mit dem Vorwurf der Vergewaltigung konfrontiert sind, die Frage, wie man mit dem Werk von Menschen umgehen soll, die sich eventuell eines schlimmen Verbrechens schuldig gemacht haben.

Der Fall Schiele

Die Vorwürfe gegenüber Schiele stützen sich einerseits auf seine Gemälde nackter Kinder, vor allem junger Mädchen, und den Umgang mit ihnen. Andererseits beziehen sie sich auf ein Gerichtsverfahren wegen „Verdacht der Entführung“ und „Verdacht der Schändung“ der 14 Jahre alten Tatjana von Mossig im Jahr 1912, als Schiele 21 Jahre alt war. Von diesen Vorwürfe wurde er freigesprochen, allerdings wegen der „Verletzung der Sittlichkeit“ durch Verbreitung erotischer Zeichnungen für schuldig befunden.

Das „entführte“ Mädchen war selbst zu Schiele gekommen, da es nach einem Streit nicht bei seinen Eltern bleiben wollte. Es verbrachte einige wenige Tage bei ihm und seiner Lebensgefährtin, ehe es der Vater wieder mitnahm und gegen Schiele Anzeige erstattete. Es folgte ein Verfahren inklusive Überprüfung der Intaktheit der Jungfräulichkeit von Tatjana von Mossig – ein sicherlich traumatisierendes Verfahren für das Mädchen, das, wie wir heute wissen, auch keine verlässliche Aussage zu treffen vermag. Nichtsdestotrotz wurde Schiele, nachdem die Jungfräulichkeit attestiert worden war, von dem Vorwurf freigesprochen.

Nicht von der Hand zu weisen sind die zahlreichen Nacktdarstellungen Schieles von teils sehr jungen Mädchen. Ein Bild stellt ein unbekleidetes Mädchen dar, das noch nicht einmal in die Pubertät eingetreten sein kann und eher wie ein Volksschulkind anmutet. Wie erotisiert die Darstellungen sind, ist unter Kunstexpert:innen umstritten. Sie unterscheiden sich in ihrer Inszenierung aber kaum von den Darstellungen erwachsener, die Beine spreizender Frauen – und die Erwachsenenakte Schieles werden für ihre Sinnlichkeit gefeiert. Schieles Bilder sind keine klinischen Studien des nackten menschlichen Körpers in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Und wenngleich sie nicht immer gefällig sind, sind sie nicht frei von Sexualität. Die Kinderakte wie die Erwachsenenakte zu inszenieren, überträgt ein erotisches Sujet auf Objekte, die nicht erotisch sein können und dürfen. Das macht sie zutiefst verstörend.

Bild: rawpixel

Egon Schiele: Sitzendes nacktes Mädchen, ihr Knie umklammernd (Ausschnitt). 1918. Kohle auf Papier. Metropolitan Museum of Art

Der Umgang mit problematischen Künstler:innen

Heißt das nun, dass jeder Mensch mit akzeptabler Sexualmoral im Belvedere mit beschämt gesenktem Blick, die Augen mit den Händen nach links und rechts abschirmend, an den Gemälden Schieles vorbeiziehen muss, bis ein Kokoschka naht? Geschockten Leser:innen sei das natürlich freigestellt, als moralischer Standard im Umgang mit problematischen Künstler:innen ist es jedoch kaum zielführend. Man könnte sogar sagen, dass auch die Frage „Kann ich Künstler XY noch mögen?“ nicht zielführend ist. Es geht weder um dogmatische Ablehnung noch um blinde Akzeptanz. Es geht um eine kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit den Missetaten der Künstler:innen und deren Einfluss auf das Werk.

Schlagen wir drei wesentliche Fragen vor: Wie eng sind Werk und Unrecht miteinander verwoben? Inwiefern bringt mich das Werk dazu, das Unrecht zu akzeptieren oder zu normalisieren? Unterstütze ich die Person bei Begehen dieses Unrechts, beispielsweise finanziell? Diese Fragen sind viel besser geeignet, das Ausmaß und die Art festzulegen, in welchem man Kunst moralisch fragwürdiger Künstler:innen konsumiert, als die vergleichsweise plumpe Fragestellung, ob man diese noch mögen darf. Schieles Malstil wertzuschätzen, ist natürlich legitim und macht einen nicht zu einem Menschen, der sexuelle Übergriffe an Kindern gutheißt.

