Zumindest alljährlich zum Start des Wintersemesters fluten die Studierenden nicht nur die Stadt – in normalen Jahren auch die Hörsäle und die Lokale Innsbrucks – Wellen, nicht nur von Erstsemestrigen, schwappen in den Südosten Innsbrucks. Eine Gegend der Stadt, die nur wenig einladend scheint, ist die Zeit für einen Badeausflug am Baggersee erst einmal vorüber.
Aber wie irre Insekten um einen Quell wärmenden Lichtes schwärmen Scharen angehender Studierender – oft mit ihren Eltern im Schlepptau – in das Gewerbegebiet im Südosten. Was sie lockt, ist der Duft von litauischen Pressspanplatten, überzogen mit einem Schimmer schwedischen Designs. Oft noch bevor das neue Zimmer in der neuen Stadt überhaupt betreten wurde, führen die Schritte junger Studierender sie ganz unweigerlich in die Hallen eines skandinavischen Möbelhauses. Es ist das Mekka der Inneneinrichtung, zu dem diese jungen Leute pilgern. Aber anders als die muslimischen Gläubigen, die am Ziel ihrer Wallfahrt die Kaaba siebenmal umrunden, steuern die kaufwütigen Kunden dort ihre Einkaufswägen durch das Labyrinth im Inneren des quaderförmigen Gebäudes, stets sicher geleitet durch vom Himmel geschickte Pfeile, die ihnen den Weg weisen, den ihre Füße tun sollen.
Wenn der Tempel ihrer Verehrung sie schließlich aus den Tiefen seiner Parkgarage ausspuckt, sind die Kofferräume der Anhänger dieses nordischen Kultes bis obenhin angefüllt mit in Karton verpackten Reliquien.
Angekommen im trauten Heim, bekommt dieses erst mit dem Aufstellen der eben erworbenen Möbel sein vertrautes Aussehen – das vertraute Antlitz, wie es die Studentenstadt zu Tausenden kennt. In den unzähligen WG-Zimmern in den winzigen Wohnheimbuden und zuletzt auch in den vollgestopften Kellerabteilen spiegelt sich von allen Seiten das nüchterne schwedische Design. Jeder der Bewohner dieser 1000 Zimmer will sich seine Heimstatt so persönlich wie möglich gestalten – und weil sie alle in persona zum gleichen Möbelhaus geströmt waren, ist die einzige persönliche Note ihre eigene Person.
Staubige Gesellen
In der Mitte des Raumes nun macht sich das Herzstück, der Götze der frommen Pilger breit. Als Raumteiler steht es dort. Ein Regal in seiner Form so vollendet wie ein… nein, es ist eine Klasse für sich, da kommen keine Vergleiche heran. Das Kallax-Regal. Würde man einem Kleinkind einen Stift in die Hand und den Auftrag geben, ein Regal zu zeichnen, das wäre das erwartbare Ergebnis. Plumpe Außenseiten, dick wie eine Eichenbohle und doch mit nichts gefüllt als Luft und Hartkarton. Die Fächer zwanghaft angeordnet wie eine Gefängniszelle neben der anderen. Platz genug für alles Mögliche – so richtig passend für überhaupt gar nichts. Einzig die – selbstredend im schwedischen Möbelhaus erwerblichen – Kisten und Fächer, scheinen, nein, sind für die leeren Quadrate des Kallax gemacht.
Zum Kallax in der Mitte gesellt sich höchst passend auch Billy, der verzogen und schief zusammengeschraubt an der Wand lehnt. Knappa baumelt von der Decke und spielt Tag und Nacht Fangen mit den quirligen Staubkörnern. Gewinnt jedes Mal. Seit Jahren, seit der Vor-vor-vor-Mieter sie dort aufgehängt hat, ist Knappa unbesiegt – ihre Trophäen abzustauben, hat sich nie jemand die Mühe gemacht, solange ihr trübes Scheinen noch das des Laptops auf dem schmalen Micke in der Ecke übertrifft.
In diesem Dämmerlicht, das den langen skandinavischen Winter in unseren Breiten das ganze Jahr über erlebbar macht, vergeht die Zeit fast wie unbemerkt. Zwar zeigt Rusch an der Wand sie gewissenhaft an, aber irgendwann erlöschen ihre Kräfte, und weil ohnehin niemand ihr Beachtung schenkt, bleibt sie dort über der Tür hängen, immer präzise auf den Zeitpunkt ihres Verlebens deutend.
Die Zeit in diesem Zimmer misst sich in anderen Dimensionen. Ein ganzes Leben seiner Möbel geht vorbei, ohne dass es jemandem auffiele. Aber der Punkt kommt, an dem Billy die Kräfte verlassen, Micke unter der Bücherlast einen Zusammenbruch erleidet und bei Knappa die Lichter ausgehen.
Es wird Zeit für einen Neuanfang, zu lange schon ist die Welt außen vor geblieben. Und das Tor zur dieser Welt ist blau, verziert mit gelben Lettern.