Streamen statt Strebern – Serienempfehlungen für den Lockdown

von Kristina Kerber
Lesezeit: 7 min
Draußen mag es zwar kalt sein, aber Netflix läuft in Winterstunden heiß. Für diejenigen, die nicht gerade mit fleißigem Lernen, Prokrastinieren oder Lesen der UNIpress-Artikel beschäftigt sind,  gibt es hier ein paar Serienempfehlungen für den (nicht ganz so) verlockenden Lockdown.

Für rührselige Horrorfanatiker – Haunting of Hill House

Bild: Netflix

Halloween ist zwar schon vorbei, aber wenn wir irgendetwas aus den vergangenen zwei Jahren gelernt haben, dann dass der Horror nie ein Ende hat. Gezittert wird momentan genug, sei es dank Notendruck, Regierungsentscheidungen oder Väterchen Frost, aber wer hier einschaltet, der wird vom Adrenalinkick kuschlig warmgehalten. In dieser Netflix Serie von Horror-Connaisseur Mike Flanagan – der übrigens auch für die ein oder andere Film- und Serienempfehlung hermacht – durchlebt man in acht Episoden alle Stadien der Trauer, die für ein kunterbuntes Hin- und Her von Tränen, Alpträumen und Familientragödien sorgen. Zwar handelt es sich hierbei um eine Horrorserie, die selbst eingebürgerte Horrorenthusiasten aufschrecken lässt, allerdings steht auch Herz im Mittelpunkt – und zwar nicht nur herausgerissene Herzen à la Slasherfilm, sondern das Herz einer Familie, deren Geschichte in herzergreifenden charakterzentrierten Szenen aufgearbeitet wird. Da verdrückt sogar der ein oder andere Geist hin und wieder ein Tränchen.

Wo? Netflix

Wie? Mit Geistern im Rücken und Taschentüchern im Schoß

Für sexbegeisterte Philosophen – Fleabag

Bild: Amazon

Bei dieser Serie wird nicht nur die Fourth-Wall, sondern auch der ein oder andere Lachmuskel gebrochen – zumindest, wenn man nicht gerade mit Kopfschütteln, Nachdenken oder Tränen Verdrücken beschäftigt ist. Geschrieben und gespielt von der göttlich-genialen Phoebe Waller-Bridge fand die Serie ihren Start als One-(Wo)man-Show auf der Bühne, daher auch die an die Kamera gerichteten zynischen, ungefilterten und vor allem prägnant brillanten Kommentare, die der Serie ihren besonderen Charme verleihen. Beschrieben werden kann die Serie als Charakterstudie einer geborenen Antiheldin, die inmitten von Tragödien mit Zynismus, Zigaretten und Zungenspielen in zweierlei Hinsicht ihr Londoner Leben navigiert. Geprägt von vergangenen Erfahrungen, Traumata und Beziehungen jeglicher Form, steht die namenlose Protagonistin „Fleabag“ mit beiden Beinen im Leben – wenn sie nicht gerade in irgendeinem Bett liegt oder gegen irgendeine Wand gedrückt wird. Vor allem in der zweiten Staffel bekommen Daddy Issues gleich eine komplett neue Bedeutung; Angehörige jeglicher Religionsgemeinschaft oder auch all diejenigen, die ihnen entflohen sind, seien somit gewarnt.

Wo? Amazon Prime

Wie? Mit einer Flasche Wein

Für Redditoren – Community

Bild: Amazon

Wenn wir schon von Fourth-Wall-Breaks und Metahumor sprechen, darf natürlich der Kultklassiker unter zertifizierten Cinephilen nicht fehlen – mit Community wurden nicht nur sechs (minus eins) legendäre Staffeln in die Tiefen des Internets eingebrannt, sondern auch Memes für die Ewigkeit geschaffen. Gekrönt soll das Ganze dann mit einem Film werden, der in der Serie selbst als eine hoffentlich selbsterfüllende Prophezeiung fungiert. Zwar spielt die Serie in einem – wie der Name erahnen lässt – Community College, aber wer denkt, dem eigenen Uni-Alltag nicht entfliehen zu können, liegt so falsch wie die Antworten in meiner letzten Prüfung. Der Humor lässt sich nur als eine Mischung aus surrealer Innovation, grenzdebiler Genialität und Internet-Insidern beschreiben, die jede Folge zu einer eigenen Geschichte werden lässt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Serien bietet Community nicht nur ein Set aus liebenswerten Charakteren, die jeweils kontinuierliche Handlungsstränge verfolgen, sondern auch mehr Vielfalt als jegliche Corona-Variation.

