“Dummheit hat das Potenzial, unseren Untergang zu bewirken”

von Rosa Schmitz
Schlagwörter: Lesezeit: 5 min
Dr. Heidi Kastner, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, zum Thema “Dummheit” unter Studierenden sowie an Universitäten und wie man vielleicht doch an “Weisheit” kommt.

Dummheit kommt in vielen Formen vor. Als Querulanz, Denkfaulheit, Lernverweigerung, Gefühlsblindheit, übersteigerte Empathie. Eine klare Definition für den Begriff gibt es nicht. Dr. Heidi Kastner, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, hat dem Thema ein ganzes Buch gewidmet. Doch dieses sei nur eine Einführung, sagt sie. Ein kleiner Einblick in ein großes Problem, das uns alle betrifft. “Die Dummheit, laut einer häufig zitierten Bemerkung von Albert Einstein noch sicherer unendlich als das Universum, macht bisweilen sprach- und hilflos und hat schon wesentlich Klügere als mich überfordert”, sagt sie. Lösungsansätze kennt sie keine. Das heißt aber nicht, dass es sich nicht lohnt, darüber nachzudenken. Dummheit ist nicht auf „Ungebildete“ beschränkt. Auch Studierende und Lehrende und die von ihnen besuchten Institutionen werden von ihr geplagt.

UNIpress: Frau Kastner, ist Dummheit gefährlich?
Dr. Heidi Kastner: Immer wieder. Das Phänomen hat in der Geschichte der Menschheit immerhin schon mehr Schaden angerichtet als alle Waffen, Bakterien und Viren gemeinsam. Es hat das Potenzial, unseren Untergang zu bewirken.

UP: Welche Formen der Dummheit sind in Mit-Zwanzigern am präsentesten?
Kastner: Das ist schwierig zu sagen. (lacht) Altersgruppen unterscheiden sich immer weniger, Ältere wollen ewig jung erscheinen, psychisch genauso wie physisch, und streben Gleichförmigkeit an. Dass das auch bei Jungen ein Ziel ist, ist erstaunlich: Sie ziehen sich gleich an, schminken sich gleich, bewegen sich gleich. Eine mögliche Erklärung ist, dass es eine gewisse Gruppensicherheit gibt. Im Kollektiv der Uniformität gehört man dazu und fühlt sich sicher.

UP: Wieso streben sie dies an?
Kastner: Gruppenzugehörigkeit wirkt stabilisierend in einer durchaus instabilen Welt. Die geopolitische Lage ist im Moment ja nicht unbedingt erfreulich. Dazu kommen Themen wie Klimawandel… Sexismus. Rassismus. Doch: Dagegen hilft Gleichförmigkeit nicht. Es ist also eine etwas “dumme” Einstellung.

UP: Ist diese Dummheit fest gefügt?
Kastner: Nicht unbedingt. Doch eine bestimmte Gegenmaßnahme, die man ergreifen kann, gibt es nicht.

UP: Wie sinnvoll ist ein Studium in dieser Hinsicht?
Kastner: Ich beobachte leider immer wieder, wie verschult Universitäten geworden sind. Es gibt ein striktes Curriculum, das in einem striktem Zeitrahmen abzuarbeiten ist, und die Lehrinhalte werden wie ein Kochrezept gelernt, mit genau aufgelisteten Schritten, ohne dass Wissensgebiete vernetzt gedacht und eigene Positionen erarbeitet werden. Folien auswendig lernen. Prüfung abhacken. ECTS-Punkte einkassieren. Fertig.

UP: Welche Konsequenzen hat solches “Studieren”?
Kastner: Die Einstellung wird der Grundidee eines Studiums nicht gerecht. Zum Bespiel in der Medizin. Echte Patienten halten sich nicht immer genau an vorgeschriebene Symptomlisten. Die Fähigkeit, für sich selbst zu denken und über Definitionen hinauszuragen, wird nicht ausreichend trainiert. Man verlässt die Institution sozusagen ausgebildet, aber ohne den weiteren Blick. Dazu kommt, dass auf scheinbar zweckbefreite allgemeine Bildung immer weniger Wert gelegt wird. Man kennt sich mit nichts außerhalb seines Fachs aus. Zu denken, dass man so im Leben gut zurechtkommt, ist wahrscheinlich auch eine Form von Dummheit.

UP: Was sollte man von einer Universität und deren Lehrerschaft verlangen?
Kastner: An einer Universität sollte man das Denken lernen oder – besser gesagt – weiter lernen. Dazu muss man mehr Diskussion im Klassenzimmer anstoßen. Spricht man das richtige Thema an, nämlich eines, wo Studierende selbst betroffen sind, kann man schon Diskussionen auslösen, z.B. beim Thema der cannabisinduzierten Schizophrenie.

