Ein Jahr Corona und (k)ein Ende in Sicht

von Anna Kirchgatterer
Lesezeit: 7 min
„Man kann davon ausgehen, dass es im Sommer besser wird“, meint Prof. Günter Weiss im Gespräch über die Studie in Schwaz, Sport und den kommenden Sommer.

UNIpress: Anfang Februar haben Sie sich gegen eine Isolation Tirols ausgesprochen. Mittlerweile ist die Anzahl der mit der „südafrikanischen“ Virusvariante B.1.351 infizierten Personen zurückgegangen und im Bezirk Schwaz hat die Impfung begonnen. Ist die Lage unter Kontrolle?

Weiss: Zu dem Zeitpunkt Anfang Februar, als diese Mutationen aufgetreten sind, hat man die schon in ganz Europa an verschiedenen Orten nachgewiesen. Deshalb ging es auch nicht mehr darum, diese zu verdrängen, die waren da schon eine Begebenheit. Es ging darum und das macht man bei jedem Infektionsgeschehen zu versuchen, die Infektionszahlen zu reduzieren und die Ausbreitung einzudämmen. Das heißt, ich muss diejenigen testen, die Symptome haben, rasch ein entsprechendes Contact Tracing betreiben, die Impfungen vorantreiben und die Leute auffordern, die Hygieneregeln einzuhalten, auch wenn diese den Menschen schon beim Hals heraushängen. Um die Lage unter Kontrolle zu bekommen, muss ich auf lokale Maßnahmen setzen.

Bei einer Virusmutation bleiben jene Viren über, die einen entsprechenden Vorteil haben, also entweder ansteckender sind oder Menschen wieder befallen können, die schon einmal eine Infektion hatten. Wir sehen das auch bei der britischen Mutante, die jetzt die dominierende in Österreich ist. Sie bleibt übrig, weil sie einfach ansteckender ist. Und das zweite Problem beim britischen Virus ist, dass die Infektionen mitunter schwerer verlaufen und so die Zahlen aus England häufiger zu Todesfällen führen.

Mutationen sind Teil einer Virusinfektion und Teil des pandemischen Geschehens. Wir müssen versuchen, die Infektionszahlen so gut wie möglich unter Kontrolle zu bringen, aber auch lernen, mit dem Virus zu leben und einen pragmatischen Zwischenweg finden zwischen Schutz, Infektionsbekämpfung und einem halbwegs normalen Leben für die Bevölkerung.

UNIpress: In Schwaz haben sich 76% der Impfberechtigten zur Impfung angemeldet. Ist das genug?

Weiss: Das ist meiner Meinung nach eine sehr hohe Zahl. Man wird im weiteren Verlauf sehen, inwieweit eine so hohe Durchimpfungsrate in einer relativ kurzen Zeit einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen generell hat und wie schnell es dann zurückgeht. Man muss den Leuten aber auch sagen, dass es eine Zeit dauert, bis eine Impfung einen entsprechenden Schutz bietet. Da kann man von zwei bis drei Wochen ausgehen. Man muss sich auch weiterhin an die entsprechenden Umgangs- und Hygieneregeln halten, um zu verhindern, dass man sich infiziert oder die Infektion weitergibt.

UNIpress: Ohne etwas verharmlosen zu wollen: Nach einer Recherche der Zeit, veröffentlicht am 17. Februar 2021, sind zwischen 20 und 30 Prozent der Menschen, die in der offiziellen Statistik Deutschlands, bzw. des Robert-Koch-Instituts als stationär behandelte Corona-Patienten geführt werden, nicht wegen Corona im Krankenhaus. Sie wurden zufällig positiv getestet, etwa Schwangere oder verunfallte Personen. Gibt es für Österreich, bzw. für Innsbruck, ähnliche Zahlen?

Weiss: Nicht alle Patienten, die Corona-positiv sind, sind wegen dieser Erkrankung im Krankenhaus. Es kann natürlich sein, dass jemand einen Herzinfarkt hat oder von einem Baugerüst fällt und dann stellt sich heraus, dass er Corona-positiv ist. Das ist ein Phänomen, das wir weltweit sehen und auch hier haben. Für genaue Zahlen müssten Sie die AGES fragen.

