Zeit totschlagen? Das kann ich. Musste ich während der vier Lockdowns, in die Österreich seit Anfang der Pandemie gegangen ist, mühsam lernen. Mein Zeitvertreib: Ich setze Puzzles zusammen. Backe Brot, Sauerteig. Brate Bananen. Geh in der Nachbarschaft spazieren. Mache Yoga. Applaudiere dem Gesundheitspersonal. Nicht sehr originell. Aber leicht zu erledigen. Zeit totschlagen, sagen wir. Klingt nicht gerade fröhlich. Sinnvoll? Naja.
Aber ist das wirklich Leben? Oder eher überleben?
Zugegeben, dass ist jetzt ein bisschen zugespitzt gefragt. Aber was ist ein Leben ohne Restaurant – oder Barbesuche, ohne Konzerte, Theater, Sportveranstaltungen, Reisen und Partys? Ohne neue Entdeckungen. Ohne abends mit Kollegen auf den geschafften Tag anstoßen zu können. Bald fad.
Schlechte Entscheidungen dank Langeweile
Da wird’s heikel. Langeweile führt öfter zu impulsiven und dann oft schlechten Entscheidungen. Wie sich selbst Fransen zu schneiden. Die Haare färben. Beweismaterial solcher Verzweiflungstaten zerstören. Aber mal im Ernst: Aufgezwungene Langeweile kann der Seele schaden.
Schon die ersten Corona-Monate waren schwierig. Mir ging es wie vielen anderen – die Pandemie-Tristesse raubte mir Energie, ging mir auf die Nerven, förderte Schwermut. Dabei war ich eine der Glücklichen. Zwar lebte ich alleine, zu der Zeit im Ausland. Aber ich hatte ein großes soziales Netzwerk, das mich virtuell unterhielt. Auch hatte ich die Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten und musste mir nie Sorgen um eine Lohnkürzung machen.
Aber wenn ich ehrlich bin, war es nicht genug.
Ich verbringe gerne Zeit mit mir selbst. Ich brauche solche “Auszeit” sogar. Aber was passiert mit einem, wenn man nicht mehr die Freiheit hat rauszugehen? Wir sind in unserer Gesellschaft so stolz auf unseren Individualismus. Aber irgendwann kommen wir an Grenzen. Einsamkeit holt uns unvermutet ein. Mit zunehmendem Energieverlust wird es nur schlimmer. Etwas, mit dem ich ungut zurechtkomme. Ich habe das Gefühl, mir selbst abhanden zu kommen. Ich bin dann nicht mehr ich.
Also suchte ich nach Auswegen.
Insta-Blogs und TikTok Videos vermieden
Ich vermied die absorbierenden Aktivitäten, mit denen auf Insta-Blogs und in TikTok Videos geworben wird und versuchte, mir etwas eigenes einfallen zu lassen.
Ich schlief aus. Trieb mit Freunden über Skype regelmäßig Sport. Wir schalteten das gleiche Trainingsvideo an und litten zusammen durch endlose Ausfallschritte, Burpees und Liegestütze. Danach haben wir uns stundenlang unterhalten, gemeinsam zu Mittag oder Abend gegessen. Ich schaute Filme “mit” meiner Schwester in England – als Netflix-Party. So konnten wir, obwohl wir nicht im selben Raum waren, die gleichen Erfahrungen teilen. Ich lud Online-Gaming-Apps herunter und spielte WordSearch, Boggle und Scrabble gegen Fremde im Internet. Zwischendurch legte ich das Handy ganz weg. Hörte Musik. Las Bücher. Endlose viele. Fast täglich eins. Über alles mögliche. Sachbücher. Belletristik.
Eins hatte aber einen besonders großen Effekt auf mich. “Maybe You Should Talk to Someone”. Eine Geschichte über eine Therapeutin und ihre Patienten. Das Buch motivierte mich, selbst einen Therapeuten aufzusuchen. Endlich verstand ich, was ich anderen seit Jahren predigte: Es gibt keinen Grund, der zu gering wäre, um anzufangen. Ein guter Therapeut ist wie ein Coach. Die Sessions helfen zu besserem Selbstverständnis. Warum etwas vermeiden, das zu mehr Weiterentwicklung führt?
Geduld gefragt
Einen Haken gibt’s aber. Therapieplätze sind rar. Meist kommt man beim Ansuchen auf eine lange Warteliste. Mitunter für Monate. Und dann kostet es einiges. Krankenkassen nehmen einem gerade mal ein paar Euro der Kosten ab.
Also muss man einen Weg finden, sich selbst zu helfen. Und sich von anderen aus dem eigenen Umfeld helfen zu lassen… Damit man nicht vor der ersten Schwimmstunde ertrinkt. Aber das kann was sein: Sich wieder mehr aufeinander einzulassen, sich Zeit füreinander nehmen, sich zuhören, sich einfühlen, Empathie stärken, Wertschätzung ausdrücken und dafür selbst wertgeschätzt werden. Verbindung aufbauen. Vertrauen stärken. Freundschaften stärken.