Das Impostor-Syndrom, umgangssprachlich auch Hochstapler-Syndrom genannt, ist ein kleines psychologisches Phänomen, das auch an den besten Wissenschaftlern und Fachleuten weltweit ganz schön nagt.
Die Angst, sich den hart erarbeiteten Erfolg nicht verdient zu haben und ihn deswegen kleinreden zu müssen, begleitete auch den Universitätsprofessor Dominik Duell, der am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck aktiv unterrichtet, durch seinen Studiengang bis ins Berufsleben.
Die Entscheidung, den Weg der Politikwissenschaft einzuschlagen, entsprang nicht etwa aus dem Elternhaus oder leitete sich von den vielfältigen Jobmöglichkeiten ab, die dieses Studium zu bieten hat. Es war der Wissensdurst und das pure Interesse an Geschichte, Politik und der Gesellschaft, das ihn in diese Richtung und durch seinen Bildungsweg leitete. Er schrieb seine Doktorarbeit auf einer der besten Unis der Welt, ergatterte fast jeden seiner Wunsch-Jobs und seine Publikationen sind in den Rankings stets unter den Spitzenreitern mit dabei. Trotzdem war der Vergleich mit anderen und das Gefühl, seine Arbeiten seien nicht relevant, immer stark präsent.
Von der Freien Universität Berlin, wo er selbst Politikwissenschaft studierte, zog es Dominik Duell 2008 an die New York University, wo er sich für die nächsten sechs Jahre mit seiner Doktorarbeit befasste. New York lockte dabei aber nicht nur mit guten Stipendien für Doktoranden, sondern bot im Bereich Politikwissenschaft einfach die besseren Arbeitsmöglichkeiten.
Doch sein Wechsel an die New York University brachte ihm bei weitem nicht nur Vorteile. Die Einrichtung zählt zweifellos zu den besten Unis der Welt und so wimmelte es auf einen Schlag um ihn herum nur so von Doktoranden und Professoren, die haargenau zu wissen schienen, was sie da gerade taten. Und das immer schneller, besser, leichter. Erst als er anfing, die Menschen rundherum einzeln zu betrachten statt in einem Ganzen, fing er an zu realisieren, dass das natürlich totaler Schwachsinn war.
Die meisten seiner Mitstudenten kamen aus reinen Akademikerfamilien. Aus recht bescheidenen Familienverhältnissen kommend, fehlte es manchmal an Verständnis, was ein Studium, oder aktuell in seinem Fall eine akademische Arbeit, überhaupt bedeutet. Doch die Einsicht kam schnell, dass man ganz anders auftritt, wenn man schon weiß, wo die Reise hingehen kann, als wenn man da alleine durchgehen muss.
Erst viel später wurde ihm bewusst, dass es dafür eine Bezeichnung gab, wie er über sich und seine Arbeiten nachgedacht hat. Das Wort „Impostor” kreiste in seinem Kopf. Das Gefühl, fehl am Platz zu sein, schlug sich dann auch auf seine Arbeit nieder. Beim Publizieren einer Arbeit oder beim öffentlichen Vertreten seiner Meinung zeigte er sich dabei ganz bewusst etwas zurückhaltender und das nicht aus dem Grund, dass die Sachen, die er gerne gesagt hätte, nicht passabel gewesen wären, sondern irrelevant und bedeutungslos.
„Der Gedanke, dass man selbst und seine Arbeit nie genug wäre, entsprang in erster Linie daraus, dass mir schlichtweg das Verständnis fehlte, wie dieser Berufsweg eigentlich aussieht oder aussehen kann. Ich hatte immer den Eindruck, ich wüsste gar nicht, was ich tue. Das hat nie damit zu tun gehabt, dass meine Arbeit nicht relevant oder interessant war. Ich habe immer alles publiziert gekriegt, es war immer alles in Ordnung. Trotzdem habe ich mich fehl am Platz gefühlt.”
Der kleine Impostor schlich sich als ungebetener Gast aber nicht nur in seine Studienzeit – auch nach dem Studium und am Anfang seiner Karriere hatte er noch oft mit diesen Gedanken zu kämpfen. Mittlerweile geht er aber ganz anders damit um. „Das passt schon, es ist okay, wenn an einem Tag mal nichts funktioniert”, sagt er und kann sich dabei ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Dies verdankt er, wie er selber sagt, großteils seiner von Natur aus ausgeglichenen Art. Die Wissenschaft und das Impostor-Syndrom befinden sich manchmal in einem kleinen Teufelskreis. Die Arbeit eines Forschers bestünde seiner Meinung nach zu 99 Prozent nur aus Ablehnung. Man zieht ein Experiment durch, und hätte man nicht ohnehin schon Blut, Schweiß und Tränen in eine Arbeit gesteckt, kommt die Arbeit mindestens 20-mal zur Bearbeitung zurück.