UNIpress: Ernährung, Sport und genügend Schlaf werden auch bezüglich einer Coronainfektion immer wieder als Faktoren genannt, um diese besser überwinden zu können. Viele Möglichkeiten, Sport zu machen, sind in den letzten Monaten weggefallen. Sollte auf diese Faktoren mehr Rücksicht genommen werden, besonders auch mit Blick darauf, dass uns das Virus noch länger beschäftigen könnte?

Weiss: Prinzipiell hat sich gezeigt, dass regelmäßige körperliche Tätigkeit das Risiko für schwere Verläufe von Virusinfektionen wie Influenza minimiert. Wir sind von Anfang an dafür eingetreten, dass die Leute auch Bewegung im Freien machen können, da dies nicht nur positive Effekte auf das Immunsystem, sondern natürlich auch auf die psychische Gesundheit hat. Insofern ist es wichtig, den Leuten die Möglichkeit zu bieten, im Freien zu sein oder auch Sport zu machen. Gute Ernährung ist immer ein Punkt, der gebracht wird, wobei immer die Frage ist, was man darunter versteht. Sie scheint aber mitunter eine Rolle zu spielen. Das Sonnenlicht spielt auch eine Rolle, vor allem in der kalten Jahreszeit. Vitamin-D-Mangel ist mit einem erhöhten Infektionsrisiko assoziiert. Eine gesunde Lebensweise ist wichtig, Raucher zum Beispiel haben ein höheres Risiko, an Corona zu erkranken. Auch der Body-Maß-Index spielt eine Rolle.

UNIpress: Österreich ist Testweltmeister. Ist das viele Testen der richtige Weg?

Weiss: Man muss das differenziert sehen. Die Massentestungen, also möglichst viele Menschen an einem Tag zu testen, haben sich als nicht sehr effektiv erwiesen und konnten das Infektionsgeschehen nicht zurückdrängen. Diesbezüglich gibt es auch Daten aus anderen Ländern, wie zum Beispiel der Slowakei oder Südtirol. Wichtig ist, dass die Menschen niederschwelligen Zugang zum Testen haben, wenn sie Symptome haben. Sinn macht es auch, in sehr vulnerablen Bereichen zu testen, wo die Leute noch nicht geimpft sind, sei das jetzt im Krankenhaus oder in Alten- und Pflegeheimen. Aber es ist nicht zwingend notwendig, in allen Bereichen einen Test zu machen. Bei den Selbsttests hat man darüber hinaus auch keinen Einblick, wie gut diese durchgeführt wurden.

Niederschwelliger Zugang zu Tests macht Sinn, man muss aber überlegen, wo und wie viele Testungen in gewissen Bereichen wirklich zur Beherrschung des Infektionsgeschehens beitragen. Man hat viele Testkapazitäten hochgefahren, um eine gewisse Normalität begleitend zu ermöglichen. Da ist es natürlich auch wichtig, eine gewisse Konsistenz zu wahren. Es versteht niemand, dass ich zwar für den Friseur einen Test brauche, aber ich brauche zum Beispiel keinen Test, wenn ich zum Zahnarzt gehe. Wenn man schon so viel testet, muss man auch evaluieren, was das wirklich bringt. Dazu kommt auch eine falsche Sicherheit. Der Test ist eine Momentaufnahme, findet aber aufgrund der geringen Empfindlichkeit nicht alle Infizierten. Wenn man negativ getestet ist, heißt das nicht, dass man zu diesem Zeitpunkt nicht infektiös ist, zudem kann das am nächsten Tag schon wieder ganz anders aussehen. Unterm Strich kann es passieren, dass ich das, was ich durch die Tests gewonnen habe, indem ich einige Infizierte finde, durch die entsprechende Sorglosigkeit mit mangelnden Hygienemaßnahmen aufgrund des negativen Tests dann wieder verliere.

UNIpress: Testen bevor ich auf ein Bier gehe – macht das Sinn?

