Bildungsweg 2.0

von Valentina Pisoni
Lesezeit: 5 min
Drei Studierende, die nach ihrer ersten Ausbildung noch einmal an der Uni neu begonnen haben, berichten über die Intentionen hinter ihren Entscheidungen, teilen ihre Erfahrungen und offenbaren auch ihre Schwierigkeiten.

Die drei Personen, die sich zu einer akademischen Ausbildung entschieden haben, heißen Julia, Maria und Raphael. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Berufsbranchen. Julia hat sich für eine Lehre mit Matura entschieden und als Steuerassistentin im Finanzamt gearbeitet. Maria war seit 2001 im Landeskrankenhaus Innsbruck im Zentral-OP tätig und arbeitet parallel zum Studium weiter dort. Raphael hingegen ist gelernter Lebensmitteltechnologe und hat auch schon während der Ausbildungszeit die Matura absolviert. Ihre Hintergründe, Motivationen für ein Studium und Gewohnheiten sind allesamt unterschiedlich, doch sie teilen persönliche Erfahrungen und lassen hinter die Kulissen ihrer Entscheidungen zu einem zweiten Bildungsweg blicken.

Freude an Steuern und Finanzen

Julia arbeitete einige Zeit als Steuerassistentin beim Finanzamt, doch ihr sei immer schon klar gewesen, irgendwann an die Uni zu wollen. „Im Berufsleben ist man mit einem Studium einfach gut aufgestellt und man kann definitiv höhere Positionen anstreben“, erklärt die junge Frau, die aber nicht nur deswegen an die Universität gegangen ist. Sie studiert nun Wirtschaftsrecht und ist somit die einzige der drei vorgestellten Personen, die mit ihrem zweiten Bildungsweg in die gleiche inhaltliche Richtung wie mit ihrer Ausbildung geht. Sie möchte so, durch das Studium, das Erlernte vertiefen und festigen, aber natürlich auch Neues dazulernen, wie Julia erläutert.

Als Julia von ihrem Beruf an die Uni wechselte, war sie 21 Jahre alt und landete mitten im Alltag der Pandemie. Im Gegensatz zur Tatsache, dass es in dieser Zeit schwierig war, Anschluss zu Mitstudierenden zu finden, machte ihr das Home-Office weniger zu schaffen. Mehr war sie mit ihrer vielen Freizeit überfordert: „Ich war es gewohnt, zu fixen Zeiten meine Aufgaben zu erledigen, die unregelmäßigen Zeiten an der Uni waren zuerst schwierig für mich“, offenbart die Studentin. Trotzdem hatte die Schwierigkeit auch ihre gute Seite, denn Julia konnte sich so noch einmal im Alltagsleben neu entdecken, wie sie erzählt.

Auch in ihren Erfahrungen aus der Arbeitswelt erkennt die Studentin einige Vorteile für ihr jetziges Studium. Sie könne so das Gelernte gleich umsetzen, bessere Verknüpfungen erkennen und sei so deutlich entspannter als viele andere Kommilitoninnen und Kommilitonen. Negativ sei ihr aufgefallen, dass ihre letzte Phase des Lernens schon einige Zeit vorbei sei und sie sich erst wieder eine Routine finden müsse.

Die Reaktionen aus ihrem Umfeld seien ganz unterschiedlich ausgefallen, wie sich Julia erinnert: „Sehr positiv haben es meine Arbeitskollegen aufgenommen, meine Familie war zuerst sehr baff, aber auch unterstützend.“ Die Vor- und Nachteile müsse jeder für sich abwägen, doch Julia sei froh, den Schritt gewagt zu haben.

Von der OP-Schwester zur Germanistin

Maria ist ein wahres Multi-Talent. Schon seit über 20 Jahren arbeitet sie als diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester im Zentral-OP im Krankenhaus Innsbruck. Außerdem unterrichtet sie noch an der FH-Gesundheit und hat zwei Kinder im Alter von 12 und 14 Jahren. Die motivierte Mutter wollte bereits nach ihrer Matura Germanistik studieren, doch ihre Pläne haben sich schließlich in eine andere Richtung entwickelt, wie sie erzählt. „Der Wunsch ist immer stärker geworden und ich habe hin und her überlegt“, berichtet die Tirolerin über ihre Zweifel, doch „ich möchte es im Alter nicht bereuen, es nicht versucht zu haben“, erklärt sie ihre Gedanken.

Als sie sich schließlich für den Studienalltag entschieden hat, war sie 40 Jahre alt. Für Maria war es keine Umstellung, sondern eine Ergänzung zu ihrem Alltag, denn die Arbeit in der Klinik hatte sie deswegen nicht aufgegeben. Logistisch sei die Umstellung sehr aufwendig, aber ihre Chefin unterstütze sie bei ihrem Vorhaben sehr, sagt Maria und ist immer noch sehr glücklich über ihre Entscheidung.

Maria ist sich außerdem sicher, dass ihr ihre Erfahrungen aus der Arbeitswelt einige Vorteile an der Uni verschaffen: „Meine Lebenserfahrungen bringen mir wirklich viel, außerdem bin ich interessiert und manchmal auch zielstrebiger und fokussierter als meine Mitstudierenden.“ Im Nachteil sieht die Germanistik-Studentin ihre zeitlichen Kapazitäten und ihre Computerkenntnisse, doch auch dafür bekomme sie genügend Unterstützung. Auch ihr Umfeld habe ihre Entscheidung, an die Uni zu gehen, durchwegs positiv aufgenommen. Ihr Mann habe sie sehr unterstützt und auch Nachfragen befreundeter Chirurgen aus dem Krankenhaus motivieren sie und machen sie stolz auf sich selbst.

Vom Labor mitten in die Rechtswissenschaften

Raphael hat seine Lehre mit Matura bei einem Fruchtsafthersteller zum Lebensmitteltechnologen gemacht. Er war dort in der Abteilung Labor tätig und führte verschiedenste Analysen vom Wareneingang bis zum fertigen Produkt durch. Nach einer Weile gefiel ihm seine Tätigkeit und die Schichtarbeit nicht mehr und er entschloss sich für seinen zweiten Bildungsweg, das Jus-Studium, an der Uni Innsbruck. Als er seine Entscheidung traf, war er 20 Jahre alt und es sei ihm wichtig gewesen, nach dem Studium etwas mit seiner Ausbildung und seinem Wissen anfangen zu können, sagt der Student.

Die Umstellung auf den Studenten-Alltag war sehr groß für Raphael: „Die Zeiten sind viel flexibler und man muss sich alles selbst einteilen. Die Eigenverantwortung ist viel größer, dazu kommt eine neue Stadt und eine eigene Wohnung.“ Nach Abschluss des Studiums werde er sicher froh darüber sein, doch momentan könne er sich nicht vorstellen, noch viele Jahre zu studieren, wie er erzählt.

Über sein großes Allgemeinwissen, das er bereits vor dem Studium hatte, ist er sehr froh und er würde es auch allen weiterempfehlen, die Lehre mit Matura zu absolvieren. Einerseits könne man sich dadurch viele Türen offen halten, andererseits habe man die Möglichkeit, viele Einblicke auch in spezifische Richtungen zu erhalten, ist sich der Vorarlberger sicher. Über seine Entscheidung ist Raphael froh und auch sein Umfeld habe durch die Bank positiv reagiert.

Dieser Artikel erschien erstmals in der Oktober-Ausgabe 2022.

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