Aber gerade diese Selbstzweifel halfen ihm manchmal auch, noch mehr an sich zu arbeiten. Es ist vollkommen in Ordnung, sich mal für einen Tag bescheiden zu fühlen. Eine Ablehnung war für ihn noch lange kein Untergang. Er ließ sie immer zwei oder drei Tage liegen, um sie dann in Ruhe zu bearbeiten, ohne sie wochenlang mit sich rumzuschleppen. Mit Gegenwind umzugehen, musste auch er erst selber lernen – und dass dieser niemals bedeutete, dass er seinem Erfolg nicht gerecht wurde, sondern lediglich die Schwachstellen in seinen Arbeiten ansprach, von denen er eh schon selber Bescheid wusste. Nach und nach traf er im Laufe seines Studiums auf Leute, denen es genauso ergangen war. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass es genau jene waren, die ihren Abschluss als erste geschafft haben.
Die Begeisterung, etwas über die Welt zu lernen
Den kleinen Impostor in sich loszuwerden oder wenigstens etwas zu besänftigen, war aber keinesfalls eine leichte Aufgabe. Es gab jedoch vor allem zwei große Aspekte, die Dominik Duell dabei sehr geholfen haben. Wovon er besonders viel Genugtuung zieht, ist das Unterrichten. Seine Seminare verknüpft er bewusst mit viel Arbeit und besonders am Anfang ist es manchmal eine anspruchsvolle Aufgabe, die Studenten trotz des vielen, selbstständigen Arbeitens in seinen Bann zu ziehen.
Das Gefühl, dass sie dann selbstständig zu arbeiten beginnen und Daten produzieren, hält ihm immer wieder vor Augen, dass er doch nicht total ungeeignet für den Job sein kann. Eine Forschungsarbeit zieht sich gerne mal über Jahre. Aber die Begeisterung der Studenten ist ein wesentlich greifbarer und vor allem unmittelbarer Erfolg, der ihn jeden Tag aufs Neue motiviert.
Eine weitere, große Genugtuung für ihn ist die Arbeit selbst. Eine Forschung durchzuziehen, braucht vor allem Zeit und Nerven. Doch wenn er die Subjekte vor sich sitzen hat, Interaktionen dazugeben kann und die Reaktionen studiert, weiß er ganz genau, warum er diesen Job macht. Ob es publiziert wird oder nicht, blendet er in diesem Moment aus.
Jedesmal, wenn ich mir nach drei oder vier Jahren nochmal meine Arbeiten durchlese, denke ich, dass es nicht idiotisch war. Diejenigen, die sich für ein Thema einer meiner Arbeiten begeistern, können viel davon lernen.
Seine Selbstzweifel als ungerechtfertigt zu bezeichnen, kam ihm aber nie in den Sinn. Im Gegenteil – er hofft stark, dass diese gerechtfertigt waren. Gerade wenn man studiert, wo es permanent um die Reflexion von gesellschaftlichen Zusammenhängen geht, gehört es seiner Meinung nach dazu, sich selbst und seine Gedanken ständig zu hinterfragen. Wissenschaftler machen ja genau das – die Welt hinterfragen. Also sollte man das seiner Meinung nach auch bei seiner eigenen Arbeit tun. Nur durch Zweifel können wir etwas aus dieser Welt lernen, das alles ganz auszublenden, wird kläglich scheitern. Was er seinem jüngeren Ich ausrichten würde, wäre, keine Gelegenheit auszulassen, seine Gedanken stets vorzutragen, niederzuschreiben oder zu veröffentlichen. Denn auch wenn etwas Negatives zurückkommt, ist es schlichtweg einfach ein Prozess der Arbeit selbst, in Form von Begutachtungen. Professionelles und kritisches Feedback war manchmal unerträglich, doch am Ende nur ein weiterer Teil seiner Arbeit mit dem klaren Ziel, sie schlichtweg zu verbessern. Bedeutungslose Kommentare unter seinen Arbeiten von beliebigen Leuten aus dem Internet lernte Dominik Duell schon früh von sich abzuschütteln.
Einfach nicht ärgern lassen, aber die Ruhe kommt erst mit der Zeit.
Er wollte nie am Ende des Tages sagen zu können, dass er jetzt alles weiß. Seine Motivation ist es, so viele Sachen wie möglich zu hinterfragen, kritisch zu denken und auch manchmal streng zu sich selbst zu sein. Man könnte also sagen, dass sich am Ende der kleine Impostor in ihm als kleiner Helfer entpuppte, der ihm jeden Tag half, nie aufzuhören, an sich zu arbeiten.
Dominik Duell ist der festen Überzeugung, dass jeder und so auch er mal seinen Weg findet. Von einem Ziel, an dem er ankommen will, war dabei nie die Rede.
Dieser Artikel erschien erstmals in der Oktober-Ausgabe 2022.