Weiss: Durch das Testen fischt man – wie gesagt – ein paar Infizierte heraus, aber wenn die Leute letztendlich eng beisammensitzen und doch ein Positiver dabei ist, dann ist der Effekt vom Testen wieder aufgehoben. Im Endeffekt scheinen die Hygienemaßnahmen und die Kontaktregeln deutlich sinnvoller zu sein. In Österreich wird versucht, einen Mittelweg zu gehen. Ob der erfolgreich ist, wird man sehen.

UNIpress: Wir „feiern“ jetzt bald den ersten Jahrestag des Lockdowns. Wann haben Sie erkannt, dass das Coronavirus unser aller Leben beeinflussen wird?

Weiss: Das war im Jänner klar. Allerdings war mir da noch nicht klar, dass es derartige Auswirkungen haben wird. Man ist eher davon ausgegangen, dass es auch bei uns immer wieder Fälle geben wird. Dass bereits Mitte Februar das Virus in ganz Europa verbreitet war und es eben auch zum Beispiel in Italien schon besonders viele Fälle gab, das haben wir erst zu dieser Zeit bemerkt. Ab Mitte/Ende Februar hat sich herauskristallisiert, dass das etwas ist, das uns noch lange beschäftigen wird. Das hat sich leider bewahrheitet. Überraschend war auch, dass die Vehemenz der zweiten Welle so stark war und so früh gekommen ist. Was auch überraschte, ist der Umstand, dass es jetzt schon so viele Mutationen gibt und sich diese laufend verändern und auch das Verhalten des Virus sich dadurch verändert.

UNIpress: Auch der Alltag der Studierenden ist von der Pandemie stark betroffen. Wir haben viel mitgetragen, aber langsam geht uns wie so vielen anderen auch die Luft aus. Gibt es etwas, das Sie jungen Menschen mitgeben möchten?

Weiss: Es ist für alle Gesellschaftsschichten eine große Herausforderung. Sowohl was das Gesundheitliche, das Psychische, das Soziale, aber auch die wirtschaftlichen Ängste betrifft, die vorhanden sind. Das schwierige ist die Pandemiemüdigkeit, die sich eingeschlichen hat. Im Endeffekt geht es dann besser, wenn wir uns an diese Regeln halten und versuchen, durch die Maßnahmen und die Kontaktbeschränkungen eine weitere Ausbreitung zu verhindern und so schrittweise wieder in Richtung Normalität gelangen. Wenn man dann zum Inn geht und sieht, dass da Hunderte nebeneinander sitzen, ohne sich um irgendwelche Abstands- oder Hygienemaßnahmen zu scheren, dann ist das natürlich etwas, das dem weiteren Geschehen abträglich ist. Es prolongiert die Pandemie und betrifft somit auch jene Studierenden und jungen Menschen, die sich an die Maßnahmen halten. Man kann wohl davon ausgehen, dass es im Sommer besser wird – einerseits durch die Jahreszeit und zweitens auch natürlich durch die vermehrte Durchimpfungsrate. Ich glaube, jeder kann seinen Beitrag leisten und diese Pandemie kann nur gelöst werden, wenn alle an einem Strang ziehen.

Viele sind ob der Einschränkungen im täglichen Leben aufgrund der Pandemie erschöpft. Der Weg, den man gehen muss, ist ein schwieriger. Es ist ein Balanceakt, einerseits entsprechende Vorsicht walten zu lassen, um dann aber andererseits schrittweise den Menschen wieder ein normales Leben zurückzugeben.

UNIpress: Was sind Ihre ersten Pläne, wenn es wieder ruhiger geworden ist?

Weiss: Mit meiner Familie essen gehen.

UNIpress: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Günter Weiss ist Direktor der Univ.-Klinik für Innere Medizin VI mit den Schwerpunkten Infektiologie, Immunologie, Rheumatologie und Pneumologie. 1996 habilitierte er sich für Medizinische Biochemie und 1999 für Innere Medizin. Er ist außerdem Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin und u.a. gewähltes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie.

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