Zwischen Ikea Möbeln und sterbenden Pflanzen

von Anna Lena Tonner
Lesezeit: 4 min
Das Kinderzimmer hinter sich lassen, ausziehen und Verantwortung im WG-Leben übernehmen ist nicht für jeden was, und schon gar nichts für schwache Nerven. Irgendwann wird es soweit sein und als durchschnittlicher Student landest du mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in einer Villa in der Höttinger Au.

Willkommen in deiner ersten eigenen Wohnung! Die Strapazen der Wohnungssuche hast du erfolgreich hinter dir, den Mietvertrag unterschrieben und den Schlüssel in der Hand. Du bist frischgebackener Student und fest entschlossen, in eine WG zu ziehen. Die Gründe dafür können ganz vielseitig sein. Vielleicht wolltest du einen Tapetenwechsel, vielleicht findest du neben dem praktischen Grund der Kostenverteilung, dass es mit Anfang 20 nun wirklich an der Zeit ist, das traute Heim und deine liebgewonnene Komfortzone zu verlassen und dich in die Welt zu stürzen. Wenn wir dabei das kleine Problem außer Acht lassen, dass die Welt dich gerade gar nicht so gerne aufnehmen will, dann sollte deinem Abenteuer nichts mehr im Wege stehen.

Neue Stadt, neues Ich

Die Koffer sind gepackt, die Taschen stehen im Flur. Das ist nicht das erste Mal, dass ich meine sieben Sachen zusammenpacke, die Haustür hinter mir zuziehe und für eine Weile weg bin. Es ist aber wieder das erste Mal, seit einer gefühlten Ewigkeit, dass ich von Zuhause wegkomme, aus meiner Komfortzone, in der ich so gerne zu versinken versuche. Und da stehe ich nun, in einem (noch) eher kahlen Raum, in einer Wohnung, die meine Mitbewohnerinnen und ich nach langer, mühsamer Suche und etlichen Besichtigungen als die unsere erklärt haben, in einer Stadt, die ich noch nicht kenne. Ikea Kartons stapeln sich mehr oder minder stabil in der Ecke neben der Zimmertür, aber im Allgemeinen kann ich mir kaum vorstellen, dass ich die nächsten paar Jahre hier verbringen soll. Ich stehe da, sehe mich um und denke mir: „Das wird jetzt dein Zuhause werden.“ Es könnte zwar noch einige Zeit vergehen bis ich die Ikea „Songesand“ Kommode wirklich als meine eigene ansehe, eventuell sogar so viel, dass meine neuerworbene Monstera-Pflanze schon den Geist aufgeben wird (Rest in Peace, es tut mir leid), aber das sollte kein Hindernis darstellen – ich bin ausgezogen.

Ein Sprung ins kalte Wasser

Studentenzeit wird oft mit WG-Leben in Verbindung gebracht, und kaum jemand möchte diese Erfahrung missen, wird sie doch von so vielen rückblickend als die beste ihres Lebens dargestellt. Die Teenagerjahre neigen sich dem Ende zu und nicht wenige Erstsemestrige möchten weg von Zuhause, näher an die Uni, näher an das Leben. Dabei sind sich viele der Herausforderungen, die das Verlassen des Kinderzimmers mit sich bringt, nicht ganz bewusst.

Was bedeutet ausziehen? Kurz gesagt, vor allem Verantwortung übernehmen. Auch im Hinblick auf die neu gewonnenen Freiheiten. Wenn du deine Füße unter deinem eigenen Tisch hast, kann dir niemand mehr etwas vorschreiben. Niemand, nur du selbst. Wenn du geglaubt hast, dass du nach dem Lateinunterricht von Vokabeln lernen verschont bleiben wirst, hast du falsch gedacht – wer den Schritt zum Ausziehen wagt, lernt ein ganz neues Vokabular kennen. Zwischen Mietvertragsklauseln, die dir nichts sagen, Telefonaten mit deinem Internetanbieter, weil Netflix mal wieder hängt und Stromabrechnungskosten, die in die Höhe schnellen, kommen Probleme auf, die du plötzlich allein lösen sollst. Und das schaffst du meistens auch. Ausziehen gehört zum Erwachsenwerden dazu, und auch dass man anfangs noch wenig Ahnung von Wasserboilern, Stromkästen und der Abzugshaube hat. Selber putzen, selber kochen. Das machst du mit 20 wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, aber eventuell das erste Mal auf dich allein gestellt, denn auch die Putz- und Lebensmittel müssen erst besorgt werden, und stehen nicht schon zum Greifen bereit. Vermisst du jetzt schon das Hotel Mama?

Von Horrorgeschichten bis zu Freundschaften, die fürs Leben halten

Wenn vom WG-Leben die Rede ist, dann erscheinen vor deinem inneren Auge höchstwahrscheinlich stapelweise Pizzaschachteln und 100 Glasflaschen mit fraglichem Inhalt. Putzpläne an der Wand neben dem Kühlschrank, an die sich keiner hält und die Klopapierrolle hat natürlich auch mal wieder niemand gewechselt. Reibereien, Uneinigkeiten und Partys während der Klausurenphase. Klare Grenzen und Regeln braucht es nicht nur Zuhause, ohne sie sind Streitigkeiten vorprogrammiert. Wenn man sich nicht ständig aus dem Weg gehen muss, lebt es sich leichter.

Durch die Pandemie haben Wohnungen einen ganz anderen Stellenwert bekommen als noch zuvor. Es ist 2022 und es kann gut sein, dass du zehn Tage lang das Haus nicht verlassen darfst. Dementsprechend spielen die Menschen, mit denen du dir eine Wohnung teilst, eine große Rolle. Im Vergleich zum Kinderzimmer zuhause, kann man sich seine Mitbewohner in einer Wohngemeinschaft sehr wohl selber aussuchen, und das sollte keineswegs leichtfertig geschehen: wenn man zusammenwohnt, dann lebt man auch gemeinsam. Mit meinen besten Freundinnen zusammenzuziehen war wohl die beste Entscheidung, die ich in den letzten Jahren getroffen habe. Die Stunden, die man gemeinsam verbringt, sind wertvoll. Die Zeit vergeht eh viel zu schnell, wie schade wäre es, sie mit Menschen zu verbringen, mit denen man sich nicht wohlfühlt.

Jetzt bin ich schon ein paar Monate in Innsbruck. Ob ich nun mein Kinderzimmer oder mein WG-Zimmer betrete, es läuft für mich aufs Gleiche hinaus. Ich bin Zuhause.

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