Klingt verrückt, ist aber wahr: Einige Pflanzen können unter Stress tatsächlich akustische Signale abgeben. Diese Geräusche sind aber sehr leise und können nur mit speziellen Geräten wie empfindlichen Mikrofonen erfasst werden. Forschende der Universität Tel Aviv unter der Leitung von Molekularbiologin Lilach Hadany haben in einer Studie Geräusche von Tomaten- und Tabakpflanzen, aber auch von Mais und Weizen oder Kakteen, Wein und Taubnesseln, aufgenommen und genau analysiert. Unter Stressbedingungen, wie beispielsweise Trockenheit, Krankheiten oder Raubtieren, können die Pflanzen tatsächlich akustische Emissionen produzieren. Was Stress in Pflanzen auslöst, ist von Art zu Art unterschiedlich.
Wie hören sich gestresste Pflanzen an?
Laut Hadany und ihrem Forschungsteams können sich manchmal kleine Luftbläschen im Wasserleitungssystems einer Pflanze, in der Fachsprache „Xylem“ genannt, bilden. Dieses Phänomen trägt den Namen „Cavitation“. Wenn Pflanzen unter Wassermangel leiden, kann Luft in die Xylemgefäße eindringen. Beim Platzen dieser Luftbläschen entstehen Vibrationen, die dann ein leises Plop-Geräusch erzeugen. Und das passiert nicht mal selten. Ungestresste Pflanzen geben weniger als einen Laut pro Stunde von sich, während gestresste Pflanzen anscheinend ununterbrochen die Stimme erheben. Pflanzen, die aus Trockenheit schreien, geben ungefähr 35 Klicklaute pro Stunde von sich, bei verletzten Pflanzen sind es 24 Klicklaute.
Wer sich jetzt fürchtet, dass er wegen der Hilfeschreie der Pflanzen im WG-Zimmer um den Schlaf kommt, dem kann ich an dieser Stelle die Angst nehmen. Die Geräusche, die die Pflanzen erzeugen, sind ungefähr so laut wie ein normales Gespräch, jedoch sind die Töne nur hörbar für Lebewesen, die auch Frequenzen im Ultraschallbereich wahrnehmen können, wie Insekten und einige Säugetiere wie Mäuse. Die Geräusche sind vergleichbar mit leisen, dumpfen Plop-Geräuschen, fast so wie das Geräusch eines platzenden Maiskorns. Die Töne sind also für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar, sprich, die Pflanze, die seit drei Wochen in meinem Zimmer nicht gegossen wurde, schreit vergebens um Hilfe. Ich höre sie nicht.
Warum man ihnen zuhören sollte
Tatsächlich gibt die gleiche Pflanze in unterschiedlichen Stresssituationen unterschiedliche Töne von sich. Pflanzen können also sogar genau mitteilen, was ihnen fehlt. Die Wissenschaftler:innen erkennen in ihren Ergebnissen einen äußerst praktischen potenziellen Nutzen für die Landwirtschaft. Mithilfe von Audioclips kann beispielsweise die Bewässerung von Pflanzen auf dem Feld oder im Gewächshaus überwacht und optimiert werden. Durch eine genaue Bewässerungsstrategie ist es möglich, sowohl den Wasserverbrauch zu reduzieren als auch die Ernteerträge zu steigern. Dieser Ansatz gewinnt besonders an Bedeutung in Zeiten, in denen weite Landstriche von Dürren bedroht sind. Auch eine frühzeitige Erkennung von Krankheiten über spezifische Klangmuster der Pflanzen kann mit der Wiedererkennung von Geräuschen ermöglicht werden.
Die Hobbygärtner:innen oder die Zimmerpflanzenbesitzer:innen müssen sich künftig kein hypersensibles Mikrophon zulegen, um besser auf die Bedürfnisse ihrer grünen Gefährten einzugehen. Für die Wissenschaft hingegen wird es in Zukunft spannend sein, jenen zuzuhören, die bis jetzt nur still vor sich hin gelitten haben.