Südtiroler: Dieser Begriff bringt verschiedene Assoziationen mit sich. Die, die sich auch über den Brenner gewagt haben. Die, die sich auch ein wenig und nicht ganz aus dem gewohnten Umfeld lösen wollten. Die, für die „Heimfahren“ dasselbe bedeutet.
Suchen wir einander oder sind wir inzwischen einfach so viele in dieser Kleinstadt, dass wir uns gar nicht mehr aus dem Weg gehen können? Die Zahl an Südtiroler Studierenden in Innsbruck hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten konstant zugenommen. Laut dem Statistik Institut ASTAT und einer im Studienjahr 2018/19 durchgeführten Erhebung entscheiden sich Studenten aus Südtirol weiterhin vermehrt für Österreich und gegen eine Ausbildung an italienischen Hochschulen oder Universitäten. In Bezug auf den meist gewählten Studienort kann bislang keine andere österreichische Stadt Innsbruck das Wasser reichen. Alle wollen in die Tiroler Landeshauptstadt. Langsam aber sicher bildet sich im Daumen Österreichs ein kleines Miniatur-Südtirol.
„Weil’s net weit isch“
Platz eins bei den Argumenten, die für die Entscheidung angeführt werden, ist die Nähe zu daheim. „Wenn i will, bin i in zwoa Stund drhuam“, hört man zum Beispiel oft. Natürlich ist es angenehm, wenn man seine gewohnte Umgebung nicht allzu weit hinter sich lässt und gegebenenfalls auch spontan nach Hause fahren kann. Die Wochenenden bei der Familie und den alten Freunden verbringen. Den Koffer voller Schmutzwäsche am Freitag bei Mama abladen… und am Sonntag die frischen Kleider wieder mitnehmen. Immer up-to-date bleiben beim Klatsch und Tratsch. Im Eigenheim sonntags ausschlafen nach einer langen Nacht in der Dorfdisco. Klingt alles wunderbar, doch stellt sich dabei natürlich die Frage: Wie viel Neues lässt dies zu?
Jeder wagt freilich neue Schritte in seinem oder ihrem eigenen Tempo. Was für die einen ein Mäuseschritt ist, ist für die anderen ein Elefantenschritt. Die einen verlassen die Komfortzone bereits, wenn sie drei Tage die Woche in einer zunächst fremden Stadt verbringen. Die anderen wollen nach drei Wochen immer noch nicht zurück und bauen sich im Studienort ein komplett neues Leben auf. Es gibt kein richtig oder falsch. Und doch sollte bedacht werden, dass die Studienzeit eine Phase im Leben ist, die sehr viele Experimentier-Möglichkeiten bietet – die Raum für selbstständige Entscheidungen und Wagnisse lässt. Wer sich in diesem Lebensabschnitt vor Neuerungen zur Gänze verschließt, verpasst womöglich großartige Chancen. Chancen, sich persönlich weiterzuentwickeln, den Charakter zu stärken, Berufswünsche zu festigen, Freunde fürs Leben zu finden und so weiter und so fort. Sich also auf einen neuen Ort mit unbekannten Leuten einzulassen, ist zwar ein großer Schritt, ob Maus oder Elefant sei dahingestellt, aber er bietet oft ungeahnte Möglichkeiten.

Bild: Christin Schönberger
Sind Südtiroler also nicht offen genug für Veränderung? Oder zeigen wir nur sehr starke Wurzeln und Heimatverbundenheit?
Wir behalten nämlich auch unsere Besonderheiten bei. Gesprochen wird mit den österreichischen Kommiliton:innen, wenn nicht sogar mit Professor:innen, zumeist im heimischen Dialekt. Es kommt auch nicht selten vor, dass sich im Gepäck des einen oder anderen ein Stück Speck oder ein paar Knödel von der Oma finden lassen. Doch ob dies die Fähigkeit, sich zu adaptieren beziehungsweise sich für Neues zu öffnen, mindert, bleibt fragwürdig.