Die Verbindung von Werk und Missetat

Im Fall Schieles sind Werk und Problematik untrennbar verbunden, die Problematik ergibt sich sogar erst hauptsächlich durch sein Werk. Das ist natürlich nicht immer so: R-Kellys Lied „I believe I can fly“ enthält zum Beispiel keine Hinweise, dass es sich beim Sänger um einen Vergewaltiger handeln könnte. Dementsprechend lässt sich „I believe I can fly“ problemlos anhören, ohne den Inhalt reflektieren zu müssen, während ein Kinderakt eine aktivere Auseinandersetzung verlangt.  Die Trennbarkeit von Werk und problematischem Urheber bzw. problematischer Urheberin liegt auf einem Spektrum. Dieses Spektrum hängt unter anderem davon ab, inwiefern die Problematik im Werk aufscheint. Weil das nicht immer offensichtlich ist, ist es wichtig, Kunst aufmerksam und kritisch zu konsumieren.

Der schlechte Einfluss

Die Frage nach dem Einfluss, den ein problematisches Werk auf jemanden hat, ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Dadurch benötigt sie aber umso mehr Ehrlichkeit und Selbsteinsicht. Unreflektierter Schiele-Konsum könnte beispielsweise Inszenierungen nackter Kinder soweit normalisieren, dass man Kinderpornographie zu verharmlosen oder zu entschuldigen beginnt. Auch das (ironische?) Hören von Liedern mit frauenfeindlichem Text, als ein weiteres Beispiel von vielen, könnte sexistische Stereotype in den Köpfen der Hörer:innen festsetzen.

Das ist natürlich ein weitgehend unbewusster Prozess. Dementsprechend schwierig kann es sein, ihm auf die Spur zu kommen. Wenn man sich bestimmter problematischer Aspekte eines Werks bewusst ist, kann man allerdings eine kritische Distanz dazu wahren und somit dem „schlechten Einfluss“ vorbeugen. Das geht beispielsweise, indem man beim Lesen der Bücher eines sexistischen Autors darauf achtet, wie dieser Frauen darstellt, und identifiziert, in welchen Aspekten die Darstellung nicht der Wirklichkeit entspricht.

Unsere Unterstützung als Teil des Problems?

Viele Menschen, die sich in großem Ausmaß an anderen schuldig machen, können das nur deshalb so lange und so oft unbescholten tun, weil ihre Macht und ihr Geld sie schützen. Nun hat Schiele natürlich nichts mehr von unseren Albertina-Besuchen; problematische Musiker:innen der Gegenwart profitieren aber durchaus von unseren Spotify-Streams. Dementsprechend sollte man es sich bei noch lebenden Künstler:innen zwei mal überlegen, ob man ihre Kunst in einer Weise konsumiert, die sie (finanziell) unterstützt. Hier ist Abwägen notwendig, denn wenn man jedes Buch, jedes Lied und jedes Kunstwerk vermeidet, dessen (lebende:r) Urheber:in einmal etwas falsch gemacht hat, bleibt vermutlich nichts mehr über. Zusätzlich sind die Fehler der Künstler:innen natürlich auch nicht immer öffentlich bekannt.

Werden diese Aspekte berücksichtigt, ist ein bewusster Umgang mit problematischer Kunst bzw. problematischen Künstler:innen möglich, der diese weder verharmlost, noch aus unserer Kultur auslöscht. Das wird in Zukunft immer relevanter werden, da sich die Gesellschaft zunehmend mit schädlichen Darstellungen verschiedener Personengruppen in Kunst und Kultur auseinandersetzt. Das Schaffen von Kultur war schließlich lange Zeit nicht allen Geschlechtern, allen Ethnien und allen Klassen in gleichem Maße zugänglich und ist es teils bis heute nicht. Das spiegelt sich in unseren Literaturklassikern, in unseren Museen und unseren Theatern wider. Umso wichtiger ist es, dass Kunst noch genossen werden kann, aber nicht blind gutgeheißen wird.

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