Wo? Netflix

Wie? Mit Popcorn und Popkultur-Referenzen

Für theatralische Musicalenthusiasten – Crazy Ex-Girlfriend

Bild: The CW Network

Wer diese Serie schaut, hat einen Song für jede Lebenslage parat – sei es mit dem Chef im Aufzug festzustecken, ein UTI als Liebesbeweis zu erhalten, nach stundenlangem online Stalking Eskapaden einen Drogendeal aufplatzen lassen wollen oder einfach nur eine Reihe von mit Musik untermalten Mental-Breakdowns zu durchleben. Die Prämisse einer arbeitswütigen New Yorker Karrierefrau, die für ihre erste große Liebe in eine Kleinstadt zieht, mag zwar auf den ersten Blick sehr klischeeverseucht wirken, aber eigentliches Ziel der Serie ist es, jegliche Rom-Com Stereotypen mit geistreichem Humor in Musicalformat auszumerzen. Zwar fliegen gewisse Witze nicht über den Kopf, sondern landen direkt im Gesicht, so sind es aber genau diese Musicalnummern, die einem noch Wochen später in den unpassendsten Momenten im Kopf herumschwirren. Bei Crazy Ex-Girlfriend handelt es sich allerdings nicht nur um ein Genre definierendes feministisches Comedy-Manifest, sondern auch um eine tiefgründige Reflektion unserer Gesellschaft, bei der vor allem auch Themen wie Mental-Health erstaunlich sensibel und dennoch realistisch dargestellt werden. An erster Stelle ist die Serie jedoch schräg auf eine Weise, auf die eine Serie nur schräg sein kann, die ABBA Parodien über Penisse, La La Land Parodien über Antidepressiva und 80s-Pop inspirierte Songs über Coming Outs vorzuweisen hat.

Wo? Netflix

Wie? Mit Ohrwurm und Jazzhands

Für depressive Galgenhumorvertreter – BoJack Horseman

Bild: Netflix

Wer würde nicht gerne von einem sprechenden Pferd vorgeführt bekommen, wie das Leben auf einem herumreitet? Erstaunlich tiefgründig ist die Serie, die für ihren herrlich degenerierten und gleichzeitig unerwartet scharfsinnigen Humor bekannt ist. Die Prämisse eines ausgebrannten ehemaligen Hollywoodstars, der sich nicht nur in einer Midlife-Crisis, sondern auch inmitten von Süchten aller Art befindet, lässt zunächst auf eines von zweierlei Dinge hoffen: zum einen auf ein düsteres Drama von Hollywood und dessen Schattenseiten und zum anderen auf eine Sitcom über einen pseudo-arroganten ins Leben geschmissenen Antihelden mit mehr Schichten als eine mutierte Zwiebel. BoJack schafft es jedoch, beides gleichzeitig zu porträtieren und inmitten all des Chaos für einige der gedankenreichsten und realistischen Darstellungen von Mental-Illness zu sorgen. Gefüttert mit einem exzellenten Voice-Cast und endlosen Voice-Cameos ist die Serie mehr als nur eine Show über ein sexbesessenes sprechendes Pferd.

Wo? Netflix

Wie? Mit Telefon-Seelsorge auf Schnellwahl

Für verbrechenhassende Pun-Liebhaber – Brooklyn Nine-Nine

Bild: NBC

Gestaltet im klassischen Sitcom Format bietet die Cop-Show ein buntes Ensemble an multidimensionalen, erinnerungswürdigen und vorrangig hysterischen Charakteren, die aus amüsiertem Schnauben ein herzhaftes Lachen zaubern können. Zwar spricht die Serie auch ernste Themen wie Rassismus, Polizeigewalt, Homophobie und weitere wichtige soziale Probleme an, vorrangiges Ziel der Serie ist es allerdings, die Lachmuskeln zu trainieren, bis es wehtut. Eingebürgerte Comedy-Legenden unserer Generation geben in der Serie ihr grenzgeniales Timing zum Besten und wer auf viele bekannte Gesichter hofft, ist bei dieser Show genau richtig. Brooklyn Nine-Nine folgt dem simultan genialen und kindsköpfigen Detektiv Jake Peralta, der unter der Führung des stoisch-strengen Polizeikapitäns Raymond Holt für Compilation-würdige Unterhaltung sorgt. Bei dieser Show bleibt Langeweile hinter Schloss und Riegeln.

Wo? Netflix

Wie? Mit Handschellen und guter Laune

Für die zynischen Turteltäubchen – Lovesick

Bild: Netflix

Wer How I Met Your Mother mag, wird die britische und etwas bodenständigere Variante lieben. Ursprünglich passend betitelt als „Scrotal Recall“ geht es in der Sitcom um Dylan, der nach einer Chlamydien-Diagnose alle seine Ex-Freundinnen anrufen muss und im Zuge dessen alle vergangenen Beziehungen Revue passieren lässt. Wie es sich für eine Sitcom gehört, stehen ihm dabei seine drei besten Freunde zur Seite, die mit ihren unterschiedlichen und doch kompatiblen Persönlichkeiten glänzen und für das ein oder andere Serienhighlight sorgen. Gepolstert mit Love-Triangles, Stammbars und Beziehungswirrwarrs ist die Serie ein echter Diamant für alle, die auf der Suche nach einer klassischen Sitcom sind, die dennoch realitätsnah und originell ist. Auch Emotionen kommen trotz dem konstanten Humorlevel nicht zu kurz und so kann es definitiv mal vorkommen, dass es eine valentinstagswürdige Packung zuckersüßer Pralinen braucht, um das Salz der eigenen Tränen wieder ausgleichen zu können. Was gibt es Schöneres als in seiner eigenen Misere vom Lieben und Leiden Anderer erheitert zu werden?

Wo? Netflix

Wie? Mit Schokolade und Kuscheldecke

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