Ein Stückchen Heimat
Blicke ich auf die letzten Wochen und Monate zurück, fällt mir auf, dass ich bis auf ein paar wenige Ausnahmen nur Bekanntschaften mit anderen Studenten aus Südtirol gemacht habe. Und diese neuen Freunde haben mir wiederum bestätigt, dass auch sie hauptsächlich mit Leuten von daheim näher in Kontakt getreten sind.
Alle, mit denen ich gesprochen habe, waren sich einig darüber, dass es verbindet, wenn man die gleiche Heimat hat. Das gilt für Südtiroler:innen in gleichem Maße, wie für alle anderen Nationalitäten. Nur leben in Innsbruck einfach sehr viele Südtiroler:innen – und finden sich somit auch leichter. Dabei ist es egal, ob die Gesprächspartner:innen aus einem ganz anderen Teil der Provinz kommen. Sie sind ein Stückchen Heimat.
Diese Gemeinsamkeit verbindet auf Anhieb und erleichtert den Beginn eines Gespräches. Häufig unterhält man sich über die Eigenheiten der Wahlheimat oder ist bemüht darum, sich gegenseitig die Ortskenntnis zu erhöhen. Einerseits stellt die gleiche Herkunft einen Verbindungsfaktor, eine gemeinsame Basis dar. Andererseits kann eben genau die Tatsache, dass man verschiedene Hintergründe aufweist, interessant sein.
Faszination Österreich
Offensichtliche Gemeinsamkeiten schön und gut. Aber meistens ist doch genau das, was man nicht kennt, das Faszinierende und Gesprächsstoffsliefernde. Während es leicht fällt, sich über Bekanntes zu unterhalten, ist mir aufgefallen, dass die Interaktionen zwischen Südtirolern und Nicht-Südtirolern aufregender sind. Baut man in gemeinsamen Kursen oder über andere Bekanntschaften einen Bezug zu österreichischen Student:innen auf, verlaufen die Unterhaltungen keineswegs monoton oder stockend. Im Gegenteil. Nur weil der gemeinsame Nenner „Zuhause“ wegfällt, begegnet man sich nicht weniger offen. Sondern mit erhöhter Neugierde.
Zunächst einmal wird über den jeweils anderen Dialekt gescherzt und geschmunzelt, doch dann will man mehr erfahren über die Lebenswelt des Gegenübers. Aus meinen eigenen Beobachtungen und denen meiner befragten Südtiroler Kommiliton:innen geht hervor, dass es an Aufgeschlossenheit auf beiden Seiten nicht fehlt. Dadurch, dass man nicht augenblicklich Gemeinsamkeiten erkennt, gilt es, diese mit der anderen Person im Austausch erst zu finden. Dadurch lernt man sich vielleicht sogar besser kennen, als wenn man sich Lebensrealitäten teilt. Das Anregende an neuen Bekanntschaften ist doch, Verbindungen erst schrittweise aufzuspüren.
So stehen sich diese beiden Aspekte also gegenüber: Zum einen die gute Basis, die wir mit Südtiroler Mitstudierenden schnell einmal spüren, und zum anderen die neuen Perspektiven, in die wir erst eintauchen und wo wir Gemeinsamkeiten finden müssen.
Sowohl das eine als auch das andere sind Wege, gute Kontakte zu knüpfen und sich weiterzuentwickeln. Es war schön, während dieser Arbeit zu beobachten, dass alle Student:innen gemeinsam einen fröhlichen Mischmasch bilden. Auch wenn sich zu Beginn des neuen Lebensabschnitts alte und neue Freunde von Zuhause zumal leichter finden lassen, so konnte ich keineswegs Abgrenzung zwischen denen wohnhaft südlich des Brenners und denen, die nördlich davon ihre Heimat haben, erkennen.
Dieser Artikel erschien erstmals in der Mai/Juni-Ausgabe 2022.