Die Innsbrucker Innenstadt ist überlastet. Der Individualverkehr nimmt den Bürger:innen wichtige Begegnungszonen und verstopft zunehmend das Stadtbild. Der Wunsch zur Verkehrswende wird immer lauter, einige Parteien setzen sich in der Stadtregierung vermehrt für das Neudenken der zur Verfügung stehenden Flächen ein. Bürgermeister Georg Willi hat selbst im Interview mit UNIpress über den nötigen Wandel der Mobilität gesprochen: “Unser großes Ziel ist, dass wir bei der Mobilität moderner werden. Ich merke es bei den jungen Leuten: Diese organisieren sich ihre Mobilität ganz anders. Die brauchen in der Regel kein Auto und wenn doch, dann leihen sie es sich für den Zeitraum, in dem sie es brauchen, aus. Eine menschengerechte Stadt hat kurze Wege, da ist es auch attraktiv zu Fuß zu gehen.”
Also gehe ich zu Fuß. Von der Universität Innsbruck aus flaniere ich auf der Anichstraße in Richtung Innenstadt. Rund um mich herum befinden sich kleine Erholungszonen. Mit zig anderen Menschen spaziere ich die Straße entlang, gemeinsam erobern wir ein Stück der Stadt zurück. Kurz vor der Maria-Theresien-Straße sitzen Menschen in kleinen Inseln und trinken Kaffee. Die neu gepflanzten Bäume spenden den Ruhenden Schatten und verringern gleichzeitig die hohe Temperaturbildung am Boden. Denn der Asphalt kann im Sommer mal gut und gerne 60 °C erreichen. Die Bäume verhindern jedoch die direkte Einstrahlung und unterbinden damit das Aufheizen der Stadt.

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Ich setze mich in eine der Inseln, bestelle einen Kaffee und beobachte das Treiben der Menschen. Ähnlich wie in der Maria-Theresien-Straße, ist der Kaufrausch der Meute auch hier unbändig. Schon seit längerem gibt es Studien, die aufzeigen, dass vor allem der Handel von neu errichteten Fußgängerzonen profitiert. Denn Menschen, die sich gern in der Innenstadt aufhalten, sind auch gute Kund:innen.
Ich setze meinen Spaziergang fort in Richtung Marktplatz. Der aufkeimende Lärm der Autos ist verschwunden, auf der Kreuzung stehen zwei Basketballkörbe, die von einigen Jugendlichen bespielt werden. Unweit entfernt sitzen Menschen unter Bäumen inmitten der ehemals intensiv befahrenen Straße. Die ansonsten stark überfüllten Treffpunkte Marktplatz, Landhausplatz und Maria-Theresien-Straße haben ihre Besucher:innen freigegeben und auf die ganze Stadt verteilt. Denn die Innenstadt ist zu einer riesigen Begegnungszone für ihre Bewohner:innen geworden. Nur sehr wenige Autos suchen sich im Schritttempo ihren Weg durch die Innenstadt, denn das Anfahren der eigenen vier Wände soll auch in einer verkehrsberuhigten Innenstadt möglich sein.
Den großen Vorbildern auf der Spur
Städte mit bedeutend mehr Einwohner:innen als Innsbruck haben die ersten Schritte für die Rückgewinnung des öffentlichen Raumes bereits in die Wege geleitet. Besonders Barcelona und Paris zeigen, dass eine Neustrukturierung des Verkehrs und eine Umwidmung der wertvollen Räume einer Stadt zu einer erhöhten Lebensqualität führen können. Und dabei bedeutet Autofrei nicht gleich Autofrei: Autos werden nicht per se verboten, sondern stehen in der zukünftigen Verkehrsplanung nicht mehr an erster Stelle. Früher wurden Städte meist mit dem Fokus auf Individualverkehr gebaut. Diese Denkweise wird in der Verkehrswende verändert, der Individualverkehr wird dem öffentlichen Verkehr weichen müssen. Autos dürfen dann immer noch in die Innenstadt reinfahren, überirdisches Parken wird es in Zukunft aber wohl nur mehr selten geben – dafür soll der Ausbau von Tiefgaragen und Parkhäusern sorgen.

Foto: Ajuntament de Barcelona
Konzepte für eine autofreie Innenstadt gibt es genügend: Die Millionenmetropole Barcelona hat vor kurzem sogenannte Superblöcke geschaffen, in denen Autos letztrangig behandelt werden. Fußgänger und Radfahrer haben Vorfahrt, der öffentliche Raum als Treffpunkt steht im Mittelpunkt. Die Straßen werden umgewidmet und für die Bevölkerung aufbereitet. In Paris hingegen, einer vormals vom Verkehr gezeichneten Metropole, steht nun alles im Zeichen der 15-Minuten-Stadt. Dieses Prinzip geht davon aus, dass eine Stadt nur dann lebenswert ist, wenn alle wichtigen Bedürfnisse wie Einkaufen, Freizeit und Arbeit innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen sind. Um dies zu bewältigen, werden Straßen für Fußgänger und Radfahrer umgebaut.
Innsbruck im Wandel
Der Individualverkehr verbraucht ungemein viel öffentlichen Platz in der Innsbrucker Innenstadt. Dort wo normalerweise drei Autos bis zu 23 Stunden am Tag den Raum blockieren, könnte ich jetzt mit 17 anderen Menschen in der Sonne sitzen. Knapp 10.000 Fahrzeuge können derzeit in der Innsbrucker Innenstadt parken. Die abgestellten Autos nehmen dadurch der Allgemeinheit eine Fläche von etwa zehn Fußballfeldern weg. Die Stadtregierung will in Zukunft diesen Platz wieder zurückgewinnen, die Autos dürfen dann nur mehr unterirdisch geparkt werden. Eine entsprechende Machbarkeitsstudie für ein autofreies Innsbruck wurde vor einiger Zeit vorgestellt, die finale Umsetzung wird sich in den kommenden Jahren zeigen.