UP: Sollen Unterrichtsstunden also primär aus Gesprächen und nicht Vorträgen bestehen?
Kastner: Nicht primär, aber ganz unbedingt auch. Ein gewisses Maß an reinem Lernstoff ist natürlich erforderlich, manche Dinge muss man einfach auswendig wissen. Das sollte allerdings nicht das Einzige sein, was gefragt ist. Über das Gelernte sollte jedenfalls ein Austausch zwischen Studenten und Professoren stattfinden.

UP: Wäre das an unseren Universitäten so schwer umzusetzen?
Kastner: Derzeit ja. Ich kann natürlich nicht sagen, wie jede Universität geführt wird. Ich kann nur über diejenigen sprechen, an denen ich gelernt und gelehrt habe. Aber meinem Eindruck nach geht der Trend eher in die Richtung der verschulten Wissensvermittlung mit erheblichem Erledigungsdruck. Es gibt sicher Ausnahmen. Ich weiß bloß nicht welche. Ein hohes Ranking ist keine Garantie, dass es dort anders ist. Auch “sehr gute” Universitäten fördern diese neue Art des Lernens und Unterrichtens.

UP: Was halten Sie von der Einführung der Mindeststudienleistung mit Beginn des Studienjahres 2022/23?
Kastner: Relativ wenig. Es ist einfach ein zusätzlicher Druck auf Studierende. Ich hatte zu meiner Zeit sehr viel Freiheit und bin trotzdem in der Mindestzeit fertig geworden. Einfach, weil ich das Studium nach meinem Plan gestalten konnte.

UP: Kann man in dem Fall sagen, dass das System dumm ist und nicht die Studenten?
Kastner: Ja. Aber die Studenten sollten das System auch nicht kritiklos akzeptieren. Sie haben durchaus eine Stimme und können auch etwas einfordern.

UP: Studieren zu viele?
Kastner: Das kann ich nicht pauschal so sagen. Diejenigen, die studieren wollen, sollten unbedingt die Möglichkeit haben. Ein Studium zu beginnen, weil man keine Vorstellung hat, was man sonst machen könnte, ist keine gute Idee. Und an einer Lehre ist ja nichts Verwerfliches. Gut ausgebildete Handwerker sind beispielsweise unglaublich wichtig. Wir brauchen weiterhin gute Schuster und Schneider, Köche und Kellner, Klempner und Elektriker zum Beispiel. Leider gibt es immer weniger von ihnen.

UP: Wie wichtig sind Lebenserfahrungen außerhalb des Studiums?
Kastner: Gute Frage. Ich weiß nicht, wie viele Studenten sich wirklich Zeit für ein Leben außerhalb des Studiums nehmen. Viele sind sehr ehrgeizig, sehr fokussiert auf ihr Studium, was vom System auch gefördert wird. Sie absolvieren alles in der Mindeststudienzeit, daneben bleiben ihnen wenig Ressourcen. Das ist an sich sicher nicht verwerflich, aber es wäre schön, wenn man auch andere Interessen kultiviert.

UP: Nützen zusätzliche Anforderungen – außerhalb der akademischen? Wie zum Beispiel die Notwendigkeit, gemeinnützige Arbeit oder Praktika zu absolvieren?
Kastner: Prinzipiell wären solche Anforderungen schon vorteilhaft, weil Studierende mit anderen Lebensrealitäten konfrontiert werden. Als Student lebt man ja häufig in einer gewissen nicht repräsentativen Blase. Es kann nur von Vorteil sein, seine Erfahrungen auszuweiten. Aber das könnte man vielleicht auch aus eigenem Interesse und Antrieb. Vielleicht ist es eine generelle Frage der Offenheit, die viel früher ansetzt. Die wird oft schon in Kindern erstickt. Die sind ja von Grund aus neugierig und wollen alles wissen. Diese Haltung wäre eigentlich im Schulbetrieb zu fördern, indem man Kinder immer mehr neugierig macht auf immer mehr Dinge, die Türen aufzumachen sozusagen. In der besten aller Welten wäre das auch die Aufgabe von Lehrern und wäre ein gutes Mittel gegen Engstirnigkeit und Dummheit.

Hinweis: Dr. Heidi Kastners Buch “Dummheit”, in dem sie sich an den aufgeladenen Begriff wagt und sowohl die sogenannte messbare Intelligenz (IQ) als auch die „heilige Einfalt“ und die emotionale Intelligenz betrachtet, ist seit Herbst in allen österreichischen Buchhandlung verfügbar.

Schreibe einen Kommentar

* Durch die Verwendung dieses Formulars stimmst du der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website zu.

Artikel aus der selben